18.06.1952

SYNGMAN RHEEDie Früchte des Zorns

(s. Titel)
Unser Land ist verwüstet, Industrie und Landwirtschaft liegen danieder, unsere Wirtschaft ist ruiniert. Aber trotzdem werden wir hartnäckig weiterkämpfen, bis der letzte Kommunist über den Yalu getrieben ist.
(Syngman Rhee am ersten Jahrestag des Kriegsbeginns in Pusan.)
Ein schlammbespritzter Jeep quälte sich an einem regnerischen Nachmittag Ende Mai durch die aufgeweichten, panzerzerrollten Straßen von Tongnai, einer ärmlichen kleinen Stadt, elf Kilometer nördlich von Pusan, der provisorischen Hauptstadt der kriegszerstampften Republik Südkorea. Die Insassen, sechs unrasierte Männer in US-Uniform mit den Aufschlägen der südkoreanischen Armee, trugen den Papphelm lässig im Genick, kauten Gummi und blickten scheinbar vermiest auf die umgehängten Maschinenpistolen.
Vor der Heeresreparaturwerkstatt außerhalb der Stadt stoppte der Wagen. Während der Fahrer im holprigen Englisch erklärte, das Differential müsse ausgewechselt werden, schauten sich die Begleiter interessiert das Zeltlager an.
Plötzlich drückten sie dem wohlbeleibten, kleinen Mechaniker einen Dolch zwischen die Rippen, seine Schreie gingen im Lärm losbellender Maschinenpistolen unter.
Noch ehe die überraschten Mechaniker nach ihren Waffen laufen konnten, schoß das Gasolin-Lager unter den dumpfen Detonationen platzender Kanister als Stichflamme in die Luft. Wild schießend verschwanden die Guerillas im unwegsamen Wald. Fünf Amerikaner und ein Südkoreaner waren ihres harten Soldatenhandwerks auf ewig entbunden.
Im nahen Pusan grübelte der "alte Fuchs" Syngman Rhee, 76, gerade über seiner täglichen Hausaufgabe (neben seiner Lieblingsmuse: altchinesischer Lyrik): Wie bleibe ich - gegen die zähneknirschende Opposition - Präsident*)?
Wahlkummer und ein oft ans schlechthin Lächerliche grenzendes Hin und Her zwischen ihm und den Abgeordneten ist der autokratisch-selbstbewußte, eigensinnige Rhee schon seit seiner Amtseinführung im Jahre 1948 gewohnt. Aber er hat sich auch in den vier Jahren, in denen er die Geschicke seines Landes mehr zum Wehe als zum Wohl führte, ein probates Mittel geschaffen, rebellierende Abgeordnete in Kotau zu halten: Seine Polizei.
Jetzt meuterten die Volksvertreter wieder einmal. Rhee wollte ihnen vor wenigen Wochen schon an die Gurgel und das Parlament auflösen Nun verlangten sie rundheraus, daß er abtrete, weil seine Regierung das Land der Korruption geöffnet habe (ein altes Argument), weil sein Kabinett die Schuld am Kriege trage (ebenfalls ein altes Argument) und weil sein expansiver Kommunistenhaß eine Einigung mit dem abwechselnd von den Kommunisten und Rhees Miliz terrorisierten Nordkorea unmöglich mache (ein neues Argument).
Gerne hätte er von seinen bewährten Bulldozern (Typ Staatspolizei) solche "Verräter" einfach wegackern lassen, aber Truppen
der Vereinten Nationen standen im Land, entsandt, die demokratischen Freiheiten gegen die Genickschuß-Experten aus dem Norden zu verteidigen.
Obwohl der Zwischenfall von Tongnai zu den gewohnten Abwechslungen des rauhen Lebens an der südkoreanischen Heimatfront gehört, die man müde registriert, beschloß Rhee, reinen Tisch zu fegen, und verhängte über das Gebiet von Pusan das Kriegsrecht. Was er aber wirklich im Kopf hatte, leuchtete den UN-Militärs erst auf, als er auch seinem Parlament den heißen Krieg erklärte und gegen einige Dutzend Abgeordnete Haftbefehle erließ.
Die aufständischen Abgeordneten versuchten einen letzten Widerstand. Als willfährige Polizisten zwölf Abgeordnete vor dem Parlamentsgebäude verhafteten und in den olivgrünen Polizeibus schubsten, riegelten die Verhafteten die "grüne Minna" von innen ab. Erst am anderen Tage kapitulierten sie und wanderten zu Kommunisten und Schwarzhändlern in den Kasten. 34 Kollegen der Verhafteten verschanzten sich hinter ihrer Immunität und weigerten sich, das Parlament zu verlassen.
Rhee erläuterte seine Maßnahmen dem empörten Parlament: Die Verhafteten ständen im Solde der Kommunisten, einer habe die Ermordung eines südkoreanischen Hauptmannes angezettelt. Sein Trumpf: er habe verläßliche Informationen, daß gewisse Kreise des Parlaments eine Verschwörung gegen ihn planten. Einer ihrer Programmpunkte sei seine Ermordung.
Solche Verfolgungsängste des sonst gar nicht furchtsamen Staatspräsidenten prallten nicht nur im Parlament ab. Die militärischen und politischen Führer der UN sahen die Demokratie untergehen und forderten den Chef der 8. US-Armee, den bulligen James Van Fleet auf, von dem widerspenstigen Rhee (reimt sich auf nie) eine Erklärung einzuholen.
An Stelle der geforderten Rechtfertigung trompetete Rhee wütend: "Ich werde eine größere südkoreanische Einheit aus der Front herausziehen, um den politischen Widerstand hier endgültig zu brechen."
Weitere Drohungen:
* Er werde den "Verräter" Yi Chong Chan (er ist der fähigste Offizier der südkoreanischen Armee) von seinem Posten als Chef des Generalstabes entfernen.
* Er werde alle Beamten der verschiedenen UN-Organisationen ausweisen, die sich in die internen Angelegenheiten Koreas einmischten.
Wenige Tage später wies er den südkoreanischen Rundfunk an, die Übertragungen der "Stimme Amerikas" einzustellen.
Nach diesem massiven und beinahe lächerlichen Ausbruch des "schrecklichen Alten" wunderten sich im alliierten Hauptquartier selbst die Putzfrauen nicht mehr, als Südkoreas Vizepräsident Kim Sung So eines Nachts auftauchte und um Asyl bat.
Die Flucht Sung Sos aber enthüllt die unvorstellbar groteske innenpolitische Situation Südkoreas, des "Babys der UNO". Sung So ist neben Rhee der einzige, der das Staatsschiff im politischen Chaos wenigstens über Wasser (wenn auch nicht auf Kurs) halten kann. Nach seiner Flucht müßten selbst die jetzt eingekerkerten Parlamentarier wieder den verhaßten Namen Rhee auf ihren Stimmzettel schreiben, wenn sie eine ressentimentfreie Wahl treffen könnten.
Syngman Rhee ist heute für sein Volk die einzige Wahl. Für die Alliierten ist er ein unbequemer Besserwisser-Greis geworden, dessen Name mit seniler Dickköpfigkeit, blutbeschmiertem Despotismus, zersetzender Korruption und jeder nur denkbaren Form politischer Perversionen verbunden ist. So reitet der alte Rhee heute auf demselben totalitären Roß, das seine dynastischen Vorfahren durch die Geschichte getragen hat, und gegen dessen Reiter der junge Rhee einst mit imponierender Selbstlosigkeit aufgestanden war.
Als Syngman Rhee vor 77 Jahren geboren wurde. begannen sich Japaner und unternehmungslustige amerikanische Kaufleute gerade wieder einmal für das "Land der morgendlichen Ruhe" zu interessieren. Japanische und amerikanische Truppen pochten an bis dahin hermetisch verriegelte Türen; denn Korea, durch schlechte Erfahrungen mit fremden Nationen kopfscheu gemacht, hatte sich einfach für lange Jahre seiner Geschichte eingeschlossen.
Die Japaner aber, denen die zerklüfteten Berge, die verträumten Seen und die vielen tausend Inseln, die sich so vorwitzig nach ihrem Reich streckten, schon immer als einen "Dolch gegen ihr Herz" betrachteten, drängten so lange, bis sich die Königin Min zu einem Freundschaftspakt bereit fand. Da hatten die Amerikaner das Rennen verloren.
Der wachsende Einfluß Japans auf die Geschicke Koreas, der schließlich im Jahre 1910 in einer glatten Annexion gipfelte, sollte für Rhees nächstes Leben der richtunggebende Faktor werden.
Wie jeder Aristokratensohn (Rhee ist durch seinen Vater mit den Herrschern der letzten Dynastie verwandt) sollte er sich dem Studium der schöngeistigen Wissenschaften zuwenden, um schließlich als philosophischer Gelehrter in die Staatsdienste einzutreten. Mühelos durchwanderte Rhee Ebenen und Gebirge einer anspruchsvollen
Bildung und glänzte überall als Primus.
Ehe er aber das Scholarenzimmer mit einem Regierungssessel vertauschte, wollte er noch die Sprache jener Nation erlernen, die sich mit so eindrucksvollem Tempo an die Spitze der Mächte schob. In einer Methodistenschule lernte er Amerikanisch wie seine Muttersprache sprechen und inhalierte bei den von der westlichen Demokratie und den Rechten des Individuums schwärmenden amerikanischen Lehrern die Ideale des aufgeklärten Abendlandes.
Bald hämmerte er auf die Institutionen derselben Monarchie ein, die für ihn einen profitablen Sessel reserviert hielt. Als Führer des gegen die japanfreundliche Politik der Krone opponierenden "Unabhängigkeits-Klubs" setzte er sich mit einigen Freunden vor den Regierungspalast und demonstrierte so lange, bis ihn einige Polizisten ins Gefängnis brachten.
Sieben Monate lang lernte er täglich neue Marterinstrumente aus den in Jahrtausenden perfektionierten Folterkammern der Dynastien am eigenen Leibe kennen. Oft wurden ihm die Finger angequetscht und mit rotglühenden Nadeln gespickt. Aus dieser Zeit stammt seine Angewohnheit, sich auf die Finger zu blasen, wenn Gefahr im Verzuge ist.
Eines Tages verkündete man ihm, daß der Henker für sein weiteres Wohlergehen sorgen werde. Auf die dringenden Demarchen seines einflußreichen Vaters hin wurde die Todesstrafe jedoch in lebenslängliche Gefängnisstrafe umgewandelt.
Wieder einem Vorstoß seines Vaters verdankte er seine Amnestie. Schleunigst machte er sich nach Amerika davon. Dort wurde er einer der besten Schüler des Weltbeglückers und späteren Präsidenten Woodrow Wilson, dessen Lehre vom Selbstbestimmungsrecht der Völker in Rhee das Feuer der Begeisterung entfachte.
Das Thema "Unabhängigkeit und Selbstbestimmung" zieht sich von nun an wie ein Leitmotiv durch seine Tage. Nach seiner Promotion zum Ph. D. (entspricht etwa dem deutschen Dr. phil. habil.)
veröffentlicht er sein Buch "Der Geist der Unabhängigkeit". Es wird die Bibel der koreanischen Nationalisten, denen inzwischen mit der Knute der japanischen Imperialisten die letzte nationale Freiheit ausgepeitscht wurde. Er spezialisierte sich auf Völkerrecht.
Japaner und Russen verhandelten damals gerade in Portsmouth (USA) als Gäste des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt über die Beendigung des russisch-japanischen Krieges.
Rhee und ein Freund bestürmten Roosevelt, sich für die Befreiung Koreas vom japanischen Joch einzusetzen. Der beruhigte die beiden Männer, sie möchten doch nach Washington fahren und ihr Anliegen dem Außenminister John Hay vortragen. Als sie in Washington ankamen, war der Vertrag bereits unterzeichnet. Japan behielt in Korea weiterhin freie Hand.
Enttäuscht und verbittert ging Rhee in seine Heimat zurück, um für den Christlichen Verein Junger Männer zu arbeiten. Die Japaner erschnüffelten aber sehr bald, daß der christliche junge Mann den antijapanischen Untergrund vorzüglich organisierte. Sie setzten ihm einen bestochenen Koreaner auf die Fersen, und Rhee merkte bald, daß es Zeit war, wieder einmal zu verschwinden.
Während er in Hawaii und den Vereinigten Staaten die Gemüter für die gerechte Sache Koreas mobilisierte, zogen die Männer der Koreanischen Unabhängigkeitsbewegung durch die Straßen der Dörfer und Städte Koreas. Durch eine gewaltlose, ruhige und disziplinierte Demonstration wollten sie die Japaner bewegen, das Land freizugeben.
Die Japaner faßten die Demonstration als eine freundliche Aufforderung zu einer großen Säuberung auf und veranstalteten eines der blutigsten Massaker in der Geschichte Koreas. Die Führer der Unabhängigkeitsbewegung tauchten wieder in den Untergrund und wählten Syngman Rhee zum ersten Präsidenten der Republik Korea.
Der ehrgeizige Präsident ohne Land und Leute, der bis dahin in begeisterndem Idealismus für sein Land focht, führte nun einen verbissenen Kampf um sein Land. Seine Begeisterung welkte dahin, je mehr er lernen mußte, daß staatsphilosophische Ideale und moralische Selbstverständlichkeiten nicht immer in das Getriebe der eigengesetzlichen internationalen Politik eingekuppelt werden können, und in Ostasien schon gar nicht.
Seine große Serie deprimierender Rückschläge begann nach Weltkrieg I. In Versailles, hoffte Rhee, werde er Korea den Japanern aus den Fäusten winden können. Aber die Friedensunterhändler wiesen ihm die Tür. Japan gehörte ja zu den Alliierten. Man wagte nicht, es durch die Anwesenheit einer koreanischen Delegation zu verschnupfen.
In diesen Wochen erfuhr er auch, warum seine erste Intervention bei Theodore Roosevelt ein Fehlschlag gewesen war. Roosevelt hatte einige Wochen, bevor ihn Rhee bestürmte, seinen Kriegsminister William Howard Taft*) nach Japan geschickt. Der versicherte der Sonnenkrone die amerikanische Zustimmung zur weiteren Besetzung Koreas, falls sich Japan verpflichtete, die Philippinen nicht anzugreifen.
Auch bei seinen Demarchen vor dem Völkerbund in Genf blitzte er immer wieder ab. Als Trostpreis nahm er sich ein fesches Wiener Madl, die Sekretärin Franziska Donner, als Frau mit. Sie spricht heute noch ein verweanertes Koreanisch, und die Koreaner konnten sich nie recht
mit ihr anfreunden. Rhee: "Es wurde aber eine perfekte Ehe."
Den Amtssitz seiner Exilregierung legte er nach Schanghai. Von dort aus organisierte er den kalten Krieg gegen Japan mit allen dazugehörigen Zutaten. Koreanische Guerillas provozierten Zwischenfälle an der koreanisch-mandschurischen Yalu-Grenze, und als die Japaner schließlich in die Mandschurei einfielen, stellte sich Rhee hinter seinen Freund Tschiang-Kai-Schek (der wie Rhee Methodist ist).
Über lange Jahre versuchte er Amerika in eine blutige Fehde mit Japan zu ziehen. Ein Enthüllungsbuch über die japanischen Ziele ("Japan inside out") warnte die Vereinigten Staaten vor einem baldigen japanischen Überfall.
Aber selbst nach Pearl Harbor wies das US-State-Department sein Liebeswerben und seine Angebote kühl zurück. Entmutigt und verbittert, bat er nach der Niederlage Japans, "als einfacher Bürger" in seine befreite Heimat zurückkehren zu dürfen.
Er brachte die Bitterkeit, die sich in der fast lebenslänglichen Emigration aufspeicherte, mit. Jede Kerbe in seinem Gesicht erzählt von beleidigten Idealen; von Hoffnungen, die sich nie verwirklichten und mit jedem Rückschlag in der Welt der Realitäten ängstlich Zuflucht suchten in Bereichen des Wirklichkeitsfremden bis an die Grenze des Lächerlichen. Sein Gesicht spricht von lebenslangem Kampf für eine Sache, die die Welt als verloren behandelte, von Niederschlägen und verzweifeltem Sich-Aufraffen; von Zwist mit Exilgenossen, die mit anderen Argumenten demselben Ziel dienen wollten, von endlosem Tauziehen in den Hinterzimmern der Außenministerien. Der ehemals burschenhafte, robuste Wille zur politischen Gestaltung wurde in der Emigration umgeprägt zu wehmütiger Bitterkeit, leidgeprüfter Weisheit und zynischer Verschlagenheit.
Das Land, in das Rhee heimkehrte, reizte nicht zu übertriebenen Hoffnungen. Zwar waren die japanischen Zwingherren vertrieben, aber mit den Japanern war auch die staatliche Ordnung verschwunden. Obendrein hatten die politischen Chirurgen der Kriegsallianz das Land entlang des 38. Breitengrades in zwei - getrennt nicht lebensfähige - Hälften zerschnitten.
Im industriellen Norden standen die Truppen der Roten Armee, die noch in den letzten Minuten des Krieges Lorbeeren und Einfluß gewinnen wollten. Wie in Deutschlands sowjetischer Besatzungszone gründeten Polit-Kommissare Antifa-Komitees, in denen sich erprobte Kommunisten für Regierungsposten qualifizierten.
Die Amerikaner standen im agrarischen Süden vor den Trümmern eines jahrtausendelang von totalitären Dynasten regierten Staates und rätselten, wie sie den verständnislosen Einwohnern ihr funkelnagelneues Exportmodell "Demokratie" andienen könnten. Den Koreanern tönten die Worte von den Rechten des Individuums wohl gut in den Ohren, aber sie wußten damit nichts anzufangen. Die ersten demokratischen Institutionen in den Gemeinden nahmen sich recht hilflos aus. Von ihnen konnte die Kraft für die Erneuerung des Staates nicht kommen.
Ratlos auf der Suche nach einem Mann, der das demokratische Experiment durchexerzieren könne, tippte General John Hodge, der Kommandeur der amerikanischen Besatzungstruppen, auf Rhee. Als er während einer Befreiungsdemonstration in Seoul den ehemaligen Exilpräsidenten neben sich auf den Balkon des Regierungspalastes zog, überschlug sich die Menge vor Begeisterung. Hodge glaubte, einen guten Griff getan zu haben, und machte Rhee zu einem beratenden Mitglied der Regierung. Rhee sah sich einem schon aufgegebenen Ziel auf Spuckweite gegenüber. Jetzt wollte er es packen, und da er gerade an der 70er Grenze angelangt war, mußte er sich beeilen.
Damals begann er seinen Amoklauf für ein geeintes Korea unter seiner Fuchtel. Wer sich gegen seine Ziele stellte, wurde niedergewalzt. Im Wege standen ihm die Roten im Norden, aber auch die UNO und die USA, denen weniger an Rhees Ambitionen als an einer langsam heranreifenden Demokratie und an einer friedlichen Nachbarschaft mit den Sowjets gelegen war. Diese Seifenblase zerstach Rhee mit der lapidaren These: "Mit der Cholera kann man nicht paktieren."
Sicherlich hätten sich Norden und Süden Koreas auch ohne Rhees Zutun entlang der Linie der historischen Entwicklung entzweit. Aber seine Agitation schaffte bereits jene feindliche Atmosphäre, die die Möglichkeiten einer immerhin denkbaren späteren Einigung vergifteten.
Als die amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen zusammenbrachen, pochte er auf Wahlen für eine Nationalversammlung. Am 10. Mai 1948 wurden unter Aufsicht der UN 200 Mitglieder für das Parlament gewählt. Am 12. Juli desselben Jahres nahmen die Vertreter des Volkes die Verfassung an und kürten Syngman Rhee zum ersten Präsidenten Südkoreas, die sich etwas optimistisch Republik Korea nannte.
Wieder stand der kleine, silberhaarige Mann, dessen Kopf wie der einer indianischen Mumie aussieht, auf dem Balkon des Regierungspalastes in Seoul. Unter donnerndem Geläut der zweitgrößten Glocke der Welt zogen die ersten Einheiten
der demokratischen Armee an ihrem Präsidenten vorüber.
Neben ihm stand US-Fernost-OB Douglas McArthur. Mit Caesaren-Geste erklärte der General: "Ich werde dieses Land ebenso verteidigen wie meine kalifornische Heimat." Rhee wandte sich mit Tränen der Rührung in den Augen ab.
Am Nachmittag desselben Tages zogen Fischer eine überdimensionale Riesenschildkröte aus dem Meer. "Ein gutes Omen", toastete der neue Staatschef. "Die Schildkröte ist das Sinnbild unseres langen Lebens und unserer Wohlfahrt."
In den folgenden Jahren hatten das State Department und die UN oft Grund zur Verzweiflung. Rhee entpuppte sich als ein nicht zu zügelnder Autokrat. Oft sprach er sonderbar drohende (und angesichts der Lage Koreas unsinnige) Worte von einer gewaltsamen Einigung Koreas. Die Amerikaner waren über solche Töne weniger erbost, denn der inzwischen tobende Bürgerkrieg in China schien seine Argumente zu bestätigen.
Bedenklicher war den Amerikanern, daß Syngman Rhee mit der frischgepflanzten Demokratie recht willkürlich umsprang. Der Staat, der doch als Demokratie erblühen sollte, zeigte von Tag zu Tag stärker die Züge alter koreanischer und chinesischer Autokratien mit einem eigenmächtigen Herrscher, Polizeiterror und viel Korruption. Südkorea wurde zu einem Regime der reichen Landlords, der Kaufleute und der Leibeigenen. Demokratisch geimpfte Zeitungen, die gegen den autoritären Kurs anschwammen, wurden kurzerhand geschlossen. Opponierende Abgeordnete, die vor allem die Finanzpolitik und die aggressive Haltung der Regierung gegen Nord-Korea kritisierten, wanderten in dumpfe Verließe.
Darüber heißt es in dem Abschlußbericht der UN-Korea-Kommission: "Beträchtliche Erregung und Unmut herrschte wegen der Verhaftungen. Viele Koreaner sahen in ihnen einen Kampf der Exekutive gegen den unbestechlichen kritischen
Geist, den das Parlament oft in mutiger Weise demonstrierte."
Die Häftlinge Rhees wurden in Schnellgerichtsverfahren abgeurteilt. Einige der Anklagepunkte:
* Destruktive Kritik am Budget mit dem Ziel, die Regierungsvorlage zu Fall zu bringen.
* Widerstand gegen die Idee einer gewaltsamen Vereinigung Koreas durch südkoreanische Streitkräfte.
Später fand Rhee heraus, daß seine Polizei und die militanten "New Boy Scouts" hervorragend geeignet sind, die Wahlen zu beeinflussen. Darüber steht im Bericht der Korea-Kommission: "Als der Wahlkampf (Parlamentswahlen im Jahre 1950) seinem Höhepunkt zustrebte, wurden immer häufiger Verhaftungen von Kandidaten und ihren Managern gemeldet. Viele Bewerber zogen ihre Kandidatur zurück, so daß man vermuten muß, sie seien unter Druck gesetzt worden."
Ein mutiger Abgeordneter, Pak Chan Hyan, malte die Greuel der Polizeigewalt aus: "Dieser Staat ist voller Brutalität und Verbrechen, das größte Übel aber ist die korrupte Polizei." Die hatte Rhee von den Japanern übernommen.
Dabei verpufften die Möglichkeiten einer autoritären, straffen Staatsführung in politischen Traumregionen, in denen Rhee sich als Herrscher aller Koreaner sah. Das Resultat: innenpolitische Planlosigkeit. Die Hauptindustrien liegen im sowjetischen Nord-Korea, die südkoreanische Landwirtschaft und Textilindustrie kamen auch nicht in Gang und konnten sich mit den aufstrebenden Volkswirtschaften der Nachbarvölker nicht messen. Die Lebenshaltungskosten kletterten in die Höhe und lagen 1950 dreimal so hoch wie im Jahr 1948. Die Außenhandels - Bilanz kippte aber in den Jahren vor dem Bürgerkrieg vollständig aus dem Gleichgewicht. Im Jahre 1949 mußte die südkoreanische Republik 139 Milionen Dollar Auslandsgüter einführen. Ausfuhr: 14 Millionen Dollar.
Das Budget litt trotz amerikanischer Geldspritzen an galoppierender Schwindsucht. Die Inflation blähte sich auf. Kamen im Jahre 1945 noch 15 Won auf einen US-Dollar, kostete der Dollar im Jahre 1950 exakt 4700 Won.
In dem entmutigenden Panorama einer im Kriechgang schleichenden Wirtschaft und wuchernden Inflation machte lediglich die Armee gute Fortschritte. Sie wurde nach dem Abzug der amerikanischen Besatzungstruppen im Jahre 1949 weiter von amerikanischen Instrukteuren gedrillt und auf eine für asiatische Verhältnisse erträgliche Form gebracht.
Ursprünglich als Defensivheer gedacht, festigten die 100 000 Soldaten lediglich die wirklichkeitsfremden Vorstellungen des alten Mannes von seiner Stärke gegen die Kommunisten und gegen die mächtig randalierenden Parlamentarier. Wütender wurden seine Drohungen gegen den Norden. An der Grenze lieferten sich die Soldaten der beiden Korea Gefechte. Rhee forderte von den Amerikanern dringend schwere Waffen, um die Einheit des Landes mit Waffengewalt herzustellen.
Aber auch die roten Brüder im Norden gebärdeten sich wild. Kriegsstimmung durchzuckte das Land. Die Soldaten in den Schützengräben südlich des 38. Breitengrades tönten selbstbewußt: "Es wird wohl Krieg geben, aber für jede Salve werden wir zwei zurückfeuern."
Wie im koreanischen Mittelalter standen sich zwei feindliche Lager gegenüber, die sich von den blutrünstigen Knutenregimen der Geschichte lediglich durch neue Parolen unterschieden. Die Amerikaner verließen Südkorea, weigerten sich aber, Syngman Rhee die Ausrüstung zu schicken, die er zwecks Eroberung Nordkoreas von ihnen erbat.
Sowohl Rhee als auch sein nordkoreanischer Kollege Kim Il Sung hatten breite Massen eines Volkes hinter sich, das erzogen war, im Staat einen gestrengen Vater zu sehen, der ihnen alles, sogar die Kleidung, vorschreiben darf.
Kim hatte noch mehr Macht, denn er brauchte auf Menschenrechte und die UN überhaupt keine Rücksicht zu nehmen. In seinem Staat hatte jeder seine Funktion, und sei es die eines geschundenen Zwangsarbeiters. Rhee hatte dafür vier Millionen Arbeitslose, an deren Ohr das Schalmeien-Locken roter Agenten drang. Bald erhoben sie sich marodierend im ganzen Land.
Dann kam der Krieg. Wer den ersten Schuß abgefeuert hat, ist wie üblich nicht mehr festzustellen. Tatsache ist, daß die roten Armeen des Nordens für einen Angriff weitaus besser gerüstet waren. Ihre Panzerverbände stießen nach Süden und zerstreuten die Südkoreaner im Wind.
Dean Acheson in Washington und Präsident Truman verschlossen die Augen vor den Begleitumständen und sahen nur die Tatsache einer roten Aggression. Die Amerikaner fühlten sich aufgerufen, Südkorea, das Kind der UNO, im Interesse der kollektiven Sicherheit aller freiheitlichen Völker zu verteidigen. So kam es, daß die Welt an den Rand eines Krieges geriet wegen zweier wildgewordener Provinzen, an deren Entzweiung die Weltmächte schuld hatten und in denen beiden von Demokratie und Menschenwürde nicht die Rede sein konnte.*)
Hin und her zerwalzten die feindlichen Armeen das Land, die Städte und Dörfer. Mehr als 15 Milliarden Dollar steckten die Vereinigten Staaten in das Unternehmen, über dessen Sinn Rhee inzwischen vollkommen
entgegengesetzte Ansichten hatte. Der eigensinnige Greis erklärte einem Reporter von "US-News and World Report": "In diesem Krieg geht es um die Vereinigung ganz Koreas." Die "Vereinigung Koreas" kostete bis jetzt 5 Millionen Menschen Leben oder Gesundheit.
Als dann die Alliierten in Norden und Süden genug bekamen und sich zunächst in Käsong, dann in Panmunjom zusammensetzten, deklamierte Rhee: "Ich werde mich jedem Friedensvertrag widersetzen, der die Teilung Koreas aufrechterhält."
Solche Äußerungen brachten ihm im Parlament ganze Ketten von Mißtrauensvoten ein. Während sich Rhee in seiner provisorischen Hauptstadt mit den Alliierten herumschlug, und die Unterhändler von Panmunjom ihre und der Welt Nerven strapazierten, haben die kommunistischen Heerführer ihre Truppenverbände aufgefrischt. Mit mehr als dem Doppelten an Mannschaftsstärke zu Lande und einem noch ungünstigeren Kräfteverhältnis in der Luft, bezeichnete Englands Premier Churchill die Lage als "sehr ernst". US-General Hudson äußerste sich konkreter und noch skeptischer: "Die kommunistischen Truppen können die Einheiten der Vereinten Nationen ins Meer werfen."
Premierminister Churchill zog die Konsequenzen aus seiner Einschätzung der Lage und schickte seinen Verteidigungsminister Lord Alexander nach Korea. Der soll erforschen, ob sich die Amerikaner nicht doch von ihrem Zögling Rhee und ihren eigenen Kommunisten-Ängsten haben überfahren lassen. England will nun bestimmend in die Verhandlungen von Panmunjom eingreifen und einen Waffenstillstand erhandeln.
Syngman Rhee aber, 77 Jahre alt, greisenstarr und von dem fanatischen Willen besessen, ganz Korea noch zu seinen Lebzeiten zu regieren, gab letztmalig seine unumstößliche Meinung kund: "Ich werde lieber südkoreanische Selbstmord-Bataillone in den Kampf schicken, als mich einem Friedensvertrag beugen, der ein geteiltes Korea hinterläßt."
*) Nach der im Jahre 1948 proklamierten Verfassung der Republik (Süd-) Korea - der ersten in der 4000jährigen Geschichte des Landes - wird der Staatspräsident für eine Amtsperiode von vier Jahren gewählt. Er wird nicht vom Volke, sondern von der Nationalversammlung gewählt und hat größere Machtbefugnisse als etwa früher Reichspräsident Paul von Hindenburg. Die Neuwahl findet im Juni dieses Jahres statt.
*) Vater des jetzigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Robert A. Taft.
*) Ein Indiz dafür, daß die Nordkoreaner nicht unbedingt die Befehle Moskaus ausgeführt haben, ist die Tatsache, daß Rußland es, möglicherweise absichtlich, versäumte, die Gegenaktionen des Sicherheits-Rates der UNO durch ein Veto zu blockieren.

DER SPIEGEL 25/1952
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