12.11.1952

VERRATIm Namen der Freiheit

Auf ihren pro-soldatischen Rommel-Film "Der Wüstenfuchs" ("Ein Film, der alle Frauenherzen anrührt") will die amerikanische Filmgesellschaft 20th Century Fox jetzt ihren anti-soldatischen Film "Entscheidung vor Morgengrauen" ("Meisterwerk über ein brennendes Problem unserer Zeit") folgen lassen.
Mit dieser Entscheidung aber setzt sich die Fox - wie schon im Falle des Rommel-Films - über alle Bestrebungen deutscher und amerikanischer Stellen hinweg, die so viel brisanten politischen Zündstoff von den meist im harmlosfriedlichen Operettengesäusel dahindämmernden deutschen Kinos fernhalten wollen. Jetzt, also in der Saison der Wehrdebatte, werden Millionen von deutschen Kinobesuchern sich einem Film gegenübersehen, der sich mit dem "Zwiespalt eines jungen Soldaten zwischen Gehorsam und Gewissen" befaßt, mit dem Problem des Verrats, der vor dem eigenen Gewissen keiner ist.
Bevor aber "Entscheidung vor Morgengrauen" anlief, gab die Fox eine Kopie des synchronisierten Films dem "Revue"-Journalisten Benno Wundshammer zu einer Diskussionsvorführung.
Wundshammer lud sich extreme Gesprächspartner ein: Redakteure der in München erscheinenden "Deutschen Soldatenzeitung" und den Publizisten Alfred Andersch, der in seinem Buch "Die Kirschen der Freiheit" die Desertion moralisch zu legitimieren versucht (SPIEGEL 42/1952). Da aber Andersch in England auf Reisen ist, erschien dessen Weg- und Gesinnungsgenosse, der Schriftsteller Hans Werner Richter ("Sie fielen aus Gottes Hand").
Das Pro und Contra bei "Entscheidung vor Morgengrauen" kreist um die nicht unbedingt neue Frage:
* Ist der aktive Landesverrat gegen ein Terror-Regime berechtigt oder ist er zu verdammen?
Der Film entscheidet sich mit einem sehr verklausulierten "Ja" für den Verrat und erzählt die Geschichte des jungen deutschen Kriegsgefangenen "Happy", der sich den Amerikanern als Spion erst dann zur Verfügung stellt, als ein deutsches Femegericht im Lager seinen Freund wegen defaitistischer Äußerungen hinrichtet.
Der junge "Happy", ein Sanitäts-Gefreiter der Luftwaffe, handelt also mehr aus Impuls denn aus klarer Überlegung. Und er trägt den ganzen Film hindurch die Verachtung, der er sich überall, auch von seiten seiner Auftraggeber, ausgesetzt fühlt, mit einer fast todessüchtigen Melancholie. Das Spionenschicksal mit dem Galgen als Schlußpunkt steht von der ersten Minute an in seinem dekadenten Kindergesicht geschrieben.
Vor allem aber malt Regisseur Litvak mit "Entscheidung vor Morgengrauen" - der Film wurde im Winter 1951/52 in süddeutschen Trümmerstädten gedreht - ein so beklemmend echtes Bild des deutschen Zusammenbruchs, führt das Inferno der entfesselten Gewalten, der regierenden Standgerichte so dicht an den Zuschauer heran, daß jeder Widerstand gegen den Feind sinnlos und verbrecherisch erscheint.
So Carl Zuckmayer zu "Entscheidung vor Morgengrauen": "Jede Armee der Welt, dies bleibt unangetastet, muß sich auf die Treue ihrer Soldaten verlassen können. Wenn aber im eigenen Lager Treue und Glauben gebrochen sind - die Treue der
Führung gegen ihr Volk, der Glaube des Volkes an seine Führung und ihre gerechte Sache - , dann kann sich für jeden einzelnen die Tragödie ergeben, die ihn mit den menschlichen Gesetzen in Widerstreit bringt und ihn einer höheren, einer göttlichen Gewissensmacht verpflichtet."
Der Film geht nicht so weit, einen antinazistischen Klaus Fuchs zu porträtieren, einen Mann also, der ohne jeden Zwang und aus der klaren Erkenntnis heraus den Feind von innen mit allen Mitteln bekämpft. Zu einer solchen Rolle ist "Happy" (Oscar Werner) viel zu jung, viel zu inaktiv.
Trotzdem hätte der Litvak-Film schon bei der internen Vorführung des "Revue"-Journalisten eine kleine Saalschlacht entfesseln können. Aber die feindlichen Kräfte trafen nicht aufeinander: Der Schriftsteller Richter stand auf einsamem Posten gegen die geschlossene Phalanx der Redakteure von der "Soldatenzeitung", die den Film verdammten. Ihre Argumente:
* "Angesichts des EVG-Vertrages darf der Film nicht gezeigt werden. Er untergräbt die Moral einer neuen Wehrmacht." (Redakteur Uhlig.)
* "Ich will nicht, daß dieser Film in Deutschland gezeigt wird. Schon um meine drei Söhne vor solchen Konflikten zu bewahren." (Redakteur Dr. Spengler.)
Richter diskutierte auf der Linie seines Freundes Andersch:
* "Im Zeitalter der ideologischen Kriege sind nationale Wehrpflichten und Vereidigungen sinnlos geworden. Jeder muß die Entscheidung - wie früher in Religionskriegen - nach seinem Gewissen treffen."
Das konnte die Leute von der "Soldatenzeitung" nicht überzeugen.
Sie zogen "Kameradenmörder"-Parallelen von Litvaks "Happy" zu Zuckmayers Oderbruch und schwiegen erst, als Richter fragte: "Halten Sie dann auch einen ostzonalen Volkspolizisten oder in Zukunft einen Volkssoldaten, der auch von einem Gewaltregime in die Uniform gepreßt wurde, der überläuft und der anderen Seite Auskünfte gibt, für einen Verräter und Kameradenmörder?"
Da Benno Wundshammer eifrig für die "Revue" photographierte, protestierte Richter gegen das schiefe Verhältnis. Der "Revue"-Leser müsse den Eindruck bekommen, als sei er, Richter, ganz allein für, alle anderen aber gegen den Film. Richter schlug vor, am nächsten Abend noch einmal zu diskutieren, jede Gruppe solle Verstärkung mitbringen.
Am nächsten Abend sah sich Benno Wundshammer einer kampflustigen Gruppe von Richter-Freunden gegenüber, an ihrer Spitze der wort- und redegewandte Münchner Star-Journalist Erich Kuby. Aber die "Pazifisten-Kompanie" wartete vergebens auf den soldatischen Gegner.
So wurden Wundshammer und der als Diskussionsleiter fungierende "Revue"-Bildredakteur Wilhelm Winckel die Zielscheiben der eigentlich für die "Soldatenzeitung" gedachten Polemiken. Versicherte Winckel: "Wir sind unparteiisch. Wir wollen nur eine freie Diskussion." Lächelte Kuby: "Na schön! Aber ich frage mich, was die ''Revue'' nach Hitler bringen will."*) Es endete damit, daß beide Seite ihre Meinungen schriftlich formulierten.
Die Leute von der "Soldatenzeitung" bewiesen in ihrer holprigen Erklärung, daß sie den Film entweder nicht verstanden hatten oder nicht verstehen wollten. Sie bestätigten zwar, daß es sich um einen "effektvoll gemachten Streifen" handele, und lobten den "Helden des Films, weil er den Mut hat, gegen die ''Tyrannei'' aufzubegehren und für die ''Freiheit'' zu kämpfen". Den Anführungszeichen nach zu schließen aber sind Tyrannei und Freiheit im Zusammenhang mit dem Dritten Reich für die "Soldatenzeitung" zwei zweifelhafte Begriffe.
Dann retteten sich die Männer der "Soldatenzeitung" in rhetorische Fragen: "Es gibt Beispiele genug, aus dem zweiten Weltkrieg, wo deutsche Menschen ihr Schicksal trugen und gleichzeitig aufbegehrten, ohne daß sie zum Verräter wurden. Warum hat die Regie nicht ein solches Schicksal zum Vorwurf genommen? Warum sagt der Film Millionen deutschen Soldaten, die treu ihre Pflicht erfüllten: Was seid ihr schon gegen diesen mutigen Kämpfer für die Freiheit, der sich auch nicht scheute, im Namen der Freiheit seine eigenen Kameraden zu verraten. Kein anderes Volk der Welt würde sich überhaupt in eine Diskussion über ein solches Thema einlassen."
Als der stellvertretende Chefredakteur der "Soldatenzeitung", Uhlig, aufgefordert wurde, konkret für oder gegen die Aufführung des Films Stellung zu beziehen, meinte er: "Ich halte die Aufführung im Augenblick für aufrührerisch." Sie ziehe dem künftigen Soldaten "den letzten Boden unter den Füßen" weg. Das Thema dagegen sei schon "exklusiv zu diskutieren, aber nicht auf dem soldatischen Sektor". Dort führe es zur "Paralysierung normal empfindender Gefühle".
*) Die "Revue" veröffentlicht augenblicklich eine Serie über Adolf Hitler. Vorher brachte die "Revue" zwei Soldatenserien: "Einen bessern findst du nicht" und "Er ging an meiner Seite".

DER SPIEGEL 46/1952
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