Von Stockinger, Günther
Auch bei seiner letzten Operation wollte der erfahrene Chirurg nicht auf sein gewohntes Handwerkszeug verzichten. Er betäubte sich beide Leisten mit einem lokal wirksamen Narkosemittel. Dann präparierte er mit dem Skalpell beide Oberschenkelarterien frei.
Mit einem schnellen Schnitt durchtrennte er schließlich die linke Arterie - Minuten später war sein Körper nur noch eine leblose Hülle. Von seinem blutreichen Ende bekam der Lebensmüde nichts mehr mit: Rechtzeitig hatte er sich einen äthergetränkten Wattebausch vor die Nase gehalten.
Ausgerechnet die Mediziner, die eigentlich Leben retten sollen, bringen sich doppelt so häufig um wie Angehörige anderer Berufsgruppen; bei Ärztinnen liegt die Selbstmordrate sogar vierfach über dem Durchschnitt.
Pro Jahr verzweifeln 100 bis 200 deutsche Mediziner am Leben. Die Tendenz zum Freitod ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. "Mindestens einmal im Monat", berichtet Bernhard Mäulen, Psych-iater und Psychotherapeut in Villingen-Schwenningen, der selbst mehr als hundert Ärzte in seiner Praxis betreut, "kommen Kollegen mit Selbstmordgedanken zu mir. Früher ist mir das nur selten passiert."
Eingeweihte rechnen mit einer hohen Dunkelziffer: Aus Rücksicht auf die Angehörigen der Kollegen scheuen sich viele Ärzte, die wahre Todesursache auf dem Totenschein zu vermerken. Zudem lassen sich die von den lebensmüden Heilern verwendeten Arzneistoffe mit toxikologischen Routinemethoden häufig gar nicht erkennen. Die tatsächliche Zahl der Mediziner-Selbstmorde, so schätzen Experten, könnte deshalb bis zu zehnmal höher liegen.
Die ärztliche Fachpresse reagiert auf die steigenden Fallzahlen verstört: "Warum bringen sich so viele Ärzte um?", fragte unlängst die "Münchener Medizinische Wochenschrift" ratlos.
Bislang schien der Freitod vor allem ein Problem von Psychiatern zu sein. Doch neuere Untersuchungen zeigen, dass auch Chirurgen und Anästhesisten, Internisten, Praktiker, Gynäkologen und sogar Augenärzte als besonders selbstmordgefährdet gelten müssen.
Viele der Suizidenten legen in der Klinik oder in der Praxis Hand an sich. Mit professionellem Wissen mixen sie Medikamentencocktails, die garantiert tödlich wirken - an die notwendigen Substanzen gelangen sie ohnehin so leicht wie niemand sonst.
Jeder dritte lebensmüde Mediziner wählt nach einer Untersuchung von Bonner Rechtmedizinern Infusionen oder Injektionen als Todesmethode. Jeder vierte schluckt Tabletten in ausreichender Menge. Aber auch die klassischen Selbstmordtechniken wie Erhängen oder Erschießen werden gewählt - nur von Brücken oder Hochhäusern stürzen sich Ärzte offenbar nie.
Dem gelernten Handwerk bleiben die meisten auch bis zum bitteren Ende treu. Anästhesisten befördern sich mit intravenösen Narkosen ins Jenseits. Andere benutzen Verweilkanülen und Infusionsbestecke, um die tödlichen Mittel schmerzlos in den Organismus rauschen zu lassen. Ein lebensmüder Anästhesist beispielsweise spritzte sich ein Curare-ähnliches Muskelrelaxans und verfolgte dann bei klarem Bewusstsein, wie seine Atemtätigkeit allmählich erschlaffte.
"Es ist erschütternd", kommentierte das Fachblatt "Medical Tribune" die Neigung zur tödlichen Perfektion, "wie hoch spezialisierte Kollegen ihre Fähigkeiten fast kaltblütig nutzen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen."
Typisch für die Inszenierung des eigenen Endes ist der minutiös in Szene gesetzte multiple Selbstmord: In einem Fall schluckte ein lebensmüder Mediziner eine Überdosis des Schlafmittels Chloralhydrat, spritzte sich Morphium, stellte sich mit einer Schlinge um den Hals auf einen Stuhl - und schoss sich mit der Pistole ins Herz.
Auch die 1999 bei der Bundeswehr zu Tode gemobbte Fliegerärztin Christine Bauer nahm einen Cocktail aus Alkohol und Tabletten zu sich und spritzte sich anschließend noch eine hohe Dosis Insulin in die Vene. Dennoch erlag sie erst zwei Jahre später ihrer Verzweiflungstat - so lange überlebte sie im Koma.
Die Gründe für die zunehmende Selbstmordneigung unter den Medizinern sind bisher kaum erforscht. Liegt es womöglich am härteren Kampf ums Geld? Mäulen hält das für denkbar: "Wegen finanzieller Pleiten musste sich früher keiner von uns umbringen, da ging es eher darum, wohin mit der vielen Kohle." Heute äußern Mediziner, die sich kurz vor dem Bankrott wähnen, immer häufiger Selbstmordabsichten.
Eine weitere Erklärung: Viele Ärzte vernachlässigen ihr Privatleben. Sie verausgaben ihre Kräfte und ihr Engagement für Patienten und Karriere; doch zu Hause führen sie eine emotional verarmte Beziehung. Mäulen: "Aus klinischer Sicht habe ich selten so viele asexuelle Ehen in einem Berufsstand gesehen wie bei den Ärzten."
Wenn es in der Beziehung nicht mehr weitergeht, verlieren viele Mediziner den Boden unter den Füßen - wie im Mai 1995 im Fall des international renommierten Münchner Augenchirurgen Jürgen-Hinrich G., der sich nach einer Auseinandersetzung mit seiner Frau mit dem Revolver in den Mund schoss.
Bei anderen reicht schon die Dauererschöpfung im Job, um den Lebensnerv zu ruinieren. Die durchschnittliche Arbeitszeit deutscher Ärzte liegt bei 54 Stunden pro Woche. Jeder dritte Mediziner ist nach einer repräsentativen Umfrage vom vergangenen Jahr mit seiner Lebensqualität unzufrieden. Die große Mehrzahl würde den eigenen Kindern dringend vom Heilberuf abraten.
Nicht wenige flüchten sich in die Sucht: Rund 20 000 deutsche Mediziner sind nach Schätzungen von Experten suchtkrank. Mehr als die Hälfte von ihnen ist laut Matthias Gottschaldt, Leitender Arzt an einer Spezialklinik im Schwarzwald, alkoholabhängig. Fast jeder dritte von ihnen braucht sogar gleichzeitig Alkohol und Medikamente, um am Arbeitsplatz bestehen zu können - Alarmsignale, die eine überdurchschnittliche Selbstmordneigung plausibel machen.
Vom Job überfordert fühlen sich vor allem junge Assistenzärzte an den Krankenhäusern, die nach dem Studium brutal im Klinikalltag aufwachen. Jeder zehnte fühlt sich laut einer aktuellen Studie durch schwierige Patienten wie Krebskranke überfordert. Jeder dritte Anästhesist reagiert hilflos bei der Behandlung chronischer Schmerzpatienten. Und jeder fünfte Gynäkologe in der Facharztausbildung kann mit depressiven Patientinnen nicht umgehen. Kein Zufall also, dass es unter Jungmedizinern vor allem in der schwierigen ersten Berufsphase zu Suiziden kommt.
Aber auch bei erfahreneren Kollegen geschieht es, dass sie an den psychischen Belastungen im Klinikalltag zerbrechen. Den Berliner Psychiater Peter N. etwa zermürbte die Arbeit als Chefarzt im Maßregelvollzug: Er könne den Menschen in der U-Bahn nicht mehr in die Augen sehen, schrieb er in seinen letzten Aufzeichnungen, wenn von ihm therapierte Straftäter rückfällig werden und wieder ein Verbrechen begehen.
Mit Kollegen sprach der als warmherzig geltende Mediziner fast nie über seinen inneren Zwiespalt. Im Alter von 45 Jahren erhängte er sich in seiner Kreuzberger Wohnung.
Noch am Tag vor seinem Freitod hatte er, nach außen hin fröhlich, an einem Kindergeburtstag teilgenommen.
GÜNTHER STOCKINGER
DER SPIEGEL 14/2002
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