20.08.1952

SCHAHHalb soviel Macht

Am Dienstag der letzten Woche empfing Schah Mohammed Reza Pahlevi in seinem Sommerschloß Saad Abaad 55 braungebrannte Bauern. Er händigte ihnen die Besitz-Urkunden für die Felder und Baulichkeiten aus, die er ihnen bereits vor Jahresfrist übereignet hatte. Zum Schluß der Feier sagte er noch etwas, was die Bauern aufhorchen ließ. "Ich habe Euch in diesen Palast eingeladen, weil er Euer eigenes Haus ist und, wie alles in diesem Land, eigentlich Euch gehört." Als der Schah geendet hatte, klatschten die Bauern nach dem Beispiel der anwesenden Offiziellen verlegen Beifall. Nur hier und da schnellte aus schmal geschlitzten Augen ein begehrlicher Blick über die Seidentapeten, Tüll-Gardinen und Möbel im fremdartigen Chippendale-Stil.
Schah Mohammeds schöne Geste ist ebensosehr Ausdruck echter sozialer Gesinnung wie eines gutherzigen Charakters. Sie bezeichnet aber auch die Entmachtung eines Fürsten, der - eingeklemmt zwischen Hof-Intrigen, religiösem Fanatismus, kommunistischer Demagogie, aus- und inländischer Geschäftemacherei - immer mehr einer träumerischen Schwermut verfällt.
Ägyptens Faruk mußte am 26. Juli den Thron räumen, weil er korrupt war. Jordaniens Talal wurde am 11. August abgesetzt, weil er der Intrige nicht gewachsen war. Schah Mohammed wird möglicherweise den Pfauenthron nicht zu räumen brauchen, weil er sich bis heute als bedeutungslos erwiesen hat. Das Ergebnis ist in allen Fällen das gleiche: andere, bedenkenlosere, vitalere und zeitgemäßere Kräfte rücken in die Position ein, die die orientalischen Potentaten aus Charakterschwäche, Unfähigkeit und Ratlosigkeit räumen.
Mit dem Geschrei von 300 Demonstranten setzte wenige Tage vor dem feierlichen Akt auf Schloß Saad Abaad Ministerpräsident Mossadeq seine Forderung auf nahezu diktatorische Vollmachten durch. Der iranische Senat kapitulierte nach anfänglichen Widerstandsversuchen vor dem Lärm der Dreihundert. Bitter kommentierte Senator Matin Daftari, einer der beiden Opponenten gegen Mossadeqs Ermächtigungsgesetz, das Ganze als "professionelle Ekstase".
Tatsächlich gehörten die Dreihundert seit Wochen zum Zeremoniell der beiden Häuser der iranischen Volksvertretung. Sie sind die fest engagierte "Stimme des Volkes", die im Auftrage von "Allahs Wort" - im Auftrage des Großmullahs Sayed Abul Ghassem Kaschani - durchsetzt, was Ministerpräsident Mossadeq sich wünscht und was Kaschani für gut befindet.
Fünf Tage vor der Senatssitzung - am 7. August - hatten die Dreihundert Kaschanis Wahl zum Präsidenten des "Medschlis" (Unterhaus des iranischen Parlaments) buchstäblich "erschrien". In der gleichen Sitzung beschlossen die Abgeordneten angesichts einer kochenden Galerie die Haftentlassung von Khalil Tahmassebi. Der hatte vor Jahresfrist den iranischen Ministerpräsidenten Ali Razmara zusammengeschossen. Damals hatte derselbe Medschlis dem toten General, ehemaligem Generalstabschef, Ministerpräsidenten und Freund des Schahs, ein Staatsbegräbnis bewilligt. Jetzt bescheinigte er ihm "Verbrechen gegen die Nation und gegen die Gesellschaft im Dienste von Ausländern".
Als "feige wie ein Schakal" hatte die nationalistische Partei-Presse den "Medschlis" bezeichnet, als in der zweiten Julihälfte an Stelle Mossadeqs der 77 Jahre alte Millionär Ahmed Ghavam es Sultaneh mit 40:2 Stimmen als Ministerpräsident akzeptiert wurde. Vier Tage lang wehrte sich der Alte dann gegen das, was er verächtlich "Die Herrschaft des Mobs" nannte. Am zweiten Tag seiner Ministerpräsidentschaft - am Sonnabend, dem 19. Juli - hatte er vom Schah den Einsatz von Militär gefordert. Der lehnte ab - nicht schroff zwar, sondern, wie es schien, in eine melancholische Lethargie gebannt.
Zwei Tage später trat Ghavam zurück. Jetzt mußte der Schah dem neuen Ministerpräsidenten Mossadeq das zubilligen, was er dem alten Ministerpräsidenten Mossadeq vor acht Tagen verweigert hatte: das Amt des Kriegsministers und damit die Uebertragung der militärischen Gewalt.
Seither ist Schah Mohammed Reza Pahlevi tatsächlich das, was er eigentlich immer sein wollte: ein konstitutioneller Monarch mit, nach seinen eigenen Worten, "halb soviel Macht wie der König von Schweden". Mit einem Unterschied: an seiner Stelle regiert nicht ein muster-demokratisch wohlerzogenes Volk, repräsentiert durch Abgeordnete, deren Ehrgeiz sich aus jahrhundertealter Sitte, aus Gewohnheit und kühler Berechnung in die einmal gezogenen verfassungsmäßigen Grenzen fügt.
An der Stelle des Schahs regiert von nun an die Ekstase: ein mystischer Impuls, tief verwurzelt in den religiösen Traditionen des schiitischen Islams, als solcher seines Willens und Weges durchaus nicht verstandesmäßig gewiß, aber trotzdem ernst zu nehmen, selbst dort, wo er Selbsttäuschung oder auch nur bloße Mache ist.
Als Schah Mohammed Reza Pahlevi am 26. Oktober 1919 geboren wurde, war sein Vater noch ein unbekannter Oberst in der von den Russen während des ersten Weltkrieges in Persien aufgezogenen Kosaken-Brigade. Hünenhaft von Gestalt, gewalttätig, grausam, habgierig und schlau wie eine persische Pantherkatze erkämpfte er sich unter dem letzten degenerierten Kadscharen-Schah den Weg zur Macht. 1925 fegte er den in Paris versumpfenden Schah Ahmed vom Pfauenthron. Mit geradezu wütender Brutalität scheuchte er ein neun Millionen Menschen zählendes Volk (er dekretierte allerdings, daß es fünfzehn Millionen seien) aus seinem mittelalterlichen Schlaf.
Ähnlich wie sein Eben- und Vorbild, der "graue anatolische Wolf" Kemal Atatürk, verbot er die charakteristischen Kleidungsstücke des Moslem: den "Schador" (Schleier) der Frauen und den Fez der Männer. In der Regierungs-Hauptstadt Teheran ließ er ganze Stadtteile niederreißen und errichtete an ihrer Stelle dessen - zuweilen scheußlich triviale - moderne Gebäude. Das heutige Stadtbild Teherans mit seinen breiten Boulevards, Prunkbauten für Bahn und Post, Ministerial-Palästen und Kaufhäusern ist das Werk dieses brutalen Neuerers.
Im Lande ließ er an Stelle der Karawanenstraßen moderne Autobahnen anlegen, Rasthäuser bauen, Staudämme errichten, Städte und Industrien aus dem Boden stampfen. Vieles war sinnlos. Der Staudamm von Fariman (Nordost - Persien) versumpft inzwischen infolge Wassermangels. In der Industrie-Stadt gleichen Namens verfallen die Fabrikgebäude, weil es keine Kohle gibt und keine Bahn, die die Kohle heranbringen könnte. Wälder, die er anpflanzen ließ, sind längst verdorrt und verheizt.
Ein technisches Werk des Schahs allerdings sollte sich als von bleibendem Wert, ja von geradezu weltpolitischer Bedeutung erweisen: die Schienen-Transversale von Khorramshar am Persischen Golf bis nach Mianeh in Aserbeidschan. Sie machte den Iran zu dem wichtigsten Zwischenglied in dem Ring, der sich während des zweiten Weltkrieges um Deutschland spannte. Fünf Millionen Tonnen Kriegsmaterial wurden im Verlaufe der Jahre 1941 bis 1944 auf ihm transportiert.
Eben diese Bedeutung als lebenswichtige Zufahrtstraße des kämpfenden Rußland wurde dem alten Schah zum Verhängnis. Unter keinen Umständen konnten die Alliierten die Beherrschung dieser vielleicht kriegsentscheidenden Verkehrsader den zuweilen skurrilen Einfällen und den kollegialen Sympathien des Diktators Reza Pahlevi für den Diktator Adolf Hitler überlassen. Am 25. August 1941, fünf Uhr morgens, überschritten die Russen und Engländer die Grenzen des Iran. Im südafrikanischen Johannesburg endete im Jahre 1944 der alte Schah sein Leben als Verbannter.
Wichtiger noch und nachhaltiger als die technischen Neuerungen Schah Reza Pahlevis sind die Veränderungen, die er im Gemüt des persischen Volkes erzwang. Das Elend des persischen Bauern ist Jahrhunderte alt. Seit Jahrhunderten hat es Räuber, mordende Nomaden-Überfälle, erpresserische Feudalherren, betrügerische Steuereinnehmer, fremde Eroberer und verschwenderische Schahs gegeben. Jahrhunderte alt ist der betäubende Duft einer schwärmerischen Poesie, das Vergessen in mystischer Religiosität und der Rausch des Mohns.
Aus Hunderten von ärmlichen, verlausten Kabinen des 10. Reviers - der Südstadt Teherans - steigen allabendlich die süßlich-faden Düfte des Opiums auf. Sie mischen sich mit den widerlichen Ausdünstungen der die Stadt durchziehenden Kanäle. Die bilden die Trinkwasserversorgung, Müllabfuhr und Kanalisation der Millionenstadt. Ihre trübe Flüssigkeit stinkt nach Urin, verrotteten Abfällen, den Exkrementen von Tier und Mensch.
In den Lehmgassen bieten von Lepra zerfressene alte Weiber halbwüchsige Mädchen und Knaben zur Prostitution an. Zwei Drittel des persischen Volkes seien, so schätzt man, Opium-Raucher. Gegen Typhus und Fleckfieber ist der größte Teil der Bevölkerung zwar immun, dafür aber wüten um so mehr Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten.
Die Schwindsucht ist die Folge einer ebenso allgemeinen wie schamlosen Ausbeutung der Arbeitskräfte. Fünfjährige Kinder, Frauen, die mit dreißig Jahren zu zahnlosen Greisinnen gealtert sind und ausgemergelte Scharen von Arbeitern schuften oft zehn bis zwölf Stunden lang in lichtlosen Fabrikräumen und alten Karawansereien, die als Teppichwebereien eingerichtet sind. Sie schaffen Werte, die überall in der Welt zu den begehrtesten Kostbarkeiten gezählt werden.
Von dem Reichtum, den die Reisfelder, Zucker-Plantagen und Oliven-Haine Aserbeidschans und die kaspischen Provinzen hervorbringen, ist den Bauern dem Namen nach ein Fünftel gewährt. Die anderen vier Fünftel hat er an den Besitzer abzuführen: für die Steuer, das Wasser, das Ackergerät und den Boden, denn ihm selber gehört praktisch nichts als seine Arbeitskraft und seine vier Lehmwände.
All das war so seit eh und je. Etwas allerdings hat begonnen, anders zu werden: die Einstellung zu diesem Elend. Der Bauer und der Arbeiter hat erfahren, daß es in anderen Ländern - nicht zuletzt auch jenseits der russischen Grenze - anders ist, daß es also auch bei ihm anders sein müßte und sein könnte. Und das ist - unter anderem ein Verdienst des alten Schah Reza Pahlevi. 500 junge Perser entsandte er alljährlich auf europäische Universitäten, Fachschulen und Militär-Akademien. Sie brachten nicht nur technisches Wissen mit, sondern auch soziales Gewissen.
Einer von ihnen war sein Sohn Mohammed. Als Zwölfjährigen schickte ihn der Vater mit einer fürstlichen Eskorte nach Rolle am Genfer See. Anfangs war er ein schüchterner Schüler des Internats Le Rosey. Aber als er im Jahre 1936 auf die Offiziers-Akademie von Teheran zurückkehrte, waren die Grundlagen seiner Persönlichkeit, seiner Neigungen und seiner Lieblings-Ideen gelegt: das Ideal einer demokratischen, konstitutionellen und sozialen Monarchie, die Vorliebe für alle Arten von Sport - Jagen, Fliegen, Fußball, Skilaufen, Reiten - , die schwärmerische Verehrung für die großen mystischen Lyriker der iranischen Literatur Hafiz (14. Jahrhundert), Baba Kuhi von Schiraz (13. Jahrhundert) und Jalal ed Din Rumi (13. Jahrhundert).
Im Jahre 1939 befahl der Schah die Heirat des Kronprinzen mit der ägyptischen Prinzessin und Halbschwester König Faruks I., Fawzia. An blinden Gehorsam gewöhnt, aber auch entzückt von dem ihm vorgelegten Bild der "schönsten Prinzessin des Morgenlandes", willigte Mohammed ein.
Doch bald "zierte bittere Antwort die rosenrote Lippe": die Ehe wurde unglücklich. Man munkelte von der geschwisterlichen Liebe, die die schöne Kronprinzessin ihren Bruder Faruk nicht vergessen ließe. Man sprach von den Intrigen der herrschsüchtigen Zwillingsschwester Mohammeds, Prinzessin Ashraf. Sie wollte sich nicht damit abfinden, ihren Einfluß auf den Bruder zu verlieren. In den Bazars flüsterten die Händler, daß das Ausbleiben eines Thronfolgers die Ursache der Verstimmung sei. Fawzia gebar im Jahre 1942 die Prinzessin Schanaz, die zur Zeit in den USA erzogen wird.
Am 16. September 1941 folgte Mohammed Reza Schah seinem von den Briten, Amerikanern und Russen exilierten Vater auf den Pfauen-Thron. Es bedurfte kaum des Druckes der alliierten Besatzungsmächte, um den 22jährigen neuen Schah zu einer großzügigen Verfassungs-Reform zu veranlassen. Vier Tage nach seinem Regierungsantritt verwandelte er die absolutistische Herrschaft seines Vaters in eine konstitutionelle Monarchie. Die Regierung und der Medschlis erhielten ausgedehnte Gewalt.
Allerdings behielt der Schah - und das sollte sich in den folgenden Jahren als strittiger Punkt erweisen - den opersten Befehl über die Wehrmacht. Mit ihren 125 000 Mann stellte sie auch ferner den einzigen echten Machtfaktor der iranischen Innenpolitik dar. Solange sie unter dem Oberbefehl des Kaisers stand, mußte - so schien es jedenfalls - sein Wille in allen entscheidenden Fragen letztlich ausschlaggebend bleiben.
Daß das im Laufe seiner Regierungszeit immer weniger zutreffend wurde, trug dem jungen Fürsten Verachtung bei vielen Sippenmitgliedern ein, insbesondere bei seiner Mutter Tajomoluk und seiner Zwillingsschwester Ashraf.
Bei repräsentativen Anlässen sah man noch in letzter Zeit zuweilen die alte Kaiserin: korpulent, mit bösen unbeweglichen Augen, denen jedoch nichts entgeht und mit einem schmal-lippigen breiten Mund, der sich nur widerwillig zum Sprechen zu öffnen scheint.
Ihre Tochter Ashraf ist ihr Gegenbild: trotz dreier Geburten grazil und geschmeidig wie eine Katze, stets nach dem dernier cri der Pariser Haute Couture gekleidet.
Sie macht keinen Hehl daraus, daß sie den "knochen-erweichenden" Einfluß des Abendlandes auf ihren Bruder haßt. Sie gilt als Freundin der Russen. Als einziges Mitglied der regierenden Dynastien der Welt wurde sie im Kreml empfangen und von Stalin mit einem Orden ausgezeichnet.
Ihre Beziehungen zu den Führern der verbotenen kommunistischen Tudeh-Partei und ihr Haß gegen Mossadeq und seine Nationalisten sind in Teheran sprichwörtlich. Desgleichen ihre Habsucht und Machtgier. Als sie in der vorigen Woche - von Mossadeq des Landes verwiesen - auf dem Flugplatz Orly bei Paris landete, zischte sie die mit Fragen auf sie einstürmenden Journalisten an: "In drei Monaten werde ich nach dem Iran zurückkehren."
Während Prinz Mahmud den Kaiser nur hin und wieder eine Geldstrafe wegen unvorsichtigen und zu schnellen Autofahrens kostet (Prinz Mahmud studiert in den USA, von wo aus er gelegentliche Abstecher nach Paris unternimmt), verursachte ihm seine Halbschwester Fatima eine regelrechte Regierungskrise. Sie verheiratete sich wider den Willen des Familien-Oberhauptes mit dem amerikanischen Archäologie-Studenten Vincent Hillyer. Die Empörung der inzwischen immer mächtiger gewordenen Mullahs konnte nur durch den Uebertritt Hillyers zum Islam einigermaßen besänftigt werden.
Denn: nicht nur die Nationalisten und illegale Tudeh-Kommunisten hatten seit der Ausschaltung des alten Schah und seit der Räumung des Iran durch die Besatzungsmächte an Einfluß gewonnen. Auch die jahrzehntelang durch den ersten Pahlevi zurückgedrängte Religiosität schäumte nun brandend in die alten Bahnen zurück. Die Mullahs - an ihrer Spitze der durch die Engländer 1941 in syrische Verbannung geschickte Kaschani - hatten nicht vergessen, was ihnen die Dynastie der Pahlevis angetan hatte: daß durch die Einführung moderner Schulen ihr Einfluß auf die sonst in Koran-Schulen erzogene Jugend gefährdet war, daß Hunderte von ihnen vor dem Schah außer Landes fliehen mußten, der mit Maschinengewehren die gläubigen Pilger der heiligen Moschee in Mesched verjagen ließ, daß er ihnen - den Mullahs - die Rechtsprechung abgenommen hatte.
Die Mullahs sahen in diesen Maßnahmen des schrecklichen Alten - kaum zu Unrecht - den Einfluß der "Ungläubigen", insbesondere der Briten. Mochte auch ihre persönliche Habsucht und Machtgier eine entscheidende Rolle spielen, so sahen sie doch richtig, wenn sie meinten, daß der ganze "Modernismus" den Zusammenhang von Religion und Politik zerstöre, der seit je im Orient die Quelle aller Macht und Kultur gewesen ist. Im Rausch des religiösen Erlebnisses wurde einst die halbe Welt für den Islam erobert. Die heilige Ekstase war der Motor aller großen Staatenbildungen, künstlerischen und wissenschaftlichen Schöpfungen des Morgenlandes gewesen. Als teuflisch mußte aus diesem Blickwinkel alles erscheinen, was der Religion - abseits von Rechtsprechung, Erziehung und Politik - die beschauliche Abendstunde des vom Minarette rufenden Muezzin als einziges Reservat zuweisen wollte.
Wütend verkündete "Allahs Wort" Kaschani am 19. Juli darum: "Die Trennung von Religion und Politik ist seit Jahrhunderten das Programm der Briten. Mit diesem Mittel haben sie die islamischen Völker in Unwissenheit über ihren eigenen Vorteil gehalten. Überall haben sie zugleich mit den Wurzeln der Religion die Grundfesten der Unabhängigkeit zerstört."
Für den "Medschlis", eine Einrichtung der "Ungläubigen", hat Kaschani ebensoviel Verachtung wie Schah Mohammed eine ihm in Le Rosey anerzogene Hochachtung. Aus den Erfahrungen, die das Land mit diesem Parlament gemacht hat, ist Kaschanis Verachtung nur zu begreiflich. Die Abgeordneten-Sitze sind käuflich. Wer Geld genug besitzt, für den sind die einigen zehntausend Rials, die solch ein Sitz kostet, eine gute Kapitalsanlage. Es ist nur zu gebräuchlich, daß die Stimmen gegen bares Geld, Staats-Aufträge und einträgliche Posten meistbietend verhökert werden. Kaschanis organisierte Massen-Ekstasen sind ein mindest ebenso zutreffender Ausdruck des Volkswillens, wie es der "Medschlis" zu sein behauptet.
Vor dem kaiserlichen Stadtpalast in Teheran halten unverändert die Garden Wache wie einst der Vater des jungen Schah.
Die Köche des kaiserlichen Haushalts, die in den kühlen Morgenstunden von der am Südhang des schnee-gekrönten Elburs gelegenen Sommer-Residenz zum Einkauf in die Basare herabkommen, erzählen, was auf Schloß Saad Abaad geschieht. Eine Reihe von Hofbeamten wurde auf Befehl Mossadeqs entlassen. Die Wachen wurden ausgewechselt. Die Zahl der von nun an von Mossadeq zu genehmigenden Audienzen ist gering. Selten wird des Abends die einfallslos nüchterne Fassade des zweistöckigen Schlößchens von den Lampen des Gartens erleuchtet. Die schattenden Platanen und bescheidenen Wasserspiele des Parks sehen den Kaiser nur noch selten. Noch seltener die noch schüchterner gewordene Kaiserin Soraya, Mohammeds zweite Frau.
Am 19. November 1948 hatte Schah Mohammed sich von seiner ersten Frau, der ägyptischen Prinzessin Fawzia, offiziell scheiden lassen. Schon seit 1945 hatte das Paar getrennt gelebt. Drei Jahre später - am 12. Februar 1951 - heiratete er die 19jährige Bakhtiaren-Prinzessin Soraya Esfandiari, Tochter eines Verwandten ebendesselben Bakhtiaren-Fürsten, den der alte Schah einst nach einer gemeinsam durchzechten Nacht verhaften, ins Gefängnis werfen und vergiften ließ. Khalil Esfandiari Bakhtiari war damals ins Ausland geflohen. In Berlin, wo er als Teppichhändler lebte, lernte er die Deutsche Eva Karl kennen und heiratete sie. Heute ist er der Gesandte des Iran in Westdeutschland.
Aus dieser Ehe mit einer "Ungläubigen" ging die jetzige Kaiserin Soraya hervor. Solch islamisch zweifelhafte Herkunft trug nicht gerade dazu bei, das Prestige der Pahlevi-Dynastie bei den Mullahs zu verstärken. Trotz optimistischer Hof-Berichte - es wurde offiziell als Glückszeichen gewertet, daß es am Hochzeits-Tag schneite - bemächtigte sich die Phantasie des Volkes bald gewisser unheilvoller Vorzeichen.
Es wurde bekannt, daß die kaiserliche Braut unter der Last des mit Tausenden von Diamanten bestickten und von Christian Dior entworfenen Kleides gestolpert sei. Obgleich die Veröffentlichung von Bildern des Kaiser-Paares im Iran genehmigungspflichtig ist, fanden ausländische Illustrierte den Weg nach Teheran, die die Kaiserin in Reithosen zeigten. Von dem Bekanntwerden derartiger Ketzereien bis zu dem Schluß, das Ausbleiben eines Thronfolgers sei die Strafe Allahs, war nur ein kurzer Weg.
Trotz solcher Handikaps hat der junge Schah noch heute viele Anhänger im Lande. Nicht zuletzt unter den Armen und Elenden. Auf 144 Millionen DM des von seinem Vater zusammengerafften oder einfach erplünderten Vermögens (rund 300 Millionen DM) schätzt man seine Schenkungen. Das von ihm in Teheran errichtete Bettler-Heim, die von Prinzessin Ashraf aufgezogene Wohlfahrts-Organisation, das von Prinz Abor Reza geleitete und auf 650 Millionen Dollar und auf sieben Jahre berechnete wirtschaftliche Aufbau-Programm sind teils in der Planung, teils aber auch tatsächlich wirkliche Segnungen. Aber gerade das letztere, das eine grundlegende Besserung der sozialen Verhältnisse hätte herbeiführen können, versumpfte in Korruption und Geldmangel.
Schah Mohammed Reza hat den Anlauf unterschätzt, der nötig ist, um die Kluft der Jahrhunderte zu überspringen. Möglicherweise hat er auch die positive und ausschlaggebende Bedeutung der religiösen Veranlagung seines Volkes nicht richtig bewertet. Sicher ist, daß bloßer guter Wille und ein gutes Beispiel nicht genug sind.
Ministerpräsident Mossadeq, dessen soziale Ziele sich nicht wesentlich von denen des Schahs unterscheiden, hat sich mit der religiösen Ekstase verbündet. Zusammen mit ihr ist er zur Zeit der ausschlaggebende Machtfaktor des Iran, aber auch ihr Gefangener.
In Washington und London zählt man sich zur Zeit an den Knöpfen ab, ob das Regime des tränenseligen Mossadeq noch eine Dollarspritze wert ist. Ist er noch eine tatsächliche Garantie gegen religiösen Fanatismus und gegen die Demagogie der Tudeh-Kommunisten?
Der Schah, auf den man insbesondere in London Hoffnungen gesetzt hatte, hat enttäuscht. Gerüchte der letzten Woche von wachsender Unzufriedenheit in der iranischen Wehrmacht, haben die Hoffnungen wieder aufleben lassen. Die geschlossenen Fenster in der turmartigen Rotunde von Schloß Saad Abaad, hinter denen das Arbeitszimmer Schah Mohammed Reza Pahlevis liegt, geben jedoch keine Auskunft.

DER SPIEGEL 34/1952
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