09.04.1952

KOLONIAL-POLITIK

Die Jungfrauen von Tunis

Seit dreißig Jahren kennt Sidi El Amin Pascha, "Souverän des Königreiches Tunis" mit dem Titel eines Bey, kein größeres Vergnügen, als die Glockenschläge der über 200 Uhren seiner Sammlung zu synchronisieren. Als er im Jahre 1943 an Stelle seines "kollaborationistischen" Verwandten Moncef zum Bey erhoben wurde, ließ er neben dem Thron im goldenen Audienzsaal des Winterpalastes der husseiinitischen Dynastie zwei große vergoldete Standuhren aufstellen. Das blieb bis auf den heutigen Tag so ziemlich seine einzige selbständige Anordnung.

Es ist das Unglück des alten Herrn mit dem würdigen Vollbart, daß sich seine philosophische Sammler-Leidenschaft nicht mit der großen Weltenuhr synchronisieren läßt. Die Unruhe der mohamme-danisch-arabischen Völkerfamilie unterbricht immer wieder störend das beschauliche Tik-Tak.

Am Donnerstag der letzten Woche mußte Sidi El Amin sich von seinen Uhren trennen. So wollte es sein ältester Sohn, Prinz Chadli. Früher als sonst erfolgte in diesem Jahr die Uebersiedlung der königlichen Familie aus dem Winterpalast 20 Kilometer südlich Tunis in das Sommerschloß an der Mittelmeerküste in der Nähe von Karthago.

Es war eine Demonstration gegen die Maßnahmen von Frankreichs Jean de Hautecloque.

Am 25. März hatte der Generalresident Hautecloque nach wochenlangen Verhandlungen endlich die Zusage des Bey zu einer Aussprache unter vier Augen erhalten. Gegenstand: die seit Januar schwelende Aufruhrstimmung - nach de Hautecloque's Auffassung eine Folge der heimlichen Obstruktionspolitik der tunesischen Regierung Chenik.

Die 200 Uhren des Winterpalastes schlugen fast genau gleichzeitig ½11 Uhr, als de Hautecloque den Thronsaal betrat. Zur Rechten des Bey saß - mit einem höhnischen Zucken in den Mundwinkeln, aber sonst eisernen Gesichts - Tunesiens schnurrbärtiger Ministerpräsident Chenik.

De Hautecloque erstarrte zu Eis. Mit schneidender Stimme erklärte er, er habe um eine Unterredung mit allein Seiner Hoheit dem Bey nachgesucht.

Der Bey zögerte einen Augenblick, ehe er mit leiser Stimme vortrug: "Unsere Sorge um die kürzliche Entwicklung unseres Landes hat uns veranlaßt, uns direkt mit unserem Vetter, dem Präsidenten der französischen Republik, Herrn Auriol, in Verbindung zu setzen."

Wutentbrannt fuhr de Hautecloque nach Tunis zurück. Seit 0 Uhr des folgenden 26. März herrscht in Tunis Belagerungszustand. Ab 9 Uhr darf niemand mehr auf der Straße sein. "Bürgerwehren" werden aufgestellt, deren Mitglieder als Geiseln mit Leib und Gut für die Ruhe ihres Wohnbezirkes haften. Der mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung beauftragte General Garbay läßt am gleichen Tage Ministerpräsident Chenik und drei seiner Kabinettsmitglieder verhaften und in ein einsames Hotel am Rande der Sahara bringen: Bordj Philibert, 100 Kilometer südlich von Gabes. Auch Habib Burgiba, der im Januar auf die Halbinsel Tabarca verbannte Führer der Neo-Destour (der größten tunesischen Partei mit Autonomie-Programm), wird an einen Ort in der Wüste verbracht.

Als einzige entkamen dieser Verhaftungswelle ausgerechnet die beiden Kabinettsmitglieder Cheniks, die sich seit

Januar in Paris aufhielten. Sie warteten dort auf die Pässe, die ihnen die französische Regierung zur Fahrt nach Trygve Lie's New Yorker UNO-Hauptquartier ausstellen sollte. Sie wollen den Welt-Sicherheitsrat gegen Frankreich mobilisieren. Inzwischen nutzten sie die Zeit, um in Paris die Gesandtschaften aller mohammedanischen Staaten gegen Frankreich rebellisch zu machen.

Justizminister und Generalsekretär der Neo-Destour Ben Jussef und Sozialminister Badra erfuhren von den Verhaftungen ihrer Kollegen in Tunis durch einen Reporter der Pariser Zeitung "Le Monde". Der fragte sie am Morgen des 26. im Pariser Grand-Hotel ganz unbedarft nach ihrer Meinung über Jean de Hautecloque's Maßnahmen, von denen sie noch keine Ahnung hatten. Badras Meinung: "Bodenlose Schweinerei."

Noch später als Ben Jussef und Badra erfuhr Frankreichs Innenminister Brune von den Ereignissen in Tunis. Außenminister Robert Schuman entschuldigte sich, man habe in der Nacht - als de Hautecloque telefonisch berichtet hatte - das Innenministerium ganz vergessen. Brune gab empört zurück, die Vergeßlichkeit des Außenministeriums drohe - sobald es sich darum handele, das Innenministerium zu unterrichten - zur Gewohnheit zu werden.

Wenige Minuten hielt ein Wagen der Pariser Kriminalpolizei mit quietschenden Pneus vor dem Grand-Hotel. Zwei Beamte stürmten in den zweiten Stock bis zu den Zimmertüren, hinter denen laut Bericht des Beschattungsagenten die beiden tunesischen Minister am vergangenen Abend verschwunden waren.

Badra und Jussef saßen inzwischen schon in der Gesandtschaft des Königreichs Saudi-Arabien. Noch am gleichen Tage wechselten sie zur pakistanischen Botschaft. Am folgenden Tag brachte sie der aus der Nähe von Sedan stammende und mit heimlichen Grenzübergängen gut vertraute Fahrer des pakistanischen Botschafters in einem Packard über die Grenze nach

Belgien. Ueber Brüssel-Genf folgen sie Anfang der vergangenen Woche nach Kairo, von wo aus es ihnen gelang, 12 der 15 Staaten des arabisch-asiatischen Blocks für eine Demarche beim UNO-Sicherheitsrat gegen Frankreich zu mobilisieren. Den Vorsitz im Weltsicherheitsrat führt zur Zeit der pakistanische Vertreter Ahmed Bokhari.

Auf seinem Tisch häufen sich inzwischen dicke Stöße von dokumentarischem Material, das Jussef und Badra in ihrem Kairoer Büro, Hussein Pascha Memar Street 5, zusammenstellen lassen.

In der Präambel eines solchen Dokuments ironisiert Ben Jussef die Lehrsätze, die ihm einstmals die "professeurs" des Lycée Carnot in Tunis einpaukten: "Die Franzosen brüsten sich, daß sie das erste Volk gewesen seien, das den Kampf gegen Tyrannei, Unterdrückung und Despotismus aufgenommen habe ... Heute triefen ihre Hände von dem Blut und den Tränen der Witwen und Waisen ihrer unschuldigen tunesischen Opfer ... Frauen und Kinder werden in den kommenden Jahrhunderten die Geschichte der wilden Vergewaltigungen der Jungfrauen von Tunis erzählen."

Hauptpunkt von Jussefs Berichten sind die französischen Ausschreitungen bei einer "Säuberungsaktion" im Gebiet des Cap Le Bon Anfang Februar.

Mitte Februar hat Neo-Destour-Funktionär und Präsident der Landwirtschaftskammer in Nordtunesien, Tahar Ben Amar, in Paris einen Dokumentarbericht vorgelegt. Wenige Tage später bestätigten eine Untersuchungskommission der tunesischen Regierung, und auch die Korrespondenten von "Le Monde" und Associated Press, den Inhalt:

* in Keliba wurden 10 Personen erschossen oder erschlagen, eine Menge Häuser, sämtliche Läden und Cafés geplündert und zerstört und mehrere Frauen vergewaltigt,

* in Tazerka wurden 6 Frauen, deren Namen genannt sind, vergewaltigt und 4 Säuglinge im Alter zwischen 20 Tagen und einem Jahr getötet,

* in den Orten Menzel-Bu-Zelta, Beni-Kalled, Korba, #Hammam-El-Ohezaza, El Maamura usw. wurde geplündert, vergewaltigt, gemordet. Außerdem wurden überall der Bevölkerung schwere Geldbußen auferlegt.

Am 20. Februar erklärte General Garbay, Oberkommandierender der französischen Truppen in Tunis: "Es handelt sich um eine Verleumdungskampagne, um die Armee zu diskreditieren."

Gesundheitsminister Ben Salem konterte mit einem noch genaueren Bericht:

* Fatma Bentmohamed Ben Salagh Nachi, Alter 20 Tage, nach Abzug der französischen Truppen aus dem Hause ihrer Eltern mit geschwollenen, violett angelaufenem Gesicht in der Wiege vorgefunden; am nächsten Tag an den Verletzungen gestorben.

* Salah Ben Mohamed Ben Hassin, 45 Tage; von den Soldaten totgetreten.

* Zohra Bentbechir Gallab, fünf Monate; von einem Soldaten der Mutter aus dem Arm gerissen und auf den Boden geworfen; gestorben.

* Fadila Bentmohamed, 1 Jahr; von einem Soldaten zu Boden geworfen, tot vorgefunden.

10 Tage später wurden 9 Soldaten der französischen Armee vom 2. B. E. P. (Bataillon Etranger de Parachutistes) wegen der Ausschreitungen am Cap Le Bon vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Verhandlungen fanden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Die Strafen wurden nicht bekanntgegeben.

Wegen der Ausschreitungen der französischen Truppen wurde die amerikanische Botschaft bei Staatssekretär Maurice Schuman vorstellig. Die unsicheren Zustände im Protektorat gefährden die Mittelmeer-Strategie der NATO, in der Tunesien eine bedeutende Rolle spielt.

Zwingender aber als die amerikanische Kritik und die der anti-kolonialistischen Fraktion der Sozialisten im Palais Bourbon war die durch die Regierung Chenik bei der UNO erhobenen Klage gegen Frankreich. Es drohte eine Debatte über die französische Kolonialpolitik vor dem Forum der Welt. Frankreich mußte erreichen, daß das Kabinett Chenik durch eine Regierung ersetzt werde, die bereit wäre, die Klage bei der UNO zurückzuziehen. Nur so hatte Frankreich Aussicht, mit jedenfalls formalem Recht die Behandlung der Tunesien-Frage vor dem Sicherheitsrat ablehnen zu können.

Der Bey versuchte gegenüber dem Drängen der Franzosen auf Regierungswechsel "Häschen in der Grube" zu spielen. Wenn de Hautecloque ihn sprechen wollte, schützte er Krankheit oder dringende anderweitige Inanspruchnahme vor. Wenn sich eine Besprechung gar nicht umgehen ließ, saßen Ministerpräsident Chenik und Prinz Chadli mit höflichen, aber undurchdringlichen Gesichtern dabei. Die Tunesier hofften, die Verhandlungen über die Regierungsumbildung mit diesen Taktiken bis zur Weltsicherheitsrats-Konferenz hinziehen zu können.

Am 26. fuhr ihnen de Hautecloque gewaltig in die Parade. An Stelle des verbannten Chenik zwang er dem zitternden Bey die Ernennung Sala Eddin Bakkusch's zum Ministerpräsidenten ab. Bakkusch hatte sich schon in seiner ersten Ministerpräsidenten-Zeit von 1943 bis 1947 als loyaler Diener der Franzosen erwiesen.

Danach mußte der Greis einen Appell zu Ruhe an sein Volk erlassen: "Unser Kummer ist groß, wenn wir sehen, wie das tunesische Volk, über das unsere Ahnen und wir selbst immer mit Sorge und Liebe

gewacht haben, peinliche und schmerzliche Zeiten durchmacht ... Eine Lage von derartigem Ernst bewegt ganz besonders unseren lieben und großen Freund, den Präsidenten der französischen Republik; um auf seinen Appell zu antworten (Auriol hatte eine persönliche Botschaft an den Bey gerichtet), haben wir beschlossen, jene Abhilfemaßnahmen zu ergreifen, welche die gegenwärtige Lage erheischt. Wir haben einem klugen und aufgeklärten Mann die Verwaltung des Landes anvertraut."

Der "kluge und aufgeklärte Mann" ist Salah Eddin Bakkusch. Ende der letzten Woche verhandelte er immer noch vergeblich um die Bildung seines Kabinetts. Der einzige Posten, den er bisher besetzen konnte, war der des Außenministers. Außenminister ist entsprechend Protektoratsvertrag Jean de Hautcloque.

Auf dem Regierungsprogramm von Bakkusch steht als Punkt 1: Rücknahme der tunesischen Klage gegen Frankreich bei der UNO. Als Punkt 2 und Aequivalent hat Bakkusch die Zusage der Franzosen für eine Verfassungsreform anzubieten. Bakkusch gab den Plan über den tunesischen Rundfunk bekannt: "Er umfaßt mehrere Phasen und soll Tunesien langsam zu innerer Selbstverwaltung führen. Dies kann nur etappenweise geschehen. Statt neue Ministerien an tunesische Minister zu übergeben, müssen die jetzigen so umgestaltet werden, daß den französischen Verwaltungschefs tunesische Berater beigegeben werden, die auf diese Weise eine hervorragende Ausbildung genießen."

"Bei der Zulassung zur Beamtenschaft genießen in Zukunft Tunesier Vorzug vor den Franzosen. Gewisse Stellen jedoch, deren Liste noch veröffentlicht wird, bleiben den Franzosen vorbehalten.

Die Gesetzgebung bleibt weiterhin das Recht Seiner Hoheit des Bey, der sie in Form von Dekreten erläßt. Der Bey wird dabei von einem gesetzgebenden Rat unterstützt, dessen 30 Mitglieder ernannt werden. In absehbarer Zeit kann diese Ernennung durch Wahl ersetzt werden.

In jeder Gemeinde ist die Einrichtung eines Gemeinderates vorgesehen, der das Ortsbudjet bewilligt. (Der Plan sagt nicht, durch wen "die Einrichtung" erfolgt.)

In den größeren Gemeinden wird ein Stadtrat gewählt, wobei die Vertretung der Franzosen nach einer Parität erfolgt, die in jedem einzelnen Falle festzusetzen ist. In allen großen Städten ist von vornherein die gleiche Anzahl von Franzosen und Tunesiern als Stadtverordnete vorgesehen."

"Eine zweite Phase der Reformen wird fünf Jahre nach Beginn der ersten vorgenommen. Das Durchführungstempo der zweiten Phase ist abhängig von dem Erfolg der ersten."

Dieser Reform-Plan hat bisher keinen Tunesier veranlassen können, dem Kabinett Bakkusch beizutreten.

Bisher hat sich die Bevölkerung Tunesiens, abgesehen von einzelnen Sabotageakten und Attentaten, verhältnismäßig ruhig verhalten. Ein am 1. April ausgerufener Generalstreik fand bei den Arbeitern fast gar keinen und bei den Kleinhändlern nur wenig Anklang. Weder Neo-Destour noch die Dynastie der Husseiniten möchte es auf offene Auseinandersetzungen ankommen lassen. Sie wissen, daß der tunesische Volksschlag - eine bunte Mischung von arabischen, jüdischen, berberischen, germanischen und alt-römischen Elementen - im Grunde friedfertig ist. Nur ein "Heiliger Krieg" könnte ihn mobilisieren.


DER SPIEGEL 15/1952
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