25.03.2002

BUNDESWEHRKrieg unter Palmen

Fernab der Schlachtfelder steuern die Amerikaner aus dem sonnigen Florida die weltweiten Einsätze gegen den Terror. Auch deutsche Offiziere sitzen im „War room“ des US-Hauptquartiers mit am Tisch.
Es ist neun Uhr morgens an der Tampa Bay in Florida. Im abgedunkelten "War room" im zweiten Stock des Central Command (Centcom), US-Hauptquartier des Krieges gegen den Terror, dominiert ein Mann mit mächtiger
Gestalt und den Augen eines Raubvogels: Tommy Franks, 56, texanischer Vier-Sterne-General und oberster Jäger Osama Bin Ladens und seiner Krieger.
Per Videoschaltung, in fest gefügter Reihenfolge, beamt sich Franks die Befehlshaber der Mission "Enduring Freedom" vor den hufeisenförmigen Konferenztisch. Aus allen Teilen der Welt erscheinen sie einer nach dem anderen auf den Monitoren - die Kommandeure in Afghanistan, Kuweit, Bahrein oder Saudi-Arabien. Knapp rapportieren sie über den Verlauf der Operationen, etwa der Offensive in Gardez im Osten Afghanistans, über die Feindlage, die Logistik, das Personal. Am Schluss gibt der stets ungeduldige General ein so genanntes Wrap-up, eine Zusammenfassung mit Ausblick. Dann folgt die Order für den nächsten Tag.
Nicht im Pentagon in Washington D. C., sondern hier am Golf von Mexiko, im sonnigen Süden von Downtown Tampa, wird über Bomben, Bodenkampf und Spezialeinsätze entschieden: Franks befehligt den "War against terror" in seinem Kommandobereich, der 25 Länder zwischen Kenia und Kasachstan umfasst. "Wenn du mit dem Finger auf den heißesten Platz der Erde zeigen solltest", schreibt US-Außenminister Colin Powell in seiner Biografie, "dann landest du bei der Adresse von Centcom."
Tampa in Amerika und die Einsatzorte in der Krisenregion - unterschiedlicher können die Plätze auf der Welt kaum sein. Der US-Luftwaffenstützpunkt MacDill, auf dem sich auch das Hauptquartier und Schulungseinrichtungen für die US-Special-Forces befinden, liegt an einer lieblichen Bucht mit Sandstränden, gesäumt von Palmen, die sich in der Frühlingsbrise wiegen. An der Marina, wo die Soldaten die spektakulären Sonnenuntergänge Floridas bestaunen können, klimpern die Masten ihrer privaten Segelboote; unweit liegt der Golfplatz. Franks beklagt in jüngster Zeit gelegentlich, wegen des Zeit raubenden Krieges "kaum noch Zeit" zu finden für den Sport.
Die schroffen Berge und die unterirdischen Labyrinthe des Hindukusch, die staubige Wüste in Kuweit - das alles ist eine halbe Weltreise entfernt. Die meisten Offiziere kennen die realen Einsatzorte lediglich von ihren Monitoren und vom TV.
Schon der Golfkrieg 1991, den in der allgemeinen Wahrnehmung Mediengeneral Norman Schwarzkopf doch ganz allein führte, wurde von Centcom verantwortet, jedoch noch in weiten Teilen aus Saudi-Arabien gemanagt. Erstmals nun dirigieren die USA einen Krieg allein mit Satellitenbildern und Videoübertragung - aus sicheren 12 500 Kilometer Entfernung, nüchtern und ohne Emotionen.
Dem feuchten Klima Floridas angemessen, trägt der deutsche Brigadegeneral Bernd Müller, 57, einen leichten Wüstentarnanzug und gelbe Leinen-Leder-Stiefel. Der ranghöchste deutsche Offizier im Centcom ist im normalen Soldatenleben Vizechef der Elitedivision für Spezielle Operationen in Regensburg, der schnellen militärischen Eingreiftruppe, zu der auch das Kommando Spezialkräfte (KSK) gehört. Seit Dezember in Florida, vermittelt der General zwischen dem deutschen Verteidigungsministerium und dem militärischen US-Hauptquartier.
Müller diente bereits zu Zeiten des Golfkriegs als Heeresattaché in Washington. Er gehört zu den wenigen, die wissen, was in diesem Krieg tagtäglich geschieht und vor allem: was genau die Deutschen dabei tun.
Sieben Tage die Woche, immer zur gleichen Tageszeit, sieht und spricht Müller in der Videokonferenz den Bataillonskommandeur der ABC-Truppe in Kuweit, den Operationschef des KSK in Afghanistan, Isaf-General Carl Hubertus von Butler in Kabul und die Einsatzführung in Bonn und Potsdam. Großer Wert wird darauf gelegt, dass der Konferenz-Zeitplan geheim bleibt - die Angst, dass Videoschaltungen oder Telefonverbindungen vom Feind angezapft werden, ist groß. Kein Gespräch geht über ein unverschlüsseltes Telefon, jedes Schriftstück wird geschreddert, jeder erfährt nur, was er für seinen Aufgabenbereich wissen muss. Das Sicherheitssystem bei Centcom scheint nahezu perfekt. "Das ist wie Fort Knox hier", sagt ein Stabsoberfeldwebel des deutschen "Verbindungskommandos".
Mit "Kongo-Müller", wie der forsche Fallschirmjäger-General mit der grauen Kurzhaarfrisur in Anlehnung an einen berüchtigten Legionär aus den sechziger Jahren bei der Truppe heißt, kamen zwölf deutsche Offiziere von Heer, Luftwaffe und Marine nach Tampa. Ihr Arbeitsplatz ist ein Wohncontainer auf einem ehemaligen Parkplatz hinter dem verschachtelten Betonbau des Centcom. Die Amerikaner errichteten für ihre 27 Verbündeten das so genannte Coalition Village, eine Wohnwagenkolonie und Bürogemeinschaft auf Zeit. "Das hält so lange, wie die Operation dauert", sagt Müller, "danach kennen sie einen hier nicht mehr."
Immerhin gehören die Deutschen mit ihren Spürpanzern in Kuweit, den Offizieren in den Awacs-Aufklärungsflugzeugen, ihren Schiffen in Dschibuti, der Marine-Aufklärung in Kenia und den 92 Spezialkräften des KSK inzwischen zum "oberen Drittel der wichtigen Verbündeten", urteilt Centcom-Sprecher Colonel Rick Thomas, 45. Deshalb darf Müller im "Kriegsraum" auch mit am Konferenztisch sitzen, hinten links. Kleinere Koalitionspartner müssen sich mit einem schlechteren Platz zufrieden geben - ihnen zeigt Franks nur den Rücken.
Die Amerikaner, bekannt dafür, in den Verbündeten eher Statisten als ernst zu nehmende Partner zu sehen, seien jedoch "fair", wenn es darum gehe, Informationen zu teilen und Entscheidungen zu treffen, sagt Müller. Das Procedere ist schlicht: Wer bei einer Operation dabei ist, wie die Deutschen beim Spezialkräfte-Einsatz, erfährt alles über Orte, Zeiten und Ziele. Wer nichts beisteuert - wie die Deutschen bei U-Booten oder Jagdbombern -, wird vom Informationsfluss ausgeschlossen.
Die Amerikaner kontrollieren dabei alles und jeden. Sie beherrschen die Aufklärung durch Satellitenüberwachung und durch ihre Special Forces vor Ort, die regelmäßig Kontakt zu den Stammesältesten der Dörfer und Regionen halten. Wird dabei etwa ein Verdächtiger aufgespürt, weil er fremd ist in der Gegend oder seine Telefon-Satellitenverbindung bemerkt wurde, erteilen die US-Militärs den Auftrag, die Person zu beobachten und womöglich gemeinsam mit ihren Gefolgsleuten festzusetzen. Das ist dann zum Beispiel ein Job für die Deutschen.
Im Centcom, sagt ein deutscher Offizier, gehe es zu wie auf einer Galeere: "Einer gibt den Trommelrhythmus vor." Und der eine heißt Tommy Franks.
Der Spitzenmilitär aus Midland, George W. Bushs Heimatstadt, ist ein Meister aller Spielarten seines Metiers. Nach innen gilt er als Kumpeltyp, als "muddy boots soldier", der flucht wie ein Pferdekutscher, gern draußen bei der Truppe ist und mit Diplomatie und Politik nicht viel am Hut hat. Gleichzeitig weiß er sich auf dem politischen Parkett im Pentagon sicher zu bewegen und dort die richtigen Strippen zu ziehen - stets aufgeschlossen und formvollendet zuvorkommend.
Deutsche Generäle haben den dreifach verwundeten Vietnam-Veteranen bei gemeinsamen Übungen ausgiebig kennen gelernt. Sie haben erfahren, wie geringschätzig er von nichtamerikanischen Kameraden denkt. "Ruppig und autoritär" sei Franks, sagt einer.
Wann dieser Krieg zu Ende sein wird, auch für die Verbündeten, mag hier keiner auch nur schätzen: "Heute haben wir den 160. Tag der Operation Enduring Freedom", sagt Sprecher Thomas, "und Afghanistan war nur der Auftakt." Rund 60 der weltweit 192 Länder unterstützten aktiv oder beherbergten unwissentlich Terroristen.
Zweifel an ihrer Mission ist den Militärs, die so fern vom Kriegsgeschehen sind, vollkommen fremd. Selbst die Zahl der unschuldig zu Tode gekommenen Zivilisten interessiert die US-Militärs kaum: "Es starben 3000 Amerikaner. Die Verantwortung für den Tod derer, die nun sterben, haben allein jene, die angefangen haben", sagt Thomas.
Afghanistan, daran ist man sich hier in der US-Kriegszentrale offenbar einig, wird nicht der letzte Schauplatz bleiben. Doch wollen sich die Amerikaner dort, wo sie gekämpft haben, anschließend keineswegs mit Truppen am mühseligen Stabilisierungsprozess beteiligen. Peacekeeping, wie es die Deutschen in Kabul machen, gehöre nicht zu ihren Plänen, sagt Colonel Thomas: "Wir haben anderes zu tun." SUSANNE KOELBL
* Mit US-Befehlshaber Franks (r.) und Stellvertreter Generalleutnant Michael P. DeLong (l.) an der Stirnseite und dem deutschen Brigadegeneral Müller (2. von oben links) in Tampa Bay.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 13/2002
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