10.09.1952

PARKGEBÜHRENNur ums Geldverdienen

Die fünf Personenwagen, die vergangene Woche abends vom Kölner Rathausvorplatz in die Stadt hineinfuhren, hatten Verschwörer geladen. Je zwei Mann saßen in einem Volkswagen, einem Borgward, einem Citroen, einem Ford M 12 und einem Mercedes. Was sie vorhatten, war das Ergebnis einer Stammtischunterhaltung, die sie über Parkplätze und Parkplatzgebühren geführt hatten.
"Jeder von uns", berichtete Gustav Schäfer, Vorsitzender des Kölner Clubs für Motorsport, nach dem geglückten Experiment, "gibt jeden Monat 40 bis 50 DM für
Parkplatzgebühren aus. Wir wollten beweisen, daß das weggeworfenes Geld ist."
Die Beteiligten waren Kaufleute, Handwerksmeister und Journalisten; alles Männer, die aus Berufsgründen viel mit dem Wagen unterwegs sind, immer wieder parken müssen und immer wieder auf "bewachten" Parkplätzen an Wächter mit Quittungsblocks geraten. Wie die Parkgebühren berechnet werden, darüber konnten sie nie klar werden.
"Der eine nimmt vier Groschen für die Viertelstunde", sagt Gustav Schäfer, "der andere fünf, ein dritter acht. Nachts ist es ganz toll in Köln". Hinter dem "Atelier", einer illustren Feinschmeckergaststätte, seien ihm für die Bewachung zwischen 22 und 1 Uhr zwei D-Mark abverlangt worden. Für die gleiche Zeit habe er dagegen in Aachen 45 Pfennig und für einen noch längeren Zeitraum in Essen immerhin 40 Pfennig gezahlt.
"Dabei waren wir uns völlig klar, daß die sogenannte Bewachung praktisch wertlos ist und daß es den Parkunternehmern nur um's Geld geht."
Das war der Grund für die "Aktion Seifenblase" der fünf Wagen. Schäfers Leute hatten sich vorgenommen, jeden der Wagen zu einem bewachten Parkplatz in der Innenstadt Kölns zu fahren. Der Fahrer sollte ihn parken und die Kontrollnummer vom Parkwächter in Empfang nehmen. Der Beifahrer würde dann 15 Minuten später das Fahrzeug ohne die Quittung abzuholen versuchen.
Es klappte jedesmal. In eineinhalb Stunden wurden die abgestellten Fahrzeuge unter den Augen der Wächter einundzwanzigmal "gestohlen". Kölns Versicherungsgesellschaften hätten rd. 100 000 DM zahlen müssen, wenn die Diebe echt gewesen wären. In jedem Falle gelang das Vorhaben, den Wagen durch den beim Parken nicht anwesend gewesenen zweiten Mann der Besatzung nach einer Viertelstunde ohne Quittung wieder abholen zu lassen.
Fast immer kassierten die Bewacher vom Abholer die Parkgebühr, ohne nach dem
Kontrollschein zu fragen, nahmen höflich den Gegenschein unter dem Scheibenwischer weg und dirigierten oft selbst das Fahrzeug aus der Reihe der übrigen.
"Wir haben es überall versucht", berichteten die Motorsport - Mitglieder. "Am Bahnhof, auf Parkplätzen rund um den Dom, am Neumarkt, vor Restaurants auf dem Hohenzollernring und vor einem Kino am Kaiser-Wilhelm-Ring. In allen Fällen konnte unser zweiter Mann lediglich mit dem Wagenschlüssel, ohne die Quittung der Parkfirma, den Wagen wieder abholen."
Und einundzwanzigmal reklamierte kurz nach der Abfahrt des Wagens der erste Fahrer mit der Kontrollnummer in der Hand sein Fahrzeug: "Wo haben Sie mein Auto?" Einundzwanzigmal hatten die Parkwächter keine vernünftige Ausrede.
Unter den klassischen Antworten waren auch diese beiden: "Ja, der Wagen ist doch schon abgeholt worden, von einem, der den Schlüssel hatte." Und: "Ihr Wagen, da hinten fährt er gerade um die Ecke!"
"Wir haben also recht gehabt", sagt Vorsitzender Gustav Schäfer. "Die ganze Bewacherei ist ein Unsinn. Jeder hat seinen Wagen doch sowieso versichert. Ganz abgesehen davon macht es auf ausländische Besucher einen verheerenden Eindruck, wenn sie an manchen Punkten von den Wächtern regelrecht angefallen werden."
Das Kölner Experiment setzt einigen Druck hinter die Vorschläge, für ganz Westdeutschland geltende Gebührensätze und Bewachungsrichtlinien zu schaffen. Seit über einem Jahr arbeiten der Deutsche Städtetag und der Städtebund mit dem ADAC an dieser Frage.
Auch die Versicherungsgesellschaften, die eine besondere Sparte Parkplatzversicherung unterhalten, sind an dem Problem interessiert. Ihr Prämienanteil an den hohen Parkplatzgebühren beträgt im allgemeinen ganze zwei Pfennig pro Wagen.

DER SPIEGEL 37/1952
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