19.11.1952

WELTGESCHICHTEAus sozialistischer Sicht

Am Mittwoch vergangener Woche nahm der Skandal um die "Synchronoptische Weltgeschichte" des Ehepaares Arno und Anneliese Peters eine neue Wendung: Das niedersächsische Kultusministerium verkündete, es werde den "Fall Peters" vor ein ordentliches Gericht bringen. Das Ministerium will 5000 Exemplare des neuen Geschichtswerkes wieder zurückgeben und den Universum-Verlag in Frankfurt am Main auf Rückerstattung von 50 000 Mark verklagen, die Niedersachsen für die Herausgabe des Buches aus Stiftungen zur Verfügung gestellt hatte.
Die "Synchronoptische Weltgeschichte", um die sich in den zwei letzten Wochen der größte Geschichtsbuch-Skandal seit Kriegsende entwickelt hat, erschien auf den ersten Blick als ein hervorragendes Unterrichtswerk: Auf achtfarbigen Tabellen bot sie einen fließbandartigen Überblick über die gleichzeitig abgelaufenen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, unterteilt in sechs Sparten - Wirtschaft, Geistesleben, Religion, Politik, Kriege, Revolutionen.
Das bunte Tafelwerk reicht von 1000 vor Christus (Das Heer des Königs David von Juda besiegt die Philister) bis 1952 nach Christus (Leninkanal zwischen Wolga und Don verbindet fünf Meere) und wurde auf der Frankfurter Buch-Messe als "Schlager" gefeiert.
Erst bei näherem Studium erwies sich, daß Rot die eigentliche Grundfarbe der bunten Tabellen ist. Typische Zitate:
* Judas Ischariot "versuchte vergeblich, Christus zur revolutionären Tat zu veranlassen";
* Paulus "entkleidete die Lehren Christi ihres sozialrevolutionären Charakters";
* Epiphanes "schuf die Lehre eines christlich-begründeten Kommunismus";
* Friedrich II. von Hohenstaufen "übernahm die Folterung, Verstümmelung und Verbrennung der Kirchengegner";
* Iwan der Schreckliche "führte den Buchdruck in Rußland ein";
* Manko Kapak, König der Inkas, "baute seinen Staat nach kommunistischen Grundsätzen auf";
* Spanischer Bürgerkrieg: "Faschisten unter Franco beseitigten mit Hilfe Deutschlands und Italiens die von Demokraten (vor allem Kommunisten) aus aller Welt unterstützte republikanische Ordnung."
* Stalin ist "ein sowjetischer Staatsmann aus Gori", der die erste sozialistische Verfassung schuf, die Rote Armee als Volksheer ausbaute und "als anerkannter Führer der Sache des Weltkommunismus den Lehren von Marx-Engels-Lenin ihre für die Gegenwart gültige Ausprägung gab."
Kein Wort von sowjetischen Hungerrevolten, Schauprozessen oder Schweigelagern.
Mit roten Gesichtern standen da:
* führende Historiker, Soziologen und Publizisten der Bundesrepublik, die das Werk im voraus hymnisch gelobt hatten;
* die amerikanische Hohe Kommission und die Kultusorgane westdeutscher Länder und Städte, die das Geld zur Drucklegung gegeben hatten.
Der Skandal brodelte.
Am Donnerstag wollen die Kultusminister und -Senatoren von Niedersachsen, Hessen, Bremen, Hamburg und Berlin beraten, was nun mit der "Synchronoptischen Weltgeschichte" werden soll. Trotz der frühzeitigen niedersächsischen Entscheidung, das Werk zurückzugeben und auf Rückerstattung der Gelder zu klagen, hoffen Arno und Anneliese Peters unverdrossen, daß die Kultus-Konferenz das in 13 Jahren zusammengebastelte Geschichtswerk doch nicht auf den Index für die bundesdeutschen Schulen setzen wird.
Der Optimismus des Ehepaares Peters stützt sich unter anderem auf den beispielhaften Anschauungswandel, den der Dr. H. Heckel in puncto "Synchronoptische Weltgeschichte" durchgemacht hat. Dr. H. Heckel, Professor an der Frankfurter Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung, war bis zum 1. Oktober Ministerialrat im niedersächsischen Kultusministerium.
In dieser Eigenschaft ließ er auf Weisung des SPD-Kultusministers Richard Voigt Ende September den ersten Warnruf an
die Besteller des welthistorischen Tafelwerkes ertönen, nachdem ein Dr. Alfons Nobel in den Dortmunder "Ruhr-Nachrichten" auf die rote Tönung der "Synchronoptischen Weltgeschichte" hingewiesen hatte.
Da Minister Voigts Unterschrift unter einer 5000-Stück-Festbestellung des niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1949 prangte, waren die Herren so aus dem Konzept gebracht, daß Heckel die Warnung ohne nähere Prüfung des Buches herausgehen ließ.
So jedenfalls erklärte der inzwischen auf der Frankfurter Hochschule tätige Dr. Heckel dem in Hessen verantwortlichen Erziehungsmann, Ministerialdirektor Willy Wieweg, die Angelegenheit in einem Schreiben vom 3. Oktober: "... In Hannover war plötzlich an Hand einer Kritik von katholischer Seite eine Panik-Situation entstanden. Niemand sah sich die Sache richtig an, ich selbst kam in den letzten Tagen auch nicht dazu..."
Erst als Synchronoptiker Dr. Peters von dem Warnruf Heckels hörte und den Professor in Frankfurt zur Rede stellte, bekannte der, das Buch nur flüchtig durchgeblättert zu haben. Und erst dann nahm er sich die Mühe, es zu studieren.
Das Ergebnis dieses Studiums schlug sich in einem Brief nieder, den Professor Heckel ebenfalls am 3. Oktober an die rechte Hand seines alten Kultusministers, an den Regierungsdirektor Karl Turn im Hannoverschen Kultusministerium, richtete.
In diesem Brief heißt es ... "Gestern habe ich mir die ''Synchronoptische Weltgeschichte'' einmal etwas gründlicher angesehen, und ich muß Ihnen gestehen, daß
ich bedauere, in den letzten Tagen in Hannover nicht dazu gekommen zu sein. Denn nach meinen Feststellungen fallen die Vorwürfe, die gegen das Buch erhoben werden, doch eigentlich in sich selbst zusammen. Gewiß, es bleiben einige ungeschickte und unglückliche Formulierungen, man kann über Auswahl und Darstellungsart sicherlich oft streiten. Aber die Behauptung, das Werk sei aus kommunistischem Geist geschrieben und vom Osten her beeinflußt, hält meiner Überzeugung einer gründlichen Durchsicht nicht stand."
Weiter: "Das Werk ist sicherlich aus einer sozialistischen Sicht heraus gestaltet, aber dagegen sollte man doch in Hannover nichts einzuwenden haben. Es ist stark bemüht, die östliche Welt gleichberechtigt zum Ausdruck zu bringen..., daß dabei auch einmal ein kleiner Spritzer auf Amerika fällt, schadet doch wirklich nichts..."
Weiter: "Ich möchte also meine persönliche Auffassung jetzt nach eingehendem Studium des Werkes dahin zusammenfassen, daß man es unbedenklich den Schulen, Hochschulen und Büchereien ausliefert, vielleicht in Begleitschreiben jedoch zum Ausdruck bringt, daß das Buch nur für den reiferen und verständigeren Leser seiner ganzen Anlage und Bedeutung nach geeignet ist, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit großen Umfanges und großer Bedeutung handelt, die natürlicherweise mit einigen Mängeln behaftet ist, daß eine solche Auswahl und Sicht der Dinge immer subjektiv bleibt, daß aber im ganzen gesehen sich der Kultusminister vorbehaltlos dahinterstellt und hier den empfangenden Stellen ein Arbeitsmittel ersten Ranges zur Verfügung stellt."
Arno Peters klammert sich nun an die Hoffnung, daß sich die übrigen Erziehungsleute ebenfalls nur aus zweiter Hand informierten und bei ruhigem eigenem Studium sich der in fünf Nebensätzen verklausulierten 180-Grad-Wendung des Professors Heckel anschließen werden.
Was aber auch immer am Donnerstag entschieden wird: die Vertreter von Niedersachsen und Hessen, von Bremen, Hamburg und Berlin werden an einer klaren und weit über den "Fall Peters" hinausgehenden Stellungnahme nicht vorbeikommen. Sie werden die Frage beantworten müssen, ob eine aus "sozialistischer Sicht" gestaltete Weltgeschichte, die bis zum Jahre 1952 reicht, zwangsläufig das enthalten muß, was jetzt dem Doktor Peters als "kommunistische Tendenz" vorgeworfen wird.
Den Vorwurf der "intellektuellen Unredlichkeit" jedenfalls glaubt der Synchronoptiker" widerlegen zu können. Er ist sicher, den gerichtlichen Wahrheitsbeweis dafür führen zu können, daß er in seinen Verhandlungen mit den Kultusministerien stets zweierlei klar zu erkennen gegeben habe:
* er sei erklärter Sozialist;
* er wolle ein Geschichtswerk schaffen, das in West- und Ostdeutschland akzeptiert werden könne.
"Nur ein Idiot konnte da glauben, daß Stalin in einem solchen Werk als ''größter Verbrecher aller Zeiten'' erscheinen werde", argumentiert Peters heute. Damals schon habe er einem Gremium von hessischen Schulleuten und Historikern eine ähnliche Erklärung gegeben wie jetzt dem NZ-Herausgeber Hans Wallenberg:
"... Außerdem wollten wir mit unserem Werk die sich schon damals andeutende und inzwischen immer weiter aufreißende Kluft im geschichtlichen Denken Deutschlands schließen. Wir wollten ein Werk schaffen, das gleichermaßen im Osten wie im Westen Deutschlands benutzt werden kann, weil es einerseits die für jedes Weltbild erheblichen Tatsachen vermittelt
und andererseits durch Vermittlung auch jener Tatsachen, die im Gegensatz zum eigenen Weltbild stehen, zur Duldsamkeit erzieht. Die Kultusminister haben diesen Plan gekannt und begrüßt oder zumindest gebilligt. Auch die Erziehungsabteilung von HICOG wußte von dieser unserer Absicht ..."
Diese Behauptungen müssen erst einmal widerlegt werden, bevor man das Doktoren-Ehepaar der "Erschleichung" von Subventionen zeihen kann, wie es das bayrische Kultusministerium tat.
Wenn man in dem Versuch zur Schaffung eines west-östlichen Geschichtsbuch-Diwans schon 1949 die Utopie eines Mannes gesehen hätte, der sich selber als "idealistischen Sozialisten" bezeichnet ("ich weiß, daß dies schon ein Paradoxon ist, da der Sozialismus aus dem Materialismus kommt"), wäre die jetzige Ablehnung gerechtfertigt. Aber damals wurden von keiner Seite Bedenken vorgebracht.
Im Gegenteil: der 36jährige Peters baute sich unter Vorlage eines handgeschriebenen Manuskripts (in dem allerdings die letzten 50 Jahre fehlten) eine Gutachten-Galerie zusammen, in der weder der Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Meinecke, noch der Heidelberger Soziologe Alfred Weber, noch der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, noch der bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Thomas Mann fehlte, der dem Buch "von Herzen" wünschte, daß es "sein hohes völkerversöhnendes Ziel erreichen möge".
Der Münchner Historiker Schnabel, der sich heute als erster von der "Synchronoptischen Weltgeschichte" distanzierte, borgte sich das Hand-Manuskript sogar über eine Nacht aus und brachte es am nächsten Morgen dem Peters in das Hotel zurück.
Peters: "Mir gegenüber hat er damals behauptet, er habe darin die halbe Nacht studiert. Trotzdem erhielt ich von ihm ein Gutachten, in dem es wörtlich heißt: ... ''den wesentlichen Fortschritt darf man aber darin erblicken daß sowohl die einseitig politische als auch die einseitig nationale Geschichtsdarstellung in der ''Synchronoptischen Weltgeschichte'' überwunden wurde''. Die Tendenz aber, die mir heute auch von Schnabel so übelgenommen wird, war in
dem 2900 Jahre umfassenden Manuskript genau dieselbe wie in dem jetzt vorliegenden Buch."
Aber Hessens damaliger Kultusminister Dr. Erwin Stein (CDU) gab sich mit dem professoralen Gutachten-Katalog nicht zufrieden, als Peters ihn um eine Vorfinanzierung des in Heimarbeit entstandenen Werkes anging. Kultusminister Stein veranlaßte, daß die US-Militärregierung für Hessen das Manuskript acht Tage lang in ihre Testmühle nahm.
Der Bescheid der amerikanischen Education Branch, Office of Military Government, Hesse, vom 15. Juni 1949, schwelgte im Lob: "Die ''Synchronoptische Weltgeschichte'' ist einzig in ihrer Art; sie ist das ausgezeichnete Ergebnis eines langwierigen Studiums und einer sorgfältigen Vorbereitung. Die neue Art der Darstellung führt zu unabhängigem Denken und einer objektiven Haltung gegenüber der Weltgeschichte im allgemeinen. Was die Genauigkeit der Daten, die Erleichterung des Verständnisses und die Ausgestaltung des Werkes betrifft, so ist das Buch von höchstem Wert... und kann für den Gebrauch in den Schulen eindringlich empfohlen werden.
"Einwände: Keine.
"Änderungsvorschläge: Keine."
Minister Stein verschaffte sich aber auch deutsche Rückendeckung. Er ließ Peters vor einem eilig zusammentelegraphierten Gremium von hessischen Historikern und Schulleuten referieren. Das Manuskript wurde gründlich durchgehechelt. Am Ende der Diskussion stand der einstimmige Beschluß, die Regierung möge alles tun, um die Herausgabe der "Synchronoptischen Weltgeschichte" zu ermöglichen.
Auch vor dem Hauptschulausschuß des Landes mußte Peters Rede und Antwort stehen. Ein Ausschußmitglied stellte an ihn die ganz konkrete Frage: "Herr Peters, Sie sagen, Sie seien Sozialist. Zu welcher Form von Sozialismus bekennen Sie sich?" Darauf Peters: "Ich glaube, daß es nur einen Sozialismus gibt."
Nachdem Peters und sein Manuskript von Deutschen und Amerikanern, von Lehrern und Historikern so gründlich durchgetestet und ausgehorcht waren, ging man an die Finanzierung. Vorher allerdings reiste Peters - mit Wissen des hessischen Kultusministeriums - nach Leipzig, um am dortigen Bibliographischen Institut Material locker zu machen und die Ostveröffentlichung vorzubereiten.
Die hessische Begeisterung gegenüber dem erklärten Sozialisten nahm zwar bald etwas ab, und die bevorschußte Bestellung des Landes wurde von 12 000 auf 25000 Stück gedrosselt. Aber sonst ging es herrlich voran. Minister Voigt bestellte für Niedersachsen beim Universum-Verlag*) 5000 Exemplare zum Preise von 12 DM das Stück und schoß auch die 60 000 DM vor.
Bremen zahlte 18 000 DM, Hamburg 14 600, Berlin 12 000, Hessen war mit 30 000 DM dabei. Es handelte sich also fast ausschließlich um Länder mit SPD-Regierungen, die
sich gar nicht darüber im unklaren sein konnten, daß ihnen Peters für ihre Schulen ein sozialistisches Werk liefern würde.
Die sozialistische Geisteshaltung, die Peters nie geleugnet hat und auch gar nicht leugnen kann, mußte seine Geschichtsdarstellung
* anti-dynastisch,
* anti-kapitalistisch und
* anti-klerikal
ausfallen lassen.
Trotzdem nennt Peters seine Weltgeschichte "apolitisch und unmarxistisch". Letzteres bescheinigte ihm dann auch das Ost-Berliner "Amt für Literatur" in lakonischer Kürze, als es die ostzonale Veröffentlichung mit der zutreffenden Begründung "abweichend vom wissenschaftlichen Sozialismus" ablehnte.
Die "Synchronoptische Weltgeschichte" löckt nämlich in zwei entscheidenden Punkten wider den Stachel des Marxismus-Leninismus-Stalinismus:
* sie leugnet den Primat des Ökonomischen;
* sie entwickelt ihr Geschichtsbild aus Persönlichkeiten, wogegen die Menschheitsentwicklung nach allen marxistischen Dogmen gerade mit "außermenschlicher naturwissenschaftlicher Gesetzlichkeit abrollt".
In seiner (nur bei einem deutschen Wissenschaftler begreiflichen) Naivität kann Peters bis heute nicht verstehen, warum nicht Ost und West brüderlich sein Tafelwerk verbreiten. Er sträubt sich immer noch, einzugestehen, daß er sich mit seinem Geschichts-Diwan genau zwischen alle Stühle gebettet hat.
In der sinnlosen Spekulation, das Buch hüben und drüben gesellschaftsfähig zu machen, sind dem Doktor Peters denn auch in der Darstellung der letzten 52 Jahre
Dinge unterlaufen, die jetzt von den Kultusministern mit Recht attackiert werden können, da sie ihnen ja im Gegensatz zu den 2900 vorhergehenden Jahren nicht zur Begutachtung vorlagen.
Und bei diesen 52 Jahren kann man ihm den Vorwurf einer in Liebedienerei ausartenden Überloyalität gegenüber dem Osten nicht ersparen. So, wenn er als eins der drei wesentlichen Kulturereignisse des Jahres 1936 Muchinas Plastik "Arbeiter und Kolchosbäuerin" zitiert - neben Picassos "Guernica" und Honeggers Oratorium "Johanna auf dem Scheiterhaufen".
Als die amerikanische "Neue Zeitung" nach dem großen Erwachen eine voreilige Lobeshymne ihres Feuilleton-Chefs Bruno E. Werner*) auf die "Synchronoptische Weltgeschichte" in einer Art Selbstkritik widerrief, hätte sie sich besser den Schlußsatz verkniffen. Der lautete: "Aufklärung verlangt die Frage, wie es zu der ersten Auflage von 50 000 Exemplaren gekommen ist, und wer zu ihrer Finanzierung beigetragen hat."
Die Antwort darauf wollte Dr. Peters den Lesern der NZ in einer schriftlichen Erwiderung geben, aber Chefredakteur Hans Wallenberg ließ den von ihm Angegriffenen nicht zu Worte kommen. Sonst hätten die NZ-Leser folgendes gelesen:
"Die Finanzierung der Herausgabe unseres Werkes wurde allein aus Mitteln bestritten, die uns als Vorauszahlungen für bestellte Exemplare der ''Synchronoptischen Weltgeschichte'' von öffentlicher Seite zugeflossen sind. Wir haben von 1949 bis heute von den nachfolgend genannten Stellen eine Gesamtsumme von 183 660 DM in bar sowie Papier und Bindematerial im Werte von 146 967 DM erhalten:
* Kultursenat der Stadt Bremen;
* Kultursenat der Stadt Hamburg;
* Kultusministerium des Landes Niedersachsen;
* Kultusministerium des Landes Hessen;
* Erziehungsabteilung der HICOG;
* Kultursenat der Stadt Berlin;
* Hauptschulamt der Stadt Frankfurt.
Obige Stellen haben durch diese Anzahlung das Anrecht auf Lieferung von 25 820 Exemplaren der ''Synchronoptischen Weltgeschichte'' erworben und so zugleich die Herausgabe des Werkes ermöglicht."
Peters hatte dabei noch verschwiegen, daß die amerikanische Hohe Kommission mit 55 000 DM in bar, einer großen Papierlieferung und der Festbestellung von 14 000 Exemplaren (gegenüber 11 820 von deutschen Stellen) den Bärenanteil übernommen hatte.
Bei seinen Bemühungen um die Drucklegung der Weltgeschichte nämlich hatte der Doktor Arno Peters erfahren, daß die Amerikaner größere Papiermengen für gemeinnützige pädagogische Publikationen verteilten. Am Verteilerkopf saß Mr. John
Riedel, Chef der HICOG-Erziehungsabteilung. Die Unterredung, rekapituliert Peters, sei überraschend erfolgreich verlaufen. Riedel habe sein Muster-Exemplar und die amerikanischen Zeugnisse aus Wiesbaden betrachtet und ihn dann gefragt: "Wieviel wollen Sie denn zunächst drucken?"
Peters: "Zwanzigtausend."
Riedel: "Warum drucken Sie nicht das Doppelte?"
Die Verhandlungen endeten damit, daß John Riedel 55 000 DM in bar und Papier- und Bindematerial im Werte von etwa 147 000 DM als Anzahlung auf eine Lieferung von 14 000 Exemplaren der "Synchronoptischen Weltgeschichte" à 12 DM herausrückte.
Daß ihre Blamage nicht noch größer wurde, verdanken die Amerikaner einzig und allein dem deutschen Nationalempfinden und den Ost-Rücksichten des Dr. Peters. Wenn es nach dem Willen der US-Erziehungsabteilung gegangen wäre, würden die von den Amerikanern bestellten Bände jetzt sogar einen Eindruck mit zwei US-Flaggen-Emblemen und der Widmung "Presented by the people oft the United States" aufweisen.
So aber blieb es bei einem eingeklebten Begrüßungsschreiben, unterzeichnet von George A. Selke, Chief, Division of Cultural Affairs, Bad Godesberg, Mehlemer Aue. Datum: August 1952. Nach diesem Schreiben erfolgt die Überreichung des Bandes "in der Absicht, deutschen Bildungsinstituten wertvolle Literatur zugänglich zu machen und die Verständigung der Nationen untereinander zu fördern".
*) Der Universum-Verlag, der als Familien G. m. b. H. mit der Einzelprokura von Frau Anneliese und dem Ziel "der Herstellung und des Vertriebes der ''Synchronoptischen Weltgeschichte'' auf gemeinnütziger Grundlage" am 30. Juni 1952 in das Handelsregister des Frankfurter Amtsgerichtes eingetragen wurde, weist nur ein Stammkapital von 20 000 DM auf.
*) Bruno E. Werner wurde inzwischen zum Kultur-Attaché beim deutschen Geschäftsträger in Washington ernannt. - Aber nicht nur die "Neue Zeitung" lobte die "Synchronoptische Weltgeschichte", auch 42 andere Blätter brachten positive Besprechungen des Geschichtswerkes, offenbar ohne es gründlich gelesen zu haben. So Erik Reger im "Tagesspiegel" am 27. September 1952: "Das Werk empfiehlt sich als eine der brauchbarsten Waffen im Kampfe gegen die Unwissenheit."

DER SPIEGEL 47/1952
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