Von Knöfel, Ulrike
Von Hektik hält er nichts, "die schadet unserer Arbeit", sagt Wladimir Mesenzew. Er muss es wissen. Im Katharinenpalast von Zarskoje Selo nahe St. Petersburg koordiniert er ein 50-Mann-Team, das bis zum Mai 2003 immerhin die perfekte Kopie des legendären Bernsteinzimmers vollendet haben soll.
Das verschollene Original, eine Wanddekoration aus dem frühen 18. Jahrhundert, wurde wegen seines kostbaren Materials und der kunstvollen Schnitzereien auch schon mal als "achtes Weltwunder" gefeiert. Ein solches nachzuschöpfen kann dauern. In diesem Fall sind es bald zwei Jahrzehnte.
Seit zweieinhalb Jahren sponsert der deutsche Energiekonzern Ruhrgas diese Wiederauferstehung. Das Essener Unternehmen verschickt zwar gern Pressemitteilungen, die indirekt sehr wohl zur Eile mahnen, etwa mit Sätzen wie: "Die russischen Restaurateure kennen ihren Termin genau." Doch auch das bringt Mesenzew nicht aus der Ruhe: "Wir schaffen das schon."
Alles andere wäre blamabel, findet er. Wenn die Stadt St. Petersburg 2003 ihr 300jähriges Bestehen feiert, soll das Bernsteinzimmer die Hauptattraktion sein. Präsident Wladimir Putin will den Raum zum Abschluss des G-8-Gipfels in St. Petersburg nächstes Jahr in Anwesenheit weiterer Politprominenz und vieler Kameras der Öffentlichkeit übergeben.
Mesenzew und seine Kollegen aber sorgen sich eher um die Zeit nach dem Eröffnungspomp: "Wir freuen uns darauf, das Zimmer nach vielen schweren Jahren vollendet zu sehen. Aber viele hier fragen sich, ob sie danach noch Arbeit haben werden."
Das Zimmer selbst, inzwischen zu mehr als zwei Dritteln fertig gestellt, wird garantiert vom Mythos des Originals profitieren: Es war 1716 vom preußischen Königshaus nach Russland verschenkt worden, wo es später unter anderem um vier wertvolle florentinische Mosaik-Tafeln ergänzt wurde - und hatte im Zweiten Weltkrieg die Gier der Wehrmacht geweckt. Die ließ das honiggelbe Weltwunder made in Preußen im Katharinenpalast ab- und im Königsberger Schloss aufbauen. Gegen Kriegsende wurden die Paneele in Kisten verpackt - und sind seither nicht wieder gesehen worden.
Regelmäßig wird über den Verbleib spekuliert: Ist das Ensemble entweder beim Brand des Königsberger Schlosses zerstört worden, oder haben die Nazis es damals noch versteckt, und wenn, dann wo, und in welchem Zustand ist es heute? Als vor fünf Jahren in Bremen und in Berlin zuerst eines der Mosaikbilder, dann eine Kommode aus dem Bernsteinzimmer auftauchten, war das eine Sensation - doch es blieb bei diesen Funden.
Filme sind über die Jagd nach der verlorenen Vertäfelung gedreht worden und mehr oder weniger seriöse Bücher erschienen. Ende April will auch Heinz Schön, als Chronist des "Gustloff"-Untergangs bekannt, ein Buch zum "Geheimnis des Bernsteinzimmers" herausbringen - und darin mal eben belegen, wo sich das Ensemble befindet. Er vermutet es noch in Königsberg.
Schatzsucher, die sich ihrer Sache ebenso sicher waren, stiegen aber auch schon in sächsische Stollen hinab, wähnten das Schmuckstück bei Göttingen oder in Franken - bewiesen wurde bisher nichts.
Die Restauratoren, Juweliere und Steinschneider in Zarskoje Selo mussten sich während all der Jahre an Fotografien aus der Vorkriegszeit und ein paar Bernsteinkrümeln orientieren, die wohl beim organisierten Kunstklau durch die Deutschen abgebröckelt waren. Tausende von Details wurden, oft unterm Mikroskop, nachgeschnitzt: virtuos verschlungene Ornamente und ganze Genreszenen.
Als Moskau 1979 die Rekonstruktion beschloss und in den achtziger Jahren die Werkstatt einrichtete, hatten die Handwerker erst jahrelang die alten Arbeitstechniken erlernen müssen. Nie zuvor sei das zerbrechliche Bernstein in dieser Weise und Menge in Russland verarbeitet worden, sagt Marina Trufanowa, Vize-Chefin des Projekts.
Es waren andere Probleme, die das Vorhaben beinahe zum Scheitern gebracht hätten. Ein Kilo Bernstein kostet im Schnitt 400 Dollar, und in Zarskoje Selo wurden Tonnen davon gebraucht. Vor allem zu Zeiten der Perestroika fehlte das Geld. Beinahe hätte auch der Ruhrgas-Konzern sein Angebot zurückgezogen, mit 3,5 Millionen Dollar das gefährdete Projekt zu unterstützen - weil Russland ursprünglich Steuern auf die Hilfszahlung erheben wollte.
"Heute steht uns genug Bernstein zur Verfügung. Heute beherrschen wir eine seltene und hohe Kunst. Aber was machen wir in Zukunft daraus?", fragt Trufanowa. Viele der Handwerker in Zarskoje Selo lebten seit Jahren, einige seit fast zwei Jahrzehnten, nur dafür, das Bernsteinzimmer wiederherzustellen, sagt sie. "Soll jetzt Schluss sein?" Vielleicht werde die Werkstatt ja weitergeführt, hofft sie. Sie und ihre Kollegen würden gern Restaurierungsaufträge übernehmen, Ausstellungen organisieren und Andenken aus Bernstein für den Verkaufsshop im Schloss produzieren.
Viel hängt für sie vom Erfolg des neuen Bernsteinzimmers ab. Mesenzew fürchtet umso mehr, bei der Eröffnung keine Überraschung bieten zu können. Die Besucher des Palastes verfolgten ja schon seit Jahren jeden Fortschritt. "Wer soll da bei der Eröffnung noch staunen?"
Damit ein Rest von Spannung erhalten bleibt, wird der Saal Ende dieses Monats für die Öffentlichkeit geschlossen.
ULRIKE KNÖFEL
DER SPIEGEL 13/2002
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