16.07.1952

CATCHERZurück zum Rummel

Seit nach dem Kriege die Catcher-Turniere zusammen mit Fußball und Pferderennen zur ergiebigsten deutschen Sportindustrie wurden, kämpft der Amateur-Ringer Ernst Matschke, Berliner Vorsitzender der Amateur-Ringer, verbissen darum, daß "diese modernen Gladiatoren, die mit ihrem Theater den Ruf des Ringersports diffamieren, dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen sind: zurück zum Rummel!"
Seine Gelegenheit, die Catcher auf die Matte zu legen und ihnen beweisen zu können, daß ihre Kämpfe auch nicht das geringste mit Sport zu tun haben, verdankt Ernst Matschke dem ehemals zweifachen brandenburgischen Schwergewichtsmeister im Amateur-Ringen, Bruno Figur, der seit 15 Jahren renommierter Profi ist.
Vor Bruno hatte noch kein deutscher Berufsringer das ungeschriebene Gesetz des Dichthaltens über Geschäftsgeheimnisse verletzt. Jetzt packte Catcher Bruno als erster in der Geschichte des deutschen Berufsringkampfes aus und erklärte: Es gibt bei den Catchern keine ehrlichen Kämpfer.
Durch Vermittlung seines Freundes und Vorstandskollegen im konservativen Deutschen Ringerverband, Hans Ruch, war Figur als Charge für das Berliner Weltmeisterschafts - Turnier, laut Programm "das größte und bedeutendste, das je in einer deutschen Stadt veranstaltet wurde", verpflichtet worden. Der Vertrag ging über 10 Tage bei einer Tagesgage von 30 DM.
Gültig wurde der Kontrakt am 27. Mai 1952. Zwei Tage später hatte Figur seinen ersten Kampf gegen den ochsenstarken Turnierfavoriten Bert Assirati.
Was dann geschah, stellt Figur so dar: "Eine Stunde vor dem Kampf verlangte Ringrichter Erich Storbeck im Namen des Veranstalters Kowalski von mir, ich solle
in der zweiten Runde durch Spaltgriff verlieren. In der ersten Runde solle ich mich um einen möglichst echt aussehenden, abwechslungsreichen Scheinkampf bemühen.
"Dann kam im Umkleideraum Assirati zu mir, um die Griffe einzustudieren und mir zu zeigen, wie ich zu fallen habe. Ich sagte: ''Diese Faxen mache ich nicht mit!''
"Zur gleichen Zeit gab Turnierleiter Hans Schwarz den ausländischen Ringern Kampfanweisungen darüber, wer wann und auf welche Weise verlieren müsse.
"Als ich mich in der zweiten Runde entgegen der Order Assiratis Spaltgriff entwand, schlug mir dieser regelwidrig mit der Faust die Nasenscheidewand ein."
Bei "acht" stand Figur zwar wieder auf den Beinen, aber das Kampfgericht gab schon das Ergebnis bekannt: Sieger durch Niederschlag Assirati. Eine halbe Stunde später verkündete die Turnierleitung durch Lautsprecher: "Achtung, Achtung! Der Schwergewichtler Bruno Figur wurde aus dem Turnier genommen, da er für Weltmeisterschaftskämpfe nicht geeignet ist."
Dieser eidesstattlich versicherte Erlebnisbericht des Catchers Bruno Figur ließ den Amateur-Ringer Erich Matschke vom Berliner Hauptsportamt fordern: "Es muß wieder verfügt werden, daß die Berufsringer wie bis 1945 nur noch die Bezeichnung ''Schaukämpfer'' führen dürfen und sich nur noch auf Rummelplätzen zeigen können." Konstatiert Erich Matschke hämisch: "Dort hatte auch Herr Kowalski seine Bude."
Erich Kowalski, dem heute mächtigsten Catch-Veranstalter Deutschlands, der auch das Berliner Weltmeisterschafts-Turnier organisiert, ist der Rummel durchaus kein fremdes Milieu. Im Berliner Telefonbuch 1941 findet man neben seinem Namen als Berufsangabe "Schausteller". Als das Geschäft besonders florierte, brachte er es sogar zu einer eigenen hypothekenfreien Schaubude auf dem Neuköllner Rummel.
Erst die Aufhebung aller NS-Erlasse gab Kowalski nach dem Krieg die Möglichkeit, im Berliner Friedrichstadt-Palast
unter sportlicher Flagge Catcher-Tage mit Schwarz, Kley, Georgieff, Schumacher, Ruch und anderen lokalen Größen zu veranstalten. Im Kassenhäuschen saß dort, und später im Catcher-Zelt an der Leibnizstraße, seine wasserstoffblonde Frau Benigna, gebürtige Polin, jetzt kaufmännische Leiterin. Auch seine Brüder, die seinerzeit noch ringen mußten, haben das heute nicht mehr nötig. Hans haut für gutes Geld auf den Gong, Paul amtiert im Kampfgericht.
Beim ersten internationalen Catcher-Turnier im Februar 1949, das Kowalski mit Hilfe ausländischer Finanziers in Berlin zuwege brachte, ging es um den 1500 Gramm schweren achtzehnkarätigen "Goldpokal von Berlin" Nach dem Schlußkampf "verzichteten" die Finalisten Paul Berger und Hans Schwarz auf die Trophäe.
Hin und wieder gab es peinliche Anfragen der noch gutgläubigen Zuschauer nach dem Verbleib des Goldpokals, um den Monate später in der Schweiz der Catcher Berger und der in Berlin nicht qualifizierte Österreicher Bernth rangen, ohne daß der Pokal je ausgeliefert wurde.
Bestbezahlter Ringerdarsteller war immer Hans Schwarz mit anfangs 1000 DM, später 350 DM Tagesgage. Dicht auf lag Josef Vavra, der 1951 an rund 300 Turniertagen 60 000 DM verdient hat.
Auch in Hamburg, Hannover und Frankfurt erkämpfte sich Kowalski als einziger Veranstalter, der Garantiegagen bieten konnte, das Monopol.
Als er erfuhr, daß der Ringerpromoter Hans Ruch zusammen mit dem Pariser Veranstalter Alex Goldstein beim Berliner Hauptsportamt zwei Weltmeisterschaften (im Mittel- und Schwergewicht*) angemeldet hatte, die am 1. Juni 1952 beginnen sollten, teilte Kowalski postwendend der Berliner Presse mit, er gedenke ab 21. Mai 1952 die "seit längerer Zeit geplanten" Weltmeisterschaften im Schwer- und Mittelgewicht zu veranstalten.
So ergab sich das sportliche Kuriosum, daß in einer Stadt zur gleichen Zeit unter den gleichen Klassen Weltmeisterschaften der Catcher stattfinden sollten: Die Weltmeisterschaft des Alex Goldstein und die Weltmeisterschaft des Erich Kowalski.
Am 7. Mai 1952 setzten sich im Berliner Hotel am Zoo das Paradepferd der deutschen Berufsringerei, Exweltmeister Hans Schwarz, Veranstalter Hans Ruch und Goldstein-Adlatus Hermann Kurz zusammen, um gegen Kowalskis Kriegserklärung mobil zu machen. Der Filmstar und Catchermeister Hans Schwarz: "Mein Ehrenwort - nie wieder arbeite ich mit Kowalski zusammen!"
Schwarz erzählte, ihn habe Kowalski gerade erst beim Turnier in Hannover hereingelegt. "Weil ich es ablehnte, mich von seinem neuen Protegé Harry Pinetzki in den Entscheidungskämpfen werfen zu lassen, hat er mich ausgeschlossen, ohne die volle Gage zu zahlen."
Über Kowalskis Kampfregie hatte sich Hans Schwarz vorher nicht so aufgeregt. Er ließ sich als Renommierschild und zweiten Vorsitzenden in den von Erich Kowalski und seinen Brüdern Hans und Paul geleiteten Internationalen Ringerverband e. V. hineinwählen.
Und eines Tages mußte Ruch, der bei seinem Weltmeisterschaftsturnier Schwarz zum Turnierleiter machen wollte ("um beim Publikum Vertrauen zum sportlichen Wert unserer Weltmeisterschaften zu wecken"), per Telefon hören: "Tut mir leid, Hanne, ich habe bei Kowalski unterschrieben. Wollt Ihr nicht doch lieber zusammen machen?" Aber Ruch wollte nicht und Alex Goldstein erst recht nicht. "Die besseren Catcher haben wir!"
Da Kowalski indes die bessere Arena, die traditionelle Halle IX des Funkturm-Geländes hatte, einigten sich Ruch/Goldstein schließlich doch mit Kowalski auf eine gemeinsame Weltmeisterschaft. Mit insgesamt 110 Ringern, die alle auf ihren verbrieften Anspruch pochten, beschäftigt zu werden.
Es war schwierig, die für zwei Weltmeisterschaften verpflichteten Ringer unterzubringen. Goldstein mußte einen Teil seiner Truppe in der französischen Provinz ringen lassen, um nicht vertragsbrüchig zu werden. Kowalski brachte seine überzähligen Leute in einem Hamburger und einem Frankfurter Ausweichturnier unter. Das Frankfurter Turnier endete mit einem erheblichen Defizit und entschlief nach 20 Tagen.
Aber auch die Berliner Weltmeisterschaft war ein Pleitegeschäft. Schuld daran war nicht allein die tote Sommersaison, sondern auch die Erkenntnis der Berliner,
daß ihnen auch diesesmal nichts anderes vorgesetzt wurde, als es bei den Catcher-Turnieren üblich ist:
* Modellathleten, deren Fairness stets dankbar von der bewundernden Damenwelt gefeiert wird. Markantester Vertreter dieser Gattung: Rudi Schumacher;
* den Menschenfresser-Typus, der mitunter auch komisch wirken darf, aber in erster Linie Empörung schüren muß durch verpönte Bosheiten wie Haare ausraufen, Augen zudrücken und Fußtritte in die Weichteile. Unerreichtes Prunkstück dieser Gattung: Josef Vavra;
* Catcherkarikaturen, die dem Publikum mit gewaltigem Getöse komisch kommen müssen. Bester Komödiant Fallkünster Nick van Dyck (Belgien);
* anatomische Abnormitäten. Meistbestaunte: "Homosaurier" Kurt Zehe, 2,18 hoch, 427 Pfund schwer;
* Exoten: "Tarzan" Nicolai Zigulinoff (Bulgarien), Apfelsinenhändler vom Berliner Wedding mit üppig wallender Löwenmähne.
"Das Ganze wird dann als Sport deklariert", empört sich Amateurringer Ernst Matschke über derartige Rummelmanieren seiner Berufskollegen. Seiner Meinung nach sollte das wiederholt werden, was 1938 Reichssportführer von Tschammer und Osten als Exempel statuierte, um die Berufsringer wieder in die Schaubuden zurückzujagen.
Als die Berufsringer gegen diese Verurteilung Einspruch erhoben, wurden Qualifikationskämpfe mit den Amateurringern angesetzt, auf Wunsch der Profis sogar nach deren Regeln. Jedes Lager stellte seine acht Besten zu der Machtprobe.
Nur ein Profi bestand sie, Hans Stuwe, und der war gerade aus dem Amateurlager gekommen. Alle anderen, auch die "Weltmeister" Fritz Kley und Hans Schwarz, wurden von den Amateuren sehr schnell aufs Kreuz gelegt; der zwei Zentner schwere Hans Schwarz von dem erheblich leichteren Mittelgewichtler Schweickert. "Daraus", so schließt Ernst Matschke, "ist ja deutlich genug zu ersehen, daß die Catcher-Meister keine Könner sind."
Den einzigen, garantiert echten Kampf bei den Weltmeisterschaften der Catcher in Berlin gab es nicht auf der Matte, sondern im Büro des Berliner Sportpalastes. Hermann Kurz, Abgesandter des Pariser Catch-Turnier-Veranstalters Alex Goldstein, spaltete mit einem wohlgezielten Hieb die Unterlippe des Berliner Promoters Erich Kowalski, weil der ihn "Paßfälscher, Lump und Bandit" genannt hatte.
So endete unter Anrufung von acht Polizisten die Partnerschaft des Pariser und des Berliner Ringer-Promoters. Nach Ansicht Ernst Matschkes, des Vorsitzenden der Berliner Amateurringer, war es nur noch ein Nachruf für die sich selbst totlaufende Catcher-Hausse der Nachkriegszeit und den Berliner Promoter Erich Kowalski, wenn in den Pausen der Weltmeisterschaft in Berlin durch den Lautsprecher der auf Bestellung komponierte Schlager ertönte: "Das ist Kowalski, das ist Kowalski, der Catcherkönig von Berlin ..."
*) Im catch-as-catch-can werden Weltmeisterschaften verliehen wie Kriegsverdienstkreuze. Sehr unvollständiger Auszug aus der Liste der "Weltmeister" im Schwergewicht: Danny Mc-Shaine, Lou Thez, Frank Sexton, Ray Eckert, Paul Berger, Primo Carnera, Kurt Hornfischer.

DER SPIEGEL 29/1952
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