09.02.2002

„Ich war gleich alarmiert“

Wie die Britin Betty Nute das einzige erhaltene Protokoll der Wannseekonferenz in die Hände bekam
Nute, geborene Richardson, studierte Französisch und Deutsch im nordenglischen Leeds. Während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses übersetzte sie für das amerikanische Anklägerteam, darunter Robert Kempner, später wertete sie in Berlin Nazi-Akten für die Nachfolgeprozesse aus. Nute, 85, lebt heute in den USA. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Seit Jahrzehnten tauchen immer wieder Zweifel an der Echtheit des Protokolls der Wannseekonferenz auf. Halten Sie das Dokument für authentisch?
Nute: Ja, ich war ja dabei, als es gefunden wurde.
SPIEGEL: Wann und wo war das?
Nute: Im Frühjahr 1947, im Gebäude der Telefunken GmbH in Berlin-Lichterfelde, das die amerikanischen Streitkräfte beschlagnahmt hatten. Ich saß in meinem Büro, als Kenneth Duke aufgeregt hereinkam. Kenneth war Brite und hatte ursprünglich im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess für den britischen Ankläger gearbeitet; danach war er der britische Vertreter in einer alliierten Kommission, die im Telefunken-Gebäude gelagerte Akten des Auswärtigen Amtes sichtete. Dabei stieß er auf das Protokoll der Wannseekonferenz.
SPIEGEL: Wo genau hatte es gelegen?
Nute: In einem der riesigen Stapel, die aus dem Auswärtigen Amt stammten. Ich erinnere mich noch genau an die scheußlich rosafarbene Mappe mit der handgeschriebenen Aufschrift "Endlösung der Judenfrage". Ich meine, dass sie grün unterstrichen war.
SPIEGEL: Dann muss Außenminister Joachim von Ribbentrop die Mappe in den Händen gehabt haben.
Nute: Genau, nur Ribbentrop verwendete einen grünen Stift. Deshalb war ich gleich alarmiert. Und natürlich auch, weil ich Kenneths Urteil vertraute, der so aufgeregt war.
SPIEGEL: Was haben Sie mit der Mappe gemacht?
Nute: Ich habe sofort Robert Kempner in Nürnberg angerufen und ihm gesagt, ein Dokument liege vor, das für den so genannten Wilhelmstraßenprozess gegen Diplomaten, Spitzenbeamte und ehemalige Kabinettsmitglieder wichtig sei.
SPIEGEL: War es ungewöhnlich, dass Sie Kempner direkt anriefen?
Nute: Ja, sonst schickte ich ihm meist nur Vermerke. Er bat mich, gleich mit dem Dokument nach Nürnberg zu fliegen, was ich dann auch getan habe.
SPIEGEL: Hat es Sie damals überrascht, ein Dokument zu finden, in dem die Ermordung von Millionen Menschen offen diskutiert wurde?
Nute: Nein, wir hatten die ganze Zeit mit Papieren zu tun, die von Erschießungen und den Gräueln in den Konzentrationslagern zeugten.

DER SPIEGEL 7/2002
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