DER SPIEGEL



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Wir rufen England

Die Deutschen hätten vielleicht", spottete bei den Schlußfeierlichkeiten der XV. Olympischen Spiele ein Tribünen-Engländer, "mehr herausgeholt, wenn es zu den goldenen Medaillen silberne Schulterstücke gegeben hätte."

Das war gar nicht einmal so gehässig, wenn man sich erinnert, um wie vieles besser der Nährboden für olympische Wunderleistung deutscher Athleten gedüngt war, als Deutschland die erfolgreichste Nation der Olympischen Spiele 1936 wurde:

* Der Gewinn einer Goldmedaille war gleichbedeutend mit beruflichem Avancement. Polizei - Wachtmeister Hans Woellke (Kugelstoßen), Oberjäger Gerhard Gustmann (Rudern, Zweier mit Steuermann) und Gefreiter Alfred Schwarzmann (Turnen) hatten kaum ihre Siege erkämpft, als Hermann Göring ihnen zur Beförderung zum Leutnant gratulierte.

* Alle deutschen Olympiakämpfer wurden 1936 sieben Wochen vor den Olympischen Spielen auf Anforderung des NS - Reichsbundes für Leibesübungen unbeschränkt beurlaubt. Kein privater Arbeitgeber hätte sich gegen einen "von oben" angeforderten bezahlten Urlaub gesträubt*); schon gar nicht hätte eine Reichsinstitution - wie Olympia 1952 die Bundesbahn - einem ihrer Lohnempfänger den bezahlten Urlaub während seiner olympischen Abwesenheit verweigert.

* Einberufungen zur Wehrmacht und "Studien" an der Hochschule für Leibesübungen gaben dem Staat jede Möglichkeit, Sportstars unbeschränkt für das langwierige Olympia-Training freizustellen.

Derart hat 1936 zum erstenmal ein totalitär regierter Staat einen erfolgversprechenden Kampf gegen die Großmacht im Weltsport, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, aufnehmen können. Sechzehn Jahre später war es ein anderes Land, ebenfalls ein totalitäres Regime, das - in gleicher Weise vorbereitet - Amerika auch auf dem Sport-Sektor ausstechen wollte; die Sowjet-Union. Die deutschen Sportler wurden Olympia 1952 von dem Metallwert staatlich gelenkter Trainingsarbeit erschlagen, von dem riesigen Menschenreservoir eines halben Kontinents erdrückt.

Den Russen stellte der Staat Trainingsgelder in unbegrenzter Höhe. Den Amerikanern sicherte eine Marathon-Fernsehsendung von 14 Stunden mit Bob Hope und Bing Crosby hunderttausende gespendeter Dollars, genug zur Finanzierung ihrer Mammutexpedition.

Im Ursprungsland des Sports dagegen, in Großbritannien, riefen die Zeitungen zu Olympia - Kollekten auf. Als der Fonds für die Schwimmer noch nicht ausreichte, wurden in London 103 US-Dollar als Eingang verbucht: die Spende eines Moskauer Schwimmvereins an die armen westlichen Sportkameraden.

Eine Synthese versuchte Deutschland. Bonn stellte (wie Moskau) einen Teil der

Expeditionsfinanzen. Privatleute spendeten (wie in London) den Rest. Wie man sich aber finanziell auf einen Kompromiß einigte, so fand man auch sportlich keine klare Linie: Weder entschloß man sich zu Staatslenkung und staatlicher Unterstützung, noch ließ man dem individuellen Trainingsfleiß seinen Lauf.

Jeder Sportverband organisierte und trainierte für sich allein. Bis die mageren Resultate von Helsinki die Aufmerksamkeit wieder auf die Zeit um 1936 lenkten, da alle Fachverbände einheitlich zentralisiert waren. Der Verriß des Zustandes von 1936 war leicht gewesen. Als unmöglich hat es sich erwiesen, ihn 1952 verbessert zu ersetzen.

In einer Zeit, in der über die Technik des Hammerwerfens und über die Ballistik des Diskus wissenschaftliche Dissertationen geschrieben werden, fehlt in der Bundesrepublik, was im NS-Deutschland die Hochschule für Leibesübungen war, in der Sowjet-Union die Staatliche Akademie für Körperkultur und Sport ist und für die Vereinigten Staaten das Marinekorps und die Sport-Fakultäten der Universitäten bedeuten: ein Sammelbecken für Olympiakandidaten.

Fragte ein deutscher Sportler den amerikanischen Studenten O''Brien nach seinem Olympia-Sieg im Kugelstoßen, wie er denn auf seiner alma mater eigentlich studiere. Die Antwort: "Ich bin verpflichtet, täglich 70 Trainingswürfe auszuführen."

"Zwischen diesem System und dem Professionalismus gibt es kaum einen Unterschied", meint Trinidad-Neger McDonald Bailey, der für England in Helsinki die Bronze-Medaille im 100-Meter-Lauf gewann. "Warum auch nicht? Die US-Studenten-Stars verschaffen sich nicht nur persönliche Vorteile. Sie sind die beste Reklame für ihre Schulen wie für ihr Land."

Auf dem europäischen Festland ist der Sport nun auch schon bald eine politische Angelegenheit. Steht bei den europäischen Ländern einstweilen noch der harmlose nationale Ehrgeiz im Vordergrund, so betrachten die "Volksdemokratien" den Sport als ein unsichtbares Exportgeschäft in Weltanschauungen. Darum lassen die Staaten ihre Ländermannschaften ebenso sorgfältig einexerzieren wie ein Armeekorps, das ins Feld ziehen soll.

Für Rußland oder Ungarn bedeutet ein Auslandssieg ihrer Fußballmannschaften genau so viel, wie für England ein Exportauftrag über einige tausend Autos. Der Sport ist eines der Schlachtfelder, auf denen der Kalte Krieg zwischen Ost und West ausgetragen wird, denn auch die USA tragen den Missionsglauben vom "amerikanischen Menschen" über die olympischen Pisten.

Die Russen aber sind die einzigen, die diese Gedanken offen aussprechen. In der "Ostzone" des Olympischen Dorfes in Helsinki in Otaniemi, sagte eine russische Sportlerin - ohne exaltiert zu wirken oder doktrinär sein zu wollen: "Denken Sie, was Sie wollen, aber Sport und Politik sind nicht zu trennen."

Jahrelang war die olympische Premiere der Sowjet-Athleten vorbereitet worden. Als Soldaten, als Staatsbeamte oder in Scheinstellungen in Kollektivbetrieben erhielten die Sowjetsportler jeden gewünschten und denkbaren sportlichen Auftrieb. Wie die bildhübsche Diskuswerferin Nina Dumbadse, die als Aushängeschild einer fortschrittlichen Sportentwicklung in den Stadtsowjet des georgischen Tbilisse einzog. Im volksdemokratischen Ungarn genügten Hammerwerfer Imre Nemeths Weiten als Qualifikation für einen Parlamentssitz.

Der Erfolg "rechtfertigt" diese Mittel, das System des Staatsamateurs und die

Methode des Pro-forma-Studenten. Denn beiden gemeinsam ist das Resultat der Spitzensports auf breitester Basis, der Massenzucht fast gleichwertiger Stars. Drei Sowjetfrauen triumphierten im Diskuswerfen. drei Amerikaner im Kugelstoßen der Männer. Medaillen gelten als Alibi für den Meuchelmord an Baron de Coubertins idealistischer Sportidee.

Seine Meinung vom Sport um des Vergnügens willen wird mehr und mehr als Ketzerglaube verdammt. Eine letzte Heimstatt hat sie in Großbritannien gefunden, wo es 1952 noch möglich war, daß sich beispielsweise der 1500-m-Läufer Roger Bannister dadurch auf Helsinki vorbereiten durfte, daß er seine olympische Strecke vorher überhaupt nicht in einer ernsten Konkurrenz gelaufen ist. Das Ergebnis: "Wir bekamen unsere Nationalhymne in Helsinki so selten zu hören, daß sie eher Heimweh als ein Gefühl nationalen Stolzes hervorrief" (Daily Telegraph).

Großbritannien hat seinem Ruf als Mutterland des Sports neue Ehre gemacht. Es hat die ursprüngliche, individuelle Einstellung zum Sport bewahrt, die dem Einzelnen genug gibt auch ohne die Befriedigung durch einen Sieg.

Doch der Medaillen-Regen für England ist in Helsinki ausgeblieben. Er mußte ausbleiben, weil der britische Standpunkt ebenso gentlemanlike wie "unzeitgemäß" ist. Leistungssport in seiner heutigen Konzentration hat aufgehört, Privatangelegenheit zu sein.

Das haben inzwischen selbst die eigenwilligen britischen Sportler eingesehen. Sagte der spöttische Tribünen-Engländer von Helsinki: "Wer bei den Olympischen Spielen startet und die Ehre der Teilnahme über die Ehre des Sieges stellt, den sollte man zu Hause lassen und schnellstens einem Nervenarzt anvertrauen."

Sportart Deutsche Goldmedaille
Berlin 1936
Deutsche olympische Bestleistung
Helsinki 1952
Goldmedaille
Helsinki 1952
Speerwerfen71,84 m Stöck64,54 m Koschel (im Vork. ausgeschied.)73,78 m Young, USA
Kugelstoßen16,20 m WoellkeKein deutscher Teilnehmer17,41 m O''Brien, USA
Hammerwerfen56,49 m Hein58,86 m Storch (Silber)60,34 m Csermak, Ung.
Diskuswerfen (Frauen)47,63 m Mauermeyer41,03 m Werner (nicht placiert)46,26 m Dumbadse, SU
Speerwerfen (Frauen)45,18 m Fleischer44,37 m Müller (Platz 6)50,47 m Zatopkova, CSR
Gewichtheben (Schwer)410 kg Manger422,5 kg Schattner (Platz 4)460 kg Davis, USA
Boxen (Fliegengewicht)KaiserBasel (Silber)Brooks, USA
Boxen (Schwergewicht)RungeGosgas (1. Runde ausgesch.)Saunders, USA
Turnen (Zwölfkampf)113,10 Pkte. Schwarzmann113,30 Pkte. Bantz (Platz 7)115,70 Pkte. Tschukarin, SU
Turnen (Seitpferd)19,33 Pkte. Frey18,95 Pkte. Bantz (Platz 11)19,50 Pkte. Tschukarin, SU
Turnen (Barren)19,07 Pkte. Frey19,10 Pkte. Bantz (Platz 12)19,65 Pkte. Eugster, Schweiz
Turnen (Langpferd)19,20 Pkte. Schwarzmann18,95 Pkte. Wied (Platz 7)19,20 Pkte. Tschukarin, SU
Schießen, Schnellfeuerpistole36 Treffer van Oyen60 Treffer/553 Ringe Leupold (Platz 23)60 Treff./579 Rg. Takacs, Ung.
Moderner Fünfkampf31,5 Pkte. Handrick148 Pkte. Suplik (Platz 32)32 Pkte. Hall, Schweden
Reiten, Gr. Dressurprüfung1760 Pkte. Pollay518,5 Pkte. Pollay (Platz 7)556,5 Pkte. St. Cyr, Schweden
Reiten, Vielseitigk.-Prüfung34,7 Pkte. Stubbendorf55,5 Pkte. Büsing (Bronze)28,35 Pkte. v. Blixen, Schwed.
Reiten, Gr. Jagdspringen4F. 49,2 Sek. Hasse8 Fehler Tiedemann (Bronze)0 Fehler d''Oriola, Frankreich
Rudern, Einer8:21,5 SchäferKein deutscher Teilnehmer8:12,8 Tjukalov, SU
Rudern, Zweier o. St.8:16,1 Eichhorn/StraussNicht angetreten8:20,7 USA
Rudern, Zweier m. St.8:36,9 Gustmann Adamski/Arend8:32,1 Manchen/Heinold/Noll (Silber)8:28,6 Frankreich
Rudern, Vierer o. St.7:01,8 Eckstein/Rom/Karl/MenneNicht angetreten7:16,0 Jugoslawien
Rudern, Vierer m. St.7:16,2 Maier/Volle/Gaber/Söllner/BauerIm Hoffnungslauf ausgeschieden7:33,4 CSR
Kajak, Einer 10 000 m46:01,7 Krebs1:00:26,5 Johannsen (Platz 7)57:41,1 Havens, USA
Kajak, Zweier 10 000 m45:45 Wevers/Landen45:15,2 Schäfer/Miltenberg (Platz 6)44:21,3 Finnland
SegelnStarboot BischoffDrachenboot, Thomsen (Bronze)Starboot Italien
Radfahren, 1 km MalfahrenMerkensPotzernheim (Bronze)Sacchi. Italien
Radfahren, 2 km TandemIhbe/LorenzKein deutscher TeilnehmerCox/Mockridge, Australien
Turnen, Mannsch. Männer657,43 Pkte.561,25 Pkte. (Platz 4)574,50 Pkte. SU
Turnen, Mannsch. Frauen506,5 Pkte.495,23 Pkte. (Platz 5)527,03 Pkte. SU
Reiten, Gr. Dress. Mannsch.5074 Pkte.1501,0 Pkte. (Bronze)1592,5 Pkte. Schweden
Reiten, Vielsk. Mannsch.676,76 Pkte.335,25 Pkte. (Silber)221,5 Pkte. Schweden
Reiten, Gr. Jagdspr. Mannsch.44 Fehler66 Fehler (Platz 5)40 Fehler England
*) Eine Fabrik in Wiesbaden hatte einen Angestellten fristlos entlassen, weil er wegen Teilnahme an den Ausscheidungskämpfen für die Olympischen Spiele in Helsinki nicht zur Arbeit erschienen war. Der Angestellte hatte als Steuermann einer Rudermannschaft für die Ausscheidungskämpfe um Urlaub gebeten, der von der Firma abgelehnt worden war. Das Arbeitsgericht Wiesbaden hat am 31. 7. 1952 die Entlassung als unzulässig bezeichnet.

DER SPIEGEL 32/1952
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DER SPIEGEL 32/1952
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