22.10.1952

REPARATIONENDein Maul zu halten

Eine laute Schimpfkanonade schreckte den Archivar der griechischen Botschaft in Bonn, Dimitriou, aus seinem Schreibtischsessel. Als er die Tür zum Büro des Botschaftsrates Papadopoulos öffnete, prallte er zurück:
Dort schüttelte gerade der Leiter der griechischen Reparationskommission in der Bundesrepublik, Georg Lavdas, den Bonner Korrespondenten der griechischen Zeitung "Allagi", Vassos Mathiopoulos, 24, wie einen heimischen Olivenbaum und schrie ihm mit wütender Stimme ins Gesicht: "Ich werde dich schon dazu bringen, dein Maul zu halten!"
Der hohe Beamte habe seine Drohung mit einem Hagel von Faustschlägen und einer Kollektion nicht wiederzugebender levantinischer Kraftausdrücke noch ererhärtet, beschwerte Journalist Mathiopoulos sich dann öffentlich in seiner Zeitung.
Der Wirbel um die griechische Reparationskommission, der seit Wochen durch Griechenlands Gazetten fegt und vom Hellespont in die Bonner Botschaft Griechenlands zurückstob, wurde aber weniger von dem geprügelten Mathiopoulos, sondern von dem in Hamburg wohnenden griechischen Geschäftsmann Pascalides, 65, ausgelöst.
Griechenland steht mitten im Wahlkampf. Am 16. November entscheidet sich, ob nach dem Rücktritt des bürgerlichliberalen Ministerpräsidenten Plastiras sein von US-Botschafter John Edward Peurifoy protegierter rechtsradikaler Gegner, Feldmarschall Papagos, die Macht im Staate übernehmen wird.
Papagos-Anhänger Pascalides, der seit über dreißig Jahren in Deutschland lebt und sich politisch nur vorübergehend nach 1945 - als sehr redlicher Bürgermeister des Ostseebades Timmendorfer Strand - betätigte, warf als guter Patriot eine brisante "Bombe" in den politischen Machtkampf in Griechenland.
In aufsehenerregenden Artikeln beschrieb er - aus eigener Anschauung und Verärgerung - die dunklen Geschäfte der regierungsamtlichen griechischen Reparationskommission in Westdeutschland. Diese Enthüllungen veranlaßten dann die Papagos feindlichen Regierungsparteien, ebenfalls gegen die Reparationskommission vom Leder zu ziehen - schon um den Papagos-Leuten den Propagandawind aus den Wahlsegeln zu nehmen.
Diese späte Abrechnung besorgte der in Bonn akkreditierte Auslandskorrespondent der bis vor kurzem noch regierungsamtlichen Zeitung "Allagi", Journalist Vassos Mathiopoulos.
So gerieten die bis dahin unangefochtenen griechischen Reparations-Kommissare, vor allem aber Oberkommissar Lavdas, plötzlich in das Kreuzfeuer zweier politischer Fronten.
Diese Reparationskommission war bis vor kurzem für Abtransport und Verkauf des im Hamburger Freihafen lagernden Reparationsgutes für Griechenland verantwortlich. Es handelte sich um:
* 30 000 Tonnen wertvollen Maschinenmaterials, darunter mehrere große Walzenstraßen, eine größere Anzahl von Werkzeugmaschinen, Kranteilen, Gießerei- und Farbenfabrikeinrichtungen.
Das gesamte Wiedergutmachungsmaterial wurde vor etwa vier Jahren größtenteils aus dem Ruhrgebiet nach Hamburg geschleust und dort zunächst in Schuten eingelagert. Erst 1949 wurden die inzwischen verrosteten wertvollen Industrieausrüstungen in die 30 000 Quadratmeter großen Hallen
der MAN am Hamburger Hachmannkai gebracht.
1950 schwammen dann endlich 11 500 Tonnen demontierter Maschinen nach Piräus. Die restlichen 18 500 Tonnen verrotteten und blockierten bis vor wenigen Wochen den Aufbau eines Hamburger Zweigwerkes der MAN, obwohl Hamburgs Erster Bürgermeister, Max Brauer, dagegen heftig protestierte.
Während die Reparationskommissionen aller anderen Staaten schon vor zwei Jahren die Bundesrepublik verließen, blieben Reparations-Kommissar Georg Lavdas und seine Missionsangehörigen weiterhin in Bonn und Hamburg.
Als Gründe dafür gab Wahlbombenwerfer Mathiopoulos nicht nur die hohen Gehälter der Reparationsmissionare und ihres Gefolges an *), sondern auch noch "Hintergründe":
Den ersten Skandal gab es vor zwei Jahren beim Abtransport der 11 500 Tonnen Maschinenmaterials nach Piräus. Obwohl damals viele griechische Schiffe ohne Order vor Anker lagen, habe - so schrieb Mathiopoulos - die Reparationskommission ausländische Schiffe gechartert - trotz wesentlich höherer Frachtsätze.
Dieses unkommerzielle Verhalten wurde bei den Verkaufsverhandlungen des Demontage-Gros noch verdächtiger. 16 000 Tonnen westdeutscher Industrieausrüstungen wurden inzwischen ausschließlich an die halbstaatliche britische "Iron and Steel Corporation" (die dem während des Krieges geschaffenen "Ministery of Supply" in London untersteht), abgetreten, obwohl dafür nur ein besserer Schrottpreis von 60 Dollar je Tonne gezahlt wurde.
Dabei überboten sich etwa zwölf Firmen, darunter fünf westdeutsche, in ihren freiwilligen Preisofferten für dieses Kontingent. Auch der Hamburger Papagos-Mann Pascalides agierte damals als Vertreter schwedischer und amerikanischer Firmen und erklärte, daß er weit mehr bieten könne.
Die Hamburger Firma Herbert F. Bartels versuchte durch ihre besonderen Beziehungen über den Vater der griechischen Königin Friederike, den Welfenherzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, ihre Höchstangebote durchzusetzen. Darüber weiß Schrotthändler Jüttner, in Firma Herbert F. Bartels, genau Bescheid:
"Wir trafen den Herzog im Hotel ''Regina'' in Hannover und kamen überein, seiner Tochter, der griechischen Königin Friederike, 20 000 Dollar für ihren Sozialfonds zu stiften. Außer der guten Bezahlung wollten wir auch noch neue Mittelbleche gegenliefern, wenn wir - durch die Vermittlung des Welfenhauses - den Zuschlag bekämen."
Aber auch dieser persönliche dynastische Kontakt blieb ohne Zündfunken. Die 16 000 Tonnen schweren Werkzeugmaschinen und die Mittelblech-Walzenstraße aus dem Ruhrgebiet wurden mit Schneidbrennern zerschnitten und dann als billiger Schrott nach England verfrachtet.
Zum Skandal wurde dieser Ausverkauf aber erst, als der Mailänder Kommerzienrat Calascibetta Beschwerdebriefe an das griechische Außenministerium und an den inzwischen abberufenen griechischen Botschafter in Bonn, Dimitri Pappas, richtete:
Er habe als Agent für die Fiat-Werke in Turin 96 Dollar je Tonne Demontage-Material bezahlen wollen und könne nicht begreifen, warum Reparations-Kommissar
Lavdas nicht ihm, sondern wiederum den Engländern - trotz ihres viel geringeren Gebotes - den Zuschlag erteilt habe.
Immerhin ist anzuerkennen, daß nach diesem heftigen Pressekampf und Protestkrieg zu guter Letzt noch 2000 Tonnen Demontage-Material an die ehemaligen Reichswerke Hermann Göring in Salzgitter verkauft worden sind, nachdem schon im vergangenen Jahr ein demontierter Hochofen nach Salzgitter zurückgeliefert worden war.
Trotzdem will die inzwischen aufgewachte griechische Regierung - kurz vor den Wahlen - ihre ohnehin liquidationsreife Reparationskommission jetzt peinlich durchleuchten. Die auffallende England-Freundlichkeit des Herrn Lavdas habe Griechenland mehr als zweieinhalb Milliarden Drachmen (700 000 Mark) gekostet, schrieb die Regierungszeitung "Allagi".
Die Beweggründe dafür soll jetzt der nach Bonn delegierte Präsident des Obersten griechischen Gerichtshofes, Ntais, untersuchen. Reparations-Kommissar Georg Lavdas ist in die Schweiz abgereist; man erwartet, daß er sich noch diese Woche in Bonn zurückmeldet.
*) In der Regierungszeitung "Allagi" war zu lesen, daß einige mit subalternen Aufgaben bei der Reparationskommission beschäftigte griechische Abiturienten mit 400 Dollar im Monat besoldet wurden. Darüber regten sich dann die griechischen Berufs-Konsuln auf, die auch nicht mehr Gehalt bekommen. Der Portier des Herrn Lavdas sei mit 700 Mk. monatlich dotiert worden.

DER SPIEGEL 43/1952
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