13.08.1952

OST-INFILTRATIONVom Pinsel zum Gewehr

Unter dem lebensgroßen Stalinbild in Walter Ulbrichts Zimmer im SED-"Zentralhaus der Einheit" in Berlin N 54 saßen die Westdeutschen Jupp Angenfort und Hans Thiel. Sie saßen neben Erich Honecker, Vorsitzendem der sowjetzonalen "Freien Deutschen Jugend" (FDJ). Jupp Angenfort ist Max Reimanns Spezialist für die Bildung von Jugend-Kadern. Hans Thiel ist Jugendsekretär des Zentralrates der westdeutschen Tarnorganisation "Sozialistische Deutsche Aktion" (SDA). Als Berater war SED-Kaderchef Franz Dahlem, 60, zugezogen.
Um was es an Ulbrichts rundem Tisch ging, hatte Franz Dahlem auf der II. Parteikonferenz am 9. Juli schon kurz angedeutet: "Wenn die deutsche Jugend und die deutschen Männer es wollen, dann müssen sie (die Amerikaner, die Engländer und die Franzosen) ihre Truppen aus Deutschland zurückziehen."
Die kommunistische Unterwanderung Westdeutschlands ist Anfang Juli der SED und der westdeutschen KPD von Sowjetbotschafter Iwan Iwanowitsch Iljitschow als Ziel gegeben worden. Der entscheidende Hebel solle beim Deutschen Gewerkschaftsbund, der SPD und der Jugend angesetzt werden. Jupp Angenfort mußte sich nun unter Stalins Bild von Ulbricht dieselben Vorwürfe anhören, die Iljitschow zuvor Ulbricht und Reimann schon an die Köpfe geworfen hatte.
Angenfort hatte gehofft, dieser Gardinenpredigt schon dadurch zuvorgekommen zu sein, daß er auf der gerade vorübergerauschten SED - Parteikonferenz "selbstkritisch" bekannt hatte "Wir Kommunisten in der Freien Deutschen Jugend (in der Bundesrepublik) haben noch nicht verstanden, die ganze Kraft des Jugendverbandes auf die Arbeiterjugend zu konzentrieren und die Unterschätzung der Arbeit unter der Gewerkschaftsjugend und in den Gewerkschaften, denen 650 000 Jugendliche angehören, zu überwinden."
Aber mit dieser Selbstkritik hatte Jupp Angenfort erst recht Ulbrichts Ärger heraufbeschworen: er habe erneut das falsche eingleisige Vorgehen der westdeutschen KPD offenbart. Nicht nur Arbeiterjugend und Gewerkschaftsjugend müßten angesprochen werden, sondern auch die unpolitischen "Pfadfinder", die Turn- und Sportvereine und die Vereine für Körperkultur, sogar die (in der Sowjetzone verbotene) "Heilsarmee".
Angenfort bekam von Walter Ulbricht eine präzise Marschroute mit auf den Weg:
* In jeden westdeutschen Jugendverband sind zuverlässige FDJ-Angehörige beiderlei Geschlechts einzuschleusen.
* Zur Kader-Bildung sind mehr als bisher Jugendliche aus Westdeutschland in die "DDR" auf die Hochschulen der FDJ an Bogensee und Udersee und zu den Zirkeln in den Bezirksjugend- und Propagandistenschulen der FDJ zu beordern.
* Die westdeutschen Kader werden in den FDJ-Ferienlagern, in den Lagern der "Jungen Pioniere" und beim Besuch der Pionierrepubliken "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee und "Ernst Thälmann" in der Wuhlheide bei Berlin ausgesucht.
* Der Werbung zur Teilnahme Westdeutscher am halbjährigen sowjetzonalen Arbeitsdienst, dem sogenannten "Dienst für Deutschland", ist größte Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Kader-Abteilungen West des FDJ-Zentralrats im "Haus der Jugend", Unter den (Ostberliner) Linden, und im "Zentralhaus der Jungen Pioniere", Berlin-Lichtenberg, arbeiten seit Walter Ulbrichts Predigt vor Angenfort auf Hochtouren. Die von Jupp Angenfort angeforderte Instrukteurverstärkung für Westdeutschland ist zum Teil sogar schon tätig. Ihre Sonderausbildung befähigt sie, in Zusammenarbeit mit den westdeutschen KP-Ortsgruppen an der Zonengrenze den Durchschleusdienst von West nach Ost und zurück für diejenigen zu organisieren, die vorübergehend den westdeutschen Ohneuns-Pinsel bei Seite legen, um in der Sowjetzone an den Mit-uns-Karabiner zu greifen.
Sie dürfen sich dabei das Abzeichen "Für gutes Wissen" in Bronze, Silber oder Gold an das Blauhemd heften, oder sie kehren nach mehrmaligem Drill in den neuen Wehrertüchtigungslagern des sowjetzonalen Arbeitsdienstes als Partisanen und Saboteure in spe mit der gerade erst gestifteten "Ehrenmedaille für hervorragende Leistungen im Dienst für Deutschland" heim. Dort heben sie dann wieder "Ausschüsse gegen Arbeitsdienst und Remilitarisierung" aus der Taufe.
Die Löcher im Eisernen Vorhang, die nun dem paramilitärischen Arbeits-"Dienst für Deutschland" die Plattform bis zum Rhein ausdehnen sollen, sind als politische Paßstraßen für kleine und große KP-Agenten tausendfach erprobt. Wo eins vom Bundesgrenzschutz verstopft wird, da öffnet sich über Nacht daneben ein anderes. Die Schleusentore, an denen auf der Ostseite im Fünf-Kilometer-Gürtel nicht gleich scharf geschossen wird, gehören zu den "Geheimen Kommandosachen" der Grenz-Volkspolizei. Zur X - Stunde begleiten hier die Vopo - Streifen harmlose Zivilisten, die ihre Leute von "drüben" an signalisierten Parolen und Decknamen erkennen und übernehmen.
Die Kraftwagen und Omnibusse stehen zur Weiterfahrt einige Kilometer hinter der Grenze bereit, beispielsweise im Autobahn-Rasthof "Börde" zwischen Helmstedt und Magdeburg, wo der leitende SSD-Kommissar den Namen öfter als das Hemd wechselt.
Über diese krummen Grenzpässe finden ganze Scharen mühelos den Weg zu den DDR-Freiquartieren. Nach dem bewährten Rezept der Aachener Kaffeeschmuggler lenken "blinde Gruppen" zuvor Lehrs Grenzschutz mit Scheinmanövern ab, um die Luft rein zu machen.
Nach der Jahresbilanz von Hannes Reusch, des Leiters des sowjetzonalen Amtes für Jugendfragen und Leibesübungen, wurden schon 1951 über zwei Millionen
Kinder und Jugendliche in den 40 zentralen Ferienlagern, in den mehr als 1500 Sommerlagern der volkseigenen Betriebe sowie in zahlreichen örtlichen Ferienlagern zusammengefaßt. Zehn Prozent dieser zwei Millionen - so ergänzt Erich Honekker - kamen aus Westdeutschland.
So ziehen die "Pimpfe" von gestern als die "Pioniere" von heute wieder ins Sommerlager.
Mit Spiel und Tanz und Lagerfeuerromantik beginnt es. Dann kommen die Lehrgangsinternate, wo die Sonderausbildung in kleinen Gruppen je nach Eignung verpaßt wird. Damit geht zugleich die Zuständigkeit meist aber auch an spezielle Lehrmeister über, gegen die die Agit-Prop-Abteilung des FDJ-Sekretariats harmlos ist.

DER SPIEGEL 33/1952
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