07.05.1952

INDUSTRIEEin roter Klecks

Vor dem Bild Nummer 40/61 blieben die Besucher bei der Eröffnung der "Kunstausstellung Eisen und Stahl, Düsseldorf 1952" gedankenvoll stehen. Sie sahen eine nicht ohne weiteres zu deutende Stahlfläche, die sich grau vor einen Streifen Himmel schiebt und hier und da durch ein paar Leitersprossen, Zackenlinien und farbige Quadrate aufgelockert ist. Der Maler Helmut J. Bischoff aus Bruchsal/Baden, der seine Komposition in Tempera auf Pappe kurz "Lokomotive" nennt, bekam dafür den 1. Preis: 6000 DM.
Der Zufall hatte bei der Wahl dieses Bildes eine überraschende Pointe serviert. 1500 Künstler aus der Bundesrepublik und Westberlin waren an dem Wettbewerb der "besten Darstellung des Themas Eisen und Stahl" beteiligt, für den die Industrie 35 Preise, insgesamt 60 000 DM, gestiftet hatte.
Sechs Tage lang siebten die neun Preisrichter der Ausstellung von morgens bis abends Stapel von Gemälden und Plastiken, bis sie nach 4700 Einsendungen vor lauter Hochöfen, Schmiedepressen und Walzenstraßen leicht groggy waren.
Als dann die Frage des ersten Preises akut wurde, sagten drei Juroren mit Entschiedenheit, sie hätten bereits ein bestimmtes Bild im Sinne. Man verglich die Bilder miteinander - sie waren sämtlich von Helmut J. Bischoff.
Das Pendant zur "Lokomotive" lieferte der Maler Alfred Haller aus Lörrach, der sich mit seiner "Werklandschaft" den anderen 6000-DM-Preis holte. So hielten zwei Badenser die Spitze des Düsseldorfer
"Kunstpreisausschreibens Eisen und Stahl" und demonstrierten, daß sich auch fernab vom Pulsschlag des Ruhrzentrums die Atmosphäre der Schwerindustrie trefflich einfangen läßt.
Wenn Hallers "Werklandschaft" auch nicht ganz so abstrakt ist wie die "Lokomotive", so ist sie doch zumindest abstrahierend, mit spitzen Menschenschatten und farbigen Lichtquadraten in einem flächig gehaltenen dunklen Raum. Das aber genügte, um die Kritik der Industrie zu provozieren: die Künstler entfernten sich zu weit von der Wirklichkeit, hieß es. Und auch Pressechef F. F. Heller von der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie Düsseldorf nennt den Teil der Ausstellung, in dem die Abstrakten hängen, "die schreckliche Abteilung".
Was die Jury an abstrakten Bildern ausgewählt habe, könne der normale Mensch nicht verstehen. Heller denkt ungern daran, was die Werksangehörigen sagen werden, wenn sie in den nächsten Wochen in Massen an die Kunst herangeführt werden. "Unsere Arbeiter sind natürlich empfindende Menschen, die können sich darunter nichts vorstellen."
Die Reaktion der Ausstellungsarbeiter, die mit dem Hängen der expressionistischen, kubistischen und surrealistischen Bilder beschäftigt waren,
kam jedenfalls spontan: sie tauften die Galerie der Modernen respektlos "das Lachkabinett".
Daß die Jury zu modern eingestellt sein könnte, war eine Befürchtung, die die Direktoren der Eisen- und Stahlindustrie nicht losließ, seit sie sich mit der Ausstellung beschäftigten. Jedoch beschränkten sie sich klug von Anfang an darauf, Geld zu geben und alle künstlerischen Belange anderen zu überlassen. So auch die Wahl der neun Preisrichter.
Als die neun Juroren durch ein Gremium, bestehend aus Kunsthistorikern, einem Ministerialrat des Kultusministeriums und dem Düsseldorfer Architekten Hans Boventer, geschäftsführenden Bundesvorsitzenden der Landesberufsverbände Bildender Künstler, bestimmt wurden, gab es den ersten Krach. Im Büro von Boventer erschien zornig Lorenz Bösken, Präsident des Landesverbandes Bildender Künstler Nordrhein-Westfalen, und brachte den Unwillen der Mitglieder zum Ausdruck: "Wir sind überhaupt nicht gefragt worden!" Dabei sei es von jeher so gewesen, daß die Künstler mitbestimmen dürften, wer ihre Werke kritisiere.
Wenn Böskens Malerkollegen gefragt worden wären, hätte die Jury vermutlich weniger akademisch ausgesehen. Bis auf den Düsseldorfer Maler Robert Pudlich, der wegen seiner sehr delikaten, raffinierten Farbnuancierung hin und wieder von Gustaf Gründgens für intime Bühnenbilder herangezogen wird, waren nämlich alle Mitglieder der Jury Professoren.
Präsident Bösken setzte sich also hin und schrieb einen Brief an die Industrie: "Innerhalb eines großen Teiles der Künstlerschaft ist ein Meinungsstreit über die Zusammensetzung der Jury zum Ausbruch gekommen. Sehr anerkannte Künstler haben sich mir gegenüber geäußert, daß sie sich einer einseitig orientierten Jury nicht unterstellen könnten." Mit "einseitig" meinte Bösken, die Jury sei "zu abstrakt".
Boventer antwortete darauf, er habe noch nie eine Ausstellung erlebt, bei der die Künstler mit der Jury zufrieden gewesen seien. Maler schimpften immer.
Aber auch die Industriellen zeigten sich leicht befremdet, als ihnen in der Düsseldorfer Kunsthalle Werke der neun Juroren gezeigt wurden. Nach anstrengender Betrachtung der vielverschlungenen Linien eines überdimensionalen Kirchenfensters von Professor Heinrich Kamps, Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, der kontrastreichen Farben- und Formenspiele des Professors Max Burchartz oder der etwas dumpfen Manifestationen in Hans Mettels Holzplastiken murmelte ein Direktor, so ungefähr stelle er sich das Seelenlebens eines Regenschirms vor.
Eisen- und Stahl-Pressechef Heller verfolgte die Arbeit der Professoren mit wachem Mißtrauen und in dem steten Gefühl, daß sie jeden unbeobachteten Augenblick ausnützen würden, um die Kunstausstellung Eisen und Stahl in ein wildes Labyrinth der vielfältigsten "ismen" hineinzureiten. "Das Plakat hätten Sie sehen sollen, das erst zur Diskussion stand! Ein roter Klecks mit einem Kreisgewirr drumrum, und das alles in so einer Art Biedermeier-Rahmen."
Heller setzte sich dafür ein, daß die endgültig von der Jury ausgebooteten Künstler ihre Arbeiten in einer Sonderausstellung zeigen durften. Die Jury hatte 540 Kunstwerke auserwählt; durch die Sonderschau kamen 1000 weitere hinzu. Das Bild, das sich Krupp-Direktor Dr. Carl Hundhausen kaufte, war auf der Sonderschau. Es heißt "Schicht im Kohlenpott" und verzichtet zugunsten einer naivrealistischen Darstellung auf jede künstlerische Übersetzung, weshalb es von der Jury abgelehnt worden war.
Ein Jahr lang hat die Eisen- und Stahlindustrie an den Wettbewerbs- und Ausstellungsplänen
gearbeitet. Die Idee dazu war älter. Schon lange pocht der Industrie das Gewissen, die unterbrochene Tradition des industriellen Mäzenatentums wieder aufzunehmen. Man besann sich auf die großen Industriemagnaten, die in früheren Zeiten ein halbes Vermögen in Kunstsammlungen steckten: Krupp von Bohlen und Halbach, Dr. Ernst Poensgens (Vereinigte Stahlwerke), Kommerzienrat Paul Reusch (Gute Hoffnungshütte), August Thyssen (Mülheim).
Daß die Zeit der großen Mäzene vorbei ist, wissen die Künstler heute ebenso gut wie ihre ehemaligen Auftraggeber aus der Industrie. Als der Architekt Hans Boventer im April 1951 für eine Kunstausstellung unter dem Motto "Eisen und Stahl" um Unterstützung bat, wandte er sich deshalb nicht an einen, sondern gleich an mehrere Verbände der Industrie an Rhein und Ruhr. So entstand das, was man heute als industrielles Mäzenenkollektiv bezeichnet. Sieben Verbände*) taten sich zusammen und stifteten 20 000 DM, um die Ausstellung zu organisieren. Aber bis zur Eröffnung der Ausstellung war die Summe, die die Industrie dafür gegeben hatte, auf 300 000 DM angewachsen.
Die 15 000 DM, die das Land Nordrhein-Westfalen zur Ausstellung beisteuerte, nahm es auf dem Umweg über die Lotteriesteuer für die Verlosung wieder ein. Sie betrug genau 16 665,65 DM.
Krupp-Direktor Hundhausen war empört: "Da lassen wir uns doch nicht einfach eine Steuer dafür aufhalsen, daß wir 100 000 DM an bildende Künstler verschenken." Sein Beschwerdebesuch beim nordrhein-westfälischen Finanzminister Dr. Flecken (CDU) hatte jedoch keinen Erfolg.
Eine überraschende neue Erkenntnis nahmen die Industrie-Mäzene mit nach Hause: Obwohl sie den Künstlern freigestellt hatten, neben dem obligatorischen Eisen- und Stahlmotiv eine freie Arbeit einzusenden, hatten sich über 80 Prozent freiwillig für die themagebundene Aufgabe entschieden. Akademie-Direktor Kamps formulierte daraus gleich die praktische Nutzanwendung: "Anstatt den Maler sich selbst zu überlassen, sollte man ihm heute besser Aufträge geben. Dadurch hilft man ihm nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch. Denn die neuen Themen wecken neue Impulse."
In der Tat ist bisher kaum ein Künstler von selbst auf die Idee gekommen, in ein Hüttenwerk zu gehen. Um so mehr waren sie jetzt gepackt von der Farbenwucht eines Hochofen-Abstichs, den Dimensionen einer Walzenstraße oder der Dynamik, die in den Bewegungen schwerarbeitender Männer steckt.
Die Hüttenarbeiter hatten sich mit der Zeit daran gewöhnt, daß auf einmal so viele Männer mit langen Haaren und Kordjoppen im Werk herumliefen. Anfängliche Skepsis wich lebhaftem Interesse. Einige Arbeiter saßen nach Schichtwechsel begeistert Porträt. Und ein Drahtzieher der niederrheinischen Hütte Duisburg gab dem Düsseldorfer Maler Helmut Weitz seine Zange mit nach Hause, "damit Se ja auch alles richtig malen".
*) Die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, die Beratungsstelle für Stahlverwendung, der Verein deutscher Eisenhüttenleute, die Wirtschaftsvereinigung Gießereien, der Deutsche Stahlbau-Verband, der Wirtschaftsverband Stahlverformung, die Wirtschaftsvereinigung Ziehereien und Kaltwalzwerke.

DER SPIEGEL 19/1952
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