30.07.1952

INTERNATIONALES / IBN SAUDZu alt und selbstzufrieden

(s. Titel)
Er könnte wirklich noch ein König aus "Tausendundeiner Nacht" sein, Abdul-Asis Ibn Saud*), Beschützer von sechs Millionen Beduinen und Herr eines Gebietes, das den Landmassen von Gibraltar bis zur russischen Grenze entspricht. Denn er rühmt sich, daß
* sein Leib mit 60 Narben bedeckt ist,
* sein Harem 88 Gemächer hat,
* er 264mal getraut und 260mal geschieden ist (da ein gläubiger Moslem, und das ist Ibn Saud, jeweilig nur vier rechtmäßige Frauen haben darf),
* aus seinen Verbindungen 46 eheliche Söhne entsprossen sind (Töchter werden bei den Arabern erst gar nicht gezählt) und
* er mit einem Jahreseinkommen von 150 Millionen Dollar rechnet.
Doch genau so gut ist dieser moderne Harun-al-Raschid ein dreimal ausgekochter Börsen-Jobber, der den Trend politischer Entwicklungen in seine Hausse- und Baisse - Spekulationen einkalkuliert. Als König Ibn Saud Anfang Mai der in seinem Hoheitsgebiet operierenden "Arabisch-Amerikanischen Öl-Gesellschaft" (ARAMCO) neue Forderungen auf den Tisch des Direktionshauses in Dharan knallte, da war das nichts anderes als eine geschickte und logisch konsequente Ausnutzung des englisch-persischen Konfliktes um die Verstaatlichung der britischen Anlagen in Abadan. Ibn Saud forderte nicht mehr und nicht weniger, als daß
* die ARAMCO seine Jahrestantiemen von 150 Millionen auf 200 Millionen Dollar erhöhe,
* die Hälfte der Mitglieder des ARAMCO-Aufsichtsrates Saudi-Araber sein müßten,
* das ARAMCO-Hauptquartier von New York nach seiner Metropole Ryadh zu verlegen sei,
* die ARAMCO sich verpflichte, innerhalb von fünf Jahren die Bohr-Konzessionen von Ölfeldern auf über 200 000 Quadratkilometern an die Regierung des Königs zurückzugeben,
* die Gesellschaft eine Vereinbarung hält, die restlichen 200 000 Quadratkilometer im gleichen Zeitraum voll
auszunutzen, wenn sie ihre Konzessionen behalten wolle,
* die ARAMCO auch für das nicht geförderte Öl Tantiemen zahle, falls die Rest-Konzessionen nicht voll ausgenutzt würden,
* ihm, dem König, das Recht vorbehalten bleibe, die Öl-Felder auch in einem etwaigen Krieg ausbeuten zu lassen. Sei die ARAMCO dazu nicht in der Lage, habe sie eine Vertragsstrafe von 100 Millionen Dollar zu zahlen.
Und alles das, nachdem der Konzessionsvertrag mit der ARAMCO von 1939 vor zwei Jahren mit mohammedanischer Feierlichkeit und amerikanischer Smartness nochmals erneuert worden ist. Nach diesen Vereinbarungen hat die ARAMCO für 50 Jahre uneingeschränkte Bohr-Rechte in Saudi-Arabien.
Aber der etwa 72jährige, halbblinde König ist durchtriebener als der nationalisierungsbesessene Dr. Mossadeq in Teheran. Er weiß nur zu genau, daß seine Öl-Felder ohne die ausländischen Fachleute und das amerikanische Kapital nicht viel mehr wert sind als ein riesiger Haufen Sand. Ibn Sauds Finanzminister, Abdullah El Suleiman, erklärte zweideutig die Absichten seines Königs: er wolle die der ARAMCO abgenommenen Konzessionen zu günstigeren Bedingungen an andere Öl-Gesellschaften verpachten.
Der Finanz-Minister ist bei Ibn Saud der wichtigste Beamte im Staate. Die Konkurrenz der Öl-Firmen untereinander, die sich in seinen Worten andeutete, ist, neben strategischen Überlegungen, eine Achse der heutigen Politik in Mittelost überhaupt. Der Konflikt um das Öl wird nicht etwa zwischen den Westmächten und der Sowjet-Union ausgetragen, auch nicht zwischen England und dem Islam, noch weniger zwischen England und Persien. Die beiden Partner, die sich in dieser Auseinandersetzung gegenüberstehen und durch die Entwicklung zu harter Unnachgiebigkeit gezwungen sind, diese beiden unversöhnlichen Konkurrenten um das orientalische
Öl sind England und die USA (s.: "Ein Kampf um Öl").
Der Alte in seinem prächtigen Palast in Ryadh weiß das nur zu gut. Er weiß, daß er ohne Fachleute keine selbständige Öl-Politik treiben, nicht fördern, raffinieren und exportieren kann. Er weiß, daß er nur eins kann: aus der britisch-amerikanischen Konkurrenz Kapital schlagen.
König Ibn Saud hat 10 000 Pferde in seinen Marställen stehen. Die Pferde kosten Geld. Vier angetraute und viele geschiedene Frauen, die Söhne, Töchter und Konkubinen des Alten, alle wollen leben, und gut leben.
Für Geld tut Ibn Saud alles. Unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg versprach er den Engländern, seinen damaligen Nachbarn, den Scherif Hussein von Mekka*), nicht in den Sack zu stecken. Dessen Sohn Feisal hatten die Briten zum König vom Irak vorgesehen. Dafür ließ sich Ibn Saud monatlich 5000 Pfund in die Falten seines weiten Burnus'' schieben und erhielt außerdem Waffen und Munition. Von 1917 bis 1924 kostete er das britische Empire 732 000 Pfund Sterling. Erklärte 1922 Winston Churchill im Unterhaus: "Warum wir Ibn Saud subventionieren? Dieser arabische Machthaber ist unterstützt worden, nicht damit er etwas leiste, sondern damit er nichts tue."
Trotz ganzer Serien warnender Depeschen aus London vertrieb Ibn Saud dann doch im Jahre 1924 den Scherif von Mekka. Weil die Engländer seine Subsidien nicht mehr weiterzahlten.
Der neue Herr von Mekka verbot, seinen Grundsätzen - die den Genuß von Alkohol und Tabak verbieten - getrou, sofort den Verkauf von Tabak. Jammernd bat eine Deputation von Kaufleuten aus der Hafenstadt Dschidda um Audienz. Der König möge doch Aufschub gewähren, bis sie ihre Vorräte an Tabak, im Wert von
100 000 Pfund Sterling, verkauft hätten. Sonst wären sie ruiniert.
Zum allgemeinen Erstaunen gab der gefürchtete Wahabiten-Fürst nach. Solange die Ware nicht öffentlich angeboten, sondern diskret vertrieben werde, wolle er ein Auge zudrücken.
Zuerst betrachtete man das nur als eine staatsmännische Geste gegenüber den neuen Untertanen. Aber bald erwies sich: es war nur Ibn Sauds Kompromiß mit dem Geld. Als die Vorräte ausgingen, gestattete er neue Tabak-Einfuhren und ließ durch seine Beamten die hohen Zölle einstreichen. Wie er Hedschas überfallen hatte, weil die winzigen Einnahmen seines Stammlandes Nedschd ihm nicht mehr ausreichten, so waren ihm auch die Einkünfte aus Tabak-Importen wichtiger geworden als seine Prinzipien.
Dann versiegten plötzlich die Einnahmen aus der Mekka-Pilgerfahrt. Die Weltwirtschaftskrise, die Anfang der dreißiger Jahre ausbrach, trieb die Zahl der Pilger von 100 000 auf 20 000 jährlich herunter.
"Ach Philby", klagte Ibn Saud seinem englischen, zum Islam übergetretenen Berater sein Leid, "wenn irgend jemand mir eine Million Pfund bieten würde, würde ich ihm alle Konzessionen geben, die er will." Philby hatte den richtigen Mann zur Hand, den amerikanischen Millionär Charles Crane. Eine US-Gesellschaft fand sich Anfang 1933 bereit, dem König als Vorschuß für Öltantiemen ein Zehntel seiner Million, nämlich 250 000 Dollar zu zahlen.
Seitdem hat die ARAMCO in Saudi-Arabien schätzungsweise 600 Millionen Dollar investiert. ARAMCO hat jetzt eine jährliche Öl-Produktion von 45 Millionen Tonnen - mehr als Persien je geschafft hatte. Sie hat eine Rohrleitung von 1750 km Länge gelegt, die Öl von el Hassa durch die arabische Wüste nach Sidon an der Mittelmeerküste des Libanon pumpt.
Bei Damman, das vor zwanzig Jahren noch ein stinkendes Araberdorf war, hat sie einen kilometerlangen Pier in das Meer hinausgebaut, da größere Schiffe an der seichten Küste el Hassas nicht anlegen können. Nicht weit davon, in Ras Tanura, wurde eine riesige Raffinerie (Produktion 1951: 8 Millionen Tonnen) errichtet.
Für ihre amerikanischen Angestellten, die alle wichtigeren Posten innehaben und mit ihren Familien über 5000 Personen zählen, hat ARAMCO ganze Städte mit Fließband - fabrizierten Häusern, Kühlschränken und Klima-Anlagen geschaffen. Sie hat einen Personalstand von 23 000 bereits überschritten.
ARAMCO verfügt über eine eigene Luftflotte mit regelmäßigem Dienst New York - Dharan, besitzt ihre eigenen Tanker, und Einkaufsbüros in der ganzen Welt. Ihre Häuser kommen aus Schweden, die elektrischen Einrichtungen aus England. Deutschland liefert Werkzeuge, Stahltanks, Rohre und Zement, Frankreich Chemikalien, Dänemark Bier, Australien Fleisch.
Als Ibn Saud den Amerikanern die Öl-Konzessionen erteilte, sagte er lobend: "Amerikaner bringen das Öl aus der Erde und halten sich der Politik fern." ARAMCO hat tatsächlich einen anderen Weg beschritten als die Anglo-Iranian.
Die ersten amerikanischen Prospektoren ließen sich Bärte wachsen und erschienen überall im Burnus. Nirgends in el Hassa haben die Amerikaner eine christliche Kirche gebaut. Juden, auch amerikanischer Staatsbürgerschaft, werden nicht angestellt. Im Ramadan rauchen die Amerikaner nicht auf der Straße.
Es gibt keinen Wunsch, keine Laune des Königs, die ARAMCO nicht erfüllt. Das reicht von Cowboy-Kostümen für Prinzensöhne
bis zu einer 600 km langen Eisenbahnlinie für Ibn Saud. Sie verbindet Damman mit der Hauptstadt Ryadh, kann sich nie rentieren, wurde aber auf den ausdrücklichen Wunsch des Königs dennoch gebaut. Für 52 Millionen Dollar, die in Raten von den Öltantiemen abgesetzt werden.
ARAMCO schenkte dem König einen 18 Meter langen Autobus mit Thronraum, mahagoni - getäfeltem Schlafzimmer, Bad und Klima-Anlage. Und dazu 20 Haremswagen, damit er seine Frauen mit auf Reisen nehmen kann. Die Fenster sind aus Spezialglas, durch das man zwar von innen hinaus-, aber nicht von außen hineinschauen kann.
Als erste Ölgesellschaft im Mittleren Osten boten die Amerikaner, die in ihrer unkolonialistischen Denkweise nicht Beute, sondern Geschäfte machen wollen, ihren arabischen Partnern auch halbpart an. Im Januar vorigen Jahres, wenige Monate vor Beginn der Persienkrise, einigten sie sich mit Ibn Saud, ihm die Hälfte ihres Reingewinns (nach Abzug der amerikanischen Steuern) zu zahlen, und zwar sogar rückwirkend vom 1. Januar 1950.
Jetzt rückte Ibn Saud schon wieder mit neuen Forderungen heraus. Zuerst verlangte er, daß die ARAMCO aus New York nach el Hassa übersiedelt, damit nicht mehr Zeit durch ständige Rückfragen verloren wird. ARAMCO nahm das sofort an. Präsident W. S. S. Rodgers zog sich auf seinen anderen Posten als Vorsitzender der Texas Oil Co. zurück, und sein Stellvertreter F. A. Davies siedelte als neuer Vorsitzender
der ARAMCO ins glühendheiße Dharan über.
Ibn Sauds zweiter Wunsch, seine Eisenbahn über Ryadh nach Mekka und dem Roten Meer zu verlängern, und zwar bis 1957 - eine Kleinigkeit von weiteren 1400 Gleiskilometern - ist praktisch bereits akzeptiert.
Seine fünfzig Prozent - dritter Wunsch - will er vor Abzug der US-Steuern berechnen, so wie es der Scheich von Kuweit (Jahresproduktion: 40 Millionen Tonnen) und das Finanzministerium des Irak (jährlich 15 Millionen Tonnen) machen. "Es ist eine Krise, aber nicht eine wirklich schlimme, die schlimme Krise wird erst später kommen", meinte ein Direktor der ARAMCO. Bei der schlimmen Krise dachte er an die Unsicherheit nach dem Tode Ibn Sauds.
Die kolonialistisch denkenden Engländer fürchten die amerikanische Öltaktik wie Seuchen-Bakterien. Voller Schadenfreude lasen sie den Amerikanern aus ihrer eigenen "Saturday Evening Post" vor, daß sich Amerika ausgerechnet aus humanitären Gründen im Lande "unseres seltsamsten Alliierten", wie das Blatt sich ausdrückte, an Barbareien beteilige:
In el Hassa wird neuerdings das Hackmesser, mit dem man den Dieben dort noch immer die Hand abhackt, im amerikanischen Krankenhaus aufbewahrt, wo es sterilisiert werden kann. Wenn ein armer, stinkender Moslem verurteilt wird, erscheint ein amerikanischer Arzt mit einer Spritze, die den Arm anästhesiert Das siedende Öl, in das früher der Arm zwecks
Desinfektion und weiterer Bestrafung getaucht wurde, tritt nicht mehr in Aktion; statt dessen wird die Wunde von dem amerikanischen Arzt kunstgerecht vernäht.
Ehebrecherinnen werden in Saudi-Arabien heute noch zu Tode gesteinigt. Ein Chauffeur, der einen Menschen überfährt, wird hingerichtet, wenn sich die Familie des Opfers nicht mit einer Geldbuße begnügt.
Wieviel ARAMCO - und durch sie Saudi-Arabien - am Öl verdienen, ist genau nicht feststellbar. ARAMCO ist keine öffentliche Aktiengesellschaft*) und veröffentlicht darum keine Geschäftsberichte. Es ist aber bekannt, daß die ARAMCO König Ibn Saud 1950 in runden Ziffern 60 Millionen Dollar an Tantiemen gutschrieb, 1951 infolge sprunghafter Erhöhung der Forderung 125 Millionen Dollar. Im laufenden Jahr werden es ungefähr 150 Millionen Dollar werden. Das sind die Einnahmen desselben Ibn Saud, dessen Staat vor dreißig Jahren von dem kümmerlichen Export von Datteln und Kamelen lebte.
Er bringt es übrigens dennoch zuwege, ständig in Schulden zu sein. Die kleinen Beamten können sich freuen, wenn ihr Gehalt nur vier Monate im Rückstand ist. Der Rial, grundsätzlich ungefähr eine D-Mark, fluktuiert ständig. Vor zweieinhalb Jahren war der Staatsschatz plötzlich völlig leer.
Zum Teil hat das technische Gründe. In einem Königreich mittelalterlicher Struktur, das plötzlich in ein zwanzigstes Jahrhundert amerikanischer Prägung katapultiert wird, gibt es noch nicht genügend fähige Leute, um ein Budget auch nur aufzustellen, geschweige denn, um es zu verwirklichen. Das würde auch am Widerstand Ibn Sauds scheitern. Er hält es für selbstverständlich, daß Abullah El Suleiman ohne zu fragen alle Mittel bewilligt, die er mit seiner nach Hunderten zählenden Familie braucht.
Da manche seiner Söhne sich damit vergnügen, bei ihren Gastmählern nur aus Amerika per Flugzeug herbeigeschaffte Leckereien zu servieren, da alle eine Schar von Autos, Villen, Konkubinen und Sklaven besitzen, geht ein viel zu großer Teil der Staatseinnahmen an den Haushalt Ibn Sauds. Seine höchsten Ratgeber und Beamten haben gleichzeitig ausgedehnte private Wirtschaftsinteressen und benutzen ihre Ämter, um sich zu bereichern. Da bleibt wenig für die Beduinen der Wüste übrig.
Trotzdem hat sich ihr Lebensstandard in den letzten dreißig Jahren rapide gehoben. Mekka, eine Stadt von 200 000 Einwohnern, hat endlich Wasserwerke bekommen, die die ganze Stadt speisen. Es werden Krankenhäuser gebaut, Rundfunkstationen errichtet, Flugplätze angelegt.
Die Dollar-Quelle, die ARAMCO den Saudi-Arabern erschlossen hat, speist außerdem heute auch das Wohlwollen der US-Regierung. Obwohl Ibn Saud bis fast vor Kriegsende neutral blieb, leistete die USA ihm Leihpacht- und andere Hilfe in der Höhe von 17,5 Millionen Dollar,
ebensoviel wie den Engländern. Nach dem Kriege folgte eine Anleihe von 15 Millionen, und neuerdings soll Saudi-Arabien auch US-Militärhilfe beziehen. Sobald die Waffenlieferungen beginnen, wird sich eine Militärmission in El Chardsch, südöstlich Ryadhs, etablieren. Vielleicht hat sie mehr Glück als ihre englische Vorgängerin. Von 1947 bis 1951 drillten englische Offiziere die 13 000 Soldaten von Hedschas. Erfolg war nicht zu sehen.
Eine weitere amerikanische Mission arbeitet schon in Saudi-Arabien, mit Dr. Sahuel Stratton an der Spitze. Sie soll bei der Aufstellung eines Budgets und auf den Gebieten der Landwirtschaft, der Sozialpolitik und des Verkehrs helfen.
Als einzige konkrete Gegenleistung hat Ibn Saud den USA gestattet, die von ihnen angelegte Flugzeugbasis Dharan am Persischen Meerbusen bis 1956 weiter zu benutzen. Von dort aus läßt sich ein russischer Vormarsch auf Abadan behindern. Von dort aus ließen sich auch Atombomben auf Baku werfen. Dazu müßte Dharan aber noch ausgebaut werden. Im Augenblick ist der Flugplatz,
an den Maßstäben von 1952 gemessen, veraltet und leicht außer Betrieb zu setzen.
Im übrigen haben sich die Amerikaner bemüht, sich nicht als Imperialisten zu gebärden und nichts zu verlangen. Sie verlassen sich darauf, daß ARAMCO das Öl aus dem Lande heraus und amerikanischen Geist hineinpumpt. Die Leute von Saudi-Arabien "gewöhnen sich an amerikanische Lebensformen wie Enten ans Wasser" freut sich William Eltiste, ein leitender Beamter der ARAMCO.
Ibn Saud hat sich in der Tat geweigert, während des Palästina-Krieges das Israelfreundliche Amerika durch Stornierung der ARAMCO - Konzession unter Druck zu setzen, was ihm in Kairo, Damaskus und Bagdad als Zeichen von US-Hörigkeit ausgelegt worden ist. Tatsächlich diente dieses Verhalten aber nur der Sicherung seiner Finanzen. Auch die ihm von den anderen Arabern oft verübelte Tatsache, daß er sich am Kampf gegen Israel praktisch nicht beteiligte, hat nichts mit amerikanischem Einfluß zu tun. Ibn Saud wußte, daß ein Arabersieg über die Juden nur die Haschemitenländer
Jordanien und Irak bereichern würde. Das konnte ihm nicht in seine Pläne passen. Noch heute hat sein Vertreter in der Araberliga strengen Auftrag, bei geteilten Meinungen grundsätzlich gegen die Haschemiten zu stimmen.
"Ibn Saud", klagte neulich die amerikanische Zeitschrift "Time", "ist zu alt und zu selbstzufrieden, um dem Westen aktiv zu helfen oder die tätige Führung des Mittleren Ostens zu übernehmen." Im Krieg tauchte einmal ein Plan auf, Ibn Saud zum "Boß aller Bosse" im Mittleren Osten zu machen, wenn er dafür die Errichtung des Staates Israel zuließe. Churchill erwärmte sich zeitweilig für die Idee. Ibn Saud blieb kühl, und sie wurde fallengelassen.
Aus Zeiten des ersten Weltkrieges her, als die Engländer den Türken endgültig die Führung des Mittleren Ostens abnahmen, bestehen noch sentimentale Bindungen Ibn Sauds an London. Aber der Einfluß Englands, vor zwanzig Jahren in Ryadh noch ausschlaggebend, ist im Schwinden. Die Dollars der ARAMCO sind stärker als Reminiszenzen.
Anfang dieses Jahres streckten seine Minister allerdings auch einmal bei den Engländern Fühler aus: ob sich die brachliegenden Millionen der aus Abadan vertriebenen Anglo-Iranian nicht in Saudi-Arabien anlegen ließen. Man wolle der ARAMCO nahelegen, auf Konzessionsrechte in Gebieten, in denen sie nicht bohrt, zu verzichten.
Ob es Ibn Saud damit ernst, ob es bloßes Manöver war, um indirekt Druck auf die Amerikaner auszuüben, weiß London noch nicht. Der Wüsten-Haudegen Ibn Saud hat jedenfalls das militärische Übergewicht Amerikas im Westen erkannt und richtet sich danach ein. Intime Freunde glauben sogar, daß er nicht verstehen kann, warum die Amerikaner nicht auf Rußland losgingen, solange sie noch allein die Atombombe hätten. Er sehne sich förmlich nach einem dritten Weltkrieg, da er in den beiden ersten so sehr profitiert hatte.
Bei Geschäften, wie sie Ibn Saud nun seit Jahrzehnten treibt, blieb nicht aus, daß die Idee eines großarabischen Reiches, von der der König in seiner Jugend träumte, recht bald über Bord ging.
Als Ibn Saud noch ein Jüngling war, wurde das Heer seines Vaters, des Emirs von Nedschd, von einem feindlichen Stamm völlig aufgerieben. Ryadh, der Hauptsitz des Geschlechtes, wurde besetzt, und ein Gouverneur regierte über Nedschd. Der junge Ibn Saud mußte als Flüchtling das Gnadenbrot bei den Wüstenstämmen Süd-Arabiens essen.
In einer finsteren Nacht am Ende des Jahres 1901 erschienen dann plötzlich 39 Kamel-Reiter in weißen Burnussen vor der Stadt Ryadh, erkletterten die Wälle und drangen in den Gouverneurs-Palast ein. Ibn Saud, der Führer der Kavalkade, trennte persönlich dem feindlichen Gouverneur das Haupt vom Rumpfe, und als Ryadh am nächsten Morgen erwachte, war das Emirat in Ibn Sauds Besitz.
Die Wahabiten Ibn Sauds sind eine puritanische Sekte des Islam. Sie nehmen das Koran-Verbot des Rauchens und Trinkens ernst, lehnen die Verehrung von Heiligen-Gräbern ab und fordern die Bekehrung der Ungläubigen mit dem Schwert. Die aus dem Hause Saud waren im 18. Jahrhundert als Vorkämpfer solcher Ideen groß geworden.
Der junge Ibn Saud erinnerte sich an diese Ideale seiner Ahnen. Unter der Fahne des reinen Islam sammelte er Beduinenstämme und siedelte die "Ishwan", eine mit religiösem Fanatismus erfüllte Bruderschaft, an verschiedenen Orten
seines Reiches an. 1912 gründete Ibn Saud die erste Ishwan-Siedlung in Artawiya.
Achtzehn Jahre später mußte er gegen die Ishwan, die das Eindringen europäischer und amerikanischer Zivilisation mit Argwohn beobachtete, zu Felde ziehen, um das Land gewaltsam den westlichen Interessen und seinen Staatsschatz ihren monetären Begleiterscheinungen zu öffnen.
Erledigt war auch die Idee des großarabischen Reiches und der Erneuerung des Islam. Von dem jungen und leidenschaftlichen Freiheitskämpfer blieb ein müder, etwas resignierter, an Arterienverkalkung leidender Greis übrig, dessen drei königliche Tröstungen Frauen, Wohlgerüche und Gebete sind.
Fünfmal täglich, wie es der Koran vorschreibt, verrichtet er seine Gebetsübungen. Dazwischen trinkt er ununterbrochen bitteren parfümierten Mokka. Er unterhält einen ständigen Harem von zwölf Frauen, nämlich vier angetrauten Gemahlinnen, vier Konkubinen und vier Sklavinnen.
Atmosphäre aus "Tausendundeiner Nacht" webt nur noch im Liebesleben des alten Araber-Königs.
Da nach mohammedanischem Recht die Scheidung einfach ist, konnte sich der König schon vor zwanzig Jahren rühmen, 135 Jungfrauen und "etwa hundert andere Frauen" geheiratet zu haben. Er umarme seine jeweilige Bettgefährtin sogar manchmal im Schlaf.
Ibn Saud, dem vor wenigen Wochen der 46. eheliche Sohn geboren wurde, sagte anläßlich dieses freudigen Ereignisses: "In Jugend und Mannesalter schuf ich einen Staat. Jetzt, in den Jahren meines allmählichen Verfalls, bevölkere ich ihn."
*) Saud bezeichnet die Herrscher-Dynastie. Ibn = arab. Sohn. Also Abdul-Asis Sohn der Sauds.
*) Scherif = arab. Erhabener. Titel, den die Nachkommen des Propheten Mohammed und insbesondere die Fürsten von Nedschd (Mekka) für sich in Anspruch nehmen.
*) Besitzverhältnisse: die Standard Oil-Gesellschaften von California, Texas und New Jersey besitzen je 30 Prozent der ARAMCO, Socony Vacuum die restlichen 10 Prozent. Alle genannten Gesellschaften sind amerikanisch.

DER SPIEGEL 31/1952
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