25.06.1952

HERBERT KLEINEs fehlt noch die Goldmedaille

(s. Titel und Rücktitel)
Nur "der Reputation wegen" hatte Herbert Klein, 29, seine charakteristische kurze Hose mit einer langen vertauscht. Seit der schnellste Brustschwimmer der Welt am Freitag, dem 13. Juni 1952 ("Ich bin nicht abergläubisch"), zum Olympia-Training im nordisch-steifen Stockholm erschien, achtet der "Bär aus Breslau" auf Etikette.
Am gleichen Freitag, dem 13. Juni ("Manchmal bin ich abergläubisch"), äußerte sich im Garmischer "Kurhotel Wigger" der Bridgespieler und Dauergast Karl Ritter von Halt, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK): "Ich komme mir vor, als hätte ich beim entscheidenden Robber die besten Karten meinen Gegenspielern verraten."
NOK-Halt hätte mehr als den Bridgegewinn eines Abends dafür gegeben, wäre der vierfache Weltrekordhalter im Brustschwimmen, Herbert Klein, Angestellter einer winzigen Firma und nicht Buchhalter bei Siemens und Halske, die es sich erlauben können, ihren Gehaltsempfänger Herbert Klein fünf Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele nach Stockholm zu schicken, "damit er auch das Auslandsgeschäft kennenlernt".
Alle Bemühungen, durch ritterliche NOK-Besuche im Münchener Siemens-Generaldirektorium am Wittelsbacher-Platz Herbert Kleins Stockholm-Fahrt zu inhibieren, waren an der Beharrlichkeit des Breslauer "Lerge" gescheitert. "Ich will endlich auch mal gegen Menschen kämpfen und nicht nur gegen die Stoppuhr schwimmen, weil sich keine Gegner mehr für mich finden. Weiß das NOK jemand, gegen den ich mich wirklich anstrengen muß, dann bleibe ich in Deutschland."
Daß diese Bedingung nichts weiter war als eine Finte, wußte niemand so gut wie er selbst: Es gibt in Mitteleuropa keinen Brustschwimmer, der so konstant unter den 2,30 Minuten die olympische 200-Meter-Distanz durchschwimmt wie Herbert Klein. Für ihn wog die Chance, seinen zukünftigen Wettkampfpartner von Helsinki, den Schweden Bengt Rask, in Stockholm beim Training zu beobachten, alle national-olympischen Bedenken des NOK-Präsidenten auf.
Ritter von Halt aber kann sich nicht denken, daß Herbert Klein von dem Schweden etwas absieht. Eher schon der Schwede von Herbert Klein, der einen von allen Experten anerkannten, einmalig entwickelten Stil schwimmt, Denn:
* in Stockholm läßt sich Herbert Klein von demselben jugoslawischen Trainer Darko Prvan betreuen, der zur gleichen Zeit auch Kleins Rivalen Bengt Rask olympia-fit macht.
Darin können auch andere, nicht nur der NOK-Präside, eine Gefahr für den deutschen Favoriten sehen.
Amerikas Schwimmcoach Bob Kiphut von der Yale-Universität, durch dessen Hände alle amerikanischen Klasseschwimmer gehen, kam im vergangenen Jahr wegen Herbert Klein nach München und sah vom Beckenrand aus zu, wie der Crack abends mit seinem "Verein für volkstümliches Schwimmen (VfvS)" trainierte.
Bob Kiphut, den es beunruhigt, wenn er von einem guten Schwimmer an irgend einem Winkel der Welt hört, und der sich dann sofort in ein Flugzeug setzt, um diesen
Mann zu sehen, sagte von Herbert Klein, daß er ihn zu den Besten der Welt zähle. Das gleiche hatte er von dem japanischen Wunderkrauler Furuhashi gesagt, dessentwegen er eigens von Amerika nach Tokio geflogen war, als er von nahezu unglaubhaften Rekordzeiten hörte. Kurze Zeit nach dem Besuch aus Amerika tauchte in München der Jugoslawe Darko Prvan auf und bot Herbert Klein seine Trainerdienste an.
Der in Schwimmerkreisen wegen seiner Tüchtigkeit anerkannte, aber wegen seines Wesens nicht sonderlich geschätzte Prvan hatte Klein drei Wochen im Training, als sein Schützling aufgefordert wurde, an einem Wettschwimmen im Münchener Nordbad teilzunehmen.
Prvan legte Herbert Klein für dieses Rennen Zurückhaltung auf, weil er ihn erst vier Wochen später in Wien gegen den Amerikaner Brawner fit sehen wollte. Doch das bis zum Äußersten gesteigerte harte Training wirkte sich bei Klein früher aus als erwartet. Wie bei allen vorhergeschwommenen Rekorden hatte der sensible Breslauer das Gefühl, jetzt "da" zu sein, nicht erst in vier Wochen.
Rekorde sind nur dann reif, wenn alle psychischen, technischen und körperlichen Voraussetzungen in gleicher Harmonie an einem Tage zusammenwirken. Das richtige Empfinden dafür brachte Herbert
Klein den Weltrekord, den er nicht jeden Tag schwimmen wird und kann. In einer bisher noch nie erreichten Ausgeglichenheit ging er am 9. Juni 1951 kraftvoll und nicht verkrampft über die acht 25-Meter-Bahnen des Münchener Nordbades.
Der Start war gut, die Wenden klappten fast einwandfrei. Bei 50 m schlug er nach 31,8 Sekunden an, für 100 m wurden 1,09 Minuten gestoppt, die 150 m brachten glatte 1.48,0 Minuten. Würde Klein dieses mörderische Tempo annähernd halten, so stand der neue Weltrekord fest ...
Mit einer seltenen Stetigkeit hatte sich Klein seit drei Jahren immer näher an den Weltrekord im 200-Meter-Brustschwimmen herangeschoben. Er hielt durch. Die Münchener warfen vor Begeisterung ihre Hüte ins Wasser, als er am Ziel mit 2.27,3 Minuten über die klassische 200-Meter-Strecke anschlug. Eine volle Sekunde unter dem schon zu einer Sage gewordenen Weltrekord des Amerikaners Joe Verdeur.
Darko Prvan ging wenige Wochen später nach Schweden und trainierte dort den jungen Bengt Rask so, daß der jetzt mit 2.32,6, über die olympische 200-Meter-Strecke um vier zehntel Sekunden schneller ist als Herbert Klein auf der 50-Meter-Bahn. (Klein schwamm seinen Weltrekord auf der günstigeren 25-Meter-Bahn.)
Es ist bei den Schwimmern ein Unterschied zwischen Rekord und Rekord. Amtlich registriert werden Weltrekorde über Meter- und Yard-Strecken. Die Bahnlängen in Schwimmstadien sind von der FINA, dem internationalen Schwimmverband, vorgeschrieben. Für den 100-Meter-Rekord wird eine 25-Meter-Bahn verlangt, für den 100-Yard-Rekord eine 25-Yard-Bahn.
Bei den Olympischen Spielen aber ist die 50-Meter-Bahn in jedem Falle Grundbedingung. Das bedeutet: Beim 100-Meter-Brustschwimmen gibt es nur eine Wende.
Je länger die gesamte zu schwimmende Strecke ist, desto größer wird der Vorteil durch das Abstoßen der Füße vom Bassinrand. Kommen auf einer 25-Meter-Bahn drei Wenden beim 100-Meter-Brustschwimmen, so ist es bei der 50-Meter-Brustschwimmen, so ist es bei der 50-Meter-Bahn nur noch eine. Darum fallen bei den Olympischen Spielen nur selten Rekorde.
Es war eine Sensation, als 1914 der Engländer Courtman als erster auf der 200-Meter-Bruststrecke mit 2.56,6 die Dreiminuten-Grenze unterbot. 1951 schwamm Herbert Klein dieselbe Strecke 30 Sekunden schneller.
Die Geschichte Herbert Kleins, des schnellsten Brustschwimmers der Welt, ist die Geschichte der Entwicklung eines neuen, bis dato unbekannten Schwimmstils.
Wie Motorradfanatiker an ihren Maschinen herumbasteln, so tüftelten die beiden nach München verschlagenen Schlesier, der Trainer Rudi Beer und der Schwimmer Herbert Klein, jahrelang an der Koordinierung von Veranlagung und Technik. Bis dann ein Schwimmstil entwickelt war, an dessen Möglichkeit noch niemand gedacht hatte und von dem jeder Schwimm-Experte behauptete, er bringe Herbert Klein zum Exitus, nie aber zum kleinsten Sieg.
"Ohne die typischen Eigenschaften der Schlesier - das ungemein Verbissene und ein wenig auch das Abseitige - hätte er es kaum geschafft", glaubt Altmeister Carl Groth, der dem elfjährigen Schüler Klein in Breslau die ersten Regeln des wettkampfmäßigen Schwimmens beibrachte.
Herbert Klein, der mit seinen großen, dunklen, das breitflächige Gesicht beherrschenden, melancholischen Augen eine Romanfigur Hermann Stehrs sein könnte, hat etwas von einem Spintisierer. So betont amerikanisch-lässig er sich in allen äußeren Dingen gibt, er kann den Schlesier nicht verleugnen.
War er eben noch in Gesellschaft der lustigste und temperamentvollste Unterhalter, so konnte er plötzlich aufspringen, auf seinem "Herkules"-Rennrad zum nächsten Dorf rasen, den Pfarrer heraustrommeln und dann stundenlang auf der Orgel spielen. "Es war schon manchmal schwierig mit ihm, aber wenn er dann wieder kam, hatte er die Idee, die uns weiterbrachte", erzählt der ehemalige Trainer Rudi Beer.
Das Abgründige und Unberechenbare in ihm ist seine größte Gefahr. Wenn es - wie in Helsinki - um schwere Kämpfe geht, ist er hypernervös und überempfindlich. "Nach außen tritt das zwar kaum in Erscheinung, er drückt alles nach innen", weiß Rudi Beer, der Herbert Klein wie kein zweiter studiert hat. ("Er braucht vor dem Start in Helsinki nur eine schlechte Nachricht von seinen Eltern zu bekommen, die noch in der Ostzone leben, und er schwimmt unter Garantie schlechter als je. Nur unvoreingenommen ist er sicher für eine Medaille.")
Die große Revolution im Schwimmsport hatte gerade eingesetzt, als der Bruder des Schlachtermeisters Klein aus Glogau seinen bei ihm in Breslau wohnenden Neffen Herbert vom Fußballspielen auf der Straße wegholte. Das hochaufgeschossene Bürschlein sollte durch Schwimmen stark und kräftig werden, wie es sich für einen Schlachtermeisterssohn gehört. Er wurde Mitglied des Allgemeinen Schwimmvereins (ASV) in Breslau.
Das war in den Jahren 1933/34, in denen die amerikanischen Schwimmer den flyingfish stroke "Butterfly", den Schmetterlingsstil, gefunden hatten. Der alte seit Jahrhunderten geschwommene Bruststil hatte plötzlich eine Konkurrenz bekommen.
Das augenscheinlichste Merkmal des Butterfly ist das gleichzeitige Vorwärtsschwingen der Arme über Wasser, im Gegensatz zum Vorwärtsführen der Arme unter Wasser beim orthodoxen, klassischen Bruststil.
Schwimmer, die diese Neuerung aus den Vereinigten Staaten ausprobierten, merkten
an den Zeiten, daß sie zwar unverhältnismäßig schneller vorwärts kamen als in dem alten Stil. Aber schon nach ein paar Zügen, nach drei-, viermaligem Aufrichten im Wasser und Vorwärtswerfen der Arme hatten sie weder Kraft noch Luft. um "modern" weiterzuschwimmen. Man war deshalb allgemein der Ansicht, daß der Schmetterlingsstil durch den großen Kraftaufwand, das Fehlen notwendiger Erfahrungen und der Technik nur für kürzere Strecken geeignet sei.
Der Mischstil wurde die große Mode bei längeren Distanzen. Am Anfang wurde "geschmettert", um eine größere Anfangsgeschwindigkeit zu erreichen. Sobald sich aber die ersten Ermüdungserscheinungen zeigten, wechselte man zum alten Stil um.
Auch Herbert Klein schwamm früher in dieser Art. Bei der 100-Meter-Strecke schmetterte er etwa 75 Meter im Butterfly, und schwamm über die 200 Meter, wie fast alle Brustschwimmer, nur die ersten 50 Meter modern. Heute ist er einer der wenigen, der selbst die selten geschwommene 500-Meter-Strecke im Wettkampfstil durchschmettern kann.
Herbert Klein war noch ein namenloser Sportler, als er 1939 mit der Schwimmstaffel des Breslauer ASV bei einem internationalen Sportfest der damaligen Schwimmer-Hochburg Bremen im 200-Meter-Brustschwimmen startete und mit seiner Zeit von 2:52,0 begründetes Aufsehen erregte.
Bremen war der Beginn einer Schwimmer-Karriere, die schon deshalb so ungewöhnlich ist, weil sie zwar langsam, aber in ganz gerader aufsteigender Linie bis zu den Weltrekorden führt. Es gab keine negativen Überraschungen, keine schlechten Zeiten durch Übertraining.
Der Aufstieg ließ sich fast mathematisch vorausberechnen. Und das so genau, daß selbst die endlich erreichten Weltrekordzeiten kaum mehr eine Sensation waren, sondern nur noch die Bestätigung einer aufgegangenen Rechnung (siehe Tabelle). Daß seine vier Weltrekorde keinen sonderlichen Wirbel machten, ist der große Kummer des ehrgeizigen Herbert Klein. "Man ist bei mir an ein so hohes Leistungsniveau gewöhnt, daß man mit nichts mehr zufrieden ist."
Es schmerzt ihn noch heute, daß einer seiner vier Weltrekorde von Presse und Fachwelt völlig übersehen wurde. "Dabei ist er international anerkannt wie jeder andere Rekord." Im Frühjahr 1952 schwamm Herbert Klein im Münchener Nordbad mit 7.7,3 Minuten Weltrekord über die etwas ungewöhnliche Strecke von 500 Meter Brust und schlug damit den Holländer Bob Bonte um 1,1 Sekunden.
Herbert Klein hat keine Freundin, kaum einen Freund. Er hat keine Zeit für so etwas. Wie ein übermütiger Schuljunge, freihändig auf seinem Rennrad kurvenfahrend, kommt er jeden Morgen pünktlich um 7.30 Uhr zum Müllerschen Volksbad an der Isar. Dann trainiert er in einer halben Stunde 1800 Meter Schmetterlingsstil, ehe er zu seinem Buchhalter-Schreibtisch bei Siemens und Halske fährt. Nach der Arbeit trainiert er wieder, diesmal mindestens 1500 Meter. So geht das jeden Tag, gleichgültig ob Silvester, Pfingsten oder ob er Geburtstag hat.
Herbert Klein freut sich kindlich, wenn am Sonntagmorgen schwärmende Backfische mit Blumenstrauß und Schokoladentafeln darauf warten, daß er mit seinem Training fertig ist. Zusehen dürfen seine Verehrerinnen nicht, denn in dem sittenstrengen München ist weiblichen Wesen der Zutritt zum Männerbad verboten. "Ich freue mich mächtig über die Mädchen." Als hätte er damit schon zuviel verraten, kommt gleich hinterher: "Aber heiraten
tue ich doch nicht. Sportler sind schlechte Ehemänner."
Gleichmäßig wie seine Leistungskurve verläuft sein tägliches Leben. Wenn nicht Vereinsabend ist, liegt er abends um 9 Uhr im Bett. "Jede halbe Stunde länger Aufbleiben tut mir weh. Das Training frißt mich auf."
Im Training unterscheidet sich Herbert Kleins Arbeitsweise von dem harten japanischen Trainingsprinzip der Wassergewöhnung. Geringes spezifisches Gewicht und von Natur aus gute Wasserlage lassen Herbert Klein ein Training ohne großen Kräfteverschleiß aufbauen. Locker sein und locker schwimmen ist seine Hauptsorge. Das Wasser als weiches Element bedingt lockere Muskulatur.
Als Klein im Kraulrennen dicht an die seltene Minutengrenze auf 100 Meter herankam, wollten Fachleute ernstlich wissen, daß er eigentlich gar nicht so sehr ein Brustschwimmer, sondern der geborene Krauler sei. Meint Trainer Rudi Beer: "Klein hat dafür viel zu schwere Beine, sie ziehen ihn so runter, daß es ihm große Mühe kostet, richtig ausbalanciert im Wasser liegenzubleiben."
Für Herbert Klein selbst war ein ganz anderer Grund ausschlaggebend, Brustschwimmer und nicht Krauler zu werden. "Es gibt auf der Welt mehr als zwei Dutzend Krauler, die 100 Meter unter einer Minute schwimmen. Die Brustschwimmer unter den Weltbesten jedoch, die beständig die 200 Meter unter 2.40,0 Minuten zu schwimmen vermögen, sind an einer Hand abzuzählen."
Unter diesen Weltbesten zu sein, ist der Ehrgeiz des Individualisten Herbert Klein, der darauf versessen ist, irgendwo einmal der Erste, der Beste zu sein. Daher dieses verbissene Trainieren, um auf anderen Gebieten den Ruhm zu ernten, der ihm auf dem Buchhalter-Schemel einer Mammut-Firma versagt ist.
Der Anfang des mit sturer Besessenheit erkämpften Weges zum Weltrekordler war jener erste Erfolg des 16jährigen Herbert Klein in Bremen 1939. Ein Jahr später schwamm er sich bei der deutschen Hallen-Meisterschaft in Magdeburg in die Spitzengruppe der deutschen Schwimmer ein. Wieder ein Jahr später war er Deutscher Jugendmeister über 100 m Brust in 1:13.3 Min. Noch im selben Winter verbesserte er sich auf 1:12,5 Minuten. Der Matrose (Verwaltungslaufbahn mit der Kennziffer Nr. 13) Herbert Klein, schwamm 1943 über die 200-Meter-Bruststrecke mit 2:42,0 Minuten europäische Bestzeit.
Der Kriegsfreiwillige, der da Europa-Bestzeit erschwamm, hatte gegen die elementarste Regel jeglichen Militärs verstoßen: Er war aufgefallen. "Sind Sie bereit für einen Sondereinsatz?" kam prompt die Anfrage des Kommandos der Kriegsmarine - Kleinkampfverbände. Schließlich mußte ein Rekordschwimmer auch in Rekordzeit Haftladungen an feindliche Schiffe heranbringen können. Herbert Klein war bereit. "Das war wenigstens eine Möglichkeit, auch im Kriege im Training zu bleiben."
Während der Ausbildungszeit zum Kampfschwimmer brachte Matrose Klein seine Vorgesetzten zur Weißglut. "Schwimmen Sie gefälligst langsam", war das einzige, was die Schwimmlehrer ihm noch bieten konnten.
Weil Herbert Klein an der Wasseroberfläche zu schnell schwamm, mußte er in die Tiefe. Matrose Klein wurde zu Tauchversuchen abgestellt. Aus war es mit der Trainingsmöglichkeit.
Die rechtsseitige Schwerhörigkeit erinnert ihn noch heute unangenehm an den Wasserdruck in 20 und 30 Meter Tiefe. Ist er schlecht placiert und zu weit vom Starter entfernt, hört er den Startschuß schlecht und springt um Bruchteile von Sekunden zu spät. Die fehlen ihm dann hinterher an der Gesamtzeit.
Was der Kampfschwimmer Klein als Froschmensch mit Flossen an den Füßen und einer geballten Haftladung in den Händen bei den Abwehrkämpfen in Italien erlebte, wissen nur wenige Freunde.
Es war beim zweiten Einsatz seiner Kampfschwimmergruppe, September 1944 in der Gegend von Rimini. Die Front zog sich quer durch den italienischen Stiefel. Kampfschwimmer sollten die feindlichen Linien umschwimmen und ihre Haftladungen an alliierten Nachschubschiffen anbringen, die auf der Reede ausluden. Ein "Himmelfahrtskommando".
Gegen eine leichte Strömung schwamm die Gruppe in ihren schwarzen Gummianzügen auf die abgeblendeten Schiffe zu. Mit Zeitzündung klebten die Haftladungen an den Rümpfen der Material- und Truppentransporter, als die Kampfschwimmer zurückschwimmen wollten. Doch die Strömung war inzwischen umgeschlagen.
Eine britische Streife fand am Strand einige völlig erschöpfte, schlafende Männer. Nicht in Uniform oder Zivil, sondern in dickem, wollenem Unterzeug. Sie wurden gefangengenommen.
In dem Unterzeug, das die Kampfschwimmer unter ihrer Gummihaut anzogen, waren keine Taschen, in denen man ein Soldbuch tragen konnte. Die berüchtigten Kampfschwimmer, die der britischen Admiralität kaltes Grausen verursachten, wurden als Saboteure und Partisanen zunächst in Gefängnisse gesteckt. Glaubt Herbert Klein: "Von Rom bis London kenne ich jedes Zuchthaus."
Er war längst vom Partisan zum gewöhnlichen POW degradiert, als an einem Sonntag des Jahres 1947 die POWs in der Grafschaft Cornwall zum ersten Male Ausgang bekamen. Grelle Plakate riefen die Bevölkerung von Fowey (bei St. Blazey) in den Hafen zu den Cornwallschen Schwimm-Meisterschaften.
"Mensch, denen mußte mal zeigen, was ''ne Harke ist", wurde Herbert Klein von seinen Mitgefangenen aufgestachelt. Die POWs setzten große Stücke auf ihren Herbert, der jeden Tag in einer Lehmkule neben dem Camp trainierte.
POW Klein meldete sich beim Sportkomitee. "Ich fragte, ob ich nicht mal mitschwimmen könnte." Die Tommies machten bedenkliche Gesichter: "Ja, können Sie denn überhaupt schwimmen?"
"Als ich dann die 200 Yards runtergekrault hatte und schon wieder auf dem Kai stand, da schwammen alle anderen noch im Wasser rum." Herbert Klein war Schwimmeister der Grafschaft Cornwall geworden. Der Siegespreis im lederarmen Nachkriegs-England: ein Pappkoffer.
Der "Kampfschwimmer" in den Papieren des POW Klein war dadurch aber nicht ausgelöscht. Drei Tage vor seinem 25. Geburtstag kam er fast als letzter 1948 aus britischer Gefangenschaft zurück. Alte Vereinskameraden aus dem Breslauer ASV holten ihn nach München. Er selbst hatte zuerst nach Hamburg gewollt.
Mit nichts als der gefärbten POW-Uniform und dem gewonnenen englischen Pappkoffer erschien Herbert Klein, vom Bahnhof kommend, im Müllerschen Volksbad an der Isar zum Training.
Denn sein Ziel Weltrekordmann zu werden, hatte er nicht aufgegeben. Obwohl
er mit seinen 25 Jahren schon in dem Alter war, in dem Leistungsschwimmer zu normalen Zeiten oft ihren Kulminationspunkt überschritten haben.
Für Rudi Beer, der die alten ASV-Kumpel noch heute in dem Münchener "Verein für volkstümliches Schwimmen" trainiert, war es zunächst zweifelhaft, ob Herbert Klein, der steif und gefühllos im Wasser lag und durch das lange unfreiwillige Pausieren schnell ermüdete, jemals wieder die alte Kondition erreichen würde.
Wie sehr er verloren hatte, zeigte der erste Nachkriegswettkampf in Pirmasens. Seine Zeit des 200-Meter-Brustschwimmens lag mit 3.01,2 Minuten um fast eine halbe Minute hinter seiner Europa-Bestzeit von 1943.
Zu diesem Winterkampf im Pirmasenser Hallenbad hatte Klein nicht mal einen Mantel mitgebracht. Von den 130 monatlichen Reichsmark, die der kleine Bankangestellte verdiente, konnte er sich im Vorwährungs-Deutschland nichts kaufen. Da war es schon ein Angebot, als die Pfälzer ihn ausstaffieren und behalten wollten. In der Schuhindustrie wäre er leicht weitergekommen. Doch der schlesische Dickkopf wollte nicht. Die Münchener hatten ihn aufgenommen. Also blieb er bei den Münchenern.
In demselben Stil wurde er von Trainer Beer weitertrainiert, in dem er fünf Jahre vorher die europäische Bestzeit geschwommen war: dem Mischstil. Allerdings, er war schon einer der wenigen, die genügend Kraft hatten, hundert Meter in dem zunächst in Deutschland noch unpopulären Butterfly-Stil durchzustehen.
Inzwischen wurden die während des Krieges erreichten, für deutsche Verhältnisse geradezu sagenhaft anmutenden Zeiten der Brustschwimmer Verdeur, Carter und Schmidt aus den USA bekannt. Man staunte ungläubig, denn Zeiten von 2.30,5 Minuten über die 200 Meter Brust (Verdeur 1948) reichten an die Leistungen der deutschen Durchschnittskrauler heran.
Die Berichte von Olympia 1948 in London bestätigten dann, was sich Herbert Klein und Rudi Beer schon gedacht hatten. Wer 1952 am Bassinrand in Helsinki sitzt, wird feststellen müssen, daß der alte Bruststil, in dem noch Sietas, Rademacher und Tsuruta ihre Weltrekorde schwammen, bei den Wettkämpfen ausgestorben ist. Schon in London schwammen von 32 Teilnehmern über 20 im Schmetterlingsstil. Nur ein einziger Orthodoxer, der Holländer Bob Bonte, kam in den Endlauf. Er wurde Letzter.
Nach Olympia 1948 legt die FINA fest, daß der Stil im Brustschwimmen während eines Wettkampfes nicht mehr gewechselt werden darf. Der Mischstil war tot. Die Schwimmer standen am Kreuzweg: Butterfly oder Orthodox.
"Mir war sofort klar, daß nur Butterfly der Stil der Zukunft sein konnte. Allein schon durch seine Schnelligkeit."
So leicht Herbert Klein die Entscheidung gefallen war, die Durchführung war um so schwerer. Abend für Abend saßen jetzt Klein und Rudi Beer zusammen, bis sie eine Technik gefunden hatten, die für Kleins Anlagen und seine speziellen Körperproportionen so rationell war, daß er auch längere Strecken, vor allem die olympischen 200 Meter, in der nötigen Geschwindigkeit durchstehen konnte.
Im Mai 1948 begann die Umschulung auf den amerikanischen Schmetterlingsstil. Die sportbegeisterten Amerikaner stellten dem süddeutschen Hallenmeister von 1948 über 100- und 200-Meter-Brustschwimmen (im klassischen Stil) dreimal wöchentlich das amerikanisch besetzte Dante-Stadion zur Verfügung. Mehrfach wurde Klein
allerdings während des Trainings wegen der "unmoralischen" Dreiecksbadehose aus dem Wasser geholt.
Von allen "Schmetterlingen" entwickelte Herbert Klein den Schwimmstil, an dessen Möglichkeiten selbst die ausgefuchsten amerikanischen Schwimmer nicht gedacht hatten. Als Trainer Beer mit Klein zusammen im Kino saß, um in der Wochenschau die Schwimmkämpfe von Olympia London 1948 anzusehen und auf einmal Verdeur und Carter auf der Leinwand erschienen, rief Klein entsetzt: "Mensch, wir machen alles falsch."
Während die meisten Butterfly-Schwimmer hauptsächlich die Arme gebrauchen, und die Beinarbeit nur dazu da ist, sich hoch aus dem Wasser herauszustemmen, um damit das Vorbringen der Arme über Wasser zu unterstützen, sind bei Klein Arm- und Beintempo gleichermaßen an der Vorwärtsbewegung beteiligt. So entsteht das für ihn charakteristische lange Treiben unter der Wasseroberfläche (siehe Rückseite).
Dieses Gleiten unter dem Wasserspiegel bietet der Vorwärtsbewegung einen geringeren Widerstand, im Gegensatz zu dem von den Amerikanern geschwommenen Stil, bei dem sich der Körper um etwa 20 Grad zur Wasseroberfläche aufrichtet.
"Es war ein Glück für uns, daß wir in dem veranstaltungsarmen Sommer 1948, in dem ich nicht ein einziges Mal an den Start zu gehen brauchte, genug Ruhe fanden, um einen Stil zu entwickeln, der dann bei den deutschen Meisterschaften in Rheydt bei den Experten nicht geringes Aufsehen erregte".
Herbert Klein war in Europa der beste Brustschwimmer geworden. Aus keinem Lande des Kontinents wurden Zeiten bekannt, die auch nur annähernd an die seinen heranreichten. Allein der Franzose Lusien schaffte im Winter 1949 - auch nur ein einziges Mal - 2.37,4 Minuten über die 200 Meter.
Da kommt fünf Wochen vor den Europa-Meisterschaften im August 1950 in Wien aus Frankreich die sensationelle Nachricht, daß Lusien die 200 Meter Brust in 2.33,9 Minuten geschwommen und Kleins Europarekord um 0,6 Sekunden unterboten habe.
So kurz vor Wien bedeutet das höchsten Alarm. Noch war in Deutschland nicht bekannt geworden, daß die Zeit des Franzosen im leicht tragenden Salzwasser, dazu auf einer 25-Meter-Bahn, erzielt worden war.
"Aber Lusien mußte etwas los haben, und seine Zeit dürfte kaum ein Zufall gewesen sein." Auch der Schwede Rask erreichte plötzlich bei den schwedischen Meisterschaften Kleins bisher beste Freiwasserzeit von 2.40,6 Minuten.
Klein trainiert jetzt zweimal am Tage. Es wird in Wien einen Kampf um zehntel Sekunden geben.
Trainer Beer steht am Bassinrand im Müllerschen Volksbad in München und korrigiert.
"Den Kopf nicht so hoch halten!" Der Kopf muß beim Gleiten unter Wasser zwischen den Armen liegen, nach dem Gesetz des geringsten Widerstandes. Bruchteile von Sekunden sind gewonnen. Es müssen noch mehr werden.
"Die Beine nicht zusammenschlagen!". Das zwischen den Schenkeln gedrückte Wasser muß frei abfließen können und darf sich nicht durch zu schnelles Schließen der Beine, besonders der Füße, wenn auch nur ganz gering stauen, was eine Gegenbewegung zur Schwimmrichtung bedeutet. Kampf gegen die Stopp-Uhr.
"Finger spreizen!" Die Finger dürfen nur so weit geschlossen werden, daß die Adhäsion*) des Wassers zu den Innenflächen
der Finger wie Schwimmhäute wirkt.
So kommt Herbert Klein in eine Form, die alle Erwartungen übertrifft. Mit 2.38,6 Minuten über 200 Meter Brust auf einer olympischen 50-Meter-Strecke holt er sich einen neuen Europa-Rekord und ist in Europa nicht mehr zu schlagen.
Den sagenhaften 200-Meter-Weltrekord des Amerikaners Verdeur hat er inzwischen unterboten und von dem 100-Meter-Weltrekord des Russen Leonid Meschkow trennten ihn nur noch 0,8 Sekunden, um dann wirklich der beste Brustschwimmer der Welt zu sein. Und diese 100 Meter lockten Herbert Klein, sie reizten ihn zum Rekordversuch, den er jedoch nicht erzwingen wollte, sondern der von selber kommen mußte.
Während des Olympia-Lehrganges der Schwimmer auf der Nordseeinsel Norderney meint Herbert Klein: "Ich schwimme immer mit vollem Einsatz. Wenn die Umstände günstig sind, dann wird es eben ein Rekord". Einen Tag später, am 21. 1. 1952, schwimmt er die 100-Meter-Bruststrecke in 1.05,5 Minuten. Das war Deutscher, Europa- und Weltrekord. Herbert Klein ist der schnellste Brustschwimmer der Welt. Es fehlt nur noch die Goldmedaille.
Auf die aber hat sich außer dem Schweden Bengt Rask auch noch der Russe Leonid Meschkow gespitzt. Und darum hatte der NOK-Präsident Ritter von Halt gar nicht so unrecht, wenn er sich zu dem Bridgevergleich von den aufgedeckten Trümpfen angeregt fühlte.
Denn während Herbert Klein in Stockholm sein morgendliches Training absolviert, stehen am Bassinrand distinguierte Herren und beobachten scharf. In Leningrad wird zur selben Zeit der Russe Leonid Meschkow mit allen Raffinessen auf die Revanche mit Herbert Klein eintrainiert.
HERBERT KLEINS WEG ZUM WELTREKORD
über 200 Meter Brustschwimmen
Datum Ort Minuten Bahnlänge Wass ertemp °C Bemerkung
19. 12. 48 München 2.36,6 25 m 22° Deutscher Rekord Europäische Bestleistung
13. 3. 49 München 2.34,5 25 m 28° Keine Anerkennung gegen 4X50-m-Staffel erzielt
4. 12. 49 München 2.35,3 25 m - Europa-Rekord
13. 8. 50 Göppingen 2.34,4 50 m 21° Deutscher Rekord Europa-Rekord Freiwasser-Weltbestleistung
15. 10. 50 Krefeld 2.32,5 25 m 26° Deutscher Rekord Europa-Rekord
7. 11. 50 Upsala 2.31,8 25 m 23° Deutscher Rekord Europa-Rekord
18. 2. 51 Darmstadt 2.31,4 25 m 24° Deutscher Rekord Europa-Rekord
7. 4. 51 Mannheim 2.30,2 25 m 25° Deutscher Rekord Europa-Rekord
9. 6. 51 München 2.27,3 25 m 25° Deutscher Rekord Europa-Rekord Welt-Rekord
*) Adhäsion ist das Aneinanderhaften verschiedener Stoffe durch die molekulare Anziehung.

DER SPIEGEL 26/1952
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HERBERT KLEIN:
Es fehlt noch die Goldmedaille

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