23.07.1952

FILM / R. A. STEMMLEDie Leute rühren

(s. Titel)
Als Filmregisseur Robert A. Stemmle die 5 1/2jährige Elfie Fiegert vierzehn Tage vor Drehbeginn in sein Hamburger Hotel "Bellevue" einlud, um mit ihr warm zu werden, wurde ihm bald klar, wie heikel und umstritten das Problem noch ist, das er mit seinem neuen Film "Toxi" zum erstenmal in Deutschland offen anschneiden will: das Problem der farbigen Besatzungskinder, die Ostern zum erstenmal in die Schule kamen Jedenfalls mußte Stemmle immer wieder erleben, daß die meisten Passanten, denen er auf seinen Spaziergängen mit Elfie Fiegert an der Alster begegnete, beim Anblick des Mulattenmädchens fragend oder mißbilligend die Brauen hochzogen.
Dafür aber bekam Stemmle bald nach Beginn der Dreharbeiten dutzendweise Briefe von ledigen Müttern, die ihm dankten, "daß endlich mal einer für diese Kinder eintritt". Und die Kinderkomparsen in den Realfilm-Ateliers in Hamburg-Wandsbek zeigten keine Spur von Rassendiskriminierung und gaben sich zufrieden, als Elfie Fiegert, die "Toxi", ihnen ihre Handflächen zeigte und sich mit rauher, leicht süddeutsch gefärbter Stimme brüstete:
"Die sind weiß und meine Fußsohlen auch."
Um die Lebensbedingungen eines Mischlingskindes in Deutschland zu erforschen, war Stemmle zu "Toxis" Pflegeeltern nach Niederried in Bayern gefahren. Die Fiegerts sind Flüchtlinge aus Schlesien; der Mann, als Kinovorführer zur Zeit stellungslos, adoptierte das kaffeebraune Mädchen, nachdem die richtige Mutter sich von ihm distanziert hatte
Stemmle bringt seine Beobachtungen zum Thema farbige Besatzungskinder unter Verzicht auf tiefschürfende Problematik auf den einfacheren, rein menschlichen Nenner. Am Beispiel der gutbürgerlichen Familie Rose zeigt das Film ustspiel "Toxi", daß Rassenprobleme dort an Schärfe verlieren, wo die "Stimme des Herzens" dominiert ("Man kann doch so ein hilfloses Wesen nicht einfach auf die Straße setzen!").
Natürlich gibt es unter den zahlreichen Mitgliedern der Film-Familie Rose auch hartgesottene Egoisten, die nicht gestört sein wollen und das fremde Wesen in ein Heim befördern. Aber Toxi ist ein so entwaffnend zärtliches Kind von der pikanten Mischung aus Urwald und bayrischem Dorf, daß die Egoisten weich gestimmt werden. "Es ist ein sehr deutscher Film", sagt Stemmle nicht ohne Selbstironie.
Zum Happy End kommt dann der richtige Negerdaddy (dargestellt von dem in Deutschland sportlich gescheiterten Neger-Boxer Al Hoosman) aus den Staaten angereist, nimmt Toxi mit in gesicherte Verhältnisse und hebt die Problemstellung des Films wieder auf. So wird "Toxi", dessen Uraufführung für September geplant ist, ein menschlicher, freundlicher Film, der niemandem weh tut Stemmles Mitarbeiter sagen ihm voraus, daß er auf breiter Basis Sympathien für die dunkelhäutigen Zeugen amerikanischer Besatzung wecken wird, "und das ist schon viel".
Die besondere Begabung Stemmles im Umgang mit Kindern war einer der Gründe, warum Realfilm-Chef Walter Koppel ihn für "Toxi" holte.*)
Als Lehrer an der Karl-Marx-Schule in seiner Heimatstadt Magdeburg hatte der junge Robert Adolf Stemmle seine ersten pädagogischen Erfahrungen gesammelt, denen er später durch seine Filmarbeit einige hinzufügte:
* man muß den Kindern abgewöhnen, immer in die Kamera zu schauen,
* man muß Kinder immerzu beschäftigen, damit sie bei Laune bleiben,
* man muß sie ernst nehmen.
Die kleine "Toxi" nannte den freundlichen dicken Herrn, der ihr kurz vor der Aufnahme mit eindringlicher Geduld zehnmal denselben Satz vorsprach, gleich am ersten Tage "Robert". Ohne eine Zeile ihrer umfangreichen Hauptrolle auswendig zu lernen, wiederholte sie vor der Kamera nur, was Robert ihr sagte. Als Stemmle sie dann aber einmal nachts aus dem Schlaf weckte, rasselte sie unaufgefordert ganze Passagen aus dem Drehbuch herunter.
"Eigentlich schrecklich, was man mit so einem Kind macht", gestand er. Um das überdurchschnittlich intelligente, lebhafte Geschöpf nicht zu verdrehen, ließ er Toxi nicht wissen, daß sie in einem Film spielt. Noch am letzten Ateliertag glaubte sie fest, sie sei nur fotografiert worden.
Einstweilen hat Stemmle nun genug von Kinderfilmen. "Wenn ich jetzt nicht aufpasse, werde ich drauf festgenagelt." Er habe sich schon einmal so intensiv mit Jugendfragen befaßt, daß er nach den Filmen "Jungens" (Ufa) und "Reifende Jugend" (Tobis) kategorisch zum Filmfachmann für Pubertätsprobleme erklärt worden sei.
In den zwanzig Jahren seiner Filmtätigkeit schaffte er mit einer bei diesem Gewerbe ungewohnten Stetigkeit durchschnittlich zwei Drehbücher und eine Filmregie pro Jahr. Fleiß, Methodik und ein wohltemperierter Optimismus trugen dem heute 49jährigen Regisseur und Drehbuchautor
das Wohlwollen von Produzenten ein, die der Ansicht sind, daß ein Film mit Stemmle nicht schief gehen kann.
Schief ging allerdings das Geschäft mit der "Berliner Ballade" und seitdem gelten Stemmles Filme auch nicht mehr als hundertprozentig sicher, obwohl die Schuld damals bei der Blockade, dem Strommangel, der daraus resultierenden Verteuerung und einem schwachen Verleih lag. Der Produzent der "Berliner Ballade", Alf Teichs, ging pleite, holt aber langsam durch ein gutes Auslandsgeschäft auf.
Daß Stemmles Anhängei auch auf diejenigen seiner Filme schwören, die nicht das Niveau seiner "Berliner Ballade" erreichen, verdankt er seinem Eifer, hinter die Kulissen zu kriechen. Vor jedem neuen Film jagt er herum wie ein Reporter und bringt Neuigkeiten mit, die von sich aus zu erfahren der Kinobesucher keine Zeit oder kein Organ hat.
So, wie er für die "Sündige Grenze" mit Aachener Schmuggelbanden nachts auf morastigen Schmuggelpfaden pirschte oder für "Toxi" stundenlang Mulattenkinder und deren Pflegemütter interviewte, só ging er auch zeitweise mit dem Rias-Tanzorchester auf Tournee um sich für seinen ersten Jazzfilm "Heimweh nach Dir" musiktechnisch zu schulen.
Mit diesem Film will Stemmle der Stadt Berlin ein neues Filmdenkmal setzen, "aber ohne Trümmer und Hunger". Er plant und hofft, mit Margot Hielscher den Ilse-Werner-Erfolg von "Wir machen Musik" wiederholen zu können. "Heimweh nach Dir" wird alles vereinigen, was im deutschen Show-Business, im Radio, auf der Schallplatte teuer und populär ist. Für Stemmle und seinen Produzenten, den Willi-Schäffers-Sohn Peter, sind sie allerdings billig. Die Schallplattenfirma Polydor trägt ihr Scherflein zu dieser Reklame im Spielfilm bei.
Für "Heimweh nach Dir" ist es dem Detail-Fanatiker Stemmle wichtig zu wissen, warum bei einer Kapelle "eine Nummer platzt", daß das Schlagzeug "Schießbude" heißt und daß auf Jam Sessions ohne Noten improvisiert wird.
So etwas schreibt er sich auf. "Er schleppt ständig drei Notizbücher mit sich herum", weiß seine Sekretärin Anneliese Lippert, "eins nach Zahlen geordnet, eins nach Buchstaben und eins zum Wegschmeißen." Außerdem hat sie ihrem Chef ein Buch angelegt, in das er alle komisch klingenden Namen einträgt, um sie für spätere Filme zu verwenden.
Mit der fast pedantischen Genauigkeit des früheren Lehrers setzt Stemmle sein Mosaik zusammen. Für den Ufa-Kriminalfilm "Der Mann, der Sherlock Holmes war" und die spätere Reißer-Persiflage "Herr Sanders lebt gefährlich" widmete er sich dem Studium der neuen Materie so gründlich, daß er mit einer kompletten kriminalwissenschaftlichen Bibliothek von 600 Bänden aus den Vorbereitungen hervorging.
Unter den viertausend Büchern, die heute die Regale in seiner Zehlendorfer Wohnung bis unter die Decke füllen, gibt es auch noch den Band mit Moritaten, den Stemmle 1928 bei Eduard Bloch, Berlin, herausgab. 1936 veröffentlichte der leidenschaftliche Sammler Stemmle an Hand von 63 Quellen weitere 172 "schöne Romanzen, hochtragische Moritaten, ergreifende Volksballaden und echte Drehorgellieder", die er im Vorwort als "musikalische Kellerkinder mit Seelen-Frou-Frou" bezeichnete.
Es ist bezeichnend für Stemmles Detail-Arbeit, daß er im Atelier oft ein dutzendmal die kleinsten Nuancen durchprobieren läßt, bevor er dem Kameramann das Kommando zur Aufnahme gibt. In
einer Szene hat die Hamburger Nachwuchsschauspielerin Ingeborg Körner nur "mit Entsetzen" auszurufen. "Toxi ist weg!" Aber das muß sie immer wiederholen, einmal, fünfmal, zehnmal, mit anderem Ausdruck, mit anderem Tonfall.
Stemmle: "Sieh'' den Penkert an! Nein, sieh ihn nicht an. Leg'' erst den Hörer auf, sonst hört man das Klicken. Jetzt nimm die Hand weg, den Kopf etwas langsamer drehen, so, jetzt!" Jetzt erst ist die Szene, filmtechnisch ausgedrückt, "gestorben" oder, wie die Kameraleute sagen, "im Kasten". Stemmle lehnt sich zufrieden zurück: "Die kurzen Szenen sind die besten."
Für die abgetakelte Artistenfrau im Wohnwagen, die mit lässiger Verworfenheit im ganzen Film nur die beiden Worte "Mit der?" zu sagen hat, holte Stemmle eigens die Schauspielerin Renate Feuereissen von München nach Hamburg, die ihm in einer ganz kleinen Charge als schlampige Zimmervermieterin in "Nachts auf den Straßen" aufgefallen war.
Die Dekoration des verluderten Wohnwageninterieurs sah er sich lange und nachdenklich an: den Kamm neben dem Kochtopf, den falschen Biedermeierlüster, die angestoßene Gipsfigur. Dann sagte er: "Da muß noch ein Fliegenfänger hin."
Ständig auf dem Sprung, die Erscheinungsformen der "Wirklichkeit" mit der Präzision einer Registriermaschine einzufangen, ärgert es Stemmle, wenn seine Schauspieler kurz vor der Aufnahme sagen: "Bürste mir doch mal das Haar glatt". Wenn es nach ihm ginge, säßen die Krawatten im deutschen Film nicht immer so millimetergerade. "Ich weiß nicht, woran es liegt, abei bei uns ist alles so chemisch rein." Die Italiener seien gar nicht so ordentlich, hätten keinen so überzüchteten Stab und machten trotzdem gute Filme.
Auf der Suche nach lebensnahen Motiven bummelt er oft stundenlang durch die Straßen. Der Realismus, meint Stemmle, werde in Deutschland vielfach mißverstanden: "Realismus ist nicht nur, wenn''s dreckig ist." Er selbst praktiziert ihn, wenn er dem Kameramann zuruft: "Nimm den Tüll raus!" (der Gazeschleier macht das Licht weicher) oder die Schauspieler
immer wieder ermahnt: "Keine große Kiste! Ganz selbstverständlich!"
Trotzdem gibt es Kritiker, die heftig bestreiten, daß Robert Adolf Stemmle als Realist anzusprechen sei. Sie denken etwa an die "Sündige Grenze", wo die ganze sorgfältig aufgebaute Realistik ins Wanken gerät, als Dieter Borsche kommt und das leichtfertige Proletarierkind mit edlem Ernst zur Einsicht ermahnt. Auch in "Toxi" ist die Rührung zuweilen überdosiert.
Es ist schwer zu bestimmen, ob dieses Quentchen zu viel Schmalz und das Quentchen zu wenig Härte aus seinem verständlichen Schielen auf den Publikumsgeschmack oder aus seelischen Restbeständen seiner Pädagogenjugend kommen.
Daß Stemmle ein positiver Mensch ist und im Grunde an den Sieg des Guten glaubt, wird bei ihm hin und wieder zum künstlerischen Handicap. Wo andere Filmregisseure mit verrückten Ideen ins Atelier kommen, toben, bitten, eine Zigarette an der anderen anzünden, bereit sind, die Leinwand zu sprengen und hundertmal danebenzuhauen, damit ihnen ein großer Wurf gelingt, bleibt Stemmle besonnen.
"Wenn Käutner während der Aufnahme plötzlich ein Gag einfällt, macht er ihn, auch wenn im Drehbuch ganz etwas anderes steht", erzählt Drehbuchautorin Marta Moyland, die, außer mit Stemmle, mit vielen Regisseuren zusammengearbeitet hat. Bei Stemmle geht alles nach Fahrplan.
Die Moyland hat Regisseure erlebt, denen der Ideenreichtum zum Fluch wurde. "Sie konnten sich nicht von einer Szene losreißen - die Dekoration war schon abgebaut, da hatten sie noch einen besseren Einfall." Stemmle dagegen hat eine Idee, und die führt er durch. Seine Filme sind ausgerichtet, sie sind auf eine These, auf eine Idee, auf eine Tendenz zugeschnitten. Dem Regisseur Stemmle schwebt im stillen das filmische Lehrstück à la Brecht vor.
Wenn er ins Atelier kommt, hat er den Film bereits fertig im Kopf. Schon beim Drehbuchschreiben sieht er Szene für Szene auf der Leinwand abrollen. Er nennt das "in meinem Heimkino vorspielen". Sogar den Tonfall der Sätze hat er im Ohr.
Da Stemmle seine Filme sehr lange vorbereitet - er warf das Drehbuch zu "Sündige Grenze" achtmal um - ist für ihn die Dreharbeit nur noch Ausführung. An der Kamera ringt er nicht mehr, sondern ruht in einer für Kenner des hektischen Filmgetriebes unverständlichen, heiteren Gelassenheit. Nach einem anstrengenden zwölfstündigen Drehtag, als alles k. o. war, kam er vergnügt mit einem neuen Sammelobjekt aus der R-Markzeit, "Futtermarken für ein schwerarbeitendes Pferd", aus den Kulissen.
Filmreporter haben bald heraus, daß R. A. Stemmle nicht vom Theater kommt. Während Theaterregisseure die Handlung vom Dramatischen her aufbauen, erfaßt Stemmle als reiner Filmregisseur sie optisch.
Vergleicht Marta Moyland: "Helmut Käutner dringt mit ungewöhnlicher Intensität in die Schauspieler ein, Erich Engel formt sie oft völlig um, Hans Deppe spielt ihnen mit komödiantischer Begeisterung jede Rolle selbst vor. Stemmle läßt sie ziemlich laufen; außer ein paar psychologischen Hilfsstellungen gibt er zur Rolle nicht viel."
Der Schauspieler weiß aber gleich, was Stemmle von ihm will, wenn er Szenen etwa so umreißt: "Also, Sie sind jetzt mißgelaunt, pleite, und die Dame dort ist auch nicht das rechte".
Bis zu seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr hatte es für R. A. Stemmle
eigentlich kaum Anzeichen gegeben, daß er einmal beim Film landen werde. Er war Lehrer wie sein Vater und beschäftigte sich so nebenbei mit Puppenspiel und gelegentlichen Schüleraufführungen.
Aktiviert wurde seine stille Liebe zur Schauspielkunst, als er 1927 in die "Blachetta Volksschauspielgruppe" eintrat, in der es ihm so gut gefiel, daß er die Schule aufgab und durch die Lande tingelte.
In Berlin, wo er sich für einige Semester Theaterwissenschaft, Literatur und Phonetik niederließ, lernte er Kabarettisten kennen, schrieb Texte, übte Conférencen ein und machte 1929 mit Werner Finck und Hans Deppe die "Katakombe" auf. "Von da ab waren wir keine anständigen Menschen mehr."
Zwischen Kabarettproben, literarischen Tees und abendlichen Vorstellungen schrieb er sein erstes Theaterstück "Kampf um Kitsch". "Es war der Niederschlag meiner Lehrerzeit und handelte von einem Pauker, der im Keller seiner Schule ein Kitschmuseum eingerichtet hat."
Bei einer Probe zu "Kampf um Kitsch" in Berlin hörte Stemmle eilig einen Mann mit den Worten "Wer hat das Stück geschrieben?" die Bühnentreppe heraufkommen. "Ich versteckte mich hinter den Kulissen, aber dann war es der später nach Amerika emigrierte Ufa-Regisseur Ludwig Berger, der mich fragte, ob ich ihm beim Drehbuchschreiben helfen wolle."
Zwei Jahre später saß Stemmle bereits in Allround-Ausbildung als Regieassistent, Cutter, Dramaturg und Drehbuchschreiber bei Dr. Carl Froehlich. Sein erstes großes 3000-RM-Honorar steckte er für den Film "Heimkehr des Odysseus" ein, den er für den nach 1933 ebenfalls emigrierten Ufa-Regisseur Eric Charell ("Der Kongreß tanzt") schrieb.
Nach Charell kamen andere Filmgewaltige mit Drehbuchaufträgen; allmählich wurde Stemmle bekannt. Er schrieb für die Tobis "Krach um Jolanthe", "Reifende Jugend", "Traumulus", "Herr Sanders lebt gefährlich", für die Ufa "Gleisdreieck", "Der Mann, der Sherlock Holmes war", für die Terra "Quax, der Bruchpilot"
Es dauerte nicht lange, da war Stemmle auch als Regisseur gefragt. Er drehte "Charleys Tante" (Tobis), "Mann für Mann", "Jungens", "Kleiner Mann ganz
groß" (Ufa), "Donauschiffer" (Wienfilm), "Das große Spiel" (Bavaria). Heute kann er 24 Filme aufzählen, bei denen er Regie führte, und 42, für die er das Drehbuch schrieb.
Die ersten Jahre der Nachkriegstrümmerfilme verbrachte Stemmle mit dem
Sammeln neuer Geschichten. Erst 1948 konnte er ein Thema realisieren, das ihn seit 1932 beschäftigt hatte: er schrieb das Drehbuch zu "Affäre Blum", der Geschichte des jüdischen Fabrikanten, der kurz vor der Machtergreifung das Opfer antisemitischer Hetze wird.
In Westdeutschland wurde Stemmle den Stoff nicht los. "US-Filmoffizier Eric Pommer sagte, wir Deutschen sollten erstmal in uns gehen, statt schon wieder solche Filme zu machen", erinnert er sich. Die ostzonale Defa hingegen empfing ihn mit offenen Armen. Der Film brachte den Kinobesitzern aller vier Zonen ausverkaufte Häuser.
Zwei Filme dreht R. A. Stemmle noch bei der Defa, bevor er sich auf das besann, was damals am Start seiner Karriere stand: das literarisch-politische Kabarett. Im Kreis um Günter Neumann vom "Ulenspiegel" und Willi Schäffer vom "Kabarett der Komiker" fielen ihm freche Texte ein. Von der Berliner Luft zu einer Fülle von Pointen inspiriert, ging Stemmle an den Film, der ihm den Nachkriegslorbeer eintrug: "Berliner Ballade".
Als dieser Film, der nach dem Buch von Günter Neumann die Leiden des Herrn Normalverbraucher (Gerd Froebe) im viergeteilten, zerstörten Berlin glossiert, 1949 auf der Biennale in Venedig preisgekrönt wurde, riefen die Kinobesucher im "Palazzo del Cinema" begeistert "Bravo, Stemmle!"
Aus Italien, wo Stemmle mit einheimischen Schauspielern den politisch-satirischen Film "Abbiamo vinto" ("Wir haben gesiegt") inszenierte, brachte er das "stumme Drehen" mit: die Italiener drehen ihre Filme ohne Ton. den sie erst hinterher im Atelier synchronisieren. Die Vorteile dieses Systems leuchten den alten Atelierleuten auf Anhieb ein: "Mit dem Ton gibt es immer Aerger. Das rote Licht brennt, der Tonmeister gibt sein Zeichen ''Ton fährt ab, die Aufnahme beginnt, da
klappt irgendwo eine Tür, jemand hustet, das Mikrophon krakelt, die Charge zischt das Schluß-S, und schon ist die Szene im Eimer."
Auch der Schauspieler ist froh, wenn er "stumm" spielen kann. ohne sich auf die Sprache konzentrieren zu müssen. Er hat ohnehin genug zu tun:
* er muß seine Bewegungen so abmessen, daß er immer im Blickfeld der Kamera bleibt;
* er darf die Kreidestriche auf dem Fußboden nicht übertreten, die auf den Zentimeter berechnet sind, da er sonst aus der Szene herausläuft;
* er muß auf Licht und Schatten achten;
* er soll seine (photogene) "Schokoladenseite" zur Geltung bringen und
* dabei noch Mimik und Gesten beherrschen, die mindestens zehn Augenpaare aus nächster Nähe verfolgen.
Im Synchron-Atelier kann er sich dafür ausschließlich dem Text widmen, den er, wie es im Filmjargon heißt, "sich selbst auf die Schnauze spricht". Stemmle, der das Synchronisieren ausländischer Filme haßt und als "unsere kulturelle Rache an den Alliierten" bezeichnet, ist seit der "Sündigen Grenze" vom Synchronisieren eigener Filme begeistert und schwört darauf, "sich von der eigenen Großaufnahme inspirieren zu lassen".
Heute, nach rund 20 Filmjahren, ist Stemmle am Ziel seiner Wünsche. Heute hat er es durchgesetzt, daß sein Name als Trademark genannt werden muß. Er ist einer der wenigen Regisseure, die genug Kredit besitzen, um diese Forderung erheben und durchfechten zu können. So wie es Hans Albers-, Marika Rökk- und Dieter
Borsche-Filme gibt, so wird "Heimweh nach Dir" als ein R.-A.-Stemmle-Film angekündigt. Daß er heute zur ersten Garnitur der deutschen Filmregisseure zählt, beweist auch sein Auftrag, die Regie in dem neuen Farbfilm mit Zarah Leander ("Cuba-Cabana") zu führen.
Trotzdem geht Stemmle noch fast jeden Tag ins Kino, "um zu sehen, wie die andern es machen", sonntags sogar dreimal. Als er einmal einen gutgemachten optischen Trick in einem amerikanischen Film nicht gleich begriff, gab er keine Ruhe, bis er sich eine Kopie beschafft hatte. "Die spielte ich mir dann so lange immer wieder vor, bis ich dahinterkam, wie''s gemacht war."
Seine eigenen Filme sieht er sich in mindestens fünf Städten an: "Jedesmal habe ich wieder Herzklopfen, wie reagiert das Publikum? Im Atelier haben wir Tränen gelacht, hier lacht plötzlich kein Mensch. Eins steht fest: rühren kann man die Leute leichter!"
Hunderte von Filmen haben in R. A. Stemmle (seine Initialen wurden von Unkundigen als Abkürzung von "Rechtsanwalt" gedeutet) die Erkenntnis vertieft, "daß man wie betrunken ist, wenn man aus dem Kino kommt". Das liegt seiner Meinung nach an den vielen Schnitten und Überblendungen, d h. dem ständigen Wechsel der Bildausschnitte, die den Zuschauer in einem Moment optischer und akustischer Bombardements noch nervöser machen.
Stemmle will ein Element der Ruhe in den Film tragen. An Stelle der vorwärtstreibenden Folge von Schnitt und Gegenschnitt, bei der die Augen hin- und hergehen wie bei einem Ping-Pong-Match, läßt er dem Kinobesucher Zeit zu längerer Betrachtung, ohne ihn ständig durch Großaufnahmen, schräge Einstellungen und Überblendungen zu verwirren.
Wenn Toxi aus ihrem Zimmer tritt und allein durch das stille, große Haus geht, wandert die Kamera mit, vom Flur der oberen Etage über die lange Treppe in die Diele bis zum Wohnzimmer. Diese gleitenden Passagen liegen Stemmle am Herzen: "Der Film wird dadurch flüssiger, eleganter."
Kameramann Igor Oberberg, ein gebürtiger Russe, muß sich für solche optischen Ausflüge auf einen riesigen Kran setzen, Holzgerüste besteigen und lange Fahrten auf Schienen zurücklegen. Die komplizierte Mehrarbeit nimmt er für seine Überzeugung in Kauf: "Schnitte sind etwas Anorganisches."
Realfilm-Cutterin Alice Ludwig legte bei "Toxi" Schere und Leimtopf oft wieder weg. Während der normale Film 300 - 500 Schnitte hat, zählte Stemmle diesmal nur 110. Zur Bekräftigung seiner neuen Praxis führt er den Film des amerikanischen Regisseurs Alfred Hitchcock "The Rope" an, der nicht mehr als 47 Schnitte aufwies. ("The Rope" blieb allerdings ein wenig gelungenes Experiment.)
Manchmal spielt sich Robert Adolf Stemmle in seinem "Heimkino" den Film vor, den er gern machen möchte, aber - wie er sagt - in Deutschland nicht machen kann. Es ist ein Bergmannsfilm, in dem er das Leben unter Tage in solcher Härte zeigen würde, daß viele der Kumpel-Anwärter laufen gingen.
Für den Fall, daß er den Film doch eines Tages dreht, haben sich Stemmles Mitarbeiter vorgenommen, dem Sammler von Details unter Tage in der Mittagspause das Kochgeschirr ans Tor zu bringen.

[Grafiktext]
HABEN SIE INTERESSE AM FERNSEHEN?
WERDEN SIE SICH EIN
FERNSEHGERÄT ANSCHAFFEN?
INTERESSE AM
FERNSEHEN
67 %
BESTIMMT NICHT 44 %
KAUM 15 %
KEIN INTERESSE 26 %
UNENTSCHIEDEN 5 %
WEISS NICHT,
WAS FERNSEHEN
IST
2 %
JA,
BESTIMMT
1 %
VIELLEICHT 9 %

[GrafiktextEnde]
*) Koppel, der wegen politischer Auseinandersetzungen mit Dr. Lehrs Innenministerium keine Bundesbürgschaft erhielt, hat den Stoff inzwischen an Dr. Hermann Schwerins Hamburger Fono-Film verkauft.

DER SPIEGEL 30/1952
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FILM / R. A. STEMMLE:
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