17.09.1952

MARIEN-ERSCHEINUNGENDas Lied des Obergefreiten

Es steht fest, daß die ... Erscheinungen keinen übernatürlichen Charakter haben. Deshalb wird der entsprechende Kult am obengenannten Ort und anderswo verboten. Geistliche, die in Zukunft an diesem unerlaubten Kult teilnehmen, verfallen ipso facto der Suspendierung a divinis."
Mit diesem Dekret verdammte das Heilige Officium zu Rom die Marienerscheinungen elfjähriger Schulmädchen, die das Frankendorf Heroldsbach im Herbst 1949 in einen kultischen Rummelplatz verwandelten. Johann Gailer, der Pastor des Ortes, wurde für seinen fehlgeleiteten Willen, der katholischen Christenheit ein neues Lourdes zu geben, mit Zwangsversetzung bestraft; die seherischen Schulmädchen wurden von der Heiligen Kommunion ausgeschlossen; geschäftstüchtige Irrgläubige, junge Frauen und ältere Männer, die es sich zur Gewohnheit machten, mit der Muttergottes vor einer betenden, singenden, spendenfreudigen Menschenmenge auf dem "Erscheinungshügel" frömmelnde Zwiesprache zu halten, traf die Exkommunikation.
Während die Einwohner von Heroldsbach, der Verwirrung ihrer Seelen müde, im vergangenen Monat Anzeige wegen öffentlicher Ruhestörung gegen die lallenden Kultisten erstatteten, die immer noch nachts auf dem "Erscheinungshügel" herumkriechen, wanderte das Wunder in den aus zwei Steinhäusern und einer Baracke bestehenden Flecken Niederhabbach bei Frielingsdorf im Rheinisch-Bergischen Kreis, Regierungsbezirk Köln.
In der Baracke wohnt der 39jährige Ostpreuße Karl Ziganke. Als die Muttergottes ihm zum achten Male erschienen sei, habe sie ihm gesagt, sie werde am 8. September wieder zu ihm kommen, hatte er behauptet. Die Presse brachte die Neuigkeit. Am angekündigten Tag in der letzten Woche (Montag und Mariä Geburtstag) kamen Pilger, Presse und Psychologen, morgens um sechs schon ein Trupp Zigeuner, der mit vierzehn Wagen anrollte.
Als die Polizei gegen neun eintrifft, hat sich auf der Wiese gegenüber der Ziganke-Baracke eine riesige, makabre Picknick-Gesellschaft niedergelassen, auf Klappstuhl bei Klappstuhl Frauen, Mädchen und einige unglücklich aussehende Männer, Omnibusse aus Westfalen und den Rheingauen stehen herum. Mehr Leute kommen, bis es mehr als 5000 sind. Eine Frau ist über 500 Kilometer aus Süddeutschland gereist, mit zwei Koffern, vier Decken, einem Klappstuhl, vier Thermosflaschen voll Kaffee, Semmeln und Knödeln.
Während Rosenkranzperlen durch die Hände der Pilger gleiten, murmeln Lippen monoton Gebete. 14.02 Uhr: Ein spitzer Ruf dringt aus dem Brummeln und dem schleppenden Gesang: irgendwer will etwas sehen, an der Sonne. Alle starren zur Sonne, die unberührt durch einen milchigen Wolkenschleier leuchtet. "Sie dreht sich, sie dreht sich", ruft eine entgeisterte Frauenstimme. "Immer rund, immer rund", fistelt eine andere.
"Wo, wo - jaaa, jetzt seh' ich's - immer rund, immer rund ...". Wild versuchen ein paar Frauen, die sonst kaum auf ein Straßenbahntrittbrett kommen, die Bäume zu erklettern. "Seht ihr die Kleckse, die gelben Striemen am Himmel?"
"Herrgott, das Zeichen", schrillt eine Oma.
Zweiflerstimmen sind zu hören, ebenso erschreckt und atemlos die anderen: "Ach was, kein Zeichen, das ist immer so, wenn man lange in die Sonne sieht ..." "Das
Zeichen, dort am Haus, am Gebüsch ..." "Nein, nein, das liegt im Auge, das grelle Licht ..."
Im Chor erklingt "Ave Maria", die Stimmen ertrinken. Die Zweifler werden von der drängenden Menge mit hinübergeschoben zu Zigankes Baracke. Im Gewühl bricht eine Frau ein Bein.
Ziganke zeigt sich nicht. Um 15.30 Uhr erscheint Frau Ziganke, füllig und resolut. Sie teilt mit, Karl beginne unruhig zu werden. Gebete und Lieder. Burschen mit höhnisch knatternden Motorrädern brausen auf der Straße auf und ab.
16 Uhr: Ziganke tritt aus der Baracke. Er ist groß und mager. Sein heller Sonntagsanzug schlottert ihm um die Glieder. Sein Hals ragt aus einem viel zu weiten weißen Hemdkragen mit einer unbeholfen gebundenen Krawatte. In seinem ausgemergelten Gesicht liegen weiche, klare Augen. Er kniet vor einem kleinen, mit wuchernden Kräutern bewachsenen Abhang, neben einer aus Birkenstämmen zusammengehauenen Bank, und blickt hinauf in die Büsche.
Ein Bildreporter steht mit gezückter Kamera. Professor Dr. Daniels, Direktor des Albertinums zu Bonn und Beauftragter des Erzbischöflichen Generalvikariats Köln, beugt sich vor zu Ziganke, der jetzt die Hand vorstreckt und flüstert: "Mitbeten." Professor Daniels: "Sehen Sie was?" Ziganke nickt.
Dann steht er auf und geht ins Haus. Er will wieder die Muttergottes gesehen haben.
Professor Dr. Laubenthaler, der Leiter der Nervenklinik der Essener Städtischen Krankenanstalten, war auch dabei. Er arbeitet jetzt ein psychologisches Gutachten über Karl Ziganke aus und hat es dabei nicht so leicht wie seine Kollegen, die die Heroldsbacher Kinder untersuchten. Die Kinder, hieß es damals, seien "eidetisch": ihre Sinnesorgane seien noch nicht so entwickelt, daß sie reale Objekte und ihrer Phantasie entspringende Bilder voneinander unterscheiden können.
Karl Ziganke hat Ähnlichkeit weder mit den Mädchen, noch mit den hitzköpfigen Eiferern von Heroldsbach. Von seinem Leben und Schicksal her gesehen scheint in ihm ein echtes seelisches Phänomen zu stecken.
Er wurde am 22. Juni 1913 in Blumenthal (Regierungsbezirk Allenstein/Ostpreußen) geboren, wo sein Vater eine eigene Landwirtschaft besaß. Er hatte sechs Brüder und eine Schwester. Vier Brüder fielen im ersten Weltkrieg, einer wurde im zweiten Weltkrieg vermißt. Sein Vater starb 1936, seine Mutter 1943.
1938 wurde er Soldat bei der Infanterie und machte den ganzen Krieg mit, im Westen und im Osten. Sein höchster Dienstgrad: Obergefreiter. Er erlitt einen Schuß in die rechte Hand, deren Mittelfinger fehlt und die fast steif ist, eine Verwundung am Bauch und Erfrierungen an beiden Füßen, die heute stark deformiert sind.
Aus englischer Gefangenschaft wurde der ehemalige Obergefreite Ziganke im Sommer 1945 entlassen.
Er kam nach Bonn und wurde dort durchs Arbeitsamt als landwirtschaftlicher Arbeiter zu dem Landwirt Voß, Brochhagen (Regierungsbezirk Köln) vermittelt. Dort arbeitete er drei Jahre, hager, ernst und einsam. Dann bekam er eine Stelle als Bohrer bei der Firma Zapp, Achsenfabrik in Birkenbach bei Engelskirchen, Regierungsbezirk Köln. Dort arbeitet er heute noch. Sein Lohn beträgt wöchentlich 60 bis 70 Mark.
Im Oktober 1949 heiratete er die einheimische, 1915 in Kuhlbach geborene Rosa Braun, verwitwete Lahnstein, mit zwei Kindern, Anita 13 und Hans-Joachim 10. Ihr erster Mann fiel 1942 im Osten.
Ziganke wird von Bekannten als geistig nicht sehr beweglich geschildert. Er ist scheu und dulderisch, raucht viel und hastig. "Er frißt alles in sich hinein", sagen die Leute. Er ist genau und macht keine Schulden. Auch von Vikar Breuer, der bereits am 6. August als Beauftragter des Generalvikariats als Prüfer bei der angeblichen Erscheinung bei ihm war, wurde ihm ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ziganke sei kein Kirchenläufer oder Frömmler, wohl besuche er jeden Sonntag die Messe.
Kaum jemand unter denen, die ihn kennen (ein paar jugendliche Zyniker ausgenommen), glaubt, daß Zigankes Visionen aus Geltungstrieb und Geschäftstüchtigkeit entspringen. Vielmehr scheint Karl Ziganke, der Obergefreite, der so viel durchgemacht
hat, von einer wortlosen Sehnsucht erfüllt nach einem gnädigen Wesen, das ihn von dem Grauen und der seelischen Einsamkeit, die in ihm zu vermuten ist, erlöst, etwas, das seine Frau nicht - und wahrscheinlich überhaupt keine irdische Frau - für ihn tun kann. ("Er sehnt sich nach der mythischen Archetype der Erlösung", würde Erz-Psychologe C. G. Jung vielleicht sagen.)
Am 5. Juli abends will Ziganke seine erste Marienerscheinung gehabt haben. Sein Geheimnis vertraute Ziganke nicht sofort seiner Frau an, sondern nach der dritten Erscheinung zunächst der jungen, ebenfalls aus Ostpreußen stammenden Nachbarsfrau Ilse Raschke, 26. Frau Ziganke beklagte sich bei einem Reporter darüber, und erst auf das aufmunternde Nicken seiner Frau hin ließ sich Karl Ziganke herbei, den Abend der ersten Erscheinung zu schildern.
"Ich war den ganzen Tag unruhig. Irgend etwas quälte mich. Ich hatte keine Lust im Garten zu arbeiten, konnte nicht auf einer Stelle sitzenbleiben. Kurz vor 22 Uhr trieb es mich hinaus vor die Barackentür. Ich setzte mich dort auf eine Bank und starrte in die dunklen Büsche, die sich hinter der Baracke einen Hügel emporziehen und in einen niedrigen Tannenwald übergehen. Da plötzlich sah ich einen hellen Schein hinter einem Busch. Ich stand wie gebannt auf und ging einige Schritte darauf zu. Nach wenigen Minuten war die Erscheinung vorüber. Ich meine, es ist eine Mutergotttes gewesen, genau so wie diese sah sie aus."
Er deutete auf eine Marienstatue, eine, wie sie seit Lourdes verkauft wird. Frau Ziganke schaltete ein: "Die Statue ist ein Erbstück von meiner Mutter. Sie ist bestimmt sehr alt. Seltsam - eigentlich sollte ich sie gar nicht haben. Es gab damals einen kleinen Streit mit meiner Schwester darum."
Zur dritten Erscheinung rief Ziganke Frau Ilse Raschke, die aber nichts sah. Frau Raschke sagte darüber: "Plötzlich lallte Ziganke: 'Sie ist da.' Ich mußte ihn stützen, sonst wäre er gefallen. Ich sah nichts, aber er mußte etwas bemerkt haben. Denn so kann sich ein einfacher Mensch nicht verstellen." Danach notierte Frau Raschke, was Ziganke hastig erzählte: "Muttergottes hatte weißes Gewand an. Weißer Schimmer war um ganze Gestalt, in beiden Händen hielt sie Bischofsbilder. Das eine zeigte den verstorbenen Bischof Kaller von Ostpreußen und dessen Vorgänger Bludau."
Unter der Menge, die sich am Nachmittag von Mariä Geburtstag vor Zigankes Baracke drängte, war ein Mann, der Flugblätter verteilte. "Generalangriff für Heroldsbach!" Unterzeichner: Fritz Müller, Bad Lippspringe (Autor des Buches "Durch Maria zu Jesus, zum Gottesreich".) Es war Müller selbst, im Gegensatz zu Ziganke ein Senior-Seher, einer von den Heroldsbacher Kultisten, die über Zigankes Naivität längst hinaus sind und sich im propagandistischen, weltbeglückenden, politischen Stadium befinden. Er war schnell dabei, Zigankes Visionen in diesem Sinn auszuschlachten.
Die "Kölnische Rundschau" kommentierte: "Unlautere Elemente benutzten leider die Gelegenheit, um Flugzettel zu verteilen, in denen zu einer sektiererischen Bewegung, analog den Vorgängen in Heroldsbach, aufgefordert wurde."
Fritz Müller im "Generalangriff": "Ich habe einmal im Konzentrationslager in der Todeszelle den Mut gehabt, dem ersten Lagerführer zu erklären: Ich werde nicht zum Verräter ...' Noch vielmehr habe ich jetzt allen Grund, nicht durch Schweigen zum Verräter zu werden, ganz gleich ob man mit Exkommunikation droht ..."
Dann zitiert Müller den Wortlaut eines Telegramms, das er an die Bischofskonferenz in Fulda gesandt haben will: "Meinen 'Generalangriff' für Heroldsbach in Erinnerung bringend, bitte ich meine am Tag des Heiligen Bonifazius versammelten Bischöfe, mit der Vergewaltigung der Seelen, hervorgerufen durch die Exkommunikation, ein Ende zu machen und beschließen zu wollen, daß das diesbezüglich gegebene Ärgernis behoben wird. In tiefer Ehrfurcht! Fritz Müller."
In diesem Flugblatt wird bereits auf Karl Ziganke und dessen für "heute" (8. September) angekündigte Marienerscheinung hingewiesen. Es heißt weiter: "... Tragen wir für kurze Zeit noch den Spottmantel, wenn man uns lästert und nachstellt. Daß wir unserer Gottesmutter so Freude machen, dafür bekam ich persönlich von ihr einige Tage vor der Abreise zum Heiligen Vater die Bestätigung. Ja, ich sah sie in Heroldsbach beim Haus der Seherin Gretel Gügel zum ersten Male mit frohem, lächelndem Antlitz.
"Etwa 25 Meter vor ihr stehend, sagte ich mir gleich: 'So, nun fragst du aber die Gottesmutter, ob alles richtig gemacht wurde.' Jetzt kam sie eiligen Schrittes und begrüßte zunächst einen jungen Mann, der in kurzer Entfernung von mir vor ihr stand und sprach mit diesem. Dann kam sie freudestrahlend zu mir und gab mir die Hand. Mit tiefem Ernst wurde dann die Frage gestellt: 'Liebe Gottesmutter, habe ich auch alles recht gemacht mit dem Schreiben und mit all der Arbeit? Darauf schüttelte sie kräftig mit immer noch lächelndem Antlitz mir die Hand und sagte: 'Ja, ja!'"
Müller behauptet auch, in einem Rückblick auf seine ersten unschuldigen Sehertage, ihm sei 1916 im Lazarett zu Bamberg die Gottesmutter nachts erschienen und habe lange am Fußende seines Bettes gestanden, mit gütigem Blick, als wollte sie sagen: "Du wirst noch mal ohne jegliche Menschenfurcht für die Rechte Gottes und für seine Kirche eintreten."
Das Flugblatt endet mit dem Absatz: "Und droht man uns allen mit der Exkommunikation, dann wollen wir doch bedenken, daß man auch die Heilige Hildegard samt den ganzen Schwestern des Konvents exkommunizierte. Und erklärt man uns geisteskrank, dann bedenke man, daß auch der Heilige Johannes von Gott zwei Jahre lang im Irrenhaus festgehalten wurde. Mit Recht lehrt uns die Kirche, die Verehrung der Heiligen zu pflegen. Bedenken wir aber, daß die beste der Verehrung der Heiligen darin besteht, wenn wir ihre Tugenden nachahmen, und so werden wir den Sieg herbeiführen, den Weltfrieden zustande bringen, um den vergebens die Völker mit ihren Kanonen ringen, auch dann vergebens ringen, wenn wir Deutschen den Wehrbeitrag leisten. Bedenken wir, daß es total daneben ist, wenn wir Christen so, wie es meist der Fall war, uns damit zufrieden geben, wenn wir so eben noch als fünftes Rad am Wagen geduldet werden ..."
Am letzten Wochenende gingen die Professoren Laubenthaler und Daniels zu Karl Ziganke, um ihn zu überreden, sich freiwillig klinisch behandeln zu lassen. Denn Prof. Laubenthaler hat festgestellt, daß Zigankes Visionen "primär-pathologische Symptome" sind. Inzwischen erging die Anweisung vom Generalvikariat Köln an die Mitglieder der benachbarten Gemeinden, sich von Vorkommnissen wie denen in Niederhabbach fernzuhalten.

DER SPIEGEL 38/1952
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