25.02.2002

DROGENStoff zum Überleben

In der Schweiz war die Idee bereits erfolgreich, nun beginnt in Karlsruhe und Bonn ein deutscher Modellversuch, Junkies mit Heroin zu versorgen.
Der Mann ist wie ein Fossil: sein Körper, ein Wrack, existiert nur noch als lebloses Abbild früherer Tage. 30 Jahre, mehr als sein halbes Leben, hängt der Junkie aus Karlsruhe an der Nadel. "Dass der überhaupt so lange überlebt hat, hätte ich nie geglaubt", sagt Rainer Blobel, Chef der Karlsruher Drogenhilfe.
Der Fixer hat alles hinter sich: Therapien, Gefängnis, Psychiatrie - die Sucht hat ihn aufgefressen. Nun aber bekommt der Altjunkie seine wohl letzte Chance, sich doch noch aus dem Drogensumpf herauszuziehen - zusammen mit 59 Süchtigen, von denen Blobel weiß, dass sie sich "den Kalk von der Bahnhofstoilette gekratzt, mit Heroin versetzt und dabei den Wert eines Einfamilienhauses in die Venen gespritzt haben".
In dieser Woche startet in Karlsruhe und Bonn das erste deutsche Modellprojekt einer "heroingestützten Behandlung". Nach und nach sollen in einem wissenschaftlichen Großversuch 560 Fixer in sieben deutschen Städten kostenlos mit Heroin versorgt, außerdem psychosozial betreut und therapiert werden.
Es ist ein Versuch zwischen Leben und Tod. Denn von dem Modell verspricht sich Karlsruhes Sozialbürgermeister Harald Denecken nichts weniger, als das "Leben von Menschen zu verlängern", die eigentlich schon verloren sind. Langfristig hoffen die Initiatoren darauf, dass auch die Beschaffungskriminalität zurückgeht und sich die offene Drogenszene allmählich auflöst.
Dass nun Ernst gemacht wird mit der Idee, Heroin auf Rezept spritzen zu lassen, ist einerseits ein kleiner Schritt hin zu neuen Therapieformen. Andererseits sind die nun auftretenden Schwierigkeiten und Widerstände aber auch ein Beleg für das chronische Versagen der deutschen Drogenpolitik.
Eigentlich wollte Hamburg schon vor zehn Jahren mit dem Heroinmodell beginnen, aber der Bundesrat blockte damals den Test ab. Erst die rot-grüne Bundesregierung nahm einen neuen Anlauf. Doch obwohl sie den Versuch als Kern einer neuen Drogenpolitik ansah, dümpelte das Projekt weiter vor sich hin. Immer wieder verzögerte sich der Start.
Inzwischen zweifeln Fachleute, ob die ursprünglichen Ziele überhaupt noch zu erreichen sind. Denn anders als vor zehn Jahren hängt heute kaum einer der rund 150 000 Drücker allein am Heroin; die meisten schlucken nebenher mal Aufputschmittel, mal Tranquilizer. Vor allem Neueinsteiger mixen sich härteste Drogencocktails. Die gängigsten Geißeln sind nun Crack und die Party-Pille Ecstasy. "Leitdroge ist aber immer noch Heroin", rechtfertigt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), den Versuch.
Ebenfalls umstritten ist die Auswahl der Teilnehmer: Sie müssen mindestens 23 Jahre alt sein, seit fünf Jahren an der Nadel hängen und schon mal Therapien abgebrochen haben. Der Leiter des Großversuchs, der Hamburger Psychiatrieprofessor Michael Krausz, versteht ihn denn auch als "letzte Ausweichstrategie". Süchtige, die noch am Anfang ihrer Drogenkarriere stehen, haben dagegen keine Chance. Reines Heroin, gespritzt unter Aufsicht eines Arztes, bekommt nur, wer seit Jahren ums Überleben kämpft.
Die beteiligten Städte tun sich deshalb schwer, insgesamt 1120 Junkies für den Test zu finden. "Wir können die Szene ja leider nicht mit einer Anzeige in der ,FAZ' zum Mitmachen bewegen", stöhnt Caspers-Merk. Zumal die strengen Versuchsbedingungen bei den Süchtigen auch erhebliche Vorbehalte auslösen: So müssen die Patienten dreimal am Tag in die Ambulanzen kommen, um sich maximal 400 Milligramm Diamorphin zu setzen, das synthetisch hergestellte reine Heroin.
Außerdem werden die Junkies in eine Art Drogen-Glücksspiel gezwungen. Denn nur 560 Testpersonen bekommen Heroin, 560 weitere aber die Ersatzdroge Methadon, einen Stoff, der ohnehin seit 1988 Bestandteil gängiger Therapien für Langzeitsüchtige ist. Erst im letzten Moment entscheidet das Los, welche Süchtigen sich in der so genannten Kontrollgruppe wiederfinden und sich dort mit Methadon begnügen müssen.
Und selbst diejenigen, denen der Zufall reines Heroin beschert, wissen nicht, was nach zwei Jahren kommt: Um nach dem Ende des Versuchs weiter mit dem Stoff versorgt zu werden, brauchen sie eine Sondergenehmigung. Bekommen sie die nicht, rutschen sie möglicherweise wieder in den alten Kreislauf aus sozialer und gesundheitlicher Verelendung zurück. Studienleiter Krausz rechnet allerdings damit, dass der Staat erfolgreich behandelten Patienten die Droge nicht mehr streichen wird: "Jeder Kranke erhält das, was ihm am besten hilft."
Rund 35 Millionen Euro wird das Projekt kosten - vor allem auch, weil eine teure wissenschaftliche Begleitstudie den Nutzen der Heroinabgabe prüfen soll. Dabei läuft seit 1998 in sechs Städten der Niederlande bereits eine klinische Studie, ähnlich der, die jetzt in Deutschland beginnen soll. Im gleichen Jahr stieg die Schweiz zur Modellnation bei der Heroinvergabe auf. Jeder "gesundheitlich geschädigte" Abhängige, der mindestens aus zwei Therapien ausgestiegen ist, kann sich darum bewerben, vom Staat dauerhaft mit Heroin versorgt zu werden. Auch hier stand am Anfang eine zweijährige Studie; die Eidgenossen verzichteten allerdings auf eine Methadon-Kontrollgruppe.
Die Schweizer Ergebnisse klingen wie eine Bestätigung der hohen Erwartungen: Von 1146 Patienten brachen nur elf Prozent den Versuch ab; der Großteil hielt bis zum Ende durch. Fast ein Drittel der Süchtigen wechselte nach einigen Monaten in eine Entzugstherapie oder ein Methadonprogramm. Damit, so meinen die Schweizer, werde einer der größten Vorbehalte gegen die kostenlose Heroinausgabe entkräftet: dass sie die Sucht nur vergrößere, weil den Junkies der Stoff wie auf dem Silbertablett präsentiert werde.
Der Gesundheitszustand der Schweizer Probanden verbesserte sich zusehends; sie gewannen an Gewicht, verloren die typischen Abszesse und Hautinfektionen. Außerdem schafften viele den Weg in ein Leben ohne Kriminalität: Beim Start der Studie hatten sich noch 70 Prozent der Abhängigen Geld aus illegalen oder halb legalen Quellen besorgt. 18 Monate später waren es nur noch 10 Prozent.
Gleichzeitig stieg die Zahl der Berufstätigen von 14 auf 32 Prozent. Überhaupt, so erklärt das Schweizer Bundesamt für Sozialversicherungen, war das Projekt ein volkswirtschaftlicher Erfolg. Pro Tag und Patient habe die Eidgenossenschaft 45 Franken gespart, weil die Folgekosten von Kriminalität und Krankheit zurückgingen.
Weil man in Deutschland aber genau wissen wolle, ob wirklich der kostenlose Stoff oder die bessere Betreuung zu diesen Ergebnissen geführt habe, könne man auf eine wissenschaftliche Begleitstudie nicht verzichten, sagt Caspers-Merk.
Trotz der Schweizer Erfolge sperrten sich viele Drogenpolitiker in Deutschland lange gegen den Heroinversuch - aus Überzeugung, dass abgerissene Junkies nicht auch noch mit Heroin auf Rezept belohnt werden dürften. So mussten sich die Stadtväter in Karlsruhe gegen massive Angriffe der baden-württembergischen Landesregierung wehren.
Auch Berlin und Bremen, die Bundesländer mit den meisten Rauschgifttoten auf 1000 Einwohner, wollten nicht mitmachen. Die Hauptstadt hatte unter CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen kein Interesse, Bremen kein Geld.
Und obwohl Karlsruhe und Bonn jetzt beginnen, ist der Modellversuch immer noch nicht endgültig gesichert. Großstädte, die sich zunächst per Vertrag verpflichtet hatten, zaudern noch. In Frankfurt gibt es heftige Proteste einer Bürgerinitiative, die gegen eine "Drogentankstelle" in ihrer Nachbarschaft aufbegehrt. Und noch schwerer tut sich der einstige Reformmotor Hamburg. Bisher hat der Senat an der Elbe keinen geeigneten Ort gefunden. Erst sollte das Projekt in einer ehemaligen Bankfiliale untergebracht werden, dann in einer ehemaligen Polizeiwache, schließlich in einer ehemaligen Disco. Immer gab es Proteste von Bürgern und Kaufleuten, und immer knickte der Hamburger Senat ein.
In Karlsruhe konnten die Kommunalpolitiker die Bevölkerung dagegen schnell davon überzeugen, dass sie alle Sicherheitsvorschriften penibel beachten. Immerhin ließen sie eine ehemalige Bankfiliale zur Heroinpraxis umbauen. Der meterdicke, begehbare Tresor der Vormieter, in dem nun der Stoff lagert, passte gut ins Konzept. FELIX KURZ, UDO LUDWIG, KATJA THIMM
Von Felix Kurz, Udo Ludwig und Katja Thimm

DER SPIEGEL 9/2002
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