07.05.1952

TRINKERNur noch Schlund

Peter Lorre bekam ausreichend Gelegenheit, wieder einmal unmenschliches Laster und kreatürliche Verlorenheit zu mimen. Den Stoff zu seinem nächsten Film lieferte ihm der Engländer Malcolm Lowry mit seinem Roman-Erstling "Unter dem Vulkan"*), der 1947 bei seinem Erscheinen in England und Amerika Furore gemacht und die Kritik zu ungewöhnlicher Begeisterung animiert hat. "Ein großartiges, ein unwiderstehliches Buch!" rief der amerikanische Schriftsteller Robert Penn Warren aus, und sein englischer Kollege Stephen Spender stand nicht an,
zu behaupten: "... der bedeutendste Roman, den ich seit Joyce und Lawrence gelesen habe."
Der sensationell erfolgreiche Start war vom Verlag Reynal und Hitchcock sorgfältig vorbereitet worden. Von einer Vor-Auflage von 250 in Pappe gebundenen Exemplaren gingen 100 an prominente Kritiker. Deren Lobeshymnen verhalfen der ersten Großauflage dieses literarischen Erstlings zum Verkauf innerhalb von Stunden. Die gesamte zweite Auflage, die am Montag danach herauskam, war durch Vorbestellungen aus über 50 Städten sofort vergriffen. Zehn Tage nach Erscheinen erlebte das Buch bereits seine dritte Auflage.
Dabei stellt die Lektüre dieses Romans alles andere als eben ein Vergnügen dar. Der Inhalt, richtig aufgeschlüsselt, bedeutet nichts anderes als massive Kritik an der herrschenden Gesellschaft, die repräsentiert wird durch ein Wrack von Mensch und einige ähnliche Randfiguren.
Lowry verwandte ein Jahrzehnt Schreibarbeit daran, den Todestag eines notorischen Trinkers zu beschreiben, die letzten Zuckungen dieses von tausend Mixturen ausgebrannten lebenden Leichnams zu protokollieren, der schließlich nur noch aus Schlund besteht, nur noch eine einzige Bewegung zu kontrollieren vermag: den Griff nach der Flasche.
"Die Flaschen, die schönen Flaschen" überschrieb die New York Herald Tribune ein Kapitel ihrer ausführlichen Besprechung des Buches, das die Zeitung den "kompliziertesten, gelehrtesten, sprachgewaltigsten und bombastischsten Bericht vom Bewußtseinsablauf eines allzeit komisch Betrunkenen" nennt.
Aber das Ganze ist keine Trinkerstory im üblichen Sinne, nicht die Biographie eines unter Alkohol gesetzten Lebens. Nicht einmal die Frage nach den Trunk-Antrieben wird eindeutig beantwortet, die Vergangenheit überhaupt nur vage angedeutet und lediglich das Ende sorgfältig protokolliert. Der Alkoholische Schadensfall interessiert den Autor nur insoweit, als er als symbolisch gelten kann für Dekadenz und unaufhaltsamen Verfall.
Anders als im Trinker-Film "Das verlorene Wochenende" oder in Graham Greenes Roman vom Schnapspriester ("Die Kraft und die Herrlichkeit") ist hier der allzeit Betrunkene ein Angehöriger der Kaste der Arrivierten, ein ehemaliger britischer
Konsul in der mexikanischen Stadt Guernavaca, die Lowry "aus gewissen Gründen lieber Quauhnahuac nennt".
Das Delirium dieses ehemaligen Diplomaten entbehrt darum nicht einer gewissen, freilich grotesken Größe. Der unrühmliche Exitus des Ex-Konsuls geht vor der großartigen Kulisse der mexikanischen Landschaft in Szene. "unter dem Vulkan" Popocatepetl, in einer Schlucht, die bei den Indios die "Hölle" heißt.
Hier, in der schmutzigen Cantina Todos Contentos y Yo También, in der tropischen Schwüle des Allerseelentages 1938, meditiert der Konsul, "aus allen Poren Alkohol ausschwitzend", über seine an Essenzen und Exzessen reiche Vergangenheit, den immer wieder sich einstellenden Tremulus durch "notwendige therapeutische Drinks" bannend ("Er trank alles, Scotch Whisky, Irish Whisky, Toquila, Mescal, Bier und ein Gebräu, dessen Hauptbestandteil Strychnin war.") "Wie viele Flaschen seit damals? In wie vielen Gläsern hatte er sich selber verborgen, allein seit damals?
"Plötzlich sah er sie, die Flaschen Aguardiente, Anis, Jerez, Highland Queen, die Gläser, einen Babelturm von Gläsern - sich türmend wie der Rauch des Zuges an jenem Tage - aufgebaut bis zum Himmel, dann fallend, die Gläser, stürzend und zerbrechend, fallend hügelabwärts von den Generalife-Gärten, die Flaschen zerbrechend, Flaschen Oporto, rot und weiß, Flaschen Pernod, Oxygénée, Absinth, - und jetzt sah er sie, roch er sie alle vom ersten Anfang an - Flaschen, Flaschen, Flaschen und Gläser, Gläser, Gläser voll Bitter. Dubonnet. Falstaff. Rye, Johnny Walker, Vieux Whiskey blanc Canadien, die Apéritifs, die Digestifs, Halbe, Doppelte, die ''noch eins, Herr Ober'', Herr Ober, die ''et glas'' Arrak, die ''tusen taks'', die Flaschen, die Flaschen, die schönen Flaschen Toquila, und die Krüge, Krüge, Krüge, die unzähligen Krüge des schönen Mescal ..."
Dieser Sturzbach der Erinnerungen, heraufgeschwemmt durch die immer wieder hochpeitschenden Injektionen bitterscharfer Drinks, versetzt den Konsul, dessen Bewußtsein unaufhaltsam auseinanderklappt, zum letztenmal in den Zustand einlullender Euphorie, "und in seinem halbbewußten Traumzustand stammelt er wie Joyce und Proust, wie Keats und Shelley, wie Marlowe und Tolstoi, und bestellt beim Kellner eine Flasche vom besten John Donne ..."
Das eigentliche Ende ist dann eher unalkoholisch, eine Art Strohtod für einen Schnäpseschlucker seines Formats. In einer armseligen Mausefalle von Banditen-Cantina endet er, nicht an Alkoholvergiftung, sondern - von mexikanischnazistischem Gesindel als amerikanischer Tourist, Bolschewist und Judenfreund verdächtigt - an ein paar Kugeln im Leib.
"... Er fiel aufs Knie, dann mit einem Stöhnen auf sein Gesicht in das Gras. ''O Gott'', sagte er erstaunt, ''das ist eine schäbige Art zu sterben'' ... Jemand warf einen toten Hund hinter ihm her in die Schlucht."
Danach geht der Bericht eigentlich weiter, obwohl das Buch damit abschließt. Aber das eigentliche Ende steht am Anfang. Lowry tut alles, um seinen Leser abzuschrecken Niemand versteht das erste Kapitel des Buches, das genau ein Jahr nach dem Tode des Konsuls, am Allerseelentag 1939, spielt, ehe er nicht die zurückblendenden elf folgenden Abschnitte konsumiert hat.
In jenem vorangestellten Schlußkapitel wird nicht nur Atmosphäre geschaffen oder das traurige Fazit vorweggenommen: auch alle Figuren der Roman-Handlung werden bereits eingeführt, aber sie werden
nicht eigentlich vorgestellt, sondern sie erscheinen, unterschiedlich konturiert, in einer vom Leser unmöglich zu durchschauenden Konstellation.
Der Schatten des großen James Joyce und seines "Ulysses" liegt auch über diesem Roman eines zweifellos ganz ursprünglich "dichterisch" begabten zeitgenössischen Schreibers. Seine Darstellungsform ist in der Hauptsache die von Joyce eingeführte Montage von Gedanken- und Erinnerungs - Fetzen, von bruchstückweisen Zitaten (jeweils in anderer Schrifttype gesetzt) und überlangen Selbstgesprächen, angereichert mit allerlei Frachtgut des Unterbewußtseins, das vom Leser nur ungenau und mit Mühe zu identifizieren ist. Höchst subjektiv und herausfordernd unorthodox Syntax und Interpunktion: das System durchschnittlich halbseitenlanger Sätze wird mit einem hemmungslos heraussprudelnden Satz-Ungetüm von fast drei Buchseiten-Länge gekrönt.
Dieser eruptive Schreib-Stil, der selbst wie ein Vulkan-Ausbruch anmutet, wie ein radikales Umstülpen, Ueberlaufen des Unterbewußtseins, stilistisch abgestempelt als "innerer Monolog" - diese Ausdrucks-Form macht aus Lowrys Aufnahme eines menschlich trüben Tatbestandes ein Stück glutheißer Dichtung.
"Der Exkonsul war, wie Sie sehen werden, vollkommen betrunken, ''perfectamente borracho''", resümierte Lewis Cannett, der Buch - Besprecher der New York Herald Tribune. "Und Herr Lowry ist trunken von Worten, von Lese-Erinnerungen ..."
Daß dieses Säufer-Schicksal nicht in der Art eines klinischen Berichts abgehandelt wird, davor bewahrt schon eben der typische tieflotende Joyce-Stil. Der Konsul und auch jede der einzelnen Randfiguren hält irgendwann einmal im Verlaufe jenes einen Tages Rückschau, und dabei registriert der Leser ein wunderliches Gemengsel, eine Kette von Fehlleistung und Komplex.
Alle sind sie in irgendeiner Weise "ex" und immer auf der Flucht vor der Erinnerung, der Wirklichkeit und der Verantwortung: natürlich der nur noch im Exzeß vegetierende Konsul, der im Krieg
Marineoffizier war und von damals her noch immer eine niemals restlos aufgeklärte Angelegenheit mit sich herumschleppt, die Sache mit den gefangenen deutschen U-Boot-Offizieren, die angeblich in die Kessel seines Kaperschiffes "Samaritan" gewandert sein sollen. Dann ist da seine geschiedene, gerade an seinem Todestage zurückgekehrte Frau, die exotische Ex-Filmdiva Yvonne, die sich nach den trüben Erlebnissen ihres Lebens mitsamt ihrem Konsul auf eine alkoholfreie Insel wunschträumt.
Des Konsuls Halbbruder Hugh, als ehemaliger Song-Schreiber ebenso erfolglos wie als Seemann, "hat Schuldkomplexe, weil er im Kampf gegen den Faschismus in Spanien keine aktivere Rolle gespielt hat und weil er die Frau seines Bruders liebt". Der Filmregisseur Laruelle ist beruflich, der Arzt Dr. Vigil menschlich "aus". Sie alle sind Vertreter einer zweifellos "kapitalistischen" Kaste, die auf dem Sumpfboden der Sub-Tropen rasch aus der Facon kommt und vollends das Gesicht verliert.
Damit aber wird die Dramatik des Einzelfalles überhöht, der Tod des Trinkers zum Modell des Untergangs einer Gesellschaftsschicht. New York Herald Tribunes Kritiker Cannett sieht im Exkonsul "das Symbol einer Kultur, trunken von ihren eigenen Mythen, voller Sehnsucht nach einer immer mehr schwindenden Vision, aber doch voller Angst davor, nüchtern zu werden, weil die Nüchternheit den endgültigen Tod bedeutet".
In solcher Sicht wird alles symbolisch, und tatsächlich läßt sich die Projektion vom Allgemeinen auf den Einzelfall dieses menschlichen Versagers leicht und fast ohne Rest durchführen. Alles ist nur ein Zeichen: die fatalistische Trägheit und trunkbetäubte Torschlußpanik des Lebens "unter dem Vulkan" so gut wie die geborstene, zerklüftete Fassade der von geronnener Lava gestalteten Erdkruste, überzogen von dem üppig wuchernden Pflanzenschleier einer immer bedrohten Vegetation, und allein schon das Datum des Allerseelentages.
Dies und alles in Lowrys Roman ist Zeichen dafür, daß - wie Kritiker Presscott in der New York Times es sieht - "Lowry die Absicht gehabt hat, mit seinen Hauptgestalten etwas mehr darzustellen, als sie selbst:
* neurotische Aspekte der ganzen modernen westlichen Welt."
Die Lehre dieser großangelegten Parabel bringt Lowry auf die einfache Formel: "No se puede vivir sin amar" - Ein Leben ohne Liebe, ohne ein sinngebendes Verhältnis des Menschen zum Menschen, ist unmöglich.
Zu dieser Erkenntnis ist der Autor Malcolm Lowry nicht ganz billig gekommen. Der heute Zweiundvierzigjährige hat sich die Welt angesehen, ehe er begann, sie zu beschreiben. Nach dem Beispiel des großen Joseph Conrad ist er jahrelang zur See gefahren.
Der Cambridge-Student, als Golfspieler der junior champion der Universität, der mit neunzehn Jahren ausriß und auf einem China-Klipper anheuerte, reagierte mit dieser Flucht die Isolation seiner Kindheitsjahre ab Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr durfte er einer chronischen Augenentzündung wegen weder schreiben noch spielen.
Später hat Lowry sein Studium in Cambridge beendet. Noch im College schrieb er die erste Fassung seines Erstlings "Unter dem Vulkan". Das bereits von einem Londoner Verlag angenommene Manuskript wurde mit dem Koffer des Verlegers gestohlen. Lowry besaß
keine Durchschrift, aber in drei Monaten schrieb er eine neue Fassung, die er nach Amerika mitnahm.
Nach mehrmaligem Aufenthalt in Mexiko arbeitete er die zweite Fassung verschiedentlich um, verwarf schließlich aber alle bereits vorliegenden Manuskripte. Die dritte und endgültige Fassung entstand in Kanada, freilich wieder nicht ohne Hindernisse. Während der Niederschrift brannte Lowrys Haus ab, und so wurde das Manuskript Weihnachten 1944 schließlich in der Bar eines kleinen Restaurants am Ontario-See abgeschlossen.
Heute sitzt Lowry zusammen mit seiner ebenfalls schreibenden Frau auf einer einsamen Insel in Britisch-Kolumbien. Ob und was er jetzt wieder schreibt, weiß kein Mensch, ausgenommen vielleicht sein Freund und literarischer Mentor Conrad Aiken, der von dem Autor des Romans "Unter dem Vulkan" einmal begeistert gesagt hat: "... endlich wieder ein Autor, der wirklich schreiben kann. Es gibt heute keinen Schriftsteller, der nicht aus diesem Buch lernen könnte: es sollte uns alle eiligst an unseren Schreibtisch zurückschicken. Uns alle, meine ich."
*) Malcolm Lowry: "Unter dem Vulkan." Deutsche Uebertragung von Clemens ten Holder. Ernst Klett Verlag, Stuttgart. 393 Seiten. 18 DM.

DER SPIEGEL 19/1952
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