09.02.2002

HAUPTSTADTGoldener Lebensabend

Im Berliner Mauermuseum bedient sich der Direktor mit Millionen - und gefährdet womöglich die Existenz des Hauses.
Die Friedrichstraße wirkt hier wie ein Trödelladen des Kalten Krieges. Mauerstücke zieren einen Hauseingang, die Ausstellung dahinter bietet von der Vopo-Uniform bis zum Fluchtauto alles. Sogar ein Grenzkontrollhäuschen mit einem Wall aus Sandsäcken steht dort, wo einst der "Checkpoint Charly" den Übergang von West nach Ost erlaubte. Und im Mauermuseum gleichen Namens, das in den Hoch-Zeiten Berlins als Frontstadt auch "Menschenrechtsmuseum" genannt wurde, hängen immer noch die Hinweise, dass der Kampf gegen das Böse nur dank öffentlicher Förderung und mit Hilfe privater Spenden zu führen ist.
Der Rummelplatz der Geschichte wurde zum zweithäufigst frequentierten Berliner Museum, rund 600 000 Besucher kommen jährlich. Und weil nicht nur besichtigt, sondern auch gekauft werden kann, kalkuliert der Laden mit ein und zwei Millionen Euro Gewinn. Renner sind sündhaft teure Mauersteine, die scheinbar nie ausgehen.
Auch die Bundeszentrale für politische Bildung kommt hier zum Bürger. Schulklassen, Vereine oder Parteigänger auf Berlin-Besuch werden in Bussen zu einem Schnellkurs über die deutsche Teilung und den Sieg der Demokratie angekarrt.
Friede herrschte auf dem Abenteuerspielplatz - bis der legendäre Museumsgründer Rainer Hildebrandt, 87, Mitte der neunziger Jahre die Ukrainerin Alexandra kennen lernte. Damit habe das ganze Unglück begonnen, sagen viele Mitstreiter der "Arbeitsgemeinschaft 13. August"; über den gemeinnützigen Trägerverein des Museums lief jahrzehntelang die öffentliche Förderung. Hildebrandt ehelichte die 45 Jahre jüngere Malerin, machte seine Frau schließlich zur persönlichen Assistentin und vertraute ihr die Finanzen an.
Alexandra Hildebrandt, werfen ihr jetzt Mitarbeiter und ehemalige Vereinsmitglieder vor, habe mehr den goldenen Lebensabend ihres Mannes und das eigene Auskommen im Sinn als die Zukunft des Museums. Jedenfalls gelang es dem Paar mit einem ganz schlichten Trick, zwei Millionen Euro aufs eigene Konto umzuleiten. Der loyale Vorstand des Vereins ließ sich überzeugen, von sich aus auf die Gemeinnützigkeit zu verzichten. Damit, so die Hildebrandts, habe man mehr Handlungsspielraum. Der mache den Verzicht auf öffentliche Förderungen, die ohnehin spärlicher fließen würden, leicht. Hildebrandt, das sahen die Mit-Vorständler zudem ein, müsse für seine Mühen entschädigt werden.
Die Zustimmung war eine Art Blankoscheck zur Selbstbedienung.
Aus den internen Vereinsbeschlüssen geht hervor, dass dem Museumsdirektor allein "für die Überlassung von Vermögensgegenständen" insgesamt knapp eine halbe Million Euro bewilligt wurden. Mehrere Abschlagszahlungen hat er bereits erhalten. Dabei war völlig unklar, welche Ausstellungsstücke dem Museumsgründer persönlich gehören und welche dem Museum von Spendern überlassen wurden.
Für Hildebrandts Autorenrechte und Honoraransprüche an 18 im Museum vertriebenen Broschüren wurden feste "monatli-
che Zahlungen" vereinbart, knapp 9000 Euro fortlaufend bis zum 31. Juli 2010. Zusätzlich eine "Einmalzahlung" in Höhe einer halben Million Euro. Darüber hinaus erhält der nur noch sporadisch anwesende Hildebrandt ein Monatsgehalt von 1000 Euro nebst Dienstwagen und "Erstattung zweckdienlicher Spesen". Alles sei legal, sagt Alexandra, und "im Interesse Berlins".
Für den Steuerberater Gert Behrens steht fest, dass das Museum "für den persönlichen Vorteil ausgeweidet" werden soll. Als er im Verein die "Ungereimtheiten bei der Privatisierung" kritisierte, wurde Behrens kurzerhand ausgeschlossen. Der DDR-Oppositionelle Wolfgang Templin, der als Referent im Museum wirkte, stieg aus, als er feststellte, dass er als Galionsfigur eine Art Selbstbedienungsladen kaschieren sollte.
Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung reagierte ebenfalls. Die Geldzuwendungen des Bundes, schrieb Thomas Krüger in der vergangenen Woche, seien ab sofort eingestellt. Seit Montag kontrollieren seine Prüfer die Bücher im Scheck-Point Charly.
Schon seit dem Sommer warten einige Mitarbeiter auf ausstehende Zahlungen, manche klagen vor Gericht. Einer von ihnen, der Referent Bertolt Bengsch, fürchtet, das Museum solle "gezielt ruiniert werden". Templin mahnt, die Ausstellung könne man "wohl kaum sich selbst und damit einem ungewissen Schicksal überlassen".
Da es aber jetzt keine öffentliche Aufsicht mehr gibt, regiert Alexandra Hildebrandt das Museum nach Landessitte ihrer alten Heimat. So begegnet sie Honorarforderungen der Mitarbeiter am liebsten mit einer ukrainischen Volksweisheit: "Habt ihr Brot aufgegessen im Sommer, habt ihr kein Brot im Winter." PETER WENSIERSKI, SANDRA WIEST
* Links: Besucher am Wärterhäuschen des ehemaligen Grenzübergangs.
Von Peter Wensierski und Sandra Wiest

DER SPIEGEL 7/2002
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