14.05.1952

SCHWEDENEinsamer Bruder

Montag der letzten Woche gegen 11 Uhr verhaftete Kommissar Mattei von der 9. Distrikts-Brigade der Marseiller Mobilpolizei unmittelbar vor Cooks Reisebüro in der "Cannebière" - der Hauptstraße der südfranzösischen Hafenstadt - den Doktor Clas A. Oterdahl.
Acht Tage lang hatte man in Holland, Belgien und Frankreich nach dem flüchtigen Stockholmer Polizeiarzt gefahndet. Bis in das vornehme Amsterdamer Hotel "Witte Bruch" hatte man seine Spur verfolgen können. Trotz eines falschen Passes, den er am Mittwochabend dem Hotelportier in Amsterdam vorlegte: C. A. Erikson, geb. am 7. 8. 1914 in Göteborg, Arzt, wohnhaft Stockholm. Außer dem Namen stimmten die Angaben. Am Donnerstagmorgen hatte Oterdahl alias Erikson Hotel "Witte Bruch" mit der Bemerkung verlassen, er gedenke nach Paris zu reisen.
Seine größten Hoffnungen hatte Oberdirektor Harry Söderman von Schwedens Kriminaltechnischer Anstalt auf die Strichjungen von Paris und in den französischen Hafenstädten gesetzt. Sie sind erfahrungsgemäß die besten Spürhunde der Kripo, wenn es gilt, homosexuelle Verbrecher ausfindig zu machen. Auf dem schwedischen Fahndungsersuchen gegen Oterdahl standen
* homosexueller Mißbrauch von Jugendlichen,
* Amtsüberschreitung,
* Mißbrauch von Narkotika-Rezepten,
* Verdacht der Erpressung.
Von vornherein rechnete Harry Söderman mit einer langwierigen Fahndung. Es war anzunehmen, daß Oterdahl als "Märtyrer seiner besonderen Veranlagung" Unterschlupf und Schutz bei den in fast allen westeuropäischen Ländern existierenden Homosexuellen-Vereinigungen finden würde.
Man wußte, daß Oterdahl als Arzt und Polizeibeamter genügend Gelegenheit gehabt hatte, solche Beziehungen anzuknüpfen und zu pflegen. Man weiß darüber hinaus seit Jahren, daß er zu jenem Kreis der schwedischen intellektuellen Elite gehört, deren sittliche Korruption eines der ungelösten Rätsel des sonst so musterhaften skandinavischen Staates ist.
Oterdahl war nämlich zusammen mit dem zur Zeit wegen Amtsmißbrauchs vor Gericht stehenden Ersten Stockholmer Staatsanwalt Otto Mejer einer der Initiatoren der sogenannten "Messerfalle", mit der man im Herbst 1950 amtlicherseits den schärfsten Bekämpfer der Jugend-Homosexualität in Schweden, Missionspfarrer Karl-Erik Kejne, "zu legen" versuchte.
Bei Kejne war am 9. September 1950 ein Strichjunge namens A. H. erschienen und hatte in Gegenwart eines Reporters von Stockholms Tidningen behauptet, er habe in der Wohnung Kejnes sein Fahrtenmesser vergessen: "... das letzte Mal, als ich zusammen mit Ihnen, Herr Pfarrer, geschlafen habe."
Als Kejne daraufhin die Kriminalpolizei anrief, meinte der männliche Prostituierte A. H. trocken, das sei nicht nötig. "Unten wartet Oberinspektor Winberg auf mich. Der hat mich hergefahren."
Das anschließende Verhör ergab, daß A. H. von Mejer und Oterdahl angesetzt war, Kejne der Homosexualität zu überführen.
Die Rachsucht der Homosexuellen Schwedens hat sich Pastor Kejne im Jahre 1948 zugezogen. Damals war es ihm zum ersten Male gelungen, eine der ekelhaftesten und gefährlichsten Hyänen im Sumpfrevier der Stockholmer Homosexualität zu stellen und zu erlegen. Es war ausgerechnet ein Amtsbruder: der Jugendfürsorge-Pfarrer Gösta E. Malmberg.
Der vermietete an die unter seine Aufsicht gestellten Jugendlichen - meistens probeweise in Freiheit gesetzte Verbrecher - die Zimmer seiner Wohnung. Einer seiner Untermieter berichtete in der Gerichtsverhandlung gegen Malmberg: "Eines Morgens zwischen vier und fünf Uhr stand Pastor Malmberg plötzlich in meinem Zimmer - in Seidenstrümpfen. Büstenhalter und Damenschlüpfer."
Malmberg habe ihn dann, so gab der Zeuge weiter zu Protokoll, gezwungen mit in das Nachbarzimmer zu gehen. Dort hätten sich zwei schwer angetrunkene Männer befunden und ein nahezu bewußtloses Mädchen von 15 Jahren. Einer der Männer habe in seiner Gegenwart das Mädchen mißbraucht, während Malmberg Stücke seiner Predigt vom Vortage zum besten gegeben habe. Da habe ihn - den Zeugen - das Grausen gepackt. Er sei dann aus dem Zimmer entflohen.
Bei derselben Gelegenheit erfuhr man auch von dem kleinen, durch einen Hausaltar getarnten Guckloch, durch das man von Malmbergs Zimmer aus die Vorgänge im Nachbarraum beobachten konnte. Malmberg vermietete dieses Guckloch gegen eine kleine Gebühr.
Malmberg wurde zu vier Wochen Zwangsarbeit verurteilt. Noch billiger kam der Stockholmer Buchhändler S. Tullberg davon. Er hatte zwei Jünglinge zur Polizei geschickt mit dem Auftrag, dort zu Protokoll zu geben, sie seien von Kejne mißbraucht worden. Dafür sollten sie 600 Kronen bekommen. Weil Tullberg über zwei Raten à 30 Kronen nicht hinauskam, fühlten die beiden sich gefoppt und beichteten der Polizei.
Nahezu auf Tod und Leben ging Kejnes Kampf, als er sich um einen merkwürdigen Brand zu kümmern begann, der seit der Silvesternacht 1936/37 ein Geheimnis ist.
Damals brannte in Stockholms Krukmakaregatan das Häuschen Nr. 4 nieder. Bei der fünf Tage nach dem Brand vorgenommenen Besichtigung fand man die Leiche eines jungen Mannes, die man vorher beim Löschen nicht bemerkt hatte.
Über den Zustand der Leiche geben die zur Zeit vorhandenen Polizeiakten keine Auskunft. Große Teile der Akten fehlen nämlich. So viel aber ist noch rekonstruierbar,
daß der fragliche junge Mann in engen Beziehungen zu Schwedens damaligem Kirchenminister Nils Jacob Eberhard Quensel im Kabinett Tage Erlander gestanden hat.
Monteur Hultberg sagte vor der Polizei aus, der junge Mann habe ihm einmal erzählt, Minister Quensel halte ihn - den jungen Mann - für "zu mager", und habe gemeint, er müsse doch frieren. Dagegen habe er - Quensel - ein hervorragendes Mittel. Es bestand darin, daß Quensel den nackten Jungen ganz in Watte einpackte: "... an den Armen, Beinen und so weiter." Und dann habe er ihn mit Verbandzeug umwickelt.
Wenn Quensel den Jungen in der Krukmakaregatan Nr. 4 aufsuchte, seien beide in einen kleinen Nebenraum gegangen, hätten hinter sich abgeschlossen und dort eine Stunde verbracht. Nachher habe der Junge mit einer gut gespickten Brieftasche geprotzt und gemeint, für gutes Geld könne man sich gern etwas schlagen lassen. Beim Schlagen habe Quensel stets eine "Art von Wohlbehagen" geäußert.
Pastor Kejne ist die Aufklärung des Geheimnisses der Krukmakaregatan Nr. 4 bisher nicht gelungen. Auch aus der Quensel-Akte der Stockholmer Polizei fehlen einige Seiten. Kein Beamter will wissen, wo sie geblieben sind.
Stockholms ehemaliger Oberpräsident Dr. Torsten Nothin behauptet, er habe die vollständigen Akten einst Tage Erlander vorgelegt und vorgeschlagen, Quensel zu entlassen.
Er wurde nicht entlassen, sondern erhielt im Jahre 1949 auf Vorschlag Erlanders den Serafimer-Orden. Der ist so vornehm, daß ihn heute - das Königshaus ausgenommen - nur 10 Schweden tragen.
Erst im Jahre 1951 gelang es Kejne, sein Material gegen Quensel so zu verdichten, daß selbst Erlander ihn nicht mehr halten
konnte. Quensel trat zurück und wurde Gerichtspräsident.
Vergangene Woche behauptete Kejne, daß in dem Tresor einer Stockholmer Bank die verlorengegangenen Akten gegen Quensel lägen. Reichsankläger Heuman forderte Kejne auf, den Namen des Tresorbesitzers bekanntzugeben. Bisher hat Kejne dieser Aufforderung nicht Folge geleistet. Man fürchtet in Schweden, das Material in dem Tresor werde weitere hochstehende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens belasten.
Eine ähnliche Befürchtung hat man nun, da es gelungen ist, Dr. Oterdahl in Marseille festzunehmen. Mit unverhohlener Sorge sieht man in Stockholm dem Tag entgegen, an dem Oterdahl sein zweifellos bedeutendes Wissen über die homosexuelle Korruption der führenden Kreise Schwedens zu Protokoll geben wird. Und diesmal, so befürchtet man, werde es sich angesichts der öffentlichen Erregung nicht durchführen lassen, die Akten "geheim zu stempeln", wie es teilweise im Falle Quensel geschehen ist.
Die Fälle "Oterdahl" und "Quensel" stehen nicht nur in einem personellen Konnex, sondern sind in vielen Richtungen ähnlich gelagert.
Als einer der Strichjungen des Kirchenministers erpresserische Forderungen an seinen "väterlichen Freund" stellte (insgesamt 150 000 Kronen hat Quensel für "Wohltätigkeit" ausgegeben), erreichte der Minister, daß der damals 83 Jahre alte Professor Dr. med. Alfred Petrén den Erpresser als Geisteskranken in ein Irrenhaus einwies. Dem alten Herrn kamen allerdings hinterher Bedenken, und er veranlaßte nach kurzer Zeit die Entlassung des jungen Mannes.
Dasselbe Manöver veranstaltete Dr. Oterdahl mit einem Jugendlichen, den er mit teuflischer List zunächst an den Gebrauch von Narkotika gewöhnt und sich dann unter der Drohung des Entzugs der Rauschmittel homosexuell hörig gemacht hatte.
Als er Anfang dieses Jahres bemerkte, daß der Junge sich mit dem Gedanken trug, Pastor Kejne oder die Polizei zu unterrichten, beging Oterdahl den Fehler, einen Droh- und Liebesbrief zu schreiben: "Geliebter Junge! Unser ganzes Heim ruft nach Dir. Wer soll nun Deine Vögel füttern und wer soll sich nun um unser 'Sommerhaus' auf dem Dach kümmern, wer das Auto fahren und wer sich um den großen Bruder (Oterdahl selbst) kümmern, der so einsam geworden ist, obgleich viele ihm ihren kleinen Trost anbieten?"
Zwischen den Zeilen aber drohte Oterdahl seinem untreuen Geliebten - genau wie Quensel - mit dem Irrenhaus.
Das Schreiben wurde Oterdahl zum Verhängnis. Sein ehemaliger Freund konnte es als unleugbares Indiz der Polizei vorlegen. Acht Tage lang ließ man Oterdahl Zeit, sich zu den dokumentierten Vorwürfen zu äußern. Kurz vor Ablauf der Frist verschwand er.
Schwedische Soziologen machen sich seit Jahren Gedanken über die offensichtliche sittliche Zerrüttung der intellektuellen Elite. Manche meinen, sie habe ähnliche Ursachen wie die ebenfalls nicht abreißende Kette kommunistischer Spionagefälle: nämlich eine Art von geistiger Abenteuerlust, die durch den in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung saturierten Musterstaat Schweden nicht mehr verkraftet werden könne. Der Mangel Schwedens sei, daß seine Gesellschaftsform keinen Anlaß zum "Aergern" mehr biete. Gerade dynamische Charaktere seien deshalb der Versuchung ausgesetzt, sich - sozusagen auf internationaler Ebene -
"kommunistisch zu ärgern", oder aber auf persönlicher Ebere in sexueller Perversion sich gegen sich selbst zu wenden.
Andere seher die Ursache der Korruption in der Schnelligkeit, mit der sich die Schweden von Bauernvolk zu einer hochzivilisierten, hoch technisierten Gesellschaft entwickelt haben. Das habe gerade bei den Intellektuellen zu psychischen Spannungen geführt.
Vergangene Woche stellte sich Stockholms Tidningen in einem Leitartikel die Frage, warum ausgerechnet in Schweden - im Gegensatz zu seinen Brudervölkern - die Kurve der Verbrechen so besorgniserregend steige. Bei Verbrechen Jugendlicher unter 21 Jahren beobachtete die Zeitung eine Steigerung um 14 Prozent. Eine Antwort auf diese Frage konnte Stockholms Tidningen ebensowenig geben wie die Soziologen - nur "einen gewissen Trost": auch in den USA steige die Kurve der Verbrechen. Auch in den USA frage man sich nach dem "asozialen Virus, der das Volk befallen hat".

DER SPIEGEL 20/1952
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