17.09.1952

RUHRPOLENZwischen Weiß und Rot

Seit Knappschaftsinvalide Stanislaus Paczkowiak, 73, nach mehrwöchigem Aufenthalt in Volkspolen wieder ins schwarze Kohlenzentrum Bochum zurückkehrte, geht sein eingeschworener Widersacher Michael Weselowski in dem baufälligen Polenhaus in Bochums Klosterstraße oft ruhelos auf und ab.
Nachts läßt ihn die Frage nicht schlafen, welche Direktiven die kommunistischen Genossen in Warschau dem Paczkowiak und seinen neun Delegierten nach dem Staatsakt des Gedankens an die "Befreiung Polens durch die Rote Armee" wohl mit auf den Heimweg gegeben haben.
Zur selben Zeit, als Paczkowiak in Warschau eine Pieck-ähnliche Repräsentationsfigur machte, veranstaltete Michael Weselowski mit seinen Anhängern eine Befreiungsfeier anderer Art in Bochum. Hier feierte man den 16. August, den Gedenktag an Pilsudskis "Wunder an der Weichsel".
Am 16. August 1920 erwies sich der Gegenstoß der Nationalpolen unter Marschall Pilsudski gegen die vordringenden Roten als endgültiger Sieg über die Russen, die schon damals einsacken wollten.
Wie damals der Kampf zwischen Weiß und Rot, so tobt jetzt der Rivalitätskampf zwischen der Ruhrpolen-Gruppe um Paczkowiak und der um Weselowski. Beide behaupten von sich, rechtmäßige Nachfolger des nach dem Polenfeldzug 1939 aufgelösten "Bundes der Polen in Deutschland" *) zu sein.
Beide wollen die 50 000 heute noch im Ruhrrevier lebenden Volkstumspolen als geschlossenen Block hinter sich bringen. Beide prozessieren schon über zwei Jahre gegeneinander. Jetzt soll das Kammergericht in Berlin-W entscheiden, wem rechtens das Schild an der Korridortür im dunklen Treppenflur des brüchigen Polenhauses gebührt, auf dem noch die "alte Bundesbezeichnung steht: "Zwiazek Polakow Niemczech."
Weselowski, bis 1939 hauptamtlicher Geschäftsführer der Polenbund-Sektion in Bochum, nimmt für sich in Anspruch, den größten Teil der einst aus dem Minderheiten-Grenzgebiet des deutschen Kaiserreiches ins Ruhrgebiet verpflanzten Polen und deren Nachkommen zur unpolitischen Volkstumspflege zu vereinen Warschaufahrer Paczkowiak aber, und "vor allem die jungen Leute um ihn, für die er nur Aushängeschild ist", seien an die Kominform-Nabelschnur geknotet.
Die Rote Mutter Polen war die einzige ausländische Macht, die nach 1945 etwas in den brodelnden Ruhrtopf steckte, wo sich in den roten Ziegelkotten viele Bergarbeiter plötzlich wieder ihrer polnischen Väter und Großmütter erinnerten.
Polen reimt sich auf Kohlen. Es war in der Hochzeit der Neuaufschlüsse von Kohlenflözen nach 1870, als die Poleninvasion ins Ruhrgebiet begann. Zum Abtäufen der neuen Schächte reichte noch das Arbeitspotential der zweiten und dritten westfälischen Bauernsöhne. Zur Kohlenförderung aber benötigten die Herren der Kohle Hunderttausende von zusätzlichen Arbeitskräften.
Die Bergwerksgesellschaften schickten Werbekolonnen nach Osten und Südosten. In den Dorfkretschams wurde die Ware Arbeitskraft aufgekauft und der Kontrakt mit dem Schnapsglas gesiegelt. Dann rollten die Transporte - wie 50 Jahre später
wieder unter Ostarbeiter-Kommissar Sauckel - gen Westen.
Das war die Geburtsstunde des ruhrpolnischen Proletariats, von dem die einheimischen Bürger behaupten, daß es nicht maßhalten kann, daß es das Geld sehr schnell verfuttert und vertrinkt und schon drei Tage nach dem Löhnungstag kein Geld mehr hat, weil polnische Kumpel nach der harten Arbeit unter Tage gern dem Dudelsackpfeifer, der Schnapsflasche und dem roten Rock nachlaufen.
Aber die Bürger profitieren von der Poleninvasion. Sie pappen Schilder an ihre Ladentüren mit der Aufschrift "Polska ustaga" (polnische Bedienung) und holen sich die aufgewecktesten schwarzhaarigen Polenmädchen hinter den Ladentisch. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges wohnen etwa 500 000 Polen im Ruhrrevier. Über die Hälfte der Bergarbeiterschaft stammt aus der "kalten Heimat".
Als 1918 die Konjunkturwelle abflaut und Polen als Staat neu entsteht, wandert ein kleiner Teil in dieses neue Polen zurück. Der größte Teil überschüssiger Arbeitskraft aber flutet weiter westwärts ins französische und belgische Kohlenrevier, nach Mons und Lens, in die Gegend von Lille, Douai und Vitry, bis auch dort Wirtschaftskrisen Arbeitslosigkeit und Elend hervorrufen. Da müssen nun Zehntausende von Polenkumpels mit dem "Lause-Expreß", dem Schnellzug zwischen Paris und Warschau, heimreisen zu Mütterchen Polen.
Diese Reminiszenzen dämmern aus dem Dunkel, als nach 1945 die Graubrotschnitten an der Ruhr mit Rübensaft bestrichen werden müssen. Die als Displaced Persons anerkannten ehemaligen polnischen Ostarbeiter essen Butter. Sie bekommen die Care-Pakete der UNRRA. Um sie kümmern sich die polnischen Emigranten in USA und England, für die die Westfalenpolen längst verlorene Söhne sind.
Da erwirkt Oberst Jan Kaczmarek, der beim Hauptquartier General Eisenhowers akkreditierte Leiter der polnischen Militärmission, die Erlaubnis, die größte polnische Minderheiten-Organisation, den 1922 gegründeten und 1939 aufgelösten "Bund der Polen in Deutschland", neu erstehen zu lassen.
In die neuen Statuten wird der Passus aufgenommen, daß auch polnische Staatsangehörige, die also nicht zur polnischen Diaspora in Deutschland gehören, Mitglieder des Bundes sein können.
Damit schafft Jan Kaczmarek, der als Anhänger des 1900 im Ruhrpott geborenen polnischen Bauernführers Mikolajcyk später nach Washington emigriert, die Präambel, die es den konsularischen Vertretungen der kommunistischen Volksrepublik Polens später ermöglicht, den Bund aktiv unter die politische Fuchtel zu nehmen.
Im sogenannten Notvorstand des Polenbundes präsidierte damals der frühere Geschäftsführer der Ruhrgebietssektion Michael Weselowski. Er überwirft sich mit Pan Baczinski, dem Vizekonsul in Bochum, als der ihm jede Woche mit einem grauen Volkswagen kommunistische Tendenzliteratur in die Bochumer Klosterstraße schaffen läßt.
Sagt Weselowski: "Die meisten unserer Volkstumsfreunde wollten das Zeug ja gar nicht lesen oder stellten sich nur interessiert, weil sie meinen, daß man ihnen dann die Einreise zu ihren Verwandten erleichtere."
Als die volkspolnischen Konsuln 1950 - ihre westdeutschen Positionen aufgeben *) übernimmt das polnische Rote Kreuz die
propagandistische und finanzielle Betreuung der Bundespolen. Aber vor ihrem Rückzug nach Warschau möbeln die Konsuln den Polenbund gehörig auf.
Um den störrischen Weselowski von den Mitgliedern zu isolieren, gründen sie in allen Orten des Ruhrgebiets Aktiv-Komitees, die nun Delegierte zu einer improvisierten Generalversammlung entsenden.
Diese Generalversammlung wird zur Generalabrechnung mit dem christlichloyalen Block, für den auch national-polnische Exil-Intellektuelle sporadisch tätig sind. Sie möchten, daß der Kumpel nach Feierabend den "Pan Thadeus", das klassische Epos des größten polnischen Dichters Adam Mickiewicz in die Hand nimmt und nicht die kommunistische Polit-Literatur aus Warschau.
Die Abrechnung steigt unter der Leitung von Generalkonsul Szelagowski und des Bochumer Vizekonsuls Baczinski. Weselowski und seine Anhänger werden nicht eingeladen. Die Delegierten wählen einen neuen Vorstand, an deren Spitze der grauhaarige Warschaufahrer Paczkowiak tritt.
Weselowski: "Man hat mir danach Geld angeboten (300 DM als monatliches Salär), wenn ich trotzdem mitmachen und den neuen Kurs vertreten würde."
Weselowski ("Ich war einmal Soldat der kaiserlichen Garde in Berlin") lehnt ab und geht in die Opposition. Er ist nach dem Krieg dreimal in Volkspolen gewesen und hält nicht viel vom dort exerzierten sozialistischen Fortschritt, von dem seine Widersacher um Paczkowiak soviel Wesen machen.
In 38 Orten des Ruhrreviers hat Paczkowiaks Radca Szkolny (Schulrat) Marian Grajewski, der auf dem polnischen Lehrerseminar Rogozne ausgebildet wurde, einen polnischen Privatschulbetrieb eröffnet. Die Schulbücher kommen via Ostberlin-Pankow aus Warschau.
Auf Seite 33 des Lesebuches für Klasse I heißt es da unter der Überschrift "Großer Name eines Führers": "Es ist ein ganz großer Führer der Arbeiter in der Welt. Ihr müßt seinen Namen kennen. Er liebt alle Arbeiter- und Bauernkinder. - Sein Name ist Josef Stalin."
Jede Woche einmal bringt Chefredakteur August Wagner, früher Minderheitenlehrer im Grenzgebiet, die "Glos polski" (Polnische Stimme) auf sechs Seiten heraus. Vier Seiten kommen gematert aus Ostberlin. Sie triefen von Byzantinismus gegenüber den führenden Genossen in Warschau und dem Kreml.
Schließlich beschlagnahmte die Kriminalpolizei in Bochum die aus dem Osten eingeschleusten Materialsendungen als ideologische Konterbande, und lieferte sie dem britischen Intelligence-Service ab. Noch ist sich das Bundesministerium nicht schlüssig, was mit dem inzwischen aufgestauten verdächtigen Auslandsmaterial werden soll.
Schulrat Grajewski kultivierte seine Volkstumsarbeit auch noch in 30 Gesangvereinen und einer großen Anzahl von Frauenortsgruppen, für die neue elektrische Nähmaschinen angeschafft werden. In den Nähstunden werde jedoch nicht nur der Zwirn durchs Nadelöhr gefädelt, sondern den Frauen auch eine gehörige Portion Stalinismus in die Ohren geträufelt, hat Weselowski ausgekundschaftet.
Für ihn ist es eine große Genugtuung, daß dieses "Kulturprogramm" trotz aller Großzügigkeit, trotz Freibier und Freiessen auf Ausflügen und Generalversammlungen nicht zieht: "Ein guter Pole und Katholik kann nicht moskauhörig werden."
Darauf baut auch Polen-Seelsorger Kaplan Josef Okos in Recklinghausen seinen Vermittlungsplan zwischen Weiß und Rot. Man dürfe die Armen nicht schuldig werden lassen. Noch sei Polen nicht verloren. Auch die Anhänger Grajewskis und Paczkowiaks seien doch ganz brave Kirchengänger und strömten kürzlich erst wieder zur Marienwallfahrt in Kevelaer zu Hauf. Zur Erstkommunion ließen sie kürzlich wieder Geschenkpakete mit polnischer Wendel-Schokolade und Heiligenbilder an 5000 Kinder verteilen.
Kaplan Okos gibt dem deutschen Klerus die Schuld dafür, daß es viele rote Polenecken im Ruhrgebiet gibt, wie z. B. in Lünen, wo Polenabkömmling KP-Landeschef Ledwohn residiert.
Der rheinische Klerus habe sich zu wenig um die arme getretene Slawen-Seele gekümmert, die man nur in der Muttersprache besänftigen könne. Erst wenn alle Schäfchen wieder der Devise folgten: "Wie zum Tanz, so zum Rosenkranz", sei die alte Ordnung wieder hergestellt.
Okos rang seinem Bischof die Konzession ab, die Beichte in polnischer Sprache abnehmen und den Gottesdienst ebenfalls polnisch abhalten zu dürfen.
Er sagt: "Es war nicht einfach, diese Erlaubnis zu erwirken." Man habe ihn im Kollegenkreis einen politischen Katholiken genannt, obwohl er während des letzten Krieges als deutscher Soldat in der elften Panzerarmee gedient habe und mit dem Meßkoffer über die gebenedeite russische Erde gerobbt sei.
Okos wehrt sich vor allem gegen die Angriffe der an der Ruhr gelandeten schlesischen Flüchtlinge, die sich durch die polnischen Urlaute im Gotteshaus provoziert fühlen und in dem Polenkaplan den Erzfeind sehen.
Sagt Okos, der munter mit dem stockpolnischen Generalvikar in Oppeln korrespondiert: "Die Oder-Neiße-Linie ist doch kein Dogma der Kirche."
*) Die Mitglieder des Bundes besaßen alle die deutsche Staatsangehörigkeit.
*) Die Volksrepublik Polen unterhält nur noch in Westberlin, Schlüterstraße 42, eine mit drittrangigen Kräften besetzte polnische Militärmission, deren Chef der Deutsch-Pole Alfred Friedmann ist.

DER SPIEGEL 38/1952
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