01.10.1952

SCHMUGGELDie Infant'rie, die Infant'rie

Das derbverwegene Gesicht des Fahrers in dem Opel Super 6, welcher der transportunternehmenden Witwe Helene Schreiber in Monschau gehört, zeigte einen bemerkenswerten Mangel an Humor, als sein Fahrzeug in Köln-Bickendorf von winkenden Beamten angehalten wurde. Es waren Zöllner, die keine Kaffeeschnüffelhunde zu der Entdeckung brauchten, daß der Opel 260 Kilo Röstkaffee an Bord hatte, genug, um ein durchschnittliches Damenkränzchen über zehn Jahre lang bei guter Laune zu halten.
Durch die Beschlagnahme des Opel war gleichzeitig der Abstieg der Elf des Fußballvereins "TuS Mützenich 1921" von der ersten in die zweite Kreisklasse am Ende der nächsten Fußballsaison besiegelt. Sieben Spieler der ersten Mannschaft dieses schmucken kleinen Ortes an der belgischen Grenze wurden drei Monate nach dem letzten Zwischenfall in Köln-Bickendorf im Juni vorigen Jahres zusammen mit über 90 Mützenicher Mitbürgern unter dem Verdacht des Kaffeeschmuggels festgenommen. Wertvolle Mitglieder der Gemeinde fehlten, als die Verhaftungswelle vorüber war.
Eugen Schramm, 48 Jahre alt, 1,92 m hoch, zweieinhalb Zentner schwer und Inspektor der Zollfahndungsstelle Köln-Mitte, nahm sich der Mützenicher an. In neun Monaten, bei täglich durchweg 18stündigen, nervenzermahlenden Verhören hat der Beamte Schramm den technischen und moralischen Zusammenhalt der Mützenicher Schmuggler-Banden und ihrer hintergründigen Dunkelmänner auseinandergekeilt. Als er mit ihnen fertig war, lagen beim Landgericht in Köln 3000 Blatt Gerichtsakten, der gewaltigste Aktenberg seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, mit den teilweise dutzendfach herausgehämmerten Geständnissen im größten und aufschlußreichsten Fall menschlichen Verhaltens in der westdeutschen Grenzsituation.
Aus der Summe der Geständnisse der überführten Schmuggler hat die Staatsanwaltschaft in Köln nunmehr eine 100-seitige Anklageschrift destilliert, die bei der in nächster Zeit bevorstehenden Gerichtsverhandlung den offiziellen Rammbock gegen den Mützenicher Schmuggelring,
den größten, der im Nachkrieg je aufgedeckt wurde, bilden soll. Angeklagt sind insgesamt 52 Schmuggler, davon 45, die in Mützenich beheimatet sind. Es ist die "Infanterie" des Kaffeeschmuggels in der Eifel. Mit dem Kaffee-"Generalstab" im rückwärtigen "Frontgebiet" soll in einem zweiten gesonderten Monstre - Verfahren kurzer Prozeß gemacht werden.
Ursprünglich war beabsichtigt, den Mützenicher Kaffeeprozeß in unmittelbarer Nähe der Kaffee-Front, im Saale des Amtsgerichts des Eifelkurortes Monschau, zwei Kilometer von Mützenich, abrollen zu lassen. Aber der 1900 erbaute Saal ist zu klein, da erwartet werden muß, daß sich die Eifel-Bewohner den gerichtlichen Anschauungsunterricht nicht entgehen lassen werden, den sie sich aus Gründen erzieherischer Abstinenz auch nicht entgehen lassen sollten.
Daraufhin wurde erwogen, im großen Saal des Hotels "Zur Post" in Monschau zu verhandeln. Aber in diesem Falle mußte befürchtet werden, daß kein mit den Schmugglern sympathisierender Grenzbewohner jemals mehr einen Reichensteiner Doppelkorn in der "Post" hinterkippen würde, wenn nicht Schlimmeres geschähe. Die dritte Erwägung zielte deshalb darauf ab, im Hinterland, in Köln, zu richten, wozu die 52 Mützenicher Sündenböcke in Omnibussen herangefahren werden sollten.
Die heutige Tendenz geht dahin, den Aktenwust von Köln nach Aachen abzugeben, um grenznahe und grenzerfahren und doch nicht provozierend das trübe, aber auch bis zu einem gewissen Grad menschlich verständliche Kapitel des Mützenicher Bandenschmuggels vorerst einmal interimistisch umzuschlagen.
Bei dieser Ungewißheit über den Verhandlungsort hat sich im Schmugglerdorf Mützenich bereits die Vermutung festgesetzt, daß die Zoll- und Gerichtsbehörden möglicherweise in der ganzen Sache überhaupt Gnade vor Recht gehen lassen wollten. Denn schließlich, so argumentieren die Mützenicher, sei ein Vergehen, in das ein derart großer Teil der Bewohnerschaft eines einzigen Dorfes verwickelt sei, nicht einem gewöhnlichen, kriminellen Vergehen gleichzusetzen, sondern müsse, weil durch besondere, strukturelle Umstände bedingt, verzeihlich sein.
Darüber hinaus rechnen die Mützenicher mit der von ihnen vermuteten Furcht der Behörden, das Dorf Mützenich könnte im Falle der Aburteilung der 52, wie schon einmal vor vier Jahren, auch bei einem deutschen Friedensvertrag aus Ressentiment für Belgien optieren. Belgien habe sich nämlich Gebietsänderungen an seiner Ostgrenze bisher immer noch vorbehalten*).
Einer der eifrigsten Befürworter der These, den Mützenichern ihre Kaffee-Sünden zu verzeihen und es bei dem gerichtlichen Warnschuß zu belassen, ist Mützenichts junger katholischer Seelsorger, Pastor Scheidt.
Tatsache ist, daß der junge Pastor mit schwarzen, buschigen Augenbrauen und schauspielerisch beweglichem, intelligentem Gesicht im Herbst vorigen Jahres seine adrette Wirtschafterin auf ein paar Tage verließ, um seinen im Klingelpütz zu Köln in Untersuchungshaft dumpf abwartenden Mützenicher Schäflein geistlichen Trost zu spenden. Dabei beschränkte sich der Pastor Scheidt aber nicht auf unmittelbaren
geistlichen Zuspruch, sondern gab seinen niedergeschlagenen, gefangenen Gemeindekindern zur moralischen Aufrichtung unter anderem sinngemäß den bündigen Rat: Jungs, haltet die Schnauze! Keiner braucht den anderen hereinzulegen.
Als der massige Zollinspektor Schramm während der darauf folgenden Vernehmungen von dem ihm verheimlichten Gefängnisbesuch des Mützenicher Pastors erfuhr, tobte er los. Schramm hatte nämlich die Mützenicher Untersuchungsgefangenen mit Absicht voneinander getrennt, um jede Kommunikation unter ihnen von vornherein auszuschalten. Auf seinen Protest kam es damals beinahe dazu, daß gegen den Pastor ein Verfahren wegen Begünstigung eingeleitet worden wäre. Es heißt, daß es nur auf Fürsprache des Aachener Dom-Kapitels unterblieb.
Daß der Pastor Scheidt mit dem Herzen näher bei seinen schmuggelnden Gemeindekindern als bei der den Schmuggel bekämpfenden Staatsexekutive steht, gibt er mit augenblinkender Offenherzigkeit zu. Seine Gründe:
* Ein großer Teil der Mützenicher Bevölkerung ist belgisch versippt. "Die Leute denken hier europäisch."
* Die ausbeuterische Höhe der staatlichen Kaffeesteuer reizt zu raschem, hohem Gewinn. Trotzdem schmuggelt der größte Teil der Mützenicher nur aus Bedürftigkeit. "Wenn einer einen Mantel braucht, in zwei Nächten hat er ihn. Millionär ist in Mützenich noch keiner durch den Schmuggel geworden."
* Der Staat hat sich den Schmuggel am eigenen Busen herangezüchtet. Jahrelang hat er ihn stillschweigend geduldet, bis er fast Gewohnheit wurde. "Wie nennt man das aber, wenn einer zuläßt, daß der andere stiehlt?"
Dieses letzte, besonders schwerwiegende Argument des Pastors Scheidt kann auch von den Zoll- und Grenzbehörden in Aachen und Köln nicht entscheidend entkräftet werden. Aber das Problem stellt sich dort um eine Nuance anders dar.
Die Eifelbevölkerung war seit jeher arm. In diese verarmte Sphäre bricht der Krieg. Während der Ardennenkämpfe im Herbst und Winter des Jahres 1944 werden zahlreiche grenznahe Eifeldörfer von der hin- und herrollenden Kriegswalze oft bis zu einem dutzendmal plattgequetscht. Das Dorf Schmidt im Hürtgenwald beispielsweise wechselt zehnmal den Besitzer. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Heute aber ist Schmidt ein schmuckes Dorf.
Die Rettung war der Kaffee. Noch vom Jahre 1945 bis zur Währungsreform war er in Belgien nur auf dem Tauschwege und deshalb nur in geringen Mengen zu haben. Die Eifeler brachten deshalb den Belgiern ihre letzten silbernen Löffel. Aber das änderte sich mit einem Schlag, als die DM zu einem auch im Ausland anerkannten Zahlungsmittel avancierte. Sie rief erst den Großschmuggel ins Leben.
Mit den Gewinnen des in den Jahren 1949 und 1950 rasch aufblühenden Kaffee-Schmuggels wuchsen die zerstörten Eifeldörfer so, wie sie nie gewesen waren, aus der kargen Erde. Ohne einen Pfennig staatlicher Wiedergutmachung. Allein durch den Kaffee. Von dem Hürtgenwald-Dorf Schmidt wird das übertriebene Anekdötchen berichtet, daß der dortige Pastor zu seiner gerade heimgekehrten Schmuggler-Gemeinde gesagt haben soll: "Männcher, vergangene Woche ging et ja jott. Dat nächstemal jeht ihr aber für mich." Sie gingen. Und Schmidt besitzt heute eine neue Kirche - im Volksmund "St. Mocca" genannt.
Während dieser Zeit bis etwa zum Herbst 1950 haben die staatlichen Grenzüberwachungsbehörden, wie nicht nur der Zollamtmann
Paltzer mit ausweichendem Lächeln zugeben muß, tatsächlich nicht ohne Absicht oft zwei Augen zugedrückt, "weil wir keine Unmenschen sind". "Aber", sagt Paltzer, "als die dringendste Not auf dem Wege der Selbsthilfe beseitigt war, da mußten wir sagen: Nun aber Schluß mit der Gemülichkeit! Die Leute, die manchmal in einer Nacht soviel verdienten, wie vorher
nicht in einem Jahr, mußten ja doch wieder lernen, genügsam wie früher zu sein."
Aber fehlgerechnet: Mittlerweile hatten die Schmuggler nämlich ihre rückwärtigen Vertriebsnetze aufgebaut. Und von dorther kam nun der Anstoß weiterzumachen. So mußte die Kaffee-Infanterie erneut in die Gräben.
Im Raume Aachen-Stolberg nahmen aus dem Hinterland vorgeschickte Kriminelle den Grenzschmuggel in die Hand. Dort sind die Schmugglerbanden auch mit Messern und Knütteln bewaffnet. Dort fällt auch manchmal ein Schmuggler, der auf Anruf einer Zollstreife nicht stehenbleibt oder sich zur Wehr setzt, tot auf seinen Kaffeesack. (Pastor Scheidt: "Wer jemand eines Sackes Kaffee wegen erschießt, ist in meinen Augen ein Mörder.")
Gegenüber diesen Verhältnissen bei Aachen trägt der Mützenicher Schmuggel eher passive Züge. Wer ertappt wird, "schmeißt ab" und stolpert davon. Kein Mützenicher Schmuggler war je bewaffnet. Keiner der 52 Mützenicher Angeklagten ist je vorbestraft, außer wegen Schmuggels. Wohl aber sind die Hintermänner in Köln und Düsseldorf teilweise Kriminelle.
Die Grenz - Situation Mützenichs*) ist auch, im Unterschied zu anderen Eifeldörfern, ausgefallen (Karte S. 10). Der 1350 Einwohner große, mit Ausnahme weniger Ostflüchtlinge durchweg katholische Ort, ist mit seinen rund 200 Häusern an den bauchigen Abhang des Stelingberges, der schon zur Hälfte belgisch ist, hingetupft. Von den letzten Häusern im Oberdorf sind es 300 Meter zur Grenze. Dementsprechend wird auch im Oberdorf intensiver geschmuggelt als im unteren Teil des Ortes.
Südwestlich und nordwestlich des Dorfes liegen das Platte Venn und das Hatze Venn, drainierte und teilweise bewirtschaftete Moorgebiete, nordwestlich, zur Grenze hin, das Raute (Rote), "unendliche" Venn, ein mit Saugmoos bewachsenes, gefährliches und nur stellenweise passierbares Hochmoor. Dort verschwand Ende vorigen Jahres der Zollbeamte Rasche, ohne daß bis heute eine Spur von ihm gefunden wurde.
Politisch liegt Mützenich, seit die Gebiete von Eupen und Malmedy im Jahre 1920 auf Grund des Versailler Vertrages an Belgien abgetreten wurden, mitten in einer Land-Bucht, die auf neubelgisches Gebiet vorspringt. Quer durch diese Bucht, im Rücken des Ortes, führt eine Bahnstrecke, die den Belgiern gehört, so daß Mützenich faktisch ringsum von belgischem Hoheitsgebiet umgeben ist. Im Zuge der Abtretung Eupen-Malmedys wurde auch die Mützenicher Dorfgemarkung entzweigebrochen und halb den Belgiern gegeben. Von rund 1500 Hektar Mützenicher Land gingen 670 Hektar an Belgien. Darunter der gesamte Mützenicher Waldbesitz, die nahezu einzige Einnahmequelle des Dorfes.
Während aber nach dem ersten Weltkrieg der Wald gegen Erstattung der Grundsteuern an Belgien weiter von den Mützenichern genutzt werden konnte, durfte seit 1945 kein Mützenicher mehr in den Wald. (Zum Ausgleich des Dorfbudgets erhält Mützenich heute für den nun völlig abgetretenen Wald 42 000 Mark jährlich vom nordrhein-westfälischen Staat.)
Verkehrspolitisch wurde der Betrieb der belgischen Bahn, die früher auch von Deutschen benutzt werden durfte, nach dem Kriege von den Belgiern eingesteilt, so daß die Mützenicher Arbeiter heute nicht mehr zur Arbeit in die Lammersdorfer Maschinenfabriken fahren können. Kam noch hinzu, daß die einzige Straßenverbindung nach Monschau während des
Ardennenkrieges, bei dem die HKL zeitweilig quer durch Mützenich lief, in einen für Fahrzeuge unpassierbaren Knüppeldamm verwandelt worden war.
Auf Grund dieser natürlichen, politischen und moralischen Isolation Mützenichs entstand vor vier Jahren einmal der Gedanke, sich an Belgien anzuschließen (die sieben Mützenicher Gemeinderäte samt dem Gemeindevorsteher stimmten geschlossen für den Anschluß) und zum anderen, als das Mützenicher Anschlußbegehren von den Belgiern überhört wurde und statt dessen die erstarkende DM neue, andersgeartete Hoffnungen erweckte, der Bandenschmuggel.
Als der Zollinspektor Schramm seinen Ermittlungsbericht in der Mützenicher Schmuggel - Sache abschloß, standen insgesamt 1700 Zentner (85 Tonnen) Schmuggelkaffee auf der Debetseite des Mützenicher Kaffeeschmuggels. Das entspricht, nach den Berechnungen des Zollamtmannes Paltzer, einer hinterzogenen Steuer von 1 160 000 Mark.
Den Löwenanteil an dieser Kaffeeflut hatten die drei großen, zwischen 10 und 30 Mann starken Mützenicher Kolonnen:
* Die Kolonne des Clemens Wildrath,
* die Kolonne des Jupp Förster und
* die Kolonne des Hannes Huppertz.
Clemens Wildrath, ein damals 18jähriger Pennäler aus dem Dorf Vossenack, der in Monschau das Gymnasium besucht, pascht in den Herbstferien des Jahres 1948 über die Grenze nach Belgien, um seinen Onkel zu besuchen. Der Onkel heißt Johann Crott und wohnt auf dem Reinartzhof, auf halbem Wege zwischen Mützenich und der belgischen Stadt Eupen. Ein einsames mitten im Walde gelegenes Gehöft. Kein Wunder, daß sich Onkel Crott bereits ausgiebig mit dem Kaffeeschmuggel beschäftigt. Und zwar "arbeitet" er mit einer Kolonne aus dem Eifel-Dorf Kesternich, bis er später, von einer belgischen Grenzstreife verfolgt, mit dem Kaffeesack in die Eupener Talsperre stürzt und ertrinkt.
In die Kesternicher Kolonne Onkel Crotts tritt der junge Wildrath ein. Er ist ein kraushaariger, aufgeweckter Junge mit flinken Augen und einem Begriffsvermögen, das fünf Dinge auf einmal blitzschnell erfaßt und verarbeitet. Bei Onkel Crott lernt Neffe Clemens den Schmuggel von der Pike auf.
Ein Jahr später wirft Clemens Wildrath die Lingua Latina hin, verzichtet auf seine ursprüngliche Absicht, einmal Bauingenieur zu werden und geht als Möbelvertreter. In Wirklichkeit aber ist der junge Clemens, was keiner seiner Professoren in Monschau ahnt,
zu dieser Zeit bereits Boss der größten Mützenicher Kolonne, und Vater Wildrath, Maurermeister in Vossenack, fängt an, sich ein Haus zu bauen.
Die Verbindung Wildraths zu Mützenich war durch seine heutige Braut, Annemie Dunkel, Tochter des Mützenicher Gemeindedieners, der seit Karneval vorigen Jahres Besitzer des Gasthauses "Haus Burgring" in Mützenich ist, hergestellt worden. Annemie stellte auch über ihren Bruder Edmund die Querverbindung zu einer bereits bestehenden Mützenicher Kolonne her.
Diese Kolonne wird von dem damals 17jährigen Mützenicher Weber Jupp Förster geführt, der Wildrath an Verstand unterlegen, aber an Durchtriebenheit, Mut und körperlicher Wendigkeit über ist. Jupp Förster, der noch heute stolz den abgetragenen Schlapphut aus seiner ersten Schmugglerzeit trägt, obwohl die Försters dreifache Hausbesitzer in Mützenich sind, hatte sich bereits kurz nach der Währungsreform, im Spätsommer des Jahres 1948, mit seinem Bruder Ewald und Edmund Dunkel erfolgreich "nach drüben" gemogelt.
Bei einem zweiten Versuch jedoch wurden die drei auf dem Rückweg mitsamt 120 Pfund Kaffee von einer belgischen Grenzstreife gestellt, so daß sie erst vier Monate später wieder nach Mützenich heimkehren konnten. So lange nämlich hatten sie auf Grund eines Gerichtsurteils des Tribunals in Verviers in einem belgischen Gefängnis ihre erste größere Kaffeesünde abzubüßen.
Nachdem Förster zurückgekehrt war, vereinigte er seine Kolonne mit der Kolonne von Wildrath. Eine ideale Schmuggler-Verbindung. Wildrath war der intellektuelle Organisator, der die Verbindung mit den belgischen Lieferanten und den deutschen Abnehmern hielt, Ware an- und verkaufte, während Förster nächtlicherweile die Kolonne über die Grenze führte.
In dieser Zeit hatte der Mützenicher Pastor einen unruhigen Schlaf. Gegenüber dem Pfarrhaus nämlich liegt das Gasthaus
des Josef Steffens. Dort schmissen die durch ihre Erfolge tollgemachten Grenz-Infanteristen im Suff mit 50-DM-Scheinen um sich. Oder aber Clemens Wildrath erteilte diktatorisch Anweisungen über das Verhalten auf Grenzgang. Wer sich ihnen nicht fügte, wurde aus der Kolonne ausgestoßen, was einer Verfemung gleichkam.
Steffens'' Kneipe war gleichzeitig Rekrutierungsbüro für die Kolonne. Nach den ersten gelungenen Coups war es aber schon bald nicht mehr nötig, Träger für die nächtlichen Grenzmärsche anzuheuern. Sie boten sich von selbst an. Es gab Eltern in Mützenich, die ihre Söhne, wenn sie feige waren, unter Drohungen zwangen, sich von dem dörflichen Brotgeber Wildrath einstellen zu lassen, um 60 Mark, den Satz für eine Kaffeelast, pro Nacht zu verdienen. Der heutige Mützenicher Gemeindevorsteher Lenzen hatte gleich drei Söhne bei Wildraths und Försters Kolonne.
Gewöhnlich wurden die durchweg 30 Kilo schweren genormten Kaffeesäcke von den belgischen Lieferanten motorisiert zu den Umschlagplätzen auf belgischem Gebiet gebracht, wo sie die Kolonne übernahm. Dabei bezahlte jeder Träger, um das Risiko zu verteilen, seinen Sack selbst. Umschlagplätze waren, außer dem Reinartzhof, unter anderem das Gehöft Neu-Hattlich, der Geländepunkt Porfay, die Umgebung des Waldgasthauses Brac Michèle, sowie verschiedene Punkte an den Straßen nach Eupen und Malmedy. Nach Westen durchgebrochen wurde über den Stelingberg, Kaiser Karls Bettstatt, einen Ausflugspunkt, wo, der Sage nach, Karl der Große einmal auf der Jagd zwischen zwei Felsblöcken genächtigt haben soll, den Hahnheisterberg und durch das Leiloch bei dem Ort Kalterherberg.
Durch das System der Träger, Sicherungsgänger, Lagerhalter, Kraftfahrzeugtransporteure und Verteiler kam von vornherein ein gewisser Unkostensatz auf jedes Kaffee-Pfund. Eingekauft wurde es von den Schmugglern in Belgien zum Preise von 3,50 bis 4,50 Mark. Der Verteiler erhielt es für 7,50 bis 8 Mark, der Abnehmer (Kaffee-Großrösterei oder -handel, von denen einzelne zuweilen, wie die Hauptzollämter wissen, Schmugglerkaffee unterschieben) für 11 bis 12 Mark, der Einzelhandel für 13,50 bis 14 Mark, und der Verbraucher schließlich zum legalen Preis von, je nach Qualität, 16 bis 18 Mark*).
Wenn auch Schmuggler-Boss Jupp Förster dem Inspektor Schramm eingestand, daß er vom Herbst 1949 bis zu seiner Festnahme im Sommer 1951 rund 30 000 DM am Kaffeeschmuggel rein verdient habe, so schöpfen doch die Hintermänner, bei denen die großen Mengen landen, gewöhnlich den Rahm ab. Im Falle Mützenich waren die rückwärtigen Verteiler fast durchweg Frauen, die zumeist nach außen hin in bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen leben.
Zu diesen Kaffee-Tanten gehören die 43jährige verwitwete Autoverleiherin Helene Schreiber in Monschau, Eschbachstraße 235, sowie die Frau Margarete Dorfmeister in Köln-Bickendorf, deren Mann eine Autoreparaturwerkstatt betreibt. Von dieser Seite, also von hinten her, gelang es dem Inspektor Schramm denn auch, die Mützenicher Schmuggelfront aufzurollen, nachdem bereits vorher das Augenmerk der Fahndungsbeamten auf Mützenich gelenkt worden war.
Begünstigt wurde das Unternehmen dadurch, daß sich die Wildrath-Förstersche
Kaffee-Einheitsfront schon Anfang des Jahres 1950 aufzusplittern begann. Beide trennten sich und hieben sich zeitweilig gegenseitig übers Ohr. Es kam vor, daß, wenn die Kolonne Wildrath abwerfen mußte, die Kolonne Förster die Wildrathschen Kaffeesäcke heimlich aufsammelte und umgekehrt.
Gleichzeitig bildete sich aus ehemaligen Sackträgern der Wildrath-Försterschen Kolonne eine neue, solidere Schmuggler-Kategorie, die mit dem piratenhaften Abenteurertum der beiden Schmugglerknaben nicht mehr ganz einverstanden war. Es waren durchweg verheiratete Kriegsveteranen, wie der 29jährige ehemalige SS-Rottenführer Hannes Huppertz, der als erster neben Wildrath und Förster eine eigene erfolgreiche Kolonne führte, und der ehemalige SS-Untersturmführer in der Leibstandarte "Adolf Hitler", der 31jährige Schnapsreisende Ernst Schütt. Schütt bildete aus Frau Martha und Schwester Otti eine Art Familien - Kolonne. Beide, wie auch Mützenichs Milchkontrolleur Paul Völl, 32, ein ehemaliger Obergefreiter, sowie der Ostflüchtling und ehemalige Obermaat der Kriegsmarine, Rudi Friedemann, 37, legen heute ihren erschmuggelten Kaffeesäcken das ethische Mäntelchen einer echten Sorge für Weib und Kind um.
Von dieser reiferen, menschlich erfahreneren Seite aus kam auch der erste Einbruch in die moralische Bereitstellung der rund zwanzig in Mützenich stationierten Zollbeamten. Schon im Jahre 1949 gelang es Völl, sich mit seinem Nachbarn, dem bei einem ortsbekannten Geizkragen einquartierten Zollsekretär Otto Biegling, einem ewig bierdurstigen, ehemaligen aktiven Stabsfeldwebel und Beamten auf Lebenszeit, nicht nur auf Du zu stellen, sondern ihn auch zu gewissen Gefälligkeiten zu überreden. Diese Gefälligkeiten bestanden darin, daß Biegling die jeweiligen Posten- und Streifen-Zeiten der Zollbeamten an Völl mitteilen sollte. Der gutmütigbeschränkte Biegling willigte ein, wofür
ihm Völl 10 bis 20 Mark pro Schmuggelsack versprach.
Völl arbeitete damals mit dem in dem Städtchen Bensberg besatzungshalber stationierten belgischen Sergeanten Herkens zusammen, der mit seiner deutschen Haushälterin Mechtilde Höderath insgesamt 163 Zentner Schmuggelkaffee aus seiner belgischen Heimat bezog. Die jeweiligen Sendungen rief er telegrafisch bei Völl in Mützenich ab, der wiederum vom Hause des Ernst Schütt aus telefonische Schmuggelgespräche mit Belgien führte.
Nachdem der von Völl bestochene Biegling wegen Trunkenheit und "Nachlässigkeiten im Dienst" von Mützenich nach der benachbarten Grenzaufsichtsstelle Kalterherberg versetzt worden war, wurde er dort von Wildrath unter Bezugnahme auf seine frühere Bereitschaft erpreßt, nunmehr ihm fortlaufend dienstliche Auskünfte zu geben. Das führte im Januar 1951 zu einer erneuten Vereinigung der Kolonnen von Wildrath und Förster, die jetzt die Schmugglerstrecke durch den Leiloch bei Kalterherberg stärker forcierten.
Jupp Förster hatte sich inzwischen auch einen bereitwilligen Zollbeamten zugelegt, und zwar den 26jährigen Zollgrenzassistenten Kurt Zaske. Zaske war dem Förster dadurch aufgefallen, daß er bei einer Hausdurchsuchung in der Försterschen Behausung im August 1950 auffallend gnädig verfuhr. Es stellte sich, als Förster daraufhin vorsichtig vorfühlte, heraus, daß Zaske demnächst heiraten wollte und zwar eine Lehrerin aus Berlin. Um standesgemäß auftreten und sich Möbel anschaffen zu können, brauchte er Geld. Förster versprach es ihm. Für seine Zusammenarbeit mit dem stets mit Geld gespickten Kolonnen-Boss Förster erhielt Zaske dann auch nach und nach rund 3400 Mark, wofür er es sich leisten konnte, per Flugzeug seine Lehrerin-Braut in Berlin aufzusuchen.
Am leichtesten machte es sich der zum aktiven, und zwar motorisierten, Kaffeeschmuggel übergesprungene ehemalige Mützenicher Kaffee-Abnehmer Karl Blume aus Rohren. Er drückte dem Postenführer der Zollgrenzaufsichtsstelle Wahlerscheid, Zollsekretär Wilhelm Höllring, 46, 2000 Mark in die Hand. Dafür öffnete Höllring den Schlagbaum, so daß Blume an drei verschiedenen Tagen mit drei Autofuhren von je 25 Zentnern Roh- und Röstkaffee ungehindert über die Grenze abbrausen konnte. Höllring meint heute, das Blumsche Handgeld habe damals nur zwischen 500 und 600 Mark betragen.
Im Hinterland brachten währenddessen die beiden gleichfalls geschmierten, vor kurzem abgeurteilten Polizeibeamten Kappe und Müller das Nummernschild ihres Polizeifahrzeuges an Mützenicher Schmugglerfahrzeugen, die sie zeitweilig sogar in Uniform begleiteten, an, so daß auch auf diese Weise möglichen Zwischenfällen prophylaktisch begegnet war.
Dennoch wurde auf einer solchen Fahrt der Kaffee-Hehler Limpinsel aus Bochum von einer Streife erkannt und angeschossen. Limpinsel besaß jedoch trotz des erhaltenen Lungenschusses soviel Geistesgegenwart, sein Schmuggelfahrzeug bis vor das Dürener Krankenhaus zu steuern, um sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Die Kaffeefracht ließ er noch vorher durch seine Kumpane entladen.
Der bei aller Gewaltlosigkeit doch auch mit Blut befleckte Mützenicher Kaffeehandel (in der Silvesternacht 1949/50 wurde der Zollbeamte Jansen vor dem Gasthaus "Zum weißen Pferdchen" von dem 43jährigen Wildrathschen Sackträger Heinz Ritter mit seinem eigenen Polizeistock erschlagen) fand vom 16. März 1951 ab sein vorläufiges Ende.
An diesem 16. lief der Pkw. Opel Super BR 160 - 331 der Monschauer Kaffeetante Schreiber in Köln-Bickendorf mit den 260 Kilo Röst-Kaffee auf die Zöllner-Postierung auf. Das war der Anfang vom Ende.
Als dann noch eine Woche später überraschend Boss Förster in der Nähe von Monschau in einem Schreiberschen Opel Olympia mit der Nummer BR 161-304, dem Ernst Schütt als Sicherer mit einem Volkswagen vorausgefahren war, festgenommen werden konnte, kam der Stein immer schneller ins Rollen. Försters Kompagnon und zeitweiliger Rivale Wildrath wanderte mit geschientem Arm (er hatte sich zwei Tage vorher bei einem Motorradunfall zweimal den Arm gebrochen) nach seiner Festnahme vor dem Gasthaus "Zur Hölle" in Monschau gleich ins Gefängnislazarett. Schließlich stellte sich auch Kolonnenchef Huppertz, der zuerst in Frauenkleidern geflüchtet war, am 6. September 1951 freiwillig der Zollfahndung in Köln.
Kurz darauf fingen die ersten Mützenicher auch an zu "singen". Und neun Monate später hatte der bullige Zollfahndungsinspektor Eugen Schramm mehr Geständnisse in der Tasche, als er eigentlich brauchte. Zuletzt von allen, erst am 23. Oktober 1951, gestand Clemens Wildrath.
Darüber aber, daß sie ihr Dilemma allein der Tüchtigkeit der Zollfahndungsbeamten zuzuschreiben hätten, wie der Inspektor Schramm selbstbewußt meint, lachen die 52 angeklagten Mützenicher Schmuggler heute nur. Sie sind überzeugt daß sie verpfiffen wurden.
Wer sie aber verpfiffen hat, darauf könnte die Tatsache einen Hinweis geben, daß das Lokal des Josef Steffens in Mützenich heute wie ausgestorben ist. Kein Schmuggler übertritt mehr seine Gasthaus-Schwelle.
*) Fünf Wochen vor Beginn der Außenministerkonferenz in Paris am 23. Mai 1949 verzichtete der damalige belgische Ministerpräsident Spaak vorerst auf die Abtretung der deutschen Orte Münster-Milchen, Rötgen, Lammersdorf, Konzen, Mützenich und Ruitzhof.
*) Der Name Mützenich wird von Mutiniacum abgeleitet, einer römischen Gründung an der Römerstraße Trier-Aachen.
*) Bei legaler Einfuhr liegen auf jedem Pfund Röstkaffee 1,50 Mark Zoll, 5 Mark Kaffeesteuer, sowie eine 4prozentige Umsatzausgleichssteuer, so daß in diesem Falle der Staat an Stelle der Schmuggler das Geschäft macht.

DER SPIEGEL 40/1952
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SCHMUGGEL:
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