Von Sparschuh, Jens
Das Wort Heimat hat in der deutschen TV-Geschichte einen guten Klang: Edgar Reitz löste 1984 mit seiner im Hunsrück spielenden, 1919 einsetzenden elfteiligen Chronik "Heimat" Begeisterung bei Publikum und Kritik aus - und die Schilderung des Lebens im Dorf Schabbach traf auch den fortschrittsskeptischen Zeitgeist. Weniger erfolgreich war Reitz' Versuch, neun Jahre später mit "Die zweite Heimat" die Hunsrück-Chronik im München der sechziger Jahre fortzuschreiben. Was in der Dorfgeschichte überzeugend gewirkt hatte, verlor sich ins Anekdotische. Folge: ein Quotendesaster.
Nun legt das ZDF die Saga "Liebesau - die andere Heimat" vor. Aus Respekt vor Reitz verzichtete der Sender darauf, den Vierteiler (Dienstag, Donnerstag, Sonntag und kommender Montag, jeweils 20.15 Uhr) "Heimat Ost" zu nennen. Autor Peter Steinbach, der auch am Schabbach-Epos mitgeschrieben hat, und Regisseur Wolfgang Panzer machen das fiktive Dorf Liebesau zur Bühne der DDR-Geschichte, zu den Darstellern gehören Stars wie Jörg Schüttauf und Katharina Thalbach.
Für den SPIEGEL bespricht der in der DDR aufgewachsene Schriftsteller Jens Sparschuh ("Der Zimmerspringbrunnen" ) die TV-Saga. Das jüngste Werk des 46-Jährigen, "Wust. Grubers Reise in die Mark", erscheint 2003 im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Die junge Dame an der Hotelrezeption in Leipzig sprach zwar fehlerfrei Sächsisch, war aber auch des Westdeutschen mächtig. "Kein Problem", sagte sie, als ich nach einem Videorecorder fragte. Sie griff sofort zum Telefonhörer.
Gedankenlos hatte ich die vier Videokassetten auf dem Tresen abgelegt; jetzt erst merkte ich, wie entgeistert sie den Titelaufkleber las: "Liebesau". Unsere Blicke trafen sich kurz. Sie lächelte, den Umständen entsprechend, übrigens ziemlich professionell.
Der Titel ist eine Falle. Er ist darauf angelegt, dass wir uns planvoll in ihm verlesen und uns alles zunächst erst einmal falsch zusammenbuchstabieren. Wie bitte? Gerade hatte man noch gehört, dass zur öffentlich-rechtlichen Grundversorgung in der Hauptsendezeit jetzt sogar schon "Adelsromanzen" gehören sollen. Und nun das? Da fragt man sich doch!
Viel Spaß, sagte die Frau an der Rezeption.
Es ist die Geschichte von Greti und Karli - nicht die von Krethi und Plethi, obwohl die auch eine Rolle spielen. Greti Fechner ist Großbauerntochter, Karli Schönstein der Sohn des späteren LPG-Vorsitzenden. Das ist das Problem. Er will sie. Sie will ihn. Sie sind einander versprochen. Er will später mal in die Chemie, sie in die Zündholzfabrik. Es könnte alles so schön sein! Es kommt aber immer etwas dazwischen und dann, 1961, auch noch die Mauer. Sie ist seit 1953 im Westen und kommt immer mal als Westbesuch nach Liebesau zurück. Das Leben vergeht. Dann kriegen sie sich - noch nicht ganz. Und dann 1989 ... aber man soll nicht alles vorher verraten.
In dieser Weise ließe sich klappentextmäßig der Plot dieses Films hererzählen. Klappe zu und - das war's. War es das?
Vier Folgen soll also das Ganze dauern, fragt man sich bange, jeweils gruppiert um historische Daten, die sich wie Stationen eines langen, mühsamen Passionswegs durch den real (nie) existierenden Sozialismus lesen lassen: 17. Juni 1953, 13. August 1961, 7. Oktober 1979, 9. November 1989. - (Nur bei der dritten Station war ich mir nicht ganz schlüssig, da musste ich nachschauen: 30. Geburtstag der DDR. Aha! Den hatte ich doch glatt vergessen!)
Insgesamt hört sich das schon sehr verdächtig nach einem Historienschinken aus der jüngeren deutschen Vergangenheit an. Das kann doch nur schief gehen. Aber, es gibt ein bewährtes Zaubermittel: Die Liebe, das alte Versteckspiel von Lust und Leid, ist über die vier Folgen im Gange bis zum Happy - oder, sagen wir zumindest: bis zum End.
Die Raffinesse des Titels enthüllt sich erst auf den zweiten Blick. Zunächst ist das ein Ortsname. Der Schauplatz für diese deutsch-deutsche Liebesgeschichte ist passend gewählt: ein Dorf in Sachsen-Anhalt, Wiesen, Felder, Auen. Dort sieht Deutschland noch ungefähr so wie Deutschland aus.
Aber könnte es sich bei "Liebesau" nicht auch um eine Zustandsbeschreibung schöner Seelen handeln, die der Liebe - mit all ihrem Ach! und Au! - anheim gefallen sind: Liebeslust und -au?
Die ästhetische Schule des "sozialistischen Realismus" (gest. anno 1989) kannte für derlei Konstellationen das praktische Rezept: "Eine Liebe in den Kämpfen unserer Zeit". Offenbar erfreut sich zumindest diese eine Formel aus dem alten, kampferprobten Arsenal noch postmortaler Verwendungsfähigkeit.
Ich habe übrigens extra noch mal nachgeschaut. Im alphabetischen Register meines verblichenen DDR-Atlas gibt es kein Liebesau. Wo es liegen müsste, zwischen einem Liebertwolkwitz (93 B) bei Leipzig und einem Liebesdörfel (99 C) bei Dresden - nichts. "Liebesau" ist also ein fiktiver Ort. Und die vermuteten Seelenzustände - liegen die auch im raumzeitlichen Nirgendwo des Irgendwo?
Im Juni 1953 setzt die Handlung ein. Ein halbes Jahrhundert zuvor, am 16. April 1902, schrieb ein Rezensent des "Bremer Tageblatts", Herr R. M. Rilke, über den Romanerstling eines damals 26-jährigen Jungautors, der den Versuch unternommen hatte, die Geschichte vom Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie zu erzählen: "Noch vor einigen Jahren hätte ein moderner Schriftsteller sich damit begnügt, das letzte Stadium dieses Verfalls zu zeigen, den Letzten, der an sich und seinen Vätern stirbt. Thomas Mann hat es als ungerecht empfunden, in einem Schlusskapitel die Katastrophe zusammenzudrängen, an welcher eigentlich Generationen arbeiten, und er hat, gewissenhaft, dort begonnen, wo der höchste Glücksstand der Familie erreicht ist ..."
Es ist alles eine Frage der Fallhöhe. Nun kann man zwar "Liebesau" wirklich nicht vorwerfen, es habe die Katastrophe - und die schließliche, sagen wir da: Katharsis? - in einem einzigen Schlusskapitel zusammengedrängt. Es sind ja vier Stationen. Die aber bedeuten alle, jede für sich, Abgesang und Ende einer vorherigen Entwicklung. Insofern drängt sich die Geschichte also tatsächlich zusammen auf abschließende Haupt- und Staatsaktionen. Am Anfang des Films, Juni 1953, fing die DDR doch schon irgendwie an aufzuhören.
Die Autos, die im ersten Teil herumfahren, sind noch Automobile, und die Menschen sehen genauso aus wie in meiner alten, zerfledderten Schulfibel aus dem Verlag Volk und Wissen: hagere Männer mit Anzug, Hut, Schlips und Aktentasche, die Mädchen in wehenden Röcken. Vielleicht roch es deshalb beim Hinsehen und Hinhören manchmal nach Schule und Tafelkreide. Das alte Sitzenbleibergefühl: als sollte ich hier noch einmal auf die Schulbank zurückversetzt werden.
Dass die Höhepunkte der DDR-Geschichte zugleich Tiefpunkte markierten, wird im dritten Teil, 1979, deutlich. Es ist keine billige Pointe, sondern ein Kunstgriff dieses Films, dass nun ausgerechnet am 30. Jahrestag der DDR der gute alte, allseits beliebte LPG-Vorsitzende Schorsch Schönstein beerdigt werden muss.
Gerade an diese gloriosen Jahres- und Feiertage, wo es Aufmärsche und Umzüge bis zum Umfallen gab und die maroden Häuserfassaden fast unter den Beflaggungen verschwanden, erinnere ich mich mit ziemlich ungemischten Gefühlen. Was, fragte man sich da beklommen, 30 Jahre schon? Wie lange soll denn das noch so gehen? Dunkelheit. Schnitt.
Als man mich gebeten hat, mir diesen Vierteiler anzuschauen, wusste ich am Anfang nicht genau, ob da nicht auch eine zarte voyeuristische Absicht dunkel im Hintergrund Pate gestanden hatte. Vielleicht sollte das ja auch ein Test sein, ob meine Reflexe noch stimmen? Wenn in das häusliche Latschenkino nun an vier Abenden die Kampfgruppe der DDR einmarschiert, ganze Wagenladungen singender FDJlerinnen aufgefahren werden, ein Blasmusikgebläse loströtet, schwarz-rot-goldene Fahnen (mit Emblem!) wehen, die uralten Reden gehalten und Sprüche geklopft werden, bis kein Stein mehr auf dem andern bleibt - was empfindet denn da so ein Ex?
Nichts.
Wirklich. Und da geht es mir sicher so wie vielen in, nunmehr aus, der DDR.
Manchmal hatte ich den Eindruck, als solle hier der Osten mit ganz einfachen Worten, zur Not auch mit Händen und Füßen, veranschaulicht werden. So wie man eben Leuten, die etwas schwerer von Begriff sind, komplizierte Sachen erklärt. Zur Not eben mit dem Holzhammer. Wenn der Parteisekretär so ist, wie er ist, und einen hat - warum muss er da auch noch Gen. Hammer heißen? Dass er im "Parteiapparat" ist (ich hatte dieses Wort fast vergessen), sagt doch viel mehr.
Die Verkäuferin hängt mit wahrer Affenliebe ihr Ulbricht-Bild auf. Ich bin ratlos. Vielleicht gibt es ja doch die Gnade einer späten Geburt.
Wird hier die DDR nicht einfach nur "vorgeführt"?
Aber so schlimm war es doch gar nicht, denke ich: Es war noch viel schlimmer.
"Wir haben die Wahrheit auf unserer Seite, aber wir sagen sie uns nicht mehr", heißt es einmal zwischen zwei hohen Genossen im Film. Das ist wahr. Und es ist zugleich falsch. ("Die haben die Wahrheit zwar gepachtet, aber nicht im Besitz!", erklärt ein DDR-Aperçu der achtziger Jahre diese für Außenstehende etwas verwickelte Situation.) Das Schlimme ist, dass sie Recht hatten - und im selben Atemzug so gnadenlos Unrecht.
Den Filmleuten bin ich sehr dankbar, dass sie mir einen der Schlüsselsätze aus dem klassischen Repertoire der sozialistischen Ideologie in die Erinnerung zurückgerufen haben: "Es geht um die Sache!" Wenn keiner mehr wusste, was überhaupt los war und worum es eigentlich ging, sprach der Parteisekretär, halblaut, mit wissend in die Ferne glühenden Augen, diese Zauberformel aus - und brachte damit alle zum Schweigen. Vorläufig.
Die bloße Tatsache, hier, im Osten, geboren zu sein und gelebt zu haben, macht mich nun aber weder automatisch zum Experten für Staatsuntergänge noch zum Nostalgiker vom Dienst. Eine Club-Cola- Flasche erscheint oder ein altes rotes Sparkassensparbuch: sanfter, nostalgischer Druck auf die Tränendrüse - und schon geht's los? Nein, so einfach läuft das nicht.
Nostalgie = [krankhaftes] Heimweh (griech.). Die Sache wird dann jedoch schwierig, wenn sich das Heimweh nach Nirgendwo richtet. Da scheint Heilung ja von vornherein ausgeschlossen zu sein.
Als Überlebender eines Staatsuntergangs ist man natürlich der denkbar schlechteste Zeuge. Man ist befangen, so oder so. Ein bisschen was vom mentalen oder materiellen Sperrmüll schleppt man noch immer mit sich herum.
Bei den Dreharbeiten, so habe ich gelesen, soll es einmal zu einem tief schürfenden Streit um die historische Wahrheit gekommen sein. Drehbuchautor Peter Steinbach behauptet, es habe 1978 in der DDR noch keine Klappfahrräder gegeben. Die Schauspielerin Anja Kling behauptet das Gegenteil. Ich behaupte, es gehört zu den Vorzügen von "Liebesau", dass es sich nicht in folkloristischer DDR-Kleinteiligkeit erschöpft. Dass sich zwei Leute verlieben, so was kommt vor, weltweit. Und dass manchmal eine unüberwindbare Grenze dazwischenkommt, auch. (Siehe, zum Beispiel, "Adelsromanzen", Stichwort: Standesgrenzen).
Die spezielle deutsch-deutsche Wirklichkeit mischt sich hier eben auf ihre Art, ziemlich ungeniert in eine Liebesgeschichte ein, indem sie ihr die Dramaturgie "Westbesuch" vorschreibt. Und über Wohl und Wehe entscheidet da manchmal eine "Einreiseerlaubnis".
Einmal hat mich der Film ganz kalt erwischt. Der "Filmverführer" aus Coswig, nebenberuflich ein ehebrechender Hallodri (Künstler eben!), ist nach Liebesau gekommen und spult dort wie jeden Donnerstag sein Dorfkinoprogramm ab: Kulturfilm, Augenzeuge, Hauptfilm.
Donnerwetter, was es alles mal gegeben hat, dachte ich sofort innerlich gerührt und wollte mich schon, eingedenk des knallharten Werbevorspiels, um das man heute nicht mehr herumkommt, bequem kulturkritisch und selbstgerecht im Sessel zurücklehnen.
Es wurde ein schwarz-weiß Originalfilmausschnitt aus dem "Augenzeugen", der DDR-Wochenschau, gezeigt. Darin ging es um Esmeralda - Lebensweg und Schicksal eines DDR-Suppenhuhns in spe. Nicht, dass es mit der Massentierhaltung damals schon so schlimm wie heute gewesen wäre, das nicht. Aber dieser Sprecher! Es war exakt der Tonfall eines Sprechers der Nazi-Wochenschau, der nur ein bisschen die Stimme verstellt hat. So wie man sich den "netten Onkel von nebenan" vorzustellen hat. Diese beschwingt-zynische Art, in der vom "letzten Weg" des Huhns (in den Suppentopf) geredet wurde. Unglaublich!
Die Hühner spielen überhaupt eine tragende Rolle in diesem Film. Kein Wunder, Liebesau ist da führend im Republikmaßstab. Und weil die Arbeit, wie wir wissen, den Menschen formt, geht es in der sozialistischen Dorfgemeinschaft der Liebesauer auch oft wie auf einem Hühnerhof zu. Ständig sind sie auf den Beinen, rennen in Scharen hierhin, in Scharen dorthin. Eine traurige Lachnummer ist das manchmal - da wird das Dorf mit den Mitteln des Dorftheaters beschrieben.
Aber am Ende verschaffen die Hühner Jörg Schüttauf dann doch einen ganz großen Auftritt. 1989, als Menschen und Hühner für einen kurzen Augenblick der Geschichte frei sind und nicht wissen, wohin mit sich in der Welt, ein Zustand wundervoller Anarchie - wo selbst Otto, der zu Herzen gehende Dorfpolizist, feststellen muss: "Die Deutsche Volkspolizei hat die Lage nicht mehr im Griff" -, da steht Karli, der Ex-LPG-Vorsitzende, heulend auf dem schneeweißen Dorfplatz: Die Hühner sind aus ihrer Legehaltung freigekommen und rennen alle wild durcheinander.
Karli redet ihnen ins Gewissen. Mensch, sagt er ihnen, ihr hattet es warm, hattet Futter, hattet Musik, hattet eine sorgsame Aufsicht, ihr hattet eine Perspektive. Ihr werdet doch frieren, ihr Arschlöcher von Hühnern! Sie verstehen ihn nicht.
Und wenn Schüttauf dann so tränennassblauäugig guckt, du lieber Mann!, das hat Größe, und es ist, im Unterschied zum "Augenzeugen", überhaupt nicht zynisch.
Solche schönen, verrückten Momente der Wahrheit gibt es in diesen viermal anderthalb Stunden DDR. "Schön wär's ja, freie Wahlen", sagt eine LPG-Bäuerin und nimmt einen Zug aus der Westzigarette, "ich weiß gar nicht, was das ist."
Oder wenn die Leute von Liebesau 1989 unter der Kampflosung "Wir wollen nach Mallorca!" durchs Dorf marschieren - und ein völlig verzweifelter Bürgermeister Severitz (meisterhaft verkörpert von Dieter Wien) ihnen zuruft: "Was wollt ihr denn da!?": Da möchte man doch sofort in einen tieferen Gedankenaustausch mit diesem wunderlich weitsichtigen Manne treten.
Dass es keine mürbe Historienaufarbeitung geworden ist, liegt - paradoxerweise - gerade am hohen DDR-Bestandteil dieses Films: an den DDR-Schauspielern. Sie sind - und hier stimmt das Wort einmal - das "Humankapital" dieses Vierteilers.
Nicht nur, dass das exzellente Schauspieler sind, das sind außerdem noch welche "von uns", alte Bekannte. Diese Mimen sind Teil der DDR-Geschichte. Man war zusammen jung, nun wird man zusammen alt. Nach der Wende waren viele von ihnen in der Versenkung irgendwelcher Vorabendserien verschwunden. Jetzt sind sie wieder da.
Dass die kleine und die große Thalbach (ach was, groß sind sie alle beide!) ihre Rollen grandios meistern würden, das war mir klar. Aber kann auch ein Westdeutscher wie Martin Wuttke überzeugend einen LPG-Vorsitzenden spielen? Es gelingt ihm glänzend, weil er sich ohne alle Berührungsängste hemmungslos in ihn hineinversetzen kann.
Aber ist das nicht trotz allem eine müßige Geisterbeschwörung? Was nutzt der dauernde Blick zurück? Braucht es die gute alte böse DDR wirklich noch, um Nostalgie zu empfinden? Inzwischen scheint sie zur fledermausumwehten Fluchtburg für obdachlos herumstreunende Sentimentalitäten aller Art geworden zu sein. Unheimlich, wie sie da postum zu voller Größe aufwächst.
Liegt es daran, dass die Heimatvertriebenheit auf grundsätzliche Art längst überall an der Tagesordnung ist? Da geht es doch den Menschen wie den Leuten, ob die nun in Leipzig oder Köln, in Rostock oder München wohnen. Hier wie da fallen die alten Koordinatensysteme in sich zusammen. Den Eindruck, im falschen Film zu sitzen, hatte ich nicht bei diesem Film. Ich habe ihn neuerdings immer öfter in der Wirklichkeit. Ein "Ewiggestriger" möchte man zwar nicht sein. Aber ein "ewiger Heutiger"? Das ist auch keine Alternative.
Neulich auf der Post sagte mir die Frau am Schalter diskret: Wir verkaufen jetzt auch Strom. Klar, sagte ich, etwas anderes habe ich auch gar nicht von Ihnen erwartet. Diese um sich greifende Ortlosigkeit ist eine Bodenlosigkeit: eine neue Form der Enteignung und Zwangskollektivierung.
Erscheint die zubetonierte DDR, dieser große staatliche Kindergarten, manch einem deshalb schon wieder wie ein Paradies? Das wäre zwar idiotisch, aber so etwas hat ja, so viel ich weiß, noch nie jemanden gehindert. In welch rosarot mildes Licht inzwischen diese alten Geschichten getaucht sind!
Als ich am nächsten Morgen, noch bleich von dieser Überdosis DDR, den Schlüssel an der Rezeption abgab, hatte die junge Dame vom Vortag wieder Dienst. Sie erinnerte sich sogar. Ob denn mit den Videos alles geklappt habe, fragte sie, sie sah dabei ernst auf den Bildschirm und tippte meine Rechnung ein.
Ja klar, sagte ich, kein Problem.
Vom Alter her könnte sie gerade noch Jungpionier gewesen sein.
Mensch, dachte ich, ich könnte dir Geschichten erzählen. Die ich heute Nacht gesehen habe - und noch ganz andere. Da müsstest du mich bloß mal fragen.
Telefon? Minibar? Pay-TV?, fragte sie mich. Was soll's! - Aber du solltest dir das unbedingt mal ansehen. Du bist jünger und verstehst das alles vielleicht schon viel besser als ich. Ich habe damals gelebt. Ich werde es sowieso nie ganz begreifen.
Das hatte ich ihr noch sagen wollen. Aber die Reihe war weitergegangen, ich hatte meine Rechnung in der Hand. Sie verhandelte inzwischen mit dem nächsten - und zwar in ihrem hinreißenden Idiom, Angelsächsisch. Das hörte ich noch, bevor mich die automatische Drehtür endlich aus diesem Glaskasten heraus wieder ins Freie drehte. Ein Stein fiel mir vom Herzen.
DER SPIEGEL 14/2002
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