18.02.2002

WAHLKAMPFMann ohne Eigenschaften

Zaghaft übt sich Edmund Stoiber in seine neue Rolle als Kanzlerkandidat der Union ein. Anstatt sich als Machertyp zu profilieren, quält ihn die Angst vor Fehlern.
Der Kandidat wollte es wieder einmal ganz genau wissen. Kaum hatte er seinen Gangplatz in Reihe 3 des Lufthansa-Fluges LH 855 von München nach Berlin eingenommen, beugte sich Edmund Stoiber, 60, über seine Akten. "Ich habe den gesamten Gesetzentwurf studiert", verkündete der bayerische Ministerpräsident wenig später stolz einer kleinen Runde im Konrad-Adenauer-Haus.
Nach monatelanger Debatte wollten sich dort am vergangenen Donnerstag die Parteispitzen von CDU und CSU endlich auf ihre Marschroute gegen die rot-grüne Zuwanderungsregelung einigen. Doch auf einen klaren Richtungsbefehl ihrer neuen Nummer eins warteten die Versammelten - wieder einmal - vergebens.
Stattdessen offenbarte Stoiber seine gewaltige Unsicherheit. Er erinnerte an die peinliche Abstimmungsniederlage der Union bei der Steuerreform vor zwei Jahren. Damals hatten einige CDU-Landesfürsten das rot-grüne Gesetz gegen den Willen ihrer Parteioberen im Bundesrat abgenickt.
Bang erkundigte sich der Redner deshalb bei den Zuwanderungsexperten seiner Couleur ("Vielleicht kennen Sie sich noch besser aus"), Saarlands Ministerpräsidenten Peter Müller und Fraktionsvize Wolfgang Bosbach, nach der aktuellen Lage: Ob diesmal wirklich "alles stimmig" und "in der Logik der eigenen Beschlusslage" sei.
Seit gut einem Monat ist Stoiber nun schon Kanzlerkandidat der Union, doch den Beweis von Führungsstärke und visionärer Kraft hat er selbst in den Augen seiner Anhänger bis heute kaum erbracht. Zwar polemisierte der CSU-Star bei seinem Aschermittwochsauftritt in der Passauer Nibelungenhalle gekonnt gegen Versäumnisse der rot-grünen Bundesregierung, aber über seine eigenen Ideen zu wichtigen Themen wie Steuer, Gesundheit und Aufbau Ost schwieg er sich aus.
Der Mann mit dem in der bayerischen Provinz kultivierten Macher-Image kommt auf der politischen Großbühne Berlin plötzlich als Zauderer daher. Statt sich auf seinen Instinkt zu verlassen, sichert er sich mit einem Tross von Beratern, Mahnern und Apparatschiks ab, um ja keinen Fehler zu begehen.
Mindestens zwei Pressesprecher eskortieren Stoiber bei jedem Schritt in die Öffentlichkeit. Zu Ausflügen in die Hauptstadt müssen Vertraute aus seiner Staatskanzlei wie Friedrich-Wilhelm Rothenpieler oder Ulrich Wilhelm den Chef begleiten und ihm bei Bedarf Detailinformationen ins Ohr flüstern. "Der ist völlig überprogrammiert", urteilt einer, der ihn gut kennt.
Allein während der Vorbereitung der Aschermittwochsrede hielt Stoiber Partei-Helfer und Staatskanzlei tagelang in Atem. Mit CSU-Geschäftsführer Michael Höhenberger brütete er am Montag vor seinem Auftritt fünf Stunden lang über den Textbausteinen, die ihm ein halbes Dutzend Redenschreiber und Fachreferenten zugeliefert hatten. Tags darauf besprach er sich weitere vier Stunden mit seinem Wahlkampfmanager Michael Spreng.
Der verspannt wirkende Ministerpräsident hat vor allem kein sicheres Gespür dafür, wie er außerhalb des Freistaates bei den Parteifreunden ankommt. Penibel ließ er bei seinem Wahlkampfauftakt in Frankfurt am Main Ende Januar von Beratern notieren, welche Botschaften Begeisterung auslösen ("Ich bin seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet") und für welche der Applaus eher spärlich ausfiel ("Die neuen Länder fallen weiter zurück").
Tief sitzt des Kandidaten Angst, er könne auf ähnliche Ressentiments stoßen wie einst sein Mentor Franz Josef Strauß, dessen Bundestagswahlkampf 1979/80 der damalige CSU-Generalsekretär Stoiber organisiert hatte. Wenn ihn in diesen Tagen Einladungen zu Veranstaltungen erreichen, lehnt er etwa Dekorationsvorschläge mit weiß-blauen Tischdecken und Weißwürsten rundweg ab. Einen CDU-Kreisverband im Norden bat der Gast dafür um Verständnis: "Ich will nicht immer nur der Bayer sein."
Sein Selbstbild und wofür er steht, bleibt dabei weitgehend im Dunkeln. Der Herausforderer zeige sich derzeit seinem Anhang außerhalb Bayerns noch als Mann ohne Eigenschaften, warnten PR-Profis die beunruhigten Unionsstrategen. Gerade bei Frauen komme er schlecht an.
In allen aktuellen Umfragen liegt die Union in der Wählergunst zwar vor der SPD, aber beim direkten Vergleich der Spitzenleute rangiert Stoiber - wie in der jüngsten NFO-Infratest-Umfrage für den SPIEGEL - mit 42 Prozent weiterhin deutlich hinter Bundeskanzler Gerhard Schröder, den 50 Prozent der Wähler als Staatslenker favorisieren (siehe Seite 32).
Zudem wacht die im Vergleich zur CSU weitaus größere Schwesterpartei CDU misstrauisch über jeden Schritt des Kandidaten. Ein System von paritätisch besetzten Gremien schnürt ihn wie in ein Korsett ein. Der CSU-Wahlkampfleitung in München steht die Kampagnen-Zentrale "Arena 02" des Berliner Adenauer-Hauses gegenüber.
Argwöhnisch belauern sich auch die von den beiden Parteien ausgewählten Werbeagenturen Serviceplan (CSU, München) und McCann-Erickson (CDU, Berlin), die in nur vier Wochen einen gemeinsamen Kampagnenentwurf vorstellen sollen.
Jeder, der in der Union etwas auf sich hält, hat es mittlerweile in eines der vielen Wahlkampfgremien geschafft. Ein rundes Dutzend Spitzenpolitiker aus CDU und CSU umgeben Stoiber im ehemaligen "Headquarter", das neuerdings "Team 40 plus" heißt. Im Wochenrhythmus will die Strategenriege, zu der CDU-Chefin Angela Merkel, ihr Vorgänger Wolfgang Schäuble und die Landesfürsten Jürgen Rüttgers aus Nordrhein-Westfalen wie Christian Wulff aus Niedersachsen gehören, die Themen des Wahlkampfs festlegen.
Und selbst die dritte Reihe der Unionschristen durfte sich zu einem 24-köpfigen "Beraterkreis Stoiber-Team" zusammenfinden. Seither muss sich Manager Michael Spreng die Ideen von bislang noch verdeckt operierenden Souffleuren wie etwa Bayerns Junge-Union-Chef Markus Söder oder der CSU-Europa-Abgeordneten Angelika Niebler anhören.
Eine besondere Rolle spielt dabei die listige CDU-Vorsitzende Merkel. Penibel achtet sie darauf, dass die von ihr beschworene "Statik" zwischen der großen und der kleinen Schwesterpartei gewahrt bleibt. Geschickt platzierte die heimliche Stoiber-Rivalin Gewährsfrauen wie die Chefin der Jungen Union, Hildegard Müller, oder ihre Büroleiterin Beate Baumann in Sprengs Beraterkreis.
Das Organigramm der Unionswahlkämpfer, das Spreng skizziert, ähnelt dem Schaltplan einer Hi-Fi-Anlage. Brauchbare Vorschläge, wie CDU und CSU den keineswegs sattelfesten Bundeskanzler aus dem Amt drängen wollen, sind indessen bei den Beratungen bislang nicht zu erkennen.
Vielmehr sei ein System "wechselseitiger Überwachung wie bei der Stasi" entstanden, grantelt ein altgedienter CSU-Politiker. Statt über Inhalte zu reden, mahnte Kandidat Stoiber bereits in der ersten Sitzung des "Headquarters" die Koordination zwischen den Gremien an. Fraktionschef Friedrich Merz schlug sogar vor, sich schleunigst "abhörsichere Handys" anzuschaffen. Der Chef des mitgliederstärksten Landesverbandes, Jürgen Rüttgers, sorgt sich, "dass diese Gremien keine durchschlagende Kraft entfalten".
Aus Unsicherheit und mangels vorzeigbarer Konzepte spielt Stoiber auf Zeit. Zwar kursiert in der Unionsfraktion ein erster, 56 Seiten umfassender Referentenentwurf des Wahlprogramms, in dem an erster Stelle die Wirtschafts- und Steuerpolitik steht, aber wann der verabschiedet wird, ist ungewiss.
Stoiber muss fürchten, die mühsam erzielte Geschlossenheit der Union zu gefährden, sobald er mit konkreten Vorschlägen auf den Plan tritt. Beispiel Gesundheitspolitik: Während die CDU bislang fordert, künftig zwischen Wahl- und Pflichtleistungen der Krankenkassen zu unterscheiden, lehnt die CSU genau dies kategorisch ab.
Allzu frisch ist die Erinnerung an die "Kakophonie" im Steuerdisput, die der Spitzenmann kurz nach seiner Nominierung selbst beklagte. Zunächst hatte Merkel ein Vorziehen der Reform verlangt, stieß mit ihrem Eifer aber auf wenig Gegenliebe. Das sei "technisch gar nicht möglich", opponierte der CSU-Drahtzieher Michael Glos. "Eine solche Debatte können wir uns kein zweites Mal leisten", warnt vergrätzt einer der engsten Vertrauten Stoibers.
Schon lästern einflussreiche Unionschristen über die Politik der ruhigen Hand, die nun auch der Unionskandidat bevorzugt. "Die Bürger wollen von uns wissen: Was ist das Projekt, das sich mit einer Kanzlerschaft Stoibers verbindet?", drängt NRW-Landeschef Rüttgers. "Es wäre zu wenig, nur die Regierung zu kritisieren", bekräftigt der bayerische CSU-Landtagsfraktionsvorsitzende Alois Glück.
Das sieht der einst erfolgreiche Boulevardjournalist Spreng ebenso: "Was wir in den ersten drei Monaten verpassen, lässt sich kaum wieder aufholen."
ALEXANDER NEUBACHER, CHRISTOPH SCHULT
Von Alexander Neubacher und Christoph Schult

DER SPIEGEL 8/2002
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