09.07.1952

HITLER-ERBEZwanzig Millionen

Von den Aufregungen der letzten Tage platzte dem literarischen Direktor des großen französischen Verlages "Flammarion", d''Uckermann, die Ader im rechten Auge. Während am Nachmittag des zweiten Juli im untersten Stockwerk des Verlages in der Rue Racine Nr. 26 im Pariser Verlags-Viertel St. Germain des Près Tausende von Exemplaren des soeben aus der Druckerei gelieferten Werkes "Libres Propos sur la Guerre et la Paix" (Freie Gespräche über Krieg und Frieden) - Verfasser: Adolf Hitler - auf Last-Autos verladen wurden, fauchte im dritten Stock Direktor d''Uckermann mit rotem, rollendem Auge die Journalisten an, die die Veröffentlichungs-Rechte seines Verlages bezweifeln wollten.
Zwei große französische Verlage - "Flammarion" und die "Editions Corrêa" - liegen sich zur Zeit wegen Hitlers geistiger Hinterlassenschaft in den Haaren. In Paris wollen die Gerüchte nicht verstummen, daß ein irgendwo lebender Martin Bormann an dem Ausgang dieses Konflikts ein materielles Interesse nehme.
Schuld an diesem Gerücht ist die geheimnisvolle Reiselust eines gewissen François Genoud - Schweizer Staatsbürger, nach eigener Angabe Verleger von Beruf, zur Zeit wohnhaft im eleganten Hotel "Belfast" in der Avenue Carnot Nr. 10. Von ihm hat Direktor d''Uckermann im Sommer 1951 die Aufzeichnungen über Hitlers Tischgespräche erhalten.
Wenn man François Genoud nach der Herkunft dieser Aufzeichnungen fragt und ihn in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Zweck seiner mehrfachen Reisen in Richtung Spanien, Portugal und Tanger stellt, machen er und seine charmante belgische Frau Elisabeth die ehrpusseligsten Gesichter von der Welt. Man merkt Genoud an, daß er die Antwort auf solche und ähnliche Fragen schon oft gegeben hat: "Meine
Reisen sind meine Privatsache, und ich bin nicht verpflichtet, darüber Auskunft zu erteilen. Ich weiß, meine Feinde behaupten, daß ich in Tanger Martin Bormann treffe. Nicht einmal seine acht Kinder wissen, ob er noch am Leben ist. Ich weiß nicht mehr als seine Kinder."
Während des Krieges hatte Reichsleiter und Chef der Reichskanzlei, Martin Bormann, von Adolf Hitler die Erlaubnis erhalten, an das unterste Ende der täglichen Tafelrunde im Führer-Hauptquartier einen Mann mit spitzem Bleistift zu setzen. Der
sollte von nun an jedes Wort aus Führermund vor Vergänglichkeit bewahren. Dr. Heinrich Picker nahm den Chronisten-Platz am Tisch des Führers ein. Er behielt ihn bis zum 7. September 1942. Zwischendurch allerdings wurde er für die Dauer von rund fünf Monaten durch den Kurzschriftler Heinrich Heim abgelöst. Vom September 1942 ab wurde die mitschreibende Chronistenpflicht von unbekannt gebliebenen Angestellten der Parteikanzlei erfüllt.
Während dieser ganzen Zeit arbeitete Bormann - wie Genoud berichtet - täglich mit dem ständig wachsenden Aktenbündel. Er machte zahllose Fußnoten und vermerkte genau, welche der übermittelten Führer-Worte ernst gemeint gewesen und welche nur scherzhaft zu verstehen seien.
Im November 1944 begann das Manuskript, zusammen mit vielen anderen Dokumenten der Parteikanzlei, irrzuwandern. Zuerst hatte es angeblich Frau Bormann. Sie gab es - laut Genouds wahrer oder unwahrer Legende - in "sichere Verwahrung". 1947 endlich will Genoud in den Besitz der Akten gelangt sein. Von da an haben sie in den Tresors einer Schweizer Bank gelegen.
Im Jahre 1951 begegnete Genoud auf der Zuschauerbank des Militär-Gerichts-Prozesses gegen den deutschen Fallschirmjäger-General Ramcke nicht nur VieraLiebknecht (Urenkelin Wilhelm Liebknechts), sondern auch deutschen Journalisten. Er machte kein Hehl aus seiner Vorliebe für nationalsozialistische Gedankengänge. Von dem angeklagten deutschen General sprach er gerne als seinem "intimen Freund".
Eines Tages wurde er geheimnisvoll. Mit dem Versprechen "Sie werden staunen, was ich Ihnen anzubieten habe", lockte er deutsche Pressevertreter einen nach dem anderen in das Literaten-Café "Flore" am Boulevard St. Germain. Sobald Oberkellner Pascal serviert hatte, zog Genoud - nach einer im Flüsterton gegebenen Einleitung - Fotokopien von Bormanns Briefen aus der Tasche: "Die Originale sind in der Schweiz. Sie können mich jederzeit über Lausanne, Postfach 1315, erreichen."
Von Hitlers Tischgesprächen sagte er bei dieser Gelegenheit kein Wort. Über die verhandelte er bereits mit dem Verlag Flammarion und dessen literarischem Berater d''Uckermann.
Erst nachher berichtete er hierüber: Anfangs sei man in der Rue Racine Nr. 26 gegenüber seinem - Genouds - Besitzrecht mißtrauisch gewesen. Er aber habe nacheinander auf den Tisch des Verlagshauses legen können:
* die an ihn ausgestellte Vollmacht der in der Umgebung von München lebenden Schwester Hitlers, Paula, von der er behauptet, sie sei die alleinige Erbin des früheren Führers und Reichskanzlers;
* die auf seinen Namen ausgestellte Vollmacht des in Berlin lebenden Domvikars Theodor Schmitz, von dem er beweist, daß er im Jahre 1948 durch das Gericht von Berchtesgaden zum Kurator über Bormanns durch den Tod der Mutter vollverwaisten Kinder und für Bormanns Besitz eingesetzt wurde.
Außerdem argumentiert Genoud, daß das Urheber-Recht an den Aufzeichnungen zweifellos Hitler gehöre, während der alleinige Besitzer desselben Martin Bormann, bzw. dessen Erben, seien*). Und deren Rechte nehme er heute wahr.
Wenige Wochen, nachdem Genoud mit Flammarion in Paris abgeschlossen hatte, buchstabierte er - gelegentlich eines Mailänder Aufenthalts - aus dem "Corriere della Sera" etwas heraus, was einer Hiobsbotschaft gleichkam: unter dem Titel "Hitlers Tischgespräche" veröffentlichte im Sommer 1951 der Bonner Athenäum-Verlag (gegen den Vorwurf des Neo-Nazismus durch das Patronat des Münchener Instituts für die Geschichte der nationalsozialistischen Zeit geschützt) einen Teil der Aufzeichnungen, deren alleiniges Wiedergaberecht soeben der Flammarion-Verlag erworben hatte. Aus dem in "Hitlers Tischgesprächen" erfaßten Zeitraum (Juli 1941 bis Mitte 1942) konnte Genoud unschwer auf die Quellen schließen, aus denen der Athenäum - Verlag geschöpft hatte. Das konnten nur die Aufzeichnungen Dr. Pickers und Heinrich Heims sein.
Am 22. September 1951 trafen sich laut Genoud in der Bad Godesberger Villa von Athenäum-Verleger Dr. Junker die Kontrahenten. Picker lehnte nach Genouds Darstellung jeden Vergleich ab. Junker trat mit den "Editions Corrêa" wegen Herausgabe einer französischen Übersetzung von "Hitlers Tischgesprächen" in Verhandlung. "Corrêa" beschaffte Dr. Heinrich Pikker Frankreichs gefürchtesten Anwalt, Maître Maurice Garçon, Mitglied der Französischen Akademie. Der soll nun vor dem Pariser Tribunal Correctionel Dr. Pickers Schaden-Ersatz-Anspruch in Höhe von 20 Millionen Franken gegen Flammarion, gegen François Genoud und gegen die Pariser Tageszeitung "France-Soir" (sie veröffentlichte einen Vorabdruck aus dem Flammarion-Buch) vertreten. Die Interessen der Beklagten nimmt der gaullistische Senator Maître Henry Torrès wahr.
Ferner lief am 7. Juli vor dem Düsseldorfer Landgericht ein Zivil-Prozeß an. Der Kölner Rechtsanwalt Dr. Kurt Runge erhob dort für seinen Klienten François Genoud Anspruch auf den Gewinn des Athenäum-Verlages, Dr. Pickers und Heinrich Heims aus "Hitlers Tischgesprächen". Streitwert: 130 000 DM.
*) Die französische Tageszeitung "Le Monde" weist darauf hin, daß Adolf Hitler sein Vermögen der NSDAP vermacht habe. Durch Beschluß des Nürnberger Militär-Tribunals wurde das Partei-Vermögen von der Militär-Regierung zunächst in Verwahr genommen und später der westdeutschen Bundesrepublik übereignet. Demnach könne die Bundesrepublik Anspruch auf den Gewinn aus der Veröffentlichung von Hitlers Tischgesprächen erheben.

DER SPIEGEL 28/1952
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