16.04.1952

BOXENWest-östlicher Diwan

Wieder einmal war Ex-Europameister der Boxer im Schwergewicht, Arno Kölblin, 1948 vom noch unverbrauchten, aufstrebenden Hein ten Hoff ruhmlos aus dem Ring gedrückt und ein Jahr später am Prominentenhimmel des Ostzonen-Sports aufgezogen, vorletzte Woche Zielscheibe moralischer Punktschläge.
Profi und Ringrichter Hans Dreßler hatte bei der Neuwahl des Westberliner Verbandes der Faustkämpfer (VdF*) am 15 März massive Vorwürfe gegen Kölblin ausgepackt: "Als Vorsitzender der Ostkommission hat mir Kölblin im vorigen Jahr den Auftrag gegeben, den Weltergewichtler Werfel im Hauptkampf der Erfurter Thüringen-Halle gegen Herbert Nürnberg auf jeden Fall zu disqualifizieren, damit Werfels Börse für die damals praktisch von Kölblin verwaltete Verbandskasse beschlagnahmt werden kann."
Bei der folgenden Untersuchung vor dem VdF-Vorstand am 26. März stand Aussage gegen Aussage. "Erlogen", sagte Kölblin. Der kleine Dreßler wollte darauf seine Aussage beeiden. Da ließ Kölblin seine harten Boxerfäuste sprechen.
"So hätte der Lange früher schlagen müssen", stöhnte Dreßler und spuckte Blut und zwei Zähne ins Taschentuch.
Früher, in den Jahren von 1931 bis 1949, verfolgte den 1,91 langen Schwergewichtler mit der verzwängten Stirn ausgemachtes Ringpech. Sein Lehrmeister Sabri Mahir, der unter dem publikumsmagnetischen Gruselnamen "Der schreckliche Türke" in den 20er Jahren die deutschen Ringe unsicher machte und dabei hin und wieder "auf Lebenszeit" disqualifiziert wurde, setzte in Kölblin große Hoffnungen.
Aber Kölblin boxte nur im Trainingscamp wie ein Weltmeister. Im Ring überfielen ihn außer den Fäusten seiner Gegner eine Menge von Komplexen und tolpatschig stolperte er oft über seine eigenen Beine. Die "Davids" Adolf Heuser, Heinz Seidler und Hajo Drägestein haben den ungelenken Goliath mit Wonne weidlich vertrimmt. Doch Kölblin war hart im Nehmen. Mit zäher Ausdauer versuchte er es immer wieder und brachte es schließlich zum Europa-Meistertitel.
Seine hart erkämpfte Europa-Meisterschaft verlor er schon bei der ersten Titelverteidigung 1938 gegen den Wiener Heinz Lazek. Dem hatte er einen Tiefschlag versetzt und wurde disqualifiziert.
Zehn Jahre später ging er unter den Schlägen von Hein ten Hoff endgültig für den Ring verloren. Enttäuschte Besucher schworen sich auf dem Heimweg, nie wieder Geld für Kölblin-Kämpfe auszugeben.
Kölblin ernannte sich als Präsident der Kommission für Berufsboxsport in Berlin
selbst zum Delegierten für auswärtige Veranstaltungen und reiste zu allen Kampftagen seines Promoterfreundes Kurt Wildt nach Halle.
Nach der Spaltung der Berliner Boxkommission übernahm Kölblin die östliche Hälfte und die Sowjetzone. Als aber deren Verbandskasse auf ein Minimum zusammengeschmolzen war, wechselte Kölblin hinüber zum Westberliner Verband.
Von seinen Westberliner Freunden ließ er sich als Verfolgter des Sowjetregimes bedauern. Sein Lokal sei für einen Kinderhort beschlagnahmt worden; er fühle sich bespitzelt und werde sich demnächst westwärts absetzen.
Inzwischen hatte Pankow den Berufssport verfemt. Kölblin jedoch wußte sich auch auf dem unbequem gewordenen westöstlichen Diwan bequem zu legen. Er, der nie ein Amateur war, unterschrieb deshalb, wie seine Skatbrüder ausplauderten, einen Vertrag als DDR-Trainer der Amateurboxer für ein Monatsgehalt von angeblich 2000 Ostmark. Die Presse sollte seine Bestallung als Sowjetzonen-Trainer nicht publizieren, um seine westlichen Funktionen nicht zu stören.
Die Ostpresse schwieg linientreu. Erst als der Delegierte Arno Kölblin sich am 16. November 1951 beim Kampftag Rux-Barnett vertreten ließ, wurden West-Journalisten argwöhnisch. Sie hörten, Kölblin, der Anfang Oktober Ehrengast der DDR-Juniorenmeisterschaften in Güstrow (Mecklenburg) war, habe die DDR-Auswahl zum demokratischen Ländervergleichstreffen mit Ungarn nach Budapest begleitet. Kölblin gab prompt eines seiner klassischen Ein-Wort-Dementis: "Erlogen".
"Erlogen" sagte er auch noch, als am 28. September 1951 der östliche Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst, von der Schweigepflicht zu spät unterrichtet, Kölblins Bestallung zum Republiktrainer meldete.
Dann setzte er sich in der DS-Sportschule Greiz (Thüringen) in eine fatale Patsche. Die Box-Adoleszenten beklagten sich, daß er lediglich mit gezückter Stoppuhr durch die Gegend stapfte und deftiges Boxergarn spann.
Den weißglühenden Zorn der Deutschen Sportausschußler erregte Kölblin vollends, als er über den amerikanischen Soldatensender AFN schräge Tanzmusik hörte. Die nächste Post brachte eine Denunziation nach Berlin.
Ein Intimus des Ex-Europameisters informierte Kölblin rechtzeitig über den offiziösen Zweifel an seiner Linientreue.
Kölblin konterte taktisch klug, indem er die Sowjetzonen - Offiziellen an ihrer weichen Stelle, ihrem Prominentenfimmel, packte.
Am Rettungsring dieser pathologischen Prominentensucht schwamm sich Kölblin in dem getrübten Wasser des Sowjetzonen-Sportes frei. Schließlich ist er immer noch Vorsitzender des Sportausschusses im Bund deutscher Berufsboxer, ein Mann, den man braucht, weil er viele kniffliche Dinge hinbiegen kann.
Kölblin startete mit zartem Hinweis auf seine Position eine Einladung an den deutschen Schwergewichtsmeister Hein ten Hoff und dessen deutsch-amerikanischen Manager Fred A. Kirsch.
Arno rief, Hein und Fred kamen zu einem Betriebsausflug nach dem Ostsektor. Sie nahmen einen kleinen Imbiß im östlichen Presseclub und bewunderten den eindrucksvollen demokratischen Aufbau in der Stalinallee (der Frankfurter Allee in Berlin O). Der Staatsbesuch war ein voller Erfolg:
* Fred Kirsch, der "fette, Almosen verteilende Manager", hatte von der Ostpresse nichts mehr zu befürchten.
* Kölblin und ten Hoff wurden gefeiert als "sympathische Menschen, denen die Einheit unseres Vaterlandes ein Ziel bedeutet, das unbedingt erreicht werden muß".
* Arno Kölblin glänzte rehabilitiert als pro-sowjet-deutscher Propagandaaktivist.
Zwei Jahre vorher hatte Kirsch bei einer Fahrt über die Charlottenburger Chaussee rekognosziert: "Wo ist hier das sowjetische Ehrenmal? Ich muß mal ..." Nach seiner Rückkehr vom Trip über die Stalinallee war der Russenverächter zum Einheitsapostel geworden: "Im Ostsektor wohnen auch Deutsche. Und schließlich will ich ungestört über die Marienborner Autobahn fahren."
Der Faustkämpfer-Verband hatte für Kölblin noch eine besondere Ueberraschung. Für seine Verdienste um den deutschen Boxsport erhielt er die goldene Ehrennadel des Verbandes - für seinen Dynamit-Schlag in Dreßlers untere Gesichtspartie einen strengen Verweis
*) Der Verband der Faustkämpfer e. V. Berlin ist der älteste Berufsboxverband Deutschlands, wurde 1948 wieder gegründet und umfaßt nur die Boxer und Boxfunktionäre der Berliner Westsektoren.

DER SPIEGEL 16/1952
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