23.07.1952

RÄTSELDie Tschudina kam

Bis vor einer Woche wetteten die westlichen Sportredakteure jede Summe, daß die Sowjets ihre Athletin Alexandra Tschudina nicht mit nach Helsinki nehmen würden. Die Sowjets würden schon deshalb darauf verzichten, weil sich alle weiblichen Olympiakämpfer vor den Wettkämpfen einer ärztlichen Untersuchung unterziehen müssen, auch die Tschudina. Aber die Tschudina kam.
Zu der für alle Teilnehmer peinlichen Maßnahme einer Leibes-Beschau mußten sich die Internationalen Leichtathletikverbände 1950 entschließen, als es immer wieder vorkam, daß Frauen Rekorde und Meisterschaften erzielten, deren weibliches Geschlecht anatomisch nicht eindeutig war. Vor den Europameisterschaften 1950 in Brüssel ergab die ärztliche Diagnose, daß beispielsweise die holländische 100-m-Läuferin Foekje Dillema ein Hermaphrodit*) war. Das Dilemma der Dillema aber teilten vor ihr schon andere "Frauen".
Bei den kommunistischen Studenten-Weltmeisterschaften in Budapest machte sich die leistungsstarke Kurzstreckenläuferin aus der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, Lisa Endesfelder, verdächtig, weil sie den gemeinsamen Waschraum immer nur allein betrat und sich unter der Bettdecke an- und auskleidete. Die Endesfelder wurde vor das Organisationskomitee zitiert. Sie durfte weder in Budapest noch später anderswo starten.
Amerikas erfolgsreichste Kugelstoßerin, die naturalisierte Polin Stella Walasiewicz,
fühlte sich nach zwanzigjähriger Laufbahn plötzlich als Mann. Ärzte erklärten diese Entdeckung generell so: Die Walasiewicz (Walsh) sei eine normal entwickelte Frau gewesen. Erst die permanente physische und psychische Einstellung auf den Sport, der männliche Leistung verlange, könne bei Frauen mit maskuliner Veranlagung einen biologischen Umwandlungsprozeß zur Folge haben. Diese Frauen verlören nach und nach ihre femininen Eigenschaften.
Einen derartigen Umwandlungsprozeß hatte auch die Europameisterin im Hochsprung von 1938, Dora Ratjen (Deutschland) erlebt.
Als klassisches Beispiel für den Pseudo-Hermaphroditismus im Frauensport gilt der Fall der tschechoslowakischen Läuferin Koubkowa. Die Koubkowa kannte ihren Zustand, verbarg ihn indes aus Ehrgeiz und Furcht vor einem öffentlichen Skandal. 1934 lief sie über 800 Meter die bis jetzt nicht erreichte Zeit von 2:12,4 Minuten*).
Obwohl auf Lebenszeit disqualifiziert, ließ sich die Koubkowa mit Erfolg operieren. Sie lebt heute als vollgültige Frau und Mutter von drei Kindern in Prag.
Sowjetrußlands Sportbehörden haben bisher noch niemandem außerhalb der Ostblocks Gelegenheit gegeben, ihren Paradestar Tschudina auf seine Weiblichkeit zu prüfen. Sie ist noch nie außerhalb der Sowjetunion und der Volksdemokratien gestartet.
Seit ihrer Entdeckung durch einen Beauftragten des Zentralkomitees der UdSSR für Körperkultur und Sport im Jahre 1944 wird die Rostower Arbeiterin Tschudina in der Moskauer Sporthochschule auf Rekord gedrillt. Ihre Ergebnisse in allen einschlägigen Disziplinen waren erstaunlich, noch erstaunlicher war ihre Vielseitigkeit. Bei den vorolympischen Ausscheidungskämpfen in Kiew holte sich die Tschudina allein vier Konkurrenzen: den Hochsprung mit 1,66 m, den Weitsprung mit 6,08 m, das Speerwerfen mit 48,59 m und den nicht als olympischen Wettbewerb zugelassenen Fünfkampf.
Als der besonders hartnäckige UP-Korrespondent Henry Thornerry in Helsinki dem sowjetischen Cheftrainer Popoff das delikate Geheimnis um den männlichen Habitus der Tschudina zu entlocken versuchte, ließ ihn Popoff glatt stehen. Thornerry
hatte sich geradeheraus erkundigt: "Müßte nicht Alexandra Tschudina eigentlich Alexander heißen?"
Die Lösung der Frage, ob die Tschudina einen begründeten männlichen oder einen begründeten weiblichen Vornamen zu tragen hat, kann von den Sowjets leicht zu einer politischen Prestigefrage erhoben werden. Denn warum ist die Tschudina mit nach Helsinki gekommen?
* Entweder war die Tschudina tatsächlich Hermaphrodit, ist aber inzwischen operiert worden wie die Kroubkowa oder
* der bedauernswerte Mensch Tschudina ist für die Sowjets nichts weiter als eine eingebaute Sicherung, und die Sowjets haben sie mitgebracht, um im Falle einer Ablehnung ihres Startes einen Protest zu provozieren.
Das Startverbot der Tschudina gäbe einen plausiblen Grund zur plötzlichen Abreise aus Helsinki, wenn es sich zeigen sollte, daß die sowjetischen Sportler nicht die vom Kreml erwarteten 25 goldenen und 22 silbernen von den 777 zu verteilenden Olympischen Medaillen mit nach Hause brächten.
*) Hermaphroditos, Sohn des Hermes u. der Aphrodite; auf Bitte einer Quellnymphe mit ihr zu einem doppelgeschlechtlichen Wesen vereinigt.
*) Der 800-m-Lauf für Frauen existiert heute nicht mehr als offizieller Wettkampf.

DER SPIEGEL 30/1952
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