DER SPIEGEL



BSE

Pfusch aus Profitgier?

Von Loeckx, Michael und Ludwig, Udo

Fahnder haben gefährliche Schlampereien in Labors entdeckt. Für ein paar Euro riskieren Unternehmer offensichtlich die Gesundheit der Fleischkonsumenten.

Jeder hatte ihm von diesem Schritt abgeraten: weil so etwas doch nur Ärger einbringe, weil man Kollegen nicht anschwärze und weil er sich auch selbst belaste. Dennoch setzte sich ein ehemaliger Laborleiter aus München am 17. Januar an den Computer, um einen bedrohlichen Missstand aufzudecken.

In einem Fax an die Staatsanwaltschaft Kempten, die bereits Unregelmäßigkeiten bei BSE-Tests bearbeitete, beschrieb der Mann die "katastrophalen Zustände" in BSE-Testlabors, in denen er gearbeitet hatte. In einem Institut, so der 45-Jährige, würden Einwegspritzen zur Entnahme von Hirnmasse aus Kostengründen wieder verwendet, positive Testergebnisse nicht ordnungsgemäß gemeldet, Flüssigabfälle ungefiltert ins Abwasser gespült.

Wenige Tage später durchsuchte das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) ein Münchner und ein Nürnberger Labor der Firma Diagnostic-Lab. "Wer einige Labors von innen kennt", hatte der Tippgeber den Staatsanwälten gesagt, "der kann derzeit ruhigen Gewissens kein Rindfleisch essen."

Seit Januar 2001 muss das Hirn jedes über zwei Jahre alten Rindes in Deutschland auf BSE getestet werden - eine Folge des Fleischskandals in den Monaten zuvor. Jetzt zeigen mehrere Fälle von Schlamperei, dass es die von Politikern versprochene Sicherheit nicht gibt, weil private Labors, offensichtlich aus Profitgier, pfuschen.

Schlimm trifft es Bayern. Denn noch bevor die Diagnostic-Labors gefilzt wurden, hatten Behörden bereits ein nicht zugelassenes Labor der Passauer Firma Milan geschlossen - mit jährlich über 350 000 Tests von Rinderhirnen einer der größten Anbieter der Branche. Ein Teil des von Milan getesteten Fleischs war längst über Ladentheken gegangen.

Nach den üblen Nachrichten aus Bayern schauten andere Länder genauer hin - in Baden-Württemberg flog ein pfuschendes Labor auf, und Rheinland-Pfalz sperrte in der vergangenen Woche gleich zwei Privatlabors wegen diverser Unregelmäßigkeiten.

Schuld ist eine Gemengelage aus Schlamperei, Geschäftemacherei und lascher Kontrollpraxis. Fachleute schütteln vor allem den Kopf über das Haus von Bayerns Verbraucherschutz-Minister Eberhard Sinner - seine Amtstierärzte hatten ein halbes Jahr lang nicht gemeldet, dass in einem nicht zugelassenen Labor Proben getestet worden waren. Ob aus Versehen oder bewusst, das prüft nun die Kripo.

Auch in München und Nürnberg funktionierte die Kontrolle offensichtlich nicht. Dort inspizierten Sinners Emissäre zwar die Laborräume, Mängel entdeckten sie offenbar nicht. In einem internen "Besuchsprotokoll" vom September 2001 zählte eine Mitarbeiterin der Münchner Firmenzentrale dagegen schwere Mängel auf: "Die Zentrifugen sind dreckig", vorgeschriebene Testzeiten würden nicht eingehalten, und die Laborleitung habe "Wissensdefizite".

Bei positiven Ergebnissen im Münchner Diagnostic-Labor, teilte der ehemalige Mitarbeiter dem LKA zudem mit, sei nicht unverzüglich das Landesuntersuchungsamt eingeschaltet worden - so wie das die Vorschriften verlangen. Auch seien in Nürnberg mehrere hundert Tests als negativ deklariert worden, obwohl die Testergebnisse eigentlich ungültig gewesen seien.

Diagnostic-Lab bestreitet alle Vorwürfe - man habe sich stets an die Vorschriften des Staatsministeriums und des Test-Herstellers gehalten, dem Laborchef sei von den Behörden ein "zuverlässiges Management attestiert worden".

Renate Künast (Grüne), Bundesministerin für Verbraucherschutz, schimpft nun, es gebe vor allem dort Lücken im System, wo die BSE-Tester unter "Zeit- und Preisdruck" stehen. Sie will jetzt präzise "Leitlinien für BSE-Tests" durchsetzen und die Länder drängen, das Kontrollpersonal zu verstärken. Außerdem fühlte sich die Ministerin von ihrem bayerischen Kollegen wochenlang hingehalten, weil Sinner nicht preisgab, wohin die 39 000 nicht ordnungsgemäß getesteten Rinder geliefert worden waren. Nun soll Bayern für den Schaden aufkommen, der durch die Rückrufaktion entsteht.

Bayern wird jetzt zum Verhängnis, dass es fast ausnahmslos in privaten Labors testen lässt. Denn unter dem Druck der Fleischindustrie, billig und schnell zu testen, leidet offenbar die Analysequalität. Nur etwas über 20 Euro nahm das Münchner Diagnostic-Labor von Schlachtern für das Testen eines Rinderhirns. Zum Vergleich: Staatliche Tests in Niedersachsen kosten die Metzger 25 bis 26 Euro.

Mindestens 14 Euro müssen die Labors an den Hersteller der Testmaterialien bezahlen, dazu kommt Geld für Personal und Sachmittel, für Transport, Dokumentation und Entsorgung. "Und wer permanent die Kosten drückt", sagt der ehemalige Laborleiter, "der missachtet die Qualität der Proben." MICHAEL LOECKX, UDO LUDWIG


DER SPIEGEL 7/2002
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