09.02.2002

ABERGLAUBEDracula der kleinen Leute

Ein Bonner Forscher hat den Ursprung der Vampirlegenden entdeckt: Die Untoten waren die verstorbenen Pechvögel aus dem Dorf - Blut saugten sie nicht.
Die Kleiderordnung für Untote ist schlicht und streng: Kein Vampir verlässt nackt den Sarg. Im flatternden Leichenhemd zieht er los. Von den Wangen blättert leicht verweste Haut, die Nase trägt ein paar Dellen vom Dauermoder. Sonst wirkt er nicht weiter auffällig.
Spitze Eckzähne wuchsen den ersten Vampiren Südosteuropas jedenfalls nicht aus dem Mund. Auch sonst haben sie wenig gemein mit dem blutrünstigen Grafen Dracula, der seit dem Erscheinen von Bram Stokers gleichnamigem Roman (1897) als Inbegriff des Untoten herumspukt: Die Ur-Vampire waren weder ausgezehrte Gestalten noch blendend aussehende Verführer, zerbröselten nicht beim ersten Sonnenlicht und bissen ihren Opfer auch nicht lüstern in die Halskuhle. "Der Volksglaube", sagt Peter Kreuter, Historiker an der Universität Bonn, "kennt keine exotischen Blutsauger."*
Die Vampire der kleinen Leute waren die Toten des Dorfes - Herr Nachbar und Frau Nachbarin. Zahlreiche, bislang unbeachtete Berichte von Ethnologen hat Kreuter durchforstet; die ältesten stammen von
1382, einer der jüngsten von 1968. In den Erzählungen aus Rumänien, Ungarn, Albanien, Bulgarien oder Mazedonien spielen die Vampire eine Rolle, die andernorts Frauen auf den Scheiterhaufen brachte: Sie mussten als ewige Sündenböcke herhalten.
Was auch immer schief gehen konnte im Dorf, ob seltsame Krankheiten die Menschen dahinrafften oder Stürme die Ernte verhagelten: Schuld war ein Untoter. Sein Auferstehen zog Unheil nach; wer ihm zu nahe kam, starb eines eigenartigen Todes und wurde selbst zum rastlosen Barbaren, der Nachbarn und Verwandte quälte.
Heimtückisch schlichen sich die Verdammten in den Alltag der Menschen. Einmal dem Grab entstiegen, konnten sie sich verwandeln, waren mal als Frosch, mal als Huhn, Pferd oder Maus unterwegs. Die ganz Perfiden mischten sich als Werkzeug oder Trinkgefäß unter die Leute - "man wurde überall mit hingeschleppt und musste nur noch auf einen passenden Moment warten", sagt Kreuter. "Vielleicht nickten die Bauern ja zwischendurch mal auf dem Feld ein."
Hatten Knoblauch, Weihwasser und Pechkreuze bei der Gefahrenabwehr versagt, zogen die Dorfbewohner los, den Schuldigen zu ermitteln. Mit kriminalistischer Energie streuten sie Asche über den Friedhof, um an den Fußabdrücken die Spur des Vampirs zu verfolgen. Oder sie schickten schwarze Hähne aus: geistersichtige Tiere, die empfänglich waren für allerlei Schwingungen aus der Unterwelt und sich zuverlässig immer dort zur Ruhe betteten, wo auch die Untoten lagen. So vergeblich die Anstrengungen waren - sie dienten einem höheren Sinn. "Der Kampf gegen das Böse stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl im Dorf", sagt Kreuter.
Misstrauisch beäugte die Gemeinschaft ihre Verstorbenen. Jeder, dem zu Lebzeiten Seltsames passiert war, hatte das Zeug zum Vampir. Wer vom Heuschober fiel oder besoffen vor eine Tür bretterte, wer mit Flecken zur Welt kam oder von der Hebamme verflucht wurde, wer sehr jung oder sehr alt starb, war verdächtig, Unheil in sich zu tragen und weiterzugeben.
Die fragwürdigen Leichen bereiteten ihren Hinterbliebenen einige Mühen beim Totenritual. Damit sie nur ja im Grab verweilten, zerschnitt die Trauergesellschaft vorsorglich die Sehnen an Fersen und Knien, beschwerte die Körper mit Steinen oder nagelte sie gleich am Sarg fest. In Rumänien zelebrierten die Leute noch vor ein paar Jahrzehnten Begräbnisse, bei denen dem Verstorbenen eine Knoblauchzehe in den Po gesteckt und seine Füße mit Zwirn zusammengebunden wurden. In Dalmatien zogen Kontroll-Prozessionen sogar alle paar Jahre zum Friedhof, um nachzuschauen, ob der verdächtige Tote auch wirklich verwest war. Wirkte sein Fleisch noch frisch, wurde er mit einem Holzstab ins Herz gepfählt - er sollte endlich Frieden finden und ins Jenseits gelangen.
Der Vampirglaube, so Kreuter, verwurzelte deshalb so stark in Südosteuropa, weil die orthodoxe Kirche ihrem Volk weder Sinnliches noch Sinnhaftes über den Tod zu berichten wusste. Die Untoten hätten die Antwort auf eine existenzielle Frage gegeben: Was kommt nach dem Sterben? "Jeder Vampir war ein Beweis für eine jenseitige Welt", sagt der Historiker. "Denn all die anderen Verstorbenen, die nicht als Untote ins Dorf zurückkamen, mussten ja irgendwo zur Ruhe gekommen sein."
Bislang brachten Wissenschaftler den Vampirglauben auch mit exotischen Krankheiten in Verbindung. Die unberechenbare Aggressivität bei einem Tollwutanfall musste ebenso als Erklärung herhalten wie eine Sonderform der Stoffwechselkrankheit Porphyrie: Die lichtempfindlichen Patienten bilden nur wenig roten Blutfarbstoff, sehen totenblass aus und entblößen beim Sprechen auch noch rötliche Zähne.
"Allerdings wurden in all den Jahrhunderten nur 200 Fälle dokumentiert", widerspricht Kreuter der Porphyrie-Theorie. "Die haben wohl kaum solch ein Massenphänomen auslösen können." Auch von den Deutungen mancher Psychologen hält er wenig: Einige Seelen-Analytiker führen den Vampirglauben auf Sexualphantasien verklemmter Männer zurück, die Frauen zwar bis zum letzten Blutstropfen beherrschen, sich an ihre Körper aber nicht herantrauen wollten.
"So ein Quatsch", sagt Kreuter. "In der Vorstellung der Leute hatte ein Vampir handfesten Sex, wenn er eine Frau besuchte." Und beehrte er die eigene, blieb ihr sogar das Schicksal erspart, künftig selber als Untote herumzugeistern - es sei denn, sie erzählte ihren Freundinnen von seinem modrig-kalten Samen. KATJA THIMM
* Peter Mario Kreuter: "Der Vampirglaube in Südosteuropa". Weidler Buchverlag, Berlin; 220 Seiten; 20,50 Euro.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 7/2002
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