10.09.1952

SCHUMACHER-BLOGRAPHIEKein Funken Privatleben

Daß eine Biographie von Dr. Kurt Schumacher schon wenige Wochen nach dem Tode des sozialdemokratischen Parteichefs erscheinen kann, verdankt Autor Fried Wesemann der Zentrale für Heimatdienst im Bonner Innenministerium von Dr. Robert Lehr.
Die Zentrale für Heimatdienst ist so etwas wie ein Grundsatz-Propaganda-Amt in Sachen Demokratie. Der Förderung dieser
guten Sache sollte der im Herbst 1951 geborene Plan dienen, durch volkstümliche Lebensbeschreibungen bekannter deutscher Nachkriegs - Politiker die demokratische Staatsform zu popularisieren.
Mit drei 100 - Seiten - Bändchen, Heuss, Adenauer, Schumacher wollte Robert Lehrs Zentrale für Heimatdienst den Anfang machen. Die drei Politiker wurden gebeten, Autoren zu benennen, denen sie die Meißelführung am lebendigen Denkmal zutrauten.
Bundespräsident Heuss konnte sich lange Zeit nicht entschließen. Er ist selbst Berufsbiograph und sorgte sich für seinen Autor in spe übermäßig wegen der geschmacklichen Schwierigkeit, die diese Arbeit mit sich bringt. Dr. Adenauer wählte kurzerhand seinen früheren persönlichen Referenten Franz May, der jetzt in der Organisationsabteilung des Bundespresseamtes sitzt.
Kurt Schumacher bestimmte zu seinem Biographen Fried Wesemann. Der 36jährige Bonner Vertreter der Frankfurter Rundschau, früher Redakteur der sozialdemokratischen Hannoverschen Presse, war schon dabei, das Material zusammenzutragen, als er ein merkliches Nachlassen des regierungsamtlichen Interesses an dem geplanten Schumacher-Buch feststellte.
Grund: Robert Lehrs Staatssekretär Dr. Ritter von Lex hatte, als ihm der Drei-Buch-Plan vorgelegt wurde, mit Blaustift unter den dritten Namen geschrieben: "Schumacher nicht".
Wesemann machte die Schumacher-Biographie daraufhin zu seiner eigenen Sache. Einesteils freute er sich: "Ich brauchte mich nun nicht an den Miniatur-Umfang von 100 Seiten zu halten."
Das im Frankfurter Herkul-Verlag erscheinende "Bildnis eines politischen Menschen" (DM 8,50) wird, damit der tote Kurt Schumacher in diesem neuen Testament der SPD gründlich zu Worte kommen kann, dreimal so lang sein wie die Adenauer-Biographie von Franz May, die noch in der Schreibtischschublade des Bundeskanzlers auf die Zensierung wartet.
Den Versuch, menschliches Interesse zu wecken, der dem Buch einen größeren Erfolg würde sichern können, hat der Autor nur in ein paar kargen Ansätzen unternommen.
Wesemann: "Ein Mann, der keinen Funken Privatleben hatte, der so ausschließlich politisch war, daß er sich beispielsweise seine Schlaflosigkeit mit der Lektüre vergleichender Wahlstatistik ausfüllte, der gibt keinen Stoff etwa für ein Buch 'Schumacher wie er wirklich war'."
Schumacher, wie er wirklich war, ist genau der Schumacher, den alle Welt kennt. Auch der Lebensstil dieses Asketen ist genau so, wie jedermann ihn sich vorstellt.
Wesemann beschreibt ein wenig davon: Der Wohnraum der kleinen Dreizimmerwohnung in Hannover "war mit Bett, kleinem Tisch und Sitzgelegenheiten ausgestattet. Von einer betonten Schlichtheit, zu einfach und zu geschmackvoll zugleich, als daß der Stil etwa kleinbürgerlich zu nennen gewesen wäre. Die ganze Anspruchslosigkeit Schumachers dokumentierte sich hier. Wie allen Menschen von Bedeutung fehlte ihm die Phantasie für das, was die Primitiven unter dem großen Leben verstehen."
Wesemann versucht das Persönliche des Politikers Schumacher so zu packen: "Das Unbedingte seines Wesens macht ihn zu einem Eiferer, der bei Tag und Nacht an die Tore des Unverstandes klopft, und die Vehemenz seines Kämpfertums bringt ihm leicht den Tadel des Fanatismus ein. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die Triebkräfte und die Beweggründe seines politischen Handelns unmittelbarer Ausdruck seiner Menschlichkeit sind."
Ein alter Bekannter aus Schumachers Stuttgarter Tagen wird zitiert: "Schumacher ist die Kohlensäure im stillen Wasser".
Wesemann ist ehrlich genug, auch dort nichts zu verheimlichen, wo diese Kohlensäure, vornehmlich im Bonner Bundestag, den Pfropfen an die Decke geknallt hat. Jene Nachtsitzung, in der der Eiferer Schumacher mit dem Wort vom "Bundeskanzler der Alliierten" einen Tumult auslöste, wird ausführlich geschildert.
Kurt Schumacher hat seinen Autor Fried Wesemann während der Gespräche in der schönen Wohnung auf dem Venusberg bei Bonn kaum an seine persönlichsten Bereiche herangelassen. So weiß Wesemann von den KZ-Jahren nur sehr wenig zu erzählen.
Er kann den Schumacher dieser zehn Jahre nur strich-skizzieren:
"Niemals während der zehnjährigen Haftzeit wurde ein Bekehrungsversuch mit ihm gemacht; niemals, auch bei den tollsten Szenen nicht, wurde er von vorn geschlagen; man hat ihn von hinten getreten und mit dem Gesicht gegen die Wand geschlagen, aber nicht von vorn angegriffen, und schließlich hat er niemals einen Vertrauensposten gehabt."
Und nur wie einen Schemen kann Wesemann eine Frau aus Schumachers Jungmännerzeit vorüberziehen lassen: "Es war eine Tirolerin, die in Stuttgart mit ihrer Mutter lebte, oft dabei gewesen, wenn im Schloßgarten-Kaffee debattiert wurde. Aber die Unrast jener Jahre hatte doch niemals ihm Muße gelassen, die die Selbstentäußerung der Liebe braucht."
Annemarie Renger, jene Frau an Schumachers Seite, die besonders während der letzten Jahre in Bonn ihr Wissen um die schweren gesundheitlichen Gefahren, die Schumacher ständig drohten, hinter einer betonten Forsche verbarg, sie taucht erst im dritten Teil des Buches auf, als "Sekretärin, Hausfrau und Gefährtin".
Hätte Fried Wesemann in den letzten Kapiteln bei der Schilderung von Schumachers Tod eine ebenso glückliche Hand gehabt wie bei der Darstellung der größten Tage des SPD - Parteichefs, dann würde seine Erstlingsarbeit ihrem Zweck weitgehend gerecht werden.
Diese bedeutungsvollen Tage, in denen Schumacher für die spätere Funktionsfähigkeit der Bonner Bundesregierung weit mehr getan hat als sein Gegenspieler Konrad Adenauer, jedenfalls waren gekommen, als die Alliierten 1948 während der Verhandlungen des Parlamentarischen Rates um das Grundgesetz ihr Veto gegen das Maß an Kompetenzen einlegten, die der Rat dem Bund zu geben beschlossen hatte.
"Die SPD-Fraktion des Rates war", erzählt Wesemann vom Kampf gegen dieses Veto, "ihren verfassungspolitischen Richtlinien entsprechend, nach der Formel Schumachers verfahren: So zentralistisch wie nötig, so föderalistisch wie möglich.
"Den Parteikongreß zur Entscheidung der Frage, ob dem alliierten Veto ein Nein entgegenzustellen oder aber ob ein Kompromiß zu suchen sei, donnerte Schumacher an: 'Der Tod der Demokratie sind nicht die ihr feindlichen Prinzipien, sondern es ist die Passivität, das Nichtkämpfen und das Auf-die-Entwicklung-hoffen'."
Hier stellt Wesemann, ohne es ausdrücklich zu sagen, die Prinzipien der Schumacherschen Taktik zu den Grundsätzen Adenauerscher Politik in hellen Gegensatz; jenes Adenauerschen, seither nie aufgegebenen "Auf - die - Gunst-der-Entwicklunghoffen", dem damals auch die meisten der sozialdemokratischen Ministerpräsidenten der Länder anhingen.
Die Alliierten gaben nach, und mit der Schilderung dieses Schumacher - Sieges in einer Zeit, da das deutsche Gewicht erheblich kleiner war als nach der Gründung der Bundesrepublik, gibt Wesemann der ewigen Kritik an der Außenpolitik des Kanzlers ihr Recht, der Kanzler bewerte die reale deutsche Chance, tatsächliche Zugeständnisse vom Westen zu erzwingen, zu gering.
Wesemann greift für den Nachweis der besonderen Gründlichkeit des Schumacherschen Kampfes um die deutsche Wiedervereinigung weit in die Anfangsjahre des Politikers Schumacher zurück.
Parteitag Magdeburg 1928: "Ob wir wollen oder nicht, mit der Einbeziehung Deutschlands in irgendwelches Bündnissystem aber folgen wir nicht nur einem gewissen Rückschritt in den internationalen Beziehungen, sondern spielen unseren einzigen außenpolitischen Trumpf der Bündnis- und Verpflichtungslosigkeit aus, ohne daß er richtig zum Stechen kommt."
Schumacher hat, nach Wesemanns Darstellung, bis ans Ende seines Lebens eine antisowjetische Politik aus Grundsatz ebenso abgelehnt, wie er die deutsche politische Situation im Erbe der bürgerlichen Revolutionen der westlichen Welt begründet hat.
Schon in den Jahren der Weimarer Republik wie in den ersten Nachkriegsjahren zielte Schumacher auf die gesamtdeutsche Aufgabe eines internationalen Ausgleichs ab. In der dramatischen Konferenz, in der Schumacher im Oktober 1945 seinen Kampf gegen die ostzonalen SPD-Genossen, an ihrer Spitze Grotewohl, führte, umriß er diese Ansicht:
Die SPD hat immer auf dem Boden des Ausgleichs und des Gleichgewichts gestanden, "und sie würde sich nie dazu hergeben, im innerdeutschen Rahmen ein, wenn auch indirektes, Instrument einer Politik irgendeiner Gleichgewichtsstörung zu sein."
Wesemann kommentiert das: "Diese Formel, vielleicht die beste, die Schumacher in diesen Jahren fand, geht davon aus, daß die dem besiegten Lande auferlegten Opfer unter der Bedingung der Erhaltung der Einheit des Reiches tragbar gewesen wären, während die später Wirklichkeit gewordene Alternative dazu nur lauten konnte, daß die Leistungen tatsächlich erbracht wurden, die vertragliche Pflicht der Alliierten zur Wiederherstellung der Einheit aber auf dem Papier stehenblieb."
Bei dem Versuch, den Parteichef Dr. Schumacher mehr als primus inter pares denn als Autokraten hinzustellen, kommt Wesemann ziemlich in Bedrängnis. Da heißt es einmal: "Kurt Schumacher war nicht der Mann, der seine Entschlüsse in der Einsamkeit suchte; er unterwarf sich jederzeit dem Votum der Fraktion. Daß er sich mit seinen Anschauungen durchsetzte, bezeichnet den hohen Grad seiner Fähigkeit, Menschen in Übereinstimmung mit seinem eigenen Willen zu lenken"
Ein wenig später steht das Bedauern, Schumacher habe immer der rechte Gegenspieler innerhalb der Partei gefehlt. Und dann: "Für Schumacher war die sozialdemokratische Partei das Instrument, das bei rechter Handhabung alle Möglichkeiten erfolgreicher Politik bot."
Biograph Wesemann bedauert nicht einmal andeutungsweise, daß Schumacher an der Spitze der Partei kaum das tut, was er 1928 anläßlich der Zustimmung der sozialdemokratischen Reichsminister zur Bewilligung der Herstellung des Panzerkreuzers A in der "Schwäbischen Tagwacht", an der er damals Redakteur war, forderte:
"Wenn sich die Anhänger der Sozialdemokratie bewußt werden, daß sie selbst die Partei sind, dann kann dieses Ereignis der Anlaß werden für eine Entwicklung der Partei von zeitweise leider überwiegend mechanischen Funktionen zu einer Parteidemokratie mit großem geistigen und politischen Inhalt."
Und er wertet auch den großen Bruch nicht, der sich durch die Welt der ideologischen Grundsätze Schumachers zieht. Wesemann zitiert flüchtige Auslassungen Schumachers über Marx, von dessen Gebäude der SPD-Chef in seiner zweiten politischen Aera nach dem letzten Kriege gerade noch die Denkmethodik, aber keine einzelne Schlußfolgerung mehr gültig sein lassen wollte. Die ganze überreiche Zitatenzeichnung läßt Schumacher vielmehr als einen Liberalen erscheinen, in dem man kaum noch zwingende Gründe dafür erkennt, daß er 1945 ausdrücklich seine Parteigründung an die alte Tradition der SPD anknüpft.
Schumacher hat das Bild, das hier auf den etwa 300 Seiten von ihm gemalt wurde, noch gesehen. Er hat sich nicht dagegen gewehrt, in ihm über einer Fluchtlinie zwischen halbmarxistischen Sozialdemokraten und Liberalen gezeigt zu werden, der 1945 eher einen Liberalsozialismus hätte begründen müssen anstatt sich unter die rote Fahne der alten Arbeiterbewegung zu stellen.
Und Schumacher konnte sich wohl nicht dagegen wehren, daß ihn Wesemann unendlich den Begriff "Sozialismus als ökonomische Befreiung des arbeitenden Menschen" in eine Schlagthese münzen läßt, ohne ihn einmal zu zitieren, wie er etwa eine mögliche Sozialisierung praktisch entwickelt oder gar in die Sozialisierungsaktivität seiner sozialdemokratisch regierten Länder eingreift.
Wesemann ist Schumacher-Anhänger, seit er den Neugründer der Sozialdemokratie im Jahr 1945 auf der ersten Versammlung nach dem Kriege in Hannover als "junger Reporter" erlebte. Er hat die Geschichte in seinem Buch nicht zu erzählen vergessen. Das literarische Getränk, das er nun gebraut hat, wird den in den Köpfen aller Gleichgesinnten schon vorhandenen Schumacher-Mythos weiter befeuern.

DER SPIEGEL 37/1952
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1952
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHUMACHER-BLOGRAPHIE:
Kein Funken Privatleben

Video 00:42

88-Meter-Segeljacht Auf der Überholspur

  • Video "Endstation Bataclan: Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde" Video 21:45
    "Endstation Bataclan": Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde
  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee" Video 00:45
    Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee
  • Video "Schrecksekunde in der Ligue 1: Ball trifft Kameramann am Kopf" Video 01:04
    Schrecksekunde in der Ligue 1: Ball trifft Kameramann am Kopf
  • Video "Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron" Video 00:44
    Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron
  • Video "Nationalpark in Indien: Tiger verfolgt Touristenjeep" Video 00:46
    Nationalpark in Indien: Tiger verfolgt Touristenjeep
  • Video "Amateurvideo aus China: Schwimmt da ein Haus?" Video 00:37
    Amateurvideo aus China: Schwimmt da ein Haus?
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Es wird noch viel schlimmer werden" Video 01:58
    Waldbrände in Kalifornien: "Es wird noch viel schlimmer werden"
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur