01.10.1952

DAPHNE DU MAURIERDas blaue Blut

Ungewollt beziehungsvoll nahm es sich aus, als das Hamburger Thalia-Theater just zu Anfang September die "September-Flut", eine Komödie der englischen Bestseller-Fabrikantin Daphne du Maurier, in deutscher Erstaufführung herausbrachte. Die drei beredten Akte mit maßvollen Stürmen menschlicher Dreiecks - Leidenschaften waren in London einer der größten Theater-Erfolge. Aber das Hamburger Publikum verhielt sich - wie die Rezensenten taktvoll vermerkten - nur "höflich und interessiert... und bedauerte, daß man nach dem ersten Akt bereits erkennt, wie es weitergehen und enden wird".
Das konnte niemand verwundern, der wußte, daß Daphne du Maurier, eine charmante Dame Mitte Vierzig von sehr englischem Aussehen, sich fleißig mit Problemen auseinandersetzt, die nur noch in England als Probleme betrachtet werden: vor allem den Problemen der "Society" und (wie in "September-Flut") denen der Gesellschaft an sich.
So nimmt es durchaus nicht wunder, daß ihre Werke im englischen Bühnen-Milieu größere Erfolge haben und daß sich ihre weltbekannten Bestseller (der bekannteste: "Rebecca") eher zur Verfilmung als zur Dramatisierung auf der Bühne anbieten, kann doch der Film mit englischen Darstellern und Außenaufnahmen in England die Atmosphäre einfangen, die allein die Bücher der du Maurier reizvoll machen.
Gerade eben erst wurde in Hollywood ein langer Rollenstreit beendet, als Olivia de Havilland ("Die Schlangengrube") die weibliche Hauptrolle in dem Film ergatterte, den die 20th Century Fox nach Daphne du Mauriers neuestem Roman "Meine Cousine Rachel"*) noch in diesem Jahr drehen will.
Es ist das sechste Werk der englischen Schriftstellerin, das verfilmt wird. Als sie das zum erstenmal erlebte, war sie davon gar nicht begeistert. Beim Wiedersehen mit ihrem Roman "Wirtshaus Jamaika" auf der Leinwand "weinte ich fast. Ungefähr nur der Titel war übriggeblieben".
Heute steht sie anders zu ihren Filmen. Sie weiß besser, was verlangt wird. "Jetzt schreibt sie kaum mehr einen Roman", bemerkte ein boshafter Kritiker. "Sie dreht ihn."
Mit ihren knapp 45 Jahren kann Daphne du Maurier Erfolge verbuchen, um die sie viele Frauen brennend beneiden:
* Als Schriftstellerin hat sie eine nach Millionen zählende, über die ganze Welt verstreute Leserschaft. Ihr erster großer Wurf, der Frauenroman "Rebecca", 1938 erschienen, erreichte in England allein bisher 35 Auflagen von über einer Million Exemplaren. Er wurde verfilmt, auch für das Theater bearbeitet und gehört noch heute zum ständigen Repertoire englischer Provinzbühnen.
* Auf gesellschaftlichem Gebiet gebührt ihr als Gattin von General Sir Frederick Browning, Schatzmeister des Herzogs von Edinburgh, der Anspruch auf den Titel Lady. Durch ihren Mann hat Lady Browning ständigen Zugang zur Hofgesellschaft - die königliche Familie liest alle ihre Bücher - , und in Cornwall, wo sie lebt und schreibt, wenn
nicht Repräsentationspflichten sie nach London rufen, spielt sie Schloßherrin auf Menabilly, einem Jahrhunderte alten Bau mit 70 Zimmern.
* Im Privatleben ist sie eine glücklich verheiratete Frau. Von ihrem Gatten, einer echten Gardeoffiziers-Erscheinung, sagt sie: "Er ist der schönste Mann, den ich kenne." Ihre Kinder, die 18jährige Tessa und die jüngeren Geschwister Flavia und Christian, hängen an ihr. Ihren hobbies, Segeln und Wandern, kann sie in Menabilly, das bei dem Örtchen Par direkt am Meer liegt, bequem fröhnen.
Nur eines hat das Schicksal ihr bisher versagt: Zünftige Literaten nehmen sie nicht ernst.
"Times Literary Supplement", Englands wichtigste literarische Zeitschrift, tut ihre Romane neuerdings in zehn bis zwanzig verächtlichen Zeilen ab. Andere Rezensenten ihrer Romane sprechen von "Liegestuhl-Lektüre" und "unwiderstehlichem Kitsch".
"Die Kritiker in England", klagte sie neulich in Amerika ihren Kummer, "verlästern meine Bücher, mit Ausnahme des ersten, das erschien, als ich noch unbekannt war. Die Leute aber haben sie gern. Das ist ein Paradox, das ich nicht erklären kann."
Manche Angriffe auf sie zeugen von purem Neid. Einer ihrer Stilmittel so sicheren Schriftstellerin mit Hollywood-Dollar auf dem Bankkonto sollte man es nicht weiter verübeln, daß sie ihre Romane "dreht".
Auch der Vorwurf "Kitsch" trifft nicht genau. Kitsch gibt immer vor, hohe Kunst zu sein. Den Eindruck solcher Ambitionen vermitteln die Romane der du Maurier nicht. Sie will unterhalten, ablenken, erzählen. Unter allen Leserzuschriften freuen sie am meisten Briefe aus Krankenhäusern und einsamen Gegenden, in denen man ihr dafür dankt, daß sie geholfen habe, zu vergessen.
Und das kann sie. Es ist ein bezeichnender Zufall, daß auf den Regalen der Leihbibliotheken ihrer englischen Heimat, wo das französische Adelsprädikat als Teil des Namens rangiert, ihre Romane direkt neben denen des Meistererzählers Alexander Dumas stehen. Wer den "Grafen von Monte Christo" liebt, genießt "Rebecca", "Meine Cousine Rachel", "Die Parasiten" und "Des Königs General".
Sie verzichtet auf den riesenhaften historischen Apparat (und die enorme Seitenzahl) ihres Regal-Nachbarn, aber auf ähnlich phantastischen Grundlagen baut sie eine ähnlich spannende Handlung auf, die - in übrigens recht geruhsam abschildernder Sprache - von einem Höhepunkt zum anderen hetzt. Die Antriebe dazu liefert ein oft üppig ins Kraut schießender Erfindungsreichtum und eine überaus quellkräftige Phantasie.
Orville Prescott, der geachtete Buchkritiker der "New York Times", versuchte einmal ihren Erfolg zu erklären: "Sie ist der geborene Geschichten-Erzähler, ein seltenes
Wesen in unserer gegenwärtigen Ära literarischer Ernsthaftigkeit und trockener Erzählung: sie ist ein Romancier, der das Leben als buntes Melodrama mit grellfarbenen Charkteren sieht. Das ist vielleicht der Grund, warum sie so populär ist. Leser, die sich nach Blut und Donner sehnen, aber diese Mixtur nicht ohne Verdünnung vertragen, entzücken sich an der glänzenden Poliertheit, mit der sie immer wieder ihre Geschichten von luxuriöser Sünde und mysteriöser Intrige verpackt."
Ihren Namen verdankt die du Maurier Umständen, die ähnlich romantisch sind wie ihre Werke. Ihre Ururgroßmutter, die lockere Mary Anne Clarke, ein Geschöpf des späten 18. Jahrhunderts, dem Daphne du Maurier "Gossen-Lieblichkeit" bescheinigt, hatte die englische Heimat verlassen müssen, als ihre Liaison mit dem Herzog von York zu Skandalen geführt hatte.
Ihre Tochter Ellen - wer Ellens Vater war, wußte Mary Anne selbst nicht: "In Brighton gibt es so viele Leute, und ich habe ein so schlechtes Personengedächtnis" - Ellen also heiratete einen französischen Querkopf, Louis Mathurin du Maurier, Sprößling eines heruntergekommenen Royalisten. Dieser Ehe entstammte George du Maurier, im vorigen Jahrhundert ein beliebter englischer Schriftsteller, auch durch seine Karikaturen in der führenden Londoner Witzzeitschrift "Punch" bekannt.
Georges Sohn Gerald, gegen Lebensende geadelt, beherrschte Jahrzehnte hindurch die englische Bühne. Er verstand die Kunst, seichte Gesellschaftsstücke zu verzaubern, ihnen einen Glanz und eine Romantik zu geben, die dem Autor nichts, dem Schauspieler alles verdankten. In Paris und im Heim dieses Charmeurs, einem Zwischenreich zwischen großer Gesellschaft und Bohème, wuchs Daphne du Maurier auf.
Ihrer Familie hat sie gleich zwei Denkmäler gesetzt. Bevor ihr Weltschlager "Rebecca" erschien, schrieb sie unter anderem zwei Familien-Biographien halb in Romanform, "Die du Mauriers" über die Herzogsmaitresse und ihre Kinder, "Gerald"
über ihren Vater: lebendig, witzig, nicht pietät-, aber liebevoll.
Es sind literarisch bisher ihre besten Bücher, dennoch hat sie teuer für die Offenheit, mit der sie ihre eigene Familie geschildert hat, gebüßt. Als sie auf der Zeugenbank des New Yorker Bezirksgerichts am Foley Square saß, wünschte sie, sie nie geschrieben zu haben. Ihre ungenierten Schilderungen wurden zu ehrabschneiderischen Zwecken mißbraucht.
Der phantastische Erfolg von "Rebecca" hatte Neider auf den Plan gerufen; sie sprachen von Plagiat. Oberflächlich betrachtet war das leicht möglich. Die Grundidee der Handlung findet man in Dutzenden von Romanen des 19. und 20. Jahrhunderts: ein junges Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen heiratet einen reichen Witwer, verzagt in dem ungewohnten Milieu des Schlosses Manderley (dem übrigens Menabilly zum Vorbild diente), verzagt noch mehr, als Verwandte und Freunde, Hausgäste und Diener sie mit der ersten, so brillanten Schloßherrin Rebecca vergleichen und triumphiert am Schluß.
Auf Grund dieses Skeletts der Handlung sind Ähnlichkeiten zwischen "Rebecca" und englischen, französischen und brasilianischen Romanen entdeckt worden. Ende 1947 kam es zu dem Prozeß in New York.
J. Clifford MacDonald, ein Amerikaner, verklagte die du Maurier und ihren Verleger, den 1927 erschienenen, wenig beachteten Roman seiner verstorbenen Mutter, "Blind Windows" ("Blinde Fenster"), plagiiert zu haben. Daphne du Maurier erklärte vor Gericht, das Werk überhaupt nicht zu kennen.
Daraufhin zitierte der gegnerische Anwalt, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern, Stellen aus den beiden Familienbüchern. Gegen die Sitten ihrer Vorfahren, erkannte man da, ließ sich vom streng moralischen Standpunkt einiges einwenden. Die Urahnin hatte mit ihren Reizen nicht gegeizt, andere Familienmitglieder waren Taugenichtse, und mehr als einer verstand es, überzeugend zu lügen.
Am Schluß hat MacDonald seinen Prozeß verloren. Bezirksrichter John Bright stellte "Rebecca" ein Ehrenzeugnis aus. In seinem Urteil von 22 Seiten Länge hieß es:
* "Gemessen an der Anziehungskraft für den Leser ("reader appeal", dem Wort sex appeal nachgebildet), an der Beschreibung von Szenen und Charakteren und an dem literarischen Geschick kann meinem Urteil nach kein Anspruch bestehen, daß ''Rebecca'' den ''Blinden Fenstern'' nachgeahmt ist."
Trotzdem bedeuteten die Verhandlungen, die sich über fast drei Monate hinzogen, für die du Maurier eine seelische Folter. Ein Augenzeuge, der sie im Gerichtssaal beobachtet hat, berichtet, daß sie sich zwar beherrscht zeigte und mit ruhiger Stimme alle Fragen beantwortete, daß sie aber augenscheinlich litt. Die Aristokratin in ihr war tief verletzt worden.
Nicht immer hat sie sich zum Adel hingezogen gefühlt. Lange bevor sie an den Hof kam, mokierte sie sich über die Eitelkeit ihrer eigenen Vorfahren, der Ellen Clarke und ihres französischen Bräutigams, und schrieb:
"Einfaches ehrliches Bürgerblut ist auf lange Sicht doch die beste Grundlage, denn es gibt seinen Nachkommen eine Fähigkeit zur Arbeit, zur Leistung und zum klaren Denken, während das blaue Blut zu Wasser wurde und den Müßiggänger, den Faulenzer, den Weber unfruchtbarer Träume hervorbrachte."
Seit sie (mietweise) Herrin von Menabilly wurde, denkt sie anders. Das Schloß mit seiner langen Geschichte hat offenbar stark auf sie eingewirkt. In ländlichen Herrensitzen Englands, ihren Bewohnern und Besuchern, kennt sie sich jetzt genau aus. Mit liebevoller Eindringlichkeit, die besonders Leser außerhalb Englands berückt, schildert sie ihre prunkvollen Säle, ihre luxuriösen Schlafzimmer, ihre dunklen Gänge und ihre gepflegten Parks.
Menabilly ist im 17., dem Bürgerkriegsjahrhundert, niedergebrannt worden, und eine solche Katastrophe betrachtet sie als Sinnbild menschlicher und Welttragödien. "Rebecca" läuft mit den letzten zwanzig Zeilen in die Schilderung des Feuers aus, das Manderley-Menabilly verzehrt.
In "Des Königs General", einem historischen Roman aus der Aera Karls I., müssen gleich zwei Schloßbrände herhalten, um die Düsternis der Epoche zu zeigen. In dem irischen Familienroman "Hungry Hill", der ein volles Jahrhundert überspannt, gehen mit der Burg Clonmere die Träume ihres letzten Inhabers in Flammen auf. Das Brandmotiv erscheint wie eine Zwangsvorstellung der du Maurier.
Weniger romantisch als in den Schloßromanen, aber dafür witziger, geht es in den erst nach dem Kriege geschriebenen "Parasiten" zu, einer späten Frucht ihrer Jugenderinnerungen an die Schauspielerwelt. Pappy Delaeney, der berühmte Sänger, Mutter Delaeney, die Tänzerin, und ihre drei künstlerisch begabten nervösen Kinder Maria, Niall und Celia lachen sich durch Liebe und Leben hart am Inzest vorbei. Sohn Niall, einer der "Parasiten", begeht Selbstmord.
Die du Maurier erzählt das mit solcher Virtuosität, daß sogar der strenge Londoner "New Statesman" einräumen mußte: "Die du Maurier ist oft oberflächlich und noch öfters peinlich sentimental, aber sie hat Augenblicke verheerender Ehrlichkeit und mitfühlenden Verständnisses für die Brillanten und die Zweitklassigen. Wir haben viele Romane mit viel weniger Fehlern und viel höheren Ansprüchen gefunden, die unendlich weniger lesbar sind."
In ihrer eigenen literarischen Klasse, unter den Erzählern, reicht sie in vielem an
ihre führenden Zeitgenossen nicht heran. Mit Somerset Maugham kann sie sich weder an zynischer Schärfe der Pointierung, noch an Einsicht in die Seele messen. Von den sozialen und menschlichen Einblicken, die Vicky Baum in ihren besseren Romanen gewährt, findet man bei Daphne du Maurier wenig.
Trotzdem bescheinigen ihr sogar die strengsten literarischen Richter, daß man ihre Bücher kaum ungelesen aus der Hand legen kann. Sie becirct, sie verzaubert. Mit einfachen, oft sogar zu einfachen Strichen schafft sie Situationen, Stimmung und Charaktere, die man schon von anderswo kennt, von Leonardo da Vincis Palette oder von Nebenfiguren Dickensscher Romane, so daß man sofort im Bilde ist.
Sie hat ihre kleinen wirksamen Mittel, ihre Berufstricks. In "Rebecca" etwa erfährt der Leser gleich zu Anfang, daß das junge Mädchen, später Maximilian de Winters zweite Frau, einen besonders hübschen, eigenartigen Namen führt. Auf der letzten, der 302. Seite, als der Brand Maderleys den Himmel rötet, kennt der Leser den Namen noch immer nicht.
Und dann hat sie ihre großen Überraschungen. Sobald man in "Meiner Cousine Rachel", ihrem neuesten Roman, zur Kenntnis genommen hat, daß Vetter Ambrose ein entschiedener Hagestolz ist und bleibt, heiratet er.
Sobald dem Leser klargeworden ist, daß die anglo-italienische Aristokratin Rachel, die ihn so verwandelt hat, ein Weibsteufel schlimmster Sorte ist, erscheint sie auf der Bildoberfläche, und man ahnt bald, wie sehr Vetter Philip dies Engelsbild verkannt hat. Sobald man ihre zynische Erklärung, sie habe sich schließlich Philip nur hingegeben, um ihm für das Geschenk der Familienjuwelen zu danken, als bare Münze genommen hat, erfährt man, daß sie ihn eigentlich liebte.
Und sobald der Leser sich zur Überzeugung durchgerungen hat, daß sie Vetter Ambrose vergiftet hatte und auch Philip einen Hexentrunk brauen wollte, kommen ihm Zweifel, ob sie die todbringenden Goldregen-Samen nicht nur in ihrem Schreibtisch verwahrte, um sie nächstes Jahr zur Verschönerung des Gartens anzupflanzen. Und sobald man Rachel endlich zur Beantwortung aller Fragen stellen will, erleidet diese Mona Lisa den ihr von Philip raffiniert vorbereiteten Tod, den Namen "Ambrose" hauchend.
Und so können sich die Leserinnen - in einiger Zeit auch die Filmbesucherinnen - bei Tee und kleinem Gebäck stundenlang über den wahren Charakter von Mona Lisa-Rachel-Olivia de Havilland streiten.
Rachel ist die am besten durchgezeichnete Gestalt des Romans. Alle übrigen Personen benehmen sich in dem Buche so, wie sie sich schon in Dutzenden von anderen Büchern benommen haben.
In dem meist glatten Dialog im Stile des frühen 19. Jahrhunderts stören gelegentlich nachlässige Anachronismen ebenso wie Daphne du Mauriers konsequenter Irrtum, daß Gräfin auf italienisch Comtessa (richtig: contessa) heißt.
Zu den in ihrer Art halbwegs gelungenen Einzelschilderungen des sonst flüchtig und literarisch ganz uninteressant geschriebenen Buches gehört eine Stelle auf der ersten Textseite des Buches. Sie schildert eine Galgenszene:
"Er schwang zwischen Erde und Himmel an seinem Galgen oder, wie mein Vetter Ambrose mir sagte, zwischen Himmel und Hölle. Den Himmel würde er nie erreichen, und die Hölle, die er gekannt hatte, war ihm verlorengegangen.
"Ambrose stocherte mit seinem Stock an der Leiche. Ich sehe sie jetzt noch vor mir, sich im Winde wie eine Wetterfahne an einem rostigen Angelpunkt bewegend, eine arme Vogelscheuche, die einst ein Mann gewesen war.
"Der Regen hatte seine Hosen, vielleicht auch seinen Leichnam, zum Faulen gebracht, und Streifen von Wolltuch fielen von seinen geschwollenen Gliedern wie breiiges Papier ab."
Es spricht um so mehr für das Erzählergeschick der du Maurier, daß trotz großer Schwächen auch dieses Buch in England verschlungen wird, in Amerika an die Spitze sämtlicher bestseller-Listen rückt und Englands größte Schauspielerin, Vivien Leigh, hoffen ließ, auf der Leinwand die Rachel spielen zu dürfen. (Daraus wurde nichts, weil die 20th Century Fox beschloß, den Film in Hollywood, nicht in England zu drehen und die Leigh unabkömmlich ist.)
Ihre Schriftstellerarbeit verrichtet Daphne du Maurier am liebsten in Menabilly. Manche ihrer Bücher, sagt sie, "sind direkt von einem namenlosen Etwas inspiriert, ich könnte sogar sagen diktiert - von einer Atmosphäre, einem Geist, nennen Sie es, wie Sie wollen, der in diesem Hause lauert".
In Menabilly (in dem gegenwärtig nur elf Zimmer bewohnt werden) lauert viel, sogar ein protokolliertes Gespenst. Es war ein Royalist aus Cromwell-Zeiten, dessen Skelett tatsächlich zweihundert Jahre nach seinem Tode in einem kleinen verborgenen Gemach des Schlosses gefunden wurde. Ein zweites, weniger sicher bezeugtes Gespenst von Menabilly, die Blaue Dame, spezialisiert sich auf Erscheinungen auf der Treppe.
Zu ihrer Arbeit zieht sich die du Maurier in eine Hütte unweit des Schlosses zurück. Sie hat berichtet, wie dort "Meine Cousine Rachel" entstand.
"An dem Entwurf meiner Notizen arbeitete ich etwa eine Woche. Das war im Oktober 1950. Im November war ich meinem Heim fern, und im Dezember und Januar kamen die Ferien der Kinder. Im Februar kehrte ich in meine Hütte zurück, und nun begann die Arbeit im Ernst. Etwa sechs Stunden pro Tag. Es ergaben sich keine Schwierigkeiten. Ich wurde nicht gestört. Ostern war es beendet."
Im Frühling dieses Jahres reiste sie nach Amerika, wo die einflußreiche Buchgemeinschaft "Literary Guild", die gerade ihr 25. Jubiläum feierte, ihre "Cousine Rachel" zum Buch des Monats gewählt hatte. Soweit sich das mit ihren Pflichten gegenüber ihrem Verleger vereinen ließ, spielte sie ein bißchen die Garbo. Einem amerikanischen Reporter teilte sie mit, zu den Sachen, die sie am liebsten habe, gehöre, allein zu sein.
Garbo-gleich ist auch eine briefliche Mitteilung aus Menabilly: "Photographieren lasse ich mich so selten wie möglich." Das Kuvert ist mit einem roten Meeresvogel in Prägedruck geschmückt. Ist es ein Feuervogel, ein idealisierter Roter Hahn der See, Sinnbild furchtbarer Katastrophen mit hohem "Leser-appeal"?
*) Eine deutsche Ausgabe von "Meine Cousine Rachel" wird demnächst beim Scherz & Goverts-Verlag, Stuttgart, erscheinen.

DER SPIEGEL 40/1952
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