06.08.1952

KINDERSTARS / CORNELIAEin Herr hat mich erkannt

Vor dem tristen Mietshaus Gottschalkstraße Nr. 27 im Berliner Wedding, zweihundert Meter von der Grenze zum sowjetischen Sektor beim S-Bahnhof Wollankstraße entfernt, haben Straßenarbeiter Sand aufgeschichtet, denn die Straßendecke der Gottschalkstraße wird gerade erneuert.
Die Gottschalkstraßen-Kinder belustigen sich an einem Spiel, das sie "Königssaal" nennen. Sie haben aus dem Sandhaufen zwei "Thronsessel" gebaut. In dem einen Sessel thront der "König", stupsnasig und sommersprossig in dem anderen, zur Rechten des Königs, die "Königin", blondhaarig, achtjährig, mit einer weißen Schleife im Haar.
Eine halbe Stunde später schrillt die Glocke an der Glastür bei Froboessens in der ersten Etage der Gottschalkstraße 27. Und gleich darauf stürmt die "Königin" ins väterliche Musikzimmer: "Dicker, hör' zu: det Dollste war, da kommt plötzlich 'n oller Mann, keene Zähne mehr und so wenig Haare wie du, und macht 'n Jestank wie tausend Mann, wir sollen uffhören, mit Sand zu schmeißen, sonst jeht er zur Polizei ... Da hab' ick mich so hinjestellt (sie stemmt die Ärmchen keß in die Hüften) und da hat er sich erst mal ne Zigarre anjesteckt. Dann is er tatsächlich zur Polizei jeloofen ..."
Mit derartigen Eskapaden unterbricht die einzige Tochter Cornelia den Schlagerkomponisten Gerhard Froboess bei seiner angestrengten Arbeit an einem neuen Schlager, von dem er hofft, daß er den Erfolg der Froboess'schen "Badehose" ("Pack' die Badehose ein") noch übertrifft.
Der Text dieses neuen Schlagers stammt von der jungen Berliner Kabarettistin und Schaeffers-Schülerin Erika Brüning. Froboess erwarb ihn. als er am 14. Juli mit seiner Star-Tochter Cornelia, die mit dem Krähen ihres Kinderstimmchens den "Badehose"-Erfolg kreiert hat, im Fita-Palast in Wuppertal gastierte. Noch am gleichen Abend, bevor er mit Frau und
Tochter in seinem in Westdeutschland neu erwcrbenen Ford Taunus "12 M" nach Berlin zurückfuhr, fiel ihm die Melodie zu den ersten vier Zeilen des Refrains ein, welche lauten:
Am liebsten spiele ick uff unsern Hof
Mit Helga, Hannelore und mit Frieda.
Und an die Hauswand schreib' ick "Du bist doof".
Krieg ick auch Keile, ick tu's imma wieda ...
Ursprünglich hatte in dem Text der Brüning "... mit Maxe, Walter, Erna und mit Frieda" gestanden. Aber Gerhard Froboess hat Maxe ganz weggelassen und Walter und Erna durch Helga und Hannelore ersetzt. Die 10jährige Helga Lessow, Tochter des Hausmeisters der Gottschalkstraße Nr. 27. und die 11jährige Hannelore Schleusener, Tochter einer Beamtenwitwe von nebenan, sind Cornelias liebste Spielkameradinnen. Frieda blieb nur des Reimes wegen stehen.
"Als ich die Noten aufschrieb", sagt Gerhard Froboess, "sind mir selbst die Tränen gekommen. Auch meine Frau mußte weinen ..."
Nur Cornelia weinte nicht. Sie hat nämlich noch keine Ahnung davon, daß der neueste für sie fabrizierte Schlager ihres Vaters ihr eigenes, kleines, unbewußtes Schicksal erzählt.
Dieses Schicksal der kleinen Cornelia Froboess spielt sich zwischen dem schmutzigen Sandhaufen in der Gottschalkstraße im Berliner Wedding und dem Rampenlicht der Konzertsäle ab. wenn Tausende begeistert die "Badehose" singen, sobald Cornelia "Alle mitsingen!" kräht.
Seit er vor einem Jahr über den Sender RIAS ging ist der Schlager "Pack' die Badehose ein ..." zu einem Weltschlager geworden, wenn auch nicht gerade zu einer "Botschaft Berlins an die Welt," wie "Badehose"-Komponist Froboess meint.
Getextet hat die "Badehose" der 32jährige Berliner Hans Bradtke. Der junge
Architekt hatte sich nach dem Krieg aufs Karikaturenzeichnen geworfen. Die humoristische Rückseite der Rundfunkzeitschrift "Hör zu" wird ziemlich regelmäßig von ihm bestritten. Als der Karikaturist Bradtke, der damals die Außenseiten der Notenblätter des Musikverlags "Melodie" von Froboess u. Budde in Berlin-Grunewald illustrierte, sich die Texte unter den Noten einmal genauer besah, entrüstete er sich: "Mit solchem Zeug kann man Geld verdienen?"
Bradtke machte von da an selbst solches Zeug. Es fing an mit dem "Pi-pa-Paddelboot". Nachdem er die "Rodel - Rutschpartie" getextet hatte, fiel dem Schlagertexter Bradtke eines Morgens beim Rasieren plötzlich die "Badehose" ein. Den Seifenschaum noch im Gesicht, schrieb er die erste Zeile nieder. In einer Viertelstunde war der ganze Text fertig.
"Hm, ganz nett", sagte Bradtkes Freund Gerhard Froboess, als er den Text bekam. Froboess hatte Bradtke einige Zeit vorher gefragt, ob er nicht mal etwas für Cornelia schreiben könne.
Als die "Badehose" dann ganz unerwartet bombig einschlug, wurde aus kommerziellen Gründen neben der "berlinerischen" gleich eine "internationale" Fassung hergestellt. Darin hieß es dann statt "durch den Grunewald" überlokal "durch den grünen Wald" und anstatt "nüscht wie raus nach Wannsee" farblos "dann sind wir bald im Strandbad".
Froboess-Bradtke buchen es heute als ein Zeichen für das Renommee Berlins, daß sich die Berliner Fassung mit "Grunewald" und "Wannsee" gegenüber der textlich "seichteren" (Froboess-Bradtke sehen da Komparative) internationalen Fassung durchgesetzt hat. Die berlinerische Fassung gibt es auch nur mit Cornelia.
In Holland, wo die "Badehose" der diesjährige große Saisonschlager ist, schrieb
Bob Bleyenberg zur Froboess'schen Musik einen eigenen niederländischen Text mit dem Titel: "Naar de speltuin" ("Zum Spielplatz").
Cornelia hat mit der "Badehose" eine neue Shirley-Temple-Welle im Schlagergeschäft entfacht. Auch in Holland mußte ein Kind - "Helentche", das weißblonde Töchterchen eines Kapellmeisters - die "Badehose" singen. In Oesterreich wird sie von dem Piepsstimmchen der 22jährigen Mulattin österreichischer Staatsangehörigkeit Leila Negra geflötet.
Dagegen fiel in der Sowjetzone Deutschlands die "Badehose" samt dem Schlager 'Ham Se nich ne Braut für mich" teilweise politischen Bildchenstürmern zum Opfer. So verbot das thüringische Volksbildungsministerium am 20. Oktober 1951 beide Schlager, "weil sie geeignet sind, von der Erfüllung des Fünfjahresplanes abzulenken".
Schon vorher hatte die ostzonale Schlagersängerin Erna Haffner, die die "Badehose" mit imitierter Kinderstimme sang, die beiden Stellen, an denen der Filmheld "Tom Mix" erwähnt wird, volksdemokratisch simpel mit "Film" ersetzt.
Wie weit sich die rote Propaganda sogar der "Badehose" und des Persönchens von Cornelia bemächtigt hat, das geht aus einer Unterhaltung von zwei Berliner Viertelwüchsigen hervor, die Gerhard Froboess vor dem "Forum" in Köpenick im Sowjetsektor, wo Cornelia im vorigen Jahr auftrat, belauscht haben will. Fragte der eine: "Maxe, hast du schon Karten für Cornelia?" Der andere: "Nee, ick koof mir keene." - "Warum nich?" - "Mensch, die ist doch westlich orientiert."
Nachdem "Pack' die Badehose ein" inzwischen bereits zu einem geflügelten Wort geworden ist, das sogar der Wetterbericht manchmal gebraucht, soll die "Badehose" zu Weihnachten 1952 auch noch
als Film herauskommen. Anfang September soll in München angedreht werden.
In der verfilmten "Badehose wird Cornelia Froboess ihre erste Hauptrolle spielen, nachdem sie bereits in den Filmen "Sündige Grenze" und "Drei Tage Angst" in kindlichen Nebenrollen debütiert hatte. Der Film "Ideale Frau gesucht", in dem Cornelia gleichfalls zu hören ist, wird Ende August in Oesterreich uraufgeführt.
In "Pack' die Badehose ein" handelt Cornelia, sofern das Froboess'sche Film-Exposé Beifall findet, das alte Thema von dem kleinen Mädel ab, das gerne ein Junge wäre Es zieht Hosen an, erklettert die obligaten Apfelbäume und führt schließlich als Steuermann ein Ruderboot der Jungens zum Sieg. Hinterm Zielband erst weht ihr ein Windstoß die Perücke vom Schopf. Das Lied von der "Badehose" versöhnt darob aufgekommene Differenzen. Der erkrankte Ministerpräsident hält eine Schallplatten-Rede, und Cornelia kommt auch als Mädel zu ihrem "Papi", der sich eigentlich immer einen Jungen gewünscht hatte.
Als der Regisseur Waschneck während der Dreharbeit zu dem Film "Drei Tage Angst" der kleinen Cornelia technische Verhaltungsmaßregeln gab hörte sie geduldig zu. Hinterher aber sagte sie zum "Dicken", wie sie Vater Gerhard Froboess in altkluger Kameradschaftlichkeit nennt: "Du, der denkt, det weeß ick nich. Aber ick hab' nüscht jesagt."
Wenn Cornelia auftritt, wird sie seitdem mit dem Gewicht ihrer Filmerfahrung in Szene gesetzt: "Und nun hören Sie einen Schlager aus meinem neuesten Film ..."
Vater Gerhard Froboess sitzt gewöhnlich in sacharinsüßer Selbstverzückung hinterm Klavier, wenn Cornelia, von Mutter Margarethe hinter der Bühne aufgeputzt, im bunten Bikini-Hemdchen und langen grauen Hosen Kußhändchen unter die Zuhörer wirft.
Dabei sieht sie immer auffallend blaß und fast durchsichtig aus. Das Jugendamt in Berlin erhebt auch Einwendungen dagegen, daß das Kind abends nach 20 Uhr noch auf der Bühne steht.
Gerhard Froboess mußte sogar einmal 100 DM Strafe zahlen, weil er seine Tochter auftreten ließ, ohne die Genehmigung des Jugendamtes abgewartet zu haben. Cornelias Großvater Froboess war Superintendent und Kreisschulinspektor in Weißwasser bei Spremberg in der Oberlausitz. Insofern bezeichnet sich Gerhard Froboess gerne als den "ungeratenen Sohn eines Pfarrers", belastet mit den Hobbys Ziehharmonikaspielen und Radiobasteln.
Das zweite Hobby machte er zu seinem Beruf. Er studierte in Köthen Hochfrequenztechnik und Elektro-Akustik. Eine Zweigleisigkeit, die ihn befähigte, zuerst Prüffeld-Ingenieur bei Telefunken und später Tonmeister bei der Tobis zu werden.
Mit seiner damaligen Braut Margarethe, die in Falkenstein im Taunus bei Frankfurt beheimatet ist, unterhielt er jahrelang mit einem selbstgebastelten schwarzen Kurzwellen-Sender Funkverbindung. "Sie war der erste Mensch, der mich richtig verstand."
Die unbefangene Keckheit hat Cornelia von Gerhard Froboess, der vor dem ersten Weltkrieg als achtjähriges Pfarrerssöhnchen in einer Soldatenmontur mit einem Schild "Nie wieder Krieg" kommunistischen Demonstranten vorausmarschierte.
In den zwanziger Jahren begeisterte sich Gerhard Froboess für amerikanischen Jazz, wobei ihm ein Stück, bei dem zwischendurch ein Pistolenschuß abgefeuert werden mußte besonders gefiel. Damals erhielt er den Spitznamen "Professor Hot".
Da der Ingenieur und Tobis-Tonmeister Froboess als "unabkömmlich" nicht in den zweiten Weltkrieg zu ziehen brauchte, widmete er sich um so ausgiebiger seinen musikalischen Ambitionen. Gegen Kriegsende trat er mit Frau Margarethe, einer
begabten Chansonette, mit einigem Erfolg in Wehrmachtsprogrammen auf.
Das hatte ein Ende, als Klein-Cornelia am 28. Oktober 1943 die Froboess'sche Familie auf drei Köpfe vermehrte. Die Geburt der Tochter war insofern eine Enttäuschung, als der sorgsam phonetisch gedichtete Name Sebastian Cornelius Froboess dem an sich erhofften Knaben nicht appliziert werden konnte. Statt dessen wurde es eine Cornelia.
Im Nachkrieg war Gerhard Froboess zuerst Cheftonmeister bei der sowjetzonalen DEFA, bevor er an dem Froboess-Buddeschen Musikverlag "Melodie" partizipierte. Damals entstanden die ersten Froboess'schen Schlager wie "Zwei Menschen, die sich gehören" oder "Die Sonne geht schlafen". "Aber", gesteht Gerhard Froboess offen, "einen wirklich großen Erfolg hatte ich nie."
Da sucht im Februar 1951 der Leiter des Berliner RIAS-Tanzorchesters, Werner Müller, eine Stimme für seinen Winterschlager "An der Ecke steht ein Schneemann". Müller berät sich mit dem Musikverleger Gerhard Froboess. Beide kommen zu dem Ergebnis: "Mit Erwachsenen läßt sich das nicht verkaufen."
Ohne daß Froboess wie er versichert, an das Kind gedacht hatte, mischte sich da plötzlich die damals siebenjährige Cornelia in das Männer-Gespräch: "Dicker, laß' mich doch det singen."
So kam es, daß kurz darauf ein kleines, blondes Mädel in Norwegerpulli und Trägerhosen auf der Bühne des Titania-Palastes in Steglitz stand und keß-dissonant den Schneemann an der Ecke besang.
Für den ehrgeizigen Vater und Komponisten Froboess gab es von nun an kein Halten mehr. Seine Haus-Poeten Hans Bradtke und Erika Brüning konnten ihm nicht genug Texte für Cornelia ersinnen.
Auf den Müllerschen "Schneemann" folgte die wortverrenkte brüningsche "Jöre", das kleine Mädchen das davon träumt, ein Junge zu sein:
Oh diese Jöre, oh diese Jöre,
Ich jeden Tag von allen Leuten höre;
Könnt' ich mir wünschen das, was mir gefällt,
Wünscht' ich, ich käm' noch mal als Junge
auf die Welt.
Im Anschluß an die "Jöre" gelang Gerhard Froboess endlich der große Wurf mit Hans Bradtkes "Badehose". Sie wurde, gesungen von Cornelia, begleitet von den Metropol-Vokalisten, im Mai 1951 zum erstenmal von RIAS ausgestrahlt Weder die "Schneeballschlacht", "Die Kleine mit der Mundharmonika", der "Lausbub" (Texte von Hans Bradtke), noch "Ich wünsch' mir ein neues Kleidchen" (Text: Erika Brüning) kamen je an den Erfolg der "Badehose" heran
Mit der "Badehose" begann aber auch die Tragik des kleinen Mädchens, das sich nach dem Sandhaufen in der Gottschalkstraße im tristen Berliner Norden sehnt, während es in Begleitung eines besessenen Vaters und eines angemessen blutenden Mutterherzens durch Deutschland reist, um die "Badehose" zur menschlichen Erbauung an der Unschuld des Kindes schlechthin und zum Nutzen des Verlages Froboess & Budde zu singen.
Cornelia Froboess hat - hier bedarf es der väterlichen Versicherung nicht - niemals Gesangsunterricht gehabt. Sie singt frei nach ihrer Berliner Schnauze, nicht schön, aber mit einem trocken-kessen Ausdruck, wie er vielleicht nur im "Milljöh" des Berliner Wedding zu Hause ist. In der Gottschalkstraße wohnen Froboessens schon 16 Jahre.
Wenn Vater Froboess eine neue Schlagermelodie eingefallen ist, hört ihn Cornelia zunächst stundenlang auf dem Klavier herumhämmern, so daß sich ihr die Melodie allein schon dadurch einprägt. Dann wird ihr der Text mit Schreibmaschine auf ein Blatt Papier geschrieben. Das Blatt legt sie beim Schlafengehen abergläubisch unter das Kopfkissen.
"Wir machen da weiter gar nischt", sagt Gerhard Froboess. "Wir bläuen dem Kind nischt ein. Es kommt alles von selbst. Vor allem hat die Kleine ein unerhörtes musikalisches Gefühl. Ich glaube, das hat se von meiner Frau. Das Rhythmische hat se von mir."
Wenn die Schlagermelodie feststeht, wird sie auf Magnetofonband aufgenommen. Das Band hört sich Cornelia dann jeden Tag eine Viertelstunde lang an. Zu mehr reicht ihre Geduld nicht. Manchmal sagt sie dann zu ihrem Komponisten Froboess: "Mensch, Dicker, det machen wir doch besser so ..."
Wenn Cornelia drei- bis viermal aufgetreten ist, sitzt der Schlager hundertprozentig. Nach der Vorstellung fragt sie dann gewöhnlich: "Na, Dicker, wie war ick?" Oder sie meint sachkennerisch: "Det Publikum war heut aber jut."
Die "Badehose" leitet sie manchmal Wedding-Berlinerisch ein: "Und nun singe ick for Ihnen wat janz Schönet" Hemmungen vor einem Erwachsenenpublikum kennt Cornelia nicht. Das einzige Mal, daß sie mitten im Lied steckenblieb, war, als sie vor einer Kindergesellschaft sang.
Der Gefahr der Selbst-Vergötterung eines Kindes, das tausendfach Beifall empfängt, glaubt Gerhard Froboess dadurch vorzubeugen, "daß ick ihr manchmal einen Klaps hinten druff jebe. Aber sonst reden wir dem Kind überhaupt nischt rein ..."
Wenn Cornelia im Hotel plötzlich Lust auf Geflügelfleisch verspürt, beordert sie ohne weitere Rückfrage bei Vater oder Mutter vom Ober ein Brathuhn. Am liebsten ißt sie "Huhn und 'ne Rolle Drops". Allenfalls noch "saure Eier" und Fadennudeln.
Nach ihrer diesjährigen Sommer-Tournee durch Westdeutschland brachte sie drei riesige Schachteln Pralinen, die sie von "Verehrern" geschenkt bekommen hatte, mit nach Berlin. Die Pralinen verteilte sie an Helga und "Hannelorchen", "weil ick mich unterwegs imma so freue, wenn ick wieder zu Hause bin und mit denen mal wieda spielen kann".
Cornelias Separatzimmer mit Klappbett in der Gottschalkstraße Nr. 27 ist eine Art Spielwarenausstellung. Sie besitzt etwa ein Dutzend Puppen, einen ganzen Spielzeugauto-Park und vier oder fünf Mundharmonikas ("weil ich doch die Kleine mit der Mundharmonika bin"). Auf der Straße im Sand zu spielen, dabei Stieleis zu lutschen und sich mal wieder richtig schmutzig zu machen, ist ihr aber lieber als der ganze Klimbim.
Wenn Cornelia durch die Lande reist, wird sie wie eine Prinzessin von einer Art "Hofstaat" begleitet. Dazu zählen außer "Dicker" und "Mammi" die Hauslehrerin, Frau Grete Müller aus der Wupperstraße in Mannheim, sowie gewöhnlich der Reiseleiter der jeweiligen Konzertdirektion.
Die Lehrerin wurde von der Mannheimer Konzertdirektion Heinz Hoffmeister, an deren Tournee Cornelia von Mitte Juni bis Mitte Juli 1952 teilnahm, engagiert, nachdem das Stadtschulamt in Berlin Einwendungen erhoben hatte, daß
das Kind Cornelia Froboess keine Schule besuche. Cornelia war gerade von der dritten in die vierte Klasse der Grundschule in Berlin-N, Kattegattstraße, versetzt worden. Ihre Mitschülerinnen nannten sie "Conne".
Seitdem schickt Cornelia nun an ihre Berliner Lehrerin, Fräulein Franke, gelegentlich Ansichtspostkarten oder kurze Briefe mit Schilderungen dessen, was sie unterwegs sah. Über den Roland vor dem Rathaus in Bremen schrieb sie beispielsweise: "Er hat spitze Knie und sieht eigentlich ein bißchen doof aus".
Frau Müller, 60, mit dreißigjähriger Praxis als Lehrerin, gibt ihr zwei bis drei Stunden Unterricht, in der Regel in ihrem Hotelzimmer Das geht so vor sich, daß Cornelia morgens, ihre Schulsachen unterm Arm und eine Butterstulle in der Hand, in das Zimmer der Lehrerin hüpft: "Morjen, Frau Müller, wat machen wir heute?"
Auf dem Stundenplan stehen Deutsch, Rechnen und Naturkunde. Wenn die Lehrerin in einem von Cornelias Schulheften etwas verbessert, radiert es Cornelia sofort wieder aus. "Das ist ihr nicht gut genug", meint Frau Müller. Rote Striche in ihren Heften kann die Schülerin Cornelia Froboess gleich gar nicht vertragen. In einem solchen Falle ist sie fähig, die ganze Seite herauszureißen.
Dennoch ist Frau Müller von ihrer Schülerin entzückt. "Sie ist in einem Maße sorgfältig". sagt sie, "wie man es selbst bei sehr begabten Kindern nur selten findet."
Oft werden die Unterrichtsstunden durch Autogramm-Audienzen Cornelias unterbrochen. Dann defiliert wie beispielsweise in Ludwigsburg, eine ganze Schulklasse vor Cornelia, um Autogramme zu bekommen. Cornelia sitzt lässig in einem Sessel und sagt: "Bitte, weitergehen, nicht drängeln, dort ist der Ausjang."
Das Erlebnis, das eigentlich schon keines mehr für sie ist, findet gewöhnlich am
nächsten Tag seinen Niederschlag in Cornelias Reisetagebuch. Darin schreibt Cornelia dann: "Die Kinder freuten sich alle sehr über mein Bild."
Ihren Namenszug malt Cornelia sehr langsam und sehr ausdrucksvoll, "damit man es auch sieht". Der Star in der kleinen Cornelia legt Wert darauf, bemerkt zu werden. So kommt sie beispielsweise vom Maschsee-Strandbad in Hannover: "Du, Dicker, ein Herr hat mich erkannt."
Oder sie sagt: "Habt ihr nich jesehen, jestern war ein Bild von mir in der Zeitung?"
Zu männlichen Stars, die mit ihr im selben Programm auftreten, findet sie schnell Kontakt, während sie die weiblichen Stars als eine Art Rivalinnen betrachtet, deren Gestik sie nachzuäffen versucht.
Mit 200 bis 300 DM Abendgage ist Cornelia Froboess heute ebenso gestellt wie mancher erwachsene Spitzenstar Dazu kommen Film-, Funk- und Schallplatten-Einkünfte. Ihre Gage verwaltet der Herr Papa. Cornelia bekommt lediglich eine symbolische Abschlagszahlung. eine DM für jeden Auftritt. Dazu zehn Pfennig zum Vernaschen.
Da Cornelia sehr sparsam ist, konnte sie sich von ihrer 1-DM-Gage in Braunschweig ein Fahrrad kaufen, das sie sich schon lange gewünscht hatte. Dabei fand sie es ganz in der Ordnung, daß ihr die Hälfte der Kaufsumme vom Inhaber des Geschäftes erlassen wurde.
Wenn "Dicker" gelegentlich die eine DM vergißt, rechnet sie ihm genau vor was er ihr schuldet
Der Anteil Cornelias an den Froboess'schen Einkünften ist ganz erheblich. "Das Auto gehört ihr zur Hälfte auch", sagt Gerhard Froboess von dem neu erstandenen Ford. Er deutet auch an, daß er sich überlegt, "ob ich ihr einmal ein Haus kaufen soll oder nicht".

DER SPIEGEL 32/1952
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