25.06.1952

FUSSBALL-ENDSPIELDeutsch ist die Saar

Zu all denen, die am Sonntag bei der Stuttgart-Saarbrücker Fußballschlacht in Ludwigshafen der Saar-Elf nicht so recht den Daumen drücken wollten, gehörte auch Westdeutschlands Fußballbund-Vorsitzender Pecco Bauwens: Ihm war von Anfang an bei dem Gedanken an die drohende Verquickung von Politik und Sport nicht wohl gewesen.
Aber Sieg oder Niederlage waren in Ludwigshafen schließlich nicht mehr von Belang. Als die vier Saar-Sonderzüge am Sonntagabend wieder aus der Anilin-Stadt abfuhren, waren viele Saarbrücker Schlachtenbummler der Meinung, daß die zwei Halbzeiten Fußball mehr für die Verbundenheit der Deutschen an der Saar mit den Deutschen in der Bundesrepublik getan hatten, als fünf Jahre Bonner Saarpolitik.
Daß die Saarbrücker so gut mit dem Fußball umzugehen verstehen, macht dem Saar-Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann und seinen französischen Freunden schon seit Jahren Kopfschmerzen. Als man den 1. FC Saarbrücken nach 1947 in der zweiten Division Frankreichs mitspielen ließ - vorsichtshalber außer Konkurrenz - holte sich die Elf prompt die Meisterschaft und spielte alle französischen Gegner über den Haufen.
Eigentlich hätte der 1. FCS damals in die erste französische Liga aufsteigen müssen. Aber die Angst, daß dann mit Saarbrücken ein schlechthin deutscher Verein französischer Fußballmeister werden könnte, war in Paris stärker, als die sportliche Logik und die Propaganda-Wünsche Hoffmanns und seines Hochkommissars Grandval sein konnten.
Die Saarbrücker mußten weiter außer Konkurrenz Tore schießen, bis ihr Frankreich-Gastspiel für die französischen Verlierer zu blamabel wurde und die Eintrittsgelder ausblieben: In dieser zerfahrenen Situation beschloß der saarländische
Fußballbund im Juli 1949, wieder mit westdeutschen Vereinen zu spielen.
Die Saar-Regierung sah ihr politisches Konzept verdorben und warf den Hebel herum. Von nun ab gab es keine goldenen Uhren mehr als Anerkennung, wenn die Elf des 1. FC siegreich nach Saarbrücken zurückkehrte. Statt dessen opferte die französische Sûreté Millionen von Franken, um damit Spitzenspieler der Saarbrücker Elf nach Frankreich fortzuengagieren. Und als die saarländischen Sportler Ende 1950 immer lauter nach einer offiziellen Teilnahme an den deutschen Meisterschaften riefen, ahnten die Regierung Hoffmann und die Saarbrücker Franzosen bereits Schlimmstes.
So war es kein Wunder, daß der damalige Kultusminister und heutige Saar-Botschafter in Paris, der französische Staatsbürger Dr. Emil Straus, im Februar 1951 einen recht deutlichen Brief an Premier Johannes Hoffmann richtete:
"An den Herrn Ministerpräsidenten
Im Hause
Betrifft: Verhinderung des Eintritts des 1. FCS in die südwestdeutsche Oberliga
Die beiden saarländischen Sportzeitungen Sport-Echo und Sport-Expreß plädieren in der jüngsten Zeit allzu offen für den Eintritt des 1. FSC in die südwestdeutsche Oberliga. Ich schlage vor, die genannten Zeitungen zu verbieten und den Chef-Redakteur bei einer neu zu gründenden Sportzeitung an untergeordneter Stelle zu verwenden. An die Spitze dieser neuen Zeitung wäre ein zuverlässiger Sport-Redakteur der Saarländischen Volkszeitung zu stellen. Der Bevölkerung ist die Angelegenheit so hinzustellen, als seien die beiden Zeitungen aus finanziellen Gründen eingegangen.
gez. Straus"
Nicht lange dauerte es, da wurden "Sport-Expreß" und "Sport-Echo" zur neuen "Sport - Welt" zusammengeworfen. Mit einem linientreuen Redakteur als Chef.
Doch das Unglück nahte schneller, als man es in Saarbrücken zu fürchten wagte: Vor Jahresfrist zogen der 1. FC Saarbrücken und Borussia-Neunkirchen in die 1. deutsche Südwestliga ein, und die Saarbrücker spielten sich auf Anhieb an die westdeutsche Spitze.
Auch die Sûreté-Beamten, die die Saarbrücker Elf auf jeder Deutschlandreise begleiteten, konnten daran nichts ändern; selbst der Propaganda-Apparat des Saar-Informationschefs Karl Hoppe nicht, der es fertig brachte, daß die Pariser Zeitung "Figaro" und der Berner "Bund" nach dem Ludwigshafener Winterspiel zwischen Saarbrücken und Phönix-Ludwigshafen von Steinwürfen, Tumulten, Schlägereien und sogar von "einem Toten, dem ersten Toten im deutsch-französischen Saarstreit", berichteten.
Als das Fußball-Finale mit den Stuttgartern für letzten Sonntag feststand, tat Ministerpräsident Johannes Hoffmann genau das Gegenteil von dem, worauf die Fußball-Politiker getippt hatten. Am Dienstag voriger Woche gab er der Elf des 1. FCS in Saarbrücken einen offiziellen Empfang und avisierte ihr für die Rückkehr aus Deutschland - ob siegreich oder geschlagen - "den größten und eindrucksvollsten Triumphzug durch das Saarland."
Zu diesem Zweck bestellte er gleich eine Musikkapelle für den Empfang an den Bahnhof. Rezept: Dann kann am Bahnhof nicht das Deutschlandlied Hoffmanns von Fallersleben, sondern nur nach Noten des Hoffmann von der Saar gesungen werden.
Die Führer der deutsch-gesinnten und deshalb verbotenen DPS (Demokratische Partei Saar) fühlten indessen im Bonner Kaiserministerium vor, wie wirksam es doch sein müsse, wenn Bundespräsident Heuss beim Ludwigshafener Endspiel auftauchen würde. Zumindest aber solle der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser, erscheinen. Kaiser steht in mehr oder minder offener Opposition zu der Politik Kanzler Adenauers, der die Saarfrage im Vorgriff auf ein Europa lösen will, dessen Existenz vorerst nur auf dem Papier steht.
Johannes Hoffmann und Frankreich-Botschafter Gilbert Grandval parierten geschickt: sie kündigten mit einigen Saarministern ihr Erscheinen in Ludwigshafen an, nicht ohne gleich dazu zu sagen, daß sie vielleicht auch keine Zeit hätten.
Doch diese Ankündigung genügte, um das Bonner Fußball-Protokoll durcheinander zu werfen: Theodor Heuss oder Jakob Kaiser waren schlecht neben Hoffmann oder Grandval zu placieren. Auf der Tribüne allzu weit von den Saarbrücker Gästen entfernt, mußten die deutschen Staatsmänner anderseits das deutsch-französische Verhältnis zu sehr belasten. So einigte man sich Mitte der Woche in Bonn, nur einen gesamtdeutsch unbelasteten Minister, nämlich Wirtschafts-Erhard, in das Südwest-Stadion zu entsenden.
Dort hatten am Sonntag 14 000 Saarländer 50 000 Fähnchen mit dem Aufdruck "Deutsch ist die Saar" mitgebracht und eine Kumpel-Kapelle aus Saarbrücken. Sie wußten nichts von den drei Briefen, die Frankreichs Saarbotschafter Grandval - das wurde zuverlässig aus dem engsten Kreis Johannes Hoffmanns bekannt - schon wegen des Fußball-Dilemmas an Premier Hoffmann geschrieben hat. Grandval verlangte darin von Hoffmann, eine Mitwirkung saarländischer Fußballmannschaften an den deutschen Meisterschaften zu verhindern.
Zuletzt forderte Grandval Hoffmann schriftlich auf, dafür zu sorgen, daß der 1. FC Saarbrücken zumindest im kommenden Jahr nicht mehr an den deutschen Oberliga-Spielen teilnehmen kann.
*) ADN = "Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst", amtliche Presseagentur der Sowjetzone.

DER SPIEGEL 26/1952
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