DER SPIEGEL



Der Anti-Terror-Krieg musste sein

Von Hüetlin, Thomas

Der Schriftsteller Salman Rushdie über seine neue Heimat New York, die Tragödie der islamischen Länder und seinen Roman "Wut"

SPIEGEL: Mr. Rushdie, in Ihrem gerade erschienenen Roman beschreiben Sie New York als das neue Rom*. Was macht für Sie New York zur Hauptstadt der Welt?

Rushdie: In bestimmten Geschichtsepochen werden bestimmte Städte zu Zentren wichtiger Energien. Das galt einmal für Paris und London, und jetzt, für meine Generation, heißt dieser Ort New York. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Boom dieser Stadt wohl seinen Höhepunkt erreicht, und gleichzeitig beschlich viele seiner Bewohner das Gefühl, dass diese Zeit nicht ewig weitergehen könne. In den Ecken sammelten sich kleine Schatten, die immer größer wurden.

SPIEGEL: Welche Schatten meinen Sie?

Rushdie: Zum Beispiel das Platzen der Internet-Blase und die ersten Zeichen für eine Rezession sorgten dafür, dass diese Abenteuerspielplatz-Atmosphäre allmählich gefährdet war. Dieses Gefühl, alles haben zu können, wenn man es nur wollte. Ich wusste also, dass ich schnell arbeiten musste. Im Hinterkopf hatte ich dabei

F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby". Als Fitzgerald seinen Roman veröffentlichte, wurde er stark kritisiert als zu oberflächlich und zu geschwätzig. Heute aber zählt er offiziell zu den besten Romanen, die je in Amerika erschienen sind.

SPIEGEL: Fitzgerald porträtierte in "Gatsby" die zwanziger Jahre; das Lebensgefühl des Jazz-Age. Welchen Namen geben Sie der Epoche, die Sie in "Wut" beschreiben?

Rushdie: Das wirklich goldene Zeitalter New Yorks. Ich weiß, Leute haben dies über die Periode gesagt, in der die Wolkenkratzer gebaut wurden. Aber ich glaube, die neunziger Jahre waren es wirklich. Die Stadt strotzte vor Selbstbewusstsein, Kraft und Geld. Ich wollte also - wie beim "Großen Gatsby" - zwei Dinge leisten. Erstens sollten die Leute, die diese Epoche erlebt haben, sie wiedererkennen können. Zweitens sollten die, die später einmal auf die Welt zurückblicken, sagen können: "Aha, so war das also." Was ich allerdings nicht wusste, war, dass dieses goldene Zeitalter im Monat der Veröffentlichung des Buches mit einem Schlag enden sollte.

SPIEGEL: Das Buch erschien in den USA im September letzten Jahres. Aber auch wenn Sie nicht den Anschlag vorhergesehen haben, so gibt es in Ihrem Roman doch Zeichen einer schwärenden Unruhe vor der Bedrohung durch die, die keinen Anteil am amerikanischen Wohlstand haben. An einer Stelle schreiben Sie: "Amerika beleidigt den Rest des Planeten. Und diese Beleidigung macht den Rest der Welt nur noch gieriger. Menschen in Indien, China und Afrika würden morden für die Waren, die in New York einfach auf der Straße angeboten werden."

Rushdie: Eine Menge von diesem ganzen Gerede über Amerika ist scheinheilig, und viel von der Kritik ist nichts anderes als Neid. Trotzdem hat mich der 11. September absolut überrascht. Als mein Buch wenig später in Frankreich herauskam, behandelten mich die Leute, als sei ich ein Hellseher. Das war sehr seltsam. Denn ein Schriftsteller mag vielleicht in der Lage sein zu beschreiben, was in der Luft liegt. Auf keinen Fall aber kann er vorhersagen, was genau kommen wird.

SPIEGEL: Auf dem Cover Ihres Buches ist das Empire State Building zu sehen, über dem eine dunkle Wolke schwebt. Werden Sie da im Nachhinein nicht abergläubisch?

Rushdie: Das Foto hat eine englische Artdirektorin sechs Monate vor der Veröffentlichung ausgewählt. Das tat sie natürlich, weil bei all dem Glanz und dem Überschwang, den das Buch im New York der Neunziger beschreibt, die Katastrophe ständig lauert. Das Ende ist nah. Dass es allerdings in Form eines Terrorangriffs kommen würde, davon wurde ich ebenso überrascht wie jeder andere.

SPIEGEL: Den größten Teil der neunziger Jahre mussten Sie sich in England verstecken, weil Sie durch Chomeini zum Tode verurteilt wurden. Iran hat 1998 erklärt, man wolle das Urteil nicht weiter verfolgen. Trotzdem gibt es noch Extremisten, die daran festhalten. Fürchten Sie sich jetzt, in New York, noch vor Leuten, die Sie umbringen wollen?

Rushdie: Nein.

SPIEGEL: Ihr Schicksal teilen Sie mit Amerika, dem die al-Qaida vor vier Jahren den Krieg erklärt hat und deren Attentate die Zustimmung radikaler Muslime finden. Halten Sie weitere Anschläge für möglich?

Rushdie: Sehr wahrscheinlich. Der 11. September war kein Einzelfall, er hat gezeigt, dass eine kleine Zahl von motivierten Leuten ein Riesendesaster anrichten kann.

SPIEGEL: Wie Sie lange genug erfahren haben, ist das Ergebnis von einem Maximum an Sicherheit die Unfreiheit. Sehen Sie, dass der amerikanische Staat unter dem Vorwand, seine Bürger zu schützen, Schritt für Schritt die Grundrechte einschränkt?

Rushdie: Die große Aufgabe besteht darin, ein Sicherheitsnetz zu schaffen, welches die Werte, die es schützen soll, nicht stranguliert. Wenn wir uns darauf einigen, dass das, was wir verteidigen, die freie Gesellschaft ist, dann sollten wir uns davor hüten, sie in eine unfreie Gesellschaft zu verwandeln. Schon deshalb mache ich mir große Sorgen über die Geheimnistuerei, mit welcher die US-Regierung seit dem 11. September zur Sache geht. Mehr und mehr Dinge werden unter den Teppich gekehrt, man weiß oft nicht mehr, was genau vorgeht und warum. Menschen werden aus mysteriösen Gründen festgenommen, für unbestimmte Zeit festgehalten und irgendwann wieder freigelassen, ohne dass jemand auch nur Entschuldigung sagt.

SPIEGEL: Lernen Sie auf Grund solcher Entwicklungen in Amerika die politische Kultur Englands wieder neu zu schätzen?

Rushdie: Die politische Kultur Englands war immer von Geheimnistuerei geprägt. Britische Regierun-

gen sagen den Leuten nichts, solange sie nicht müssen. Wohingegen in der amerikanischen Politik die schlimmen Dinge immer durchsickern. Schon deshalb bin ich bis heute davon überzeugt, dass Lee Harvey Oswald tatsächlich der Mörder von John F. Kennedy war. Wäre der Mord eine große Verschwörung gewesen, es wäre herausgekommen. Amerikaner können auf die Dauer ihren Mund nicht halten. Ich mag das. Es ist für mich ein wichtiges Element der Demokratie.

SPIEGEL: In Europa gab es massive Kritik an der Härte der amerikanischen Kriegsführung in Afghanistan ...

Rushdie: ... ich war für den Anti-Terror-Krieg, er musste sein - davon bin ich bis zum heutigen Tag überzeugt. Und meine Meinung teilen die meisten Afghanen, die ja aufgejubelt haben an dem Tag, als die Schreckensherrschaft der Taliban zusammenbrach. Übrigens ist die Niederlage der Taliban auch eine Wohltat für den Rest der Welt. Denn mit ihnen entmachtet wurde die Bin-Laden-Gruppe, welche es geschafft hatte, als eine terroristische Organisation einen gesamten Staat zu lenken. Die al-Qaida hatte nicht nur die afghanische Regierung mit enormen Summen Jahr für Jahr bestochen, genau genommen hatte sie ganz Afghanistan im Griff. Wie tief sie das Land durchdrungen hatte, sieht man bis heute. Überall sind ihre Festungen verteilt, die Aufräumarbeiten werden noch eine Zeit lang andauern. Ohne diesen Krieg hätte es in der Zwischenzeit viele neue Attentate auf den Westen gegeben. Wenn jemand kommt und zentrale Gebäude im Herzen deines Landes zerstört und dazu Tausende von Menschen umbringt - was soll man mit so jemandem anstellen? Sich entschuldigen: "Sorry, wir waren böse und geloben Besserung von jetzt an?"

SPIEGEL: So ungefähr stellen sich das einige Linksintellektuelle in Europa vor.

Rushdie: Unsinn. Dieser Krieg musste geführt werden, und er ist gut geführt worden. All die Warnungen, mit denen die Kritiker die amerikanische Regierung stoppen wollten, erwiesen sich als falsch. Die Kritiker sagten: Die Amerikaner werden dasselbe Desaster erleben wie die Sowjetunion. Falsch. Die Nordallianz hat gegen die Taliban keine Chance. Falsch. Wenn die Nordallianz in Kabul einmarschiert, wird die Stadt in ein Schlachthaus verwandelt. Falsch. Wenn die Nordallianz gewinnt, wird sie die Macht in Afghanistan an sich reißen und nicht teilen wollen. Falsch. Die Festungen im Norden des Landes und Kandahar sind so gut gesichert, dass sie nicht einnehmbar sind. Falsch. Es wird einen Guerrilla-Krieg geben, der viele, viele Jahre dauert. Na ja, nicht wirklich.

SPIEGEL: In einem Punkt hatten die Kritiker Recht. Es ist den USA nicht gelungen, Osama Bin Laden zu schnappen.

Rushdie: Es wird vielleicht noch fünf Jahre dauern, aber sie werden ihn kriegen. Ihn ebenso wie Mullah Omar.

SPIEGEL: Mit welchem Fahndungsfoto? Angeblich ist Bin Ladens Gesicht schon längst chirurgisch verändert worden.

Rushdie: Das ist jetzt Detektivarbeit, aber die Amerikaner werden den Fall lösen. Bin Laden ist Richard Nixon in einer Hinsicht sehr ähnlich: Er ist davon besessen, sich auf Band aufzunehmen. Diese Sucht hat Nixon sein Amt gekostet, und sie wird Bin Laden zum Verhängnis werden. Bin Laden liebt es, sich im Fernsehen zu zeigen, er liebt es, Videos von sich zu machen. Und jetzt haben wir schon länger keins von ihm gesehen. Er muss also schrecklich leiden. Er wird wieder ein Band von sich verschicken. Dieses Band wird uns viel über ihn verraten. Wir leben nun mal in einer kleinen Welt. Dies ist die größte Suchaktion in der Menschheitsgeschichte. Das mächtigste Land der Welt jagt mit allen Mitteln, die es zur Verfügung hat, einen einzigen Mann.

SPIEGEL: Halten Sie das Tape, auf dem Bin Laden seine Beteiligung an den Anschlägen vom 11. September gesteht, über jeden Fälschungsverdacht erhaben?

Rushdie: Das Ganze wirkt sehr authentisch, sehr im Einklang mit Bin Ladens Charakter, und ist als Gespräch sehr überzeugend. Wenn es gefälscht sein sollte, dann müssen brillante Schriftsteller am Werk gewesen sein, und ich bin mir sicher, dass solche nicht unbedingt im Pentagon arbeiten. Es gibt nicht viele Leute auf der Welt, die solch eine Konversation so überzeugend erfinden können. Die dazu in der Lage sind, kenne ich.

SPIEGEL: Unmittelbar nach dem 11. September hat das Pentagon eine Runde von Kreativen aus Hollywood zusammengeholt - sie sollten in einem Brainstorming Terrorszenarien entwerfen, die die USA in ihre Abwehrplanungen einbeziehen konnten. Vielleicht ist aus dieser Runde das eine oder andere Schreibtalent übrig geblieben?

Rushdie: Es gibt keine vier Leute in Hollywood, die sich genügend mit der arabischen Welt auskennen, um solche Dialoge zu entwerfen. Und selbst wenn es so wäre, dann stünde diesen Schreibern die eigene Eitelkeit im Wege. Angenommen, der Drehbuchautor Joe Eszterhas, einer der bestbezahltesten Männer der Branche, hätte das Tape geschrieben - er würde es laut angebend jedem auf die Nase binden.

SPIEGEL: Der größte Teil der muslimischen Welt tut sich mit der Moderne schwer. Als Sündenbock für dieses Zentralproblem muss stets Amerika herhalten.

Rushdie: Im Zuge des Kalten Krieges haben die Amerikaner Fehler in ihrer Außenpolitik gemacht, die ziemlichen Schaden angerichtet haben. Zum Beispiel, als sie in Iran eine demokratische Regierung stürzen halfen, den Schah installierten, die Tyrannei des Schahs stützten, was schließlich zu Chomeini führte. Zum Beispiel vor kurzem, als sie die Extremisten in Algerien unterstützten. Trotzdem sind viele muslimische Staaten an ihrem Niedergang zum größten Teil selbst schuld. Sie haben eine Art paranoider Rhetorik entwickelt, deren Grundsatz heißt: "Es ist nicht unsere Schuld, die Amerikaner haben uns das alles eingebrockt." Diese Haltung zeigt vor allem, dass sich diese Staaten verhalten wie unmündige Kinder. Sie geben auf diese Weise die Verantwortung für die Eigenständigkeit ab, nach der sie angeblich streben. Die Liste der Staaten, die sich selbst ruiniert haben, ist lang. Nehmen wir doch mal Iran: früher einmal ein prosperierender Staat, heute ein ökonomisch fast hoffnungsloser Fall. Nehmen wir Pakistan: ein Land, welches sich durch Putsch und Korruption fast schon zerstört hat. Nehmen wir die fürchterliche Königsfamilie in Saudi-Arabien, die die Menschenrechte mit Füßen tritt. Der Niedergang der arabischen Welt ist in den letzten 40 Jahren eine mehr als deprimierende Angelegenheit.

SPIEGEL: Sie haben darauf hingewiesen, wie zäh Reformbewegungen in der islamischen Welt vorankommen.

Rushdie: Das Grundproblem ist, dass Politik und Kultur durch die Religion definiert werden und die Trennung von Kirche und Staat nie vollzogen wurde. Es gibt eine tiefe Angst vor der Freiheit, und die Leidtragenden dieser Furcht vor der Moderne sind vor allem die Frauen. Eine meiner drei Schwestern arbeitete als Rechtsanwältin in Pakistan, und sie hat inzwischen ihren Beruf aufgegeben. Weil sie als Frau vor Gericht nicht für voll genommen wurde und weil sich ihre Mandanten oft nach einem Prozess weigerten zu bezahlen, nach dem Motto: "Sie ist ja nur eine Frau, sie wird niemals durchsetzen, dass wir unsere Rechnungen begleichen müssen."

SPIEGEL: Sie haben den Westen aufgefordert, Reformen in der muslimischen Welt zu unterstützen. Zurzeit aber verfolgt die Regierung der Vereinigten Staaten eher das Gegenteil: Erst reiht sie den reformerischen Iran in eine "Achse des Bösen" ein, dann plant sie eine neue Generation von Atomwaffen, speziell für den Irak, Iran, Nordkorea, Syrien und Libyen.

Rushdie: Diese Haltung ist in der Tat Furcht erregend, und ich bin wenig begeistert von der Konstruktion dieser "Achse des Bösen". Andererseits glaube ich, dass die Europäer die Reformbewegungen in Iran ein wenig überschätzen. Die neue Generation von Atomwaffen aber wird meiner Meinung nach nicht gebaut werden. Gespräche, die ich mit Senatoren in Washington geführt habe, sagen mir, dass es dafür keine Mehrheit geben wird. Andererseits leben wir in einer neuen Welt: Alles kann passieren.

SPIEGEL: Was sagen Ihnen Ihre Kontakte in Washington über das Schicksal des Irak? Steht eine US-Invasion unmittelbar bevor?

Rushdie: Die Amerikaner wollen da hinein. Aber es gibt ein zentrales Problem: Was kommt nach dem Sturz von Saddam Hussein? Welche Regierung kann die Interessen der Menschen dort vertreten? Was niemand will, ist ein Marionettenregime, welches die Amerikaner zwingt, sich die nächsten 50 Jahre im Irak aufzuhalten. Wenn mir einer eine legitime Regierung zeigen könnte, die von der Mehrheit des irakischen Volkes getragen wird, würde ich sagen: weg mit ihm. Ich kann Saddam Hussein auch nicht leiden. Ich bin kein friedliebender Typ in dieser Frage.

SPIEGEL: Was hat Sie vor zwei Jahren bewogen, England zu verlassen und sich hier niederzulassen?

Rushdie: Für mich wurde es höchste Zeit, hierher zu ziehen. Eigentlich wollte ich schon Ende der Achtziger mir hier eine Wohnung suchen, aber aus wohl bekannten Gründen musste ich es bleiben lassen. New York und ich - wir hatten also noch eine Verabredung offen. Dazu kam, dass mir mein Instinkt sagte: "Fahr dorthin - es gibt Arbeit für dich." Ich war stets begeistert vom Charakter der Stadt, die erst einmal jedem, der sie betritt, einen Neuanfang verspricht. Diese Verheißung Amerikas, dass der Einzelne sich noch einmal erfinden kann, funktioniert hier noch. Sie können aus dem Mittleren Westen kommen, sich einen weißen Anzug anziehen und wie ein Dandy durch die Straßen marschieren, es wird Ihnen niemand übel nehmen. New York ist eine Stadt der Identitätssuchenden und Immigranten. Ich habe mich hier stets zu Hause gefühlt.

SPIEGEL: Was die britische Presse mit Ihnen Ende der Neunziger anstellte, kam einer Vertreibung gleich. Ständig wurde an Ihnen herumgenörgelt und am Ende sogar vorgerechnet, dass Ihr Polizeischutz den englischen Steuerzahler elf Millionen Pfund kostete. Haben solche Kampagnen den Umzug in die neue Heimat erleichtert?

Rushdie: Es waren keine elf Millionen Pfund, sondern viel weniger. Außerdem habe ich während der Zeit, als ich im Verborgenen leben musste, britische Einkommensteuer bezahlt. Wenn man die Summe für den Polizeischutz damit verrechnet, kommt heraus, dass der englische Staat am Ende noch Profit mit mir gemacht hat.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass Sie gern die Titelseiten der Tageszeitungen wieder verlassen und Ihren Platz weiter hinten im Feuilleton einnehmen würden. In England sind Sie auf die Klatschseiten abgerutscht. Wie erklären Sie sich, dass die dortigen Journalisten es so interessant finden, dass Sie einen persönlichen Trainer beschäftigen und jetzt mit einem indischen Fotomodell zusammenleben?

Rushdie: Die wenigen Leute, die das betreiben, treffen sich in denselben sechs Lokalen, trinken gern zusammen und haben sich darauf geeinigt, dass ich ein "arroganter Bastard" bin. Sollen sie. Wenn man sich die Weltpresse anschaut, stehen sie mit dieser Meinung ziemlich alleine da. Die britische Presse geht leider durch eine ziemlich bösartige Phase. Ihre Vorstellung von Journalismus besteht vor allem darin, dass sie Zielscheiben errichten und dann voll draufhalten. Wahrscheinlich sind diese Hinterhaltsschreiber sauer, dass ich nicht getötet wurde. Sie gönnen mir nicht, dass ich die Fatwa überstanden habe und jetzt ein besseres Leben führe.

SPIEGEL: Warum haben Sie Ihrer Freundin Padma das Buch nicht nur gewidmet, sondern auch einen der Hauptcharaktere nach ihrem Vorbild geformt? Haben Sie damit nicht neue Prügel provoziert?

Rushdie: Padma beeindruckt mich weit mehr als die Drohungen dieser Schreiber. Von Anfang an war eine unglaubliche Anziehung zwischen uns, man könnte sagen, es war, als habe es gleichzeitig geblitzt und gedonnert. Wir wurden einander vorgestellt, redeten ganz kurz, vielleicht 30 Sekunden, und schon tauschten wir die Telefonnummern. Am nächsten Morgen habe ich sie angerufen. Diese Entschlossenheit war auch für mich neu. Normalerweise tue ich so etwas nicht.

SPIEGEL: New York ist immer noch das primäre Ziel für weitere Anschläge. Überlegen Sie, die Stadt wieder zu verlassen?

Rushdie: Ich bleibe. Hier fühle ich mich frei.

SPIEGEL: Mr. Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Ein schillerndes Sittengemälde New Yorks vor der Katastrophe

Es ist ein kalter, klarer Wintertag, als Salman Rushdie die Räume seines Agenten auf der New Yorker Upper West Side betritt. Seine Kleidung schwarz, zerknautscht und von Armani - wie früher. Neu ist, dass niemand hinter ihm herläuft, der dem Schriftsteller Rückendeckung gibt. Er ist vor zwei Jahren nach New York gezogen, um die Furcht hinter sich zu lassen. Die Erinnerung an die 30 Verstecke, in denen er sich über neun Jahre in Großbritannien verkriechen musste. Das Andenken an die englische Presse, die ihm vorwarf, seine Sicherheitsmaßnahmen hätten den Steuerzahler elf Millionen Pfund gekostet.

Natürlich wurde er auch im letzten Sommer zur Zielscheibe, als "Fury" (Wut) in England besprochen wurde und die Journalisten offenbar den Titel als Aufforderung verstanden, auf Rushdie einzuprügeln. "Eines der abscheulichsten Bücher, die jemals ein berühmter Schriftsteller in englischer Sprache veröffentlicht hat", scharfrichterte der "Independent". Andere aus dem Lohnschreibermob forderten Rushdies sofortige Zwangsverbannung aus der ersten Liga.

Nun ist "Wut" gewiss kein Meisterwerk wie "Mitternachtskinder" und bleibt literarisch unter den Möglichkeiten, die Rushdie in seiner Karriere oft genug bewiesen hat.

Aber "Wut" ist ein interessanter Roman, voller Ideen und Geschichten über das Leben um die Jahrtausendwende in New York. Ein schillerndes Sittengemälde der Boom-Jahre in der Globalisierungshauptstadt, wo trotz allen Taumels die Bedrohung und die Angst vor einer Katastrophe ständig hinter den Insignien des Wohlstands, hinter den 300-Dollar-Korkenziehern und Amazon-Aktien lauern.

"Wut" entfacht ein Fegefeuer der Eitelkeiten, welches stets drauf und dran ist, von einer Explosion verschlungen zu werden. "Ich hatte das Gefühl, sehr schnell arbeiten zu müssen", sagt Salman Rushdie, der mit diesem neuen Roman bewiesen hat, dass er zumindest als Seismograf unserer Zeit konkurrenzlos dasteht.

* Salman Rushdie: "Wut". Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler Verlag, Berlin; 396 Seiten; 19,90 Euro. Das Gespräch führte Redakteur Thomas Hüetlin in New York. * Mit Licht-Türmen, die am 11. März an die zerstörten Twin Towers erinnerten.

DER SPIEGEL 13/2002
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