22.10.1952

MUSIK / EDELHAGEN Präzis wie die Preußen

Jazz-King Louis Armstrong bekam auf seiner eben absolvierten Deutschlandtournee mehrfach zu spüren, was ein Berliner Musikkritiker nach dem Konzert registrierte: "Die Stimmung im Saale blieb gemäßigter als die auf dem Podium."
Um das der heißen Musik nicht sonderlich günstig gestimmte Hörerinteresse in Deutschland etwas höher zu temperieren, wird dem Kinopublikum noch vor Weihnachten als Vorspann zum Hauptprogramm und damit als Obligatzugabe ein musikalischer Kurzfilm präsentiert werden, zu dem die erste Klappe am vorletzten Oktoberdienstag in Baden-Baden fiel. Arbeitstitel: "Das Orchester Kurt Edelhagen".
Dieser Name hat im Ausland beinahe besseren Klang als innerhalb der Bundesgrenzen. Edelhagen hat es als vermutlich erster fertiggebracht, die teils titoistischen, teils italienischen Zeitungen von Triest zur Einstimmigkeit zu bewegen: Beide priesen das deutsche Orchester Kurt Edelhagen nach seinem Triestiner Gastspiel in diesem Jahr als die beste europäische Jazzband.
Die Triestreise war für den österreichischen Manager Gerhard Schröder, der zuvor noch das Londoner Philharmonia-Orchester nach Österreich geholt hatte, weniger ein Geschäft als eine Repräsentation, die er dem besten Jazzorchester des Kontinents schuldig zu sein glaubte. Das Geschäft hatte Schröder ein paar Wochen vorher gemacht, als er mit der Edelhagen-Band durch Österreich fuhr, was er ab 25. Oktober von neuem tun will.
Den Erfolg bei seinem ersten Besuch im Wiener Volksgarten - der Stätte, an der einst Johann Strauß triumphierte - bezeichnet Edelhagen als den größten, den er je gehabt hat. "Die Österreicher scheinen für Jazz aufgeschlossener zu sein als die Deutschen."
Damals bekam Kurt Edelhagen auch die charakteristischste Kritik seiner bisherigen
Laufbahn: "Kurt Edelhagen, Beruf: Dirigent. Berufsanschrift: ...Aufnahmestudio der Schallplattenfirma Philips, Alter: 32 Jahre. Jazzmusiker seit 1945. Früher tätig als Dirigent im klassischen Milieu. Lieblingsschlager: keine ...
"Tägliches Arbeitspensum: sechs bis sieben Stunden Probenarbeit, vornehmlich Satzproben. Zwei Tage in der Woche Aufnahmen zu je sieben Stunden...Alle Blechinstrumente stammen aus Amerika, nur die Saxophone sind französischen Ursprungs... Der jüngste Mann der Kapelle: 19 Jahre (Trompeter). Der älteste: 32 Jahre (Kurt Edelhagen). Thema der Musiker in der Freizeit: Jazz. Edelhagens Steckenpferd (neben dem Beruf): Jazz. Pläne für die Zukunft: Jazz."
Das Letzte muß freilich durch das ergänzt werden, was Edelhagen bei anderer Gelegenheit offen bekannt hat: "Unser Geschäft ist Tanzmusik." Und: "Von der Tanzmusik müssen wir leben, damit wir Jazzmusik spielen können."
Der Anteil der kommerziellen Musik an Edelhagens Produktion ist in den letzten Jahren laufend gestiegen. Die Bedenken, ja, die Vorwürfe der Fans gegen Edelhagens "Entwicklung" nahmen in dem gleichen Maße zu. Doch ist Edelhagen zweifellos das beste Beweisstück für das, was ein typisch deutscher, und das heißt: ein akademisch geschulter Musiker aus dem macht, was man "the american way of music" nennen kann.
"Nach Ihrer Musik kann man nicht tanzen", hatte Jimmy Jungermann, Tanzmusikchef am Bayerischen Rundfunk, dem Jazzmusiker Edelhagen schon vor zwei Jahren gesagt. Jungermann hatte angedeutet, daß sich Edelhagen besser vom Jazz auf Tanzmusik umstelle, wenn er auf längere Sendezeiten im Bayerischen Rundfunk erpicht sei.
Damals wurde Edelhagen, dem Bandleader, der für die Existenz seines Orchesters - nicht zum erstenmal übrigens - fürchten mußte, klar, daß man "trennen muß, was einem Freude macht, von dem, was man zum Lebensunterhalt braucht". Er hat darauf die Trennung nachdrücklich vollzogen, so konsequent, daß ihm einige seiner alten Freunde bald vorwarfen, er habe die Jazzmusik verraten, um mit Schlagern leichter sein Brot zu verdienen.
Aber Edelhagen verteidigt sich: "Wir sind eben inzwischen ein Rundfunktanzorchester geworden und haben den Bedürfnissen unseres Senders - des Baden-Badener Südwestfunks - Rechnung zu tragen." Edelhagen mit seinen fast anderthalbdutzend Musikern tut das so vorzüglich, wie es am Ende nur ein Orchester kann, in dem jeder Musiker durch die hohe Schule des Jazz gegangen ist.
Daß es wirklich eine "Hohe Schule" ist, die nur vollblütige, zum Musikbeamtentum untaugliche Musiker bestehen, erkennen alle Einsichtigen von der anderen Fakultät offen an.
In der Edelhagen-Band, die mit ihren sechzehn Mann ein Großorchester, eine "Bigband" ist*), regiert das alte Gesetz vom Lebensrecht des Leistungsstärkeren, nicht die papierene Macht der Verträge oder der Einfluß von Vettern. Edelhagen hat seinen Ruf und seinen Rang als führendes Großorchester auf seinem Gebiet durch ein theoretisch sehr einfaches Prinzip errungen: Wo sich Gelegenheit bot, einen besseren Mann zu engagieren, da hat der Orchesterchef den bisherigen Platzhalter noch immer aus seinen Diensten entlassen.
Edelhagen vertritt den Standpunkt, daß sich die menschlichen Gesichtspunkte nicht immer mit den künstlerischen vereinbaren lassen. Ein Beispiel: In Nürnberg, wo das Orchester während seiner Zugehörigkeit zum Bayerischen Rundfunk stationiert war, erlebte die Band, die auch nach der Währungsreform eisern zusammengehalten hatte, eine bedrohliche Krise.
Die besten Musiker kündigten, darunter auch der Startrompeter Fred Bunge und nahezu der gesamte Saxophon-"Satz", die beste Gruppe des Orchesters. Es gab unerfreuliche Szenen zwischen den Musikern und ihrem Chef. Edelhagen bewies damals seine unbestrittenen Bandleader-Qualitäten, das Orchester bestand die Krise.
Der einzige Saxophonist aber, der damals dem Orchester treu blieb und ohne den sich ein neuer, schnell eingespielter Saxophonsatz gar nicht hätte bilden lassen, wurde zwei Jahre später entlassen, weil Edelhagen einen anderen, qualifizierteren Musiker engagieren konnte.
Das Orchester ist auf diese Weise immer besser geworden, und Edelhagens "Umsatz" an Musikern hat sich sogar auf den benachbarten Musikbetrieb vorteilhaft ausgewirkt. Es gibt heute kaum ein großes Tanzorchester in Deutschland, in dem nicht Musiker aus Edelhagens Schule mitwirken. In sieben Jahren hat Edelhagen 151 Musiker "verbraucht".
Das Durchschnittsalter des Orchesters liegt heute bei 24 Jahren. Sieben Arrangeure sind laufend beschäftigt, die Partituren für die Aufnahmen und die Konzerte des Orchesters zu schreiben. "Wir haben es ja nicht so einfach wie die Sinfonie-Orchester, die ständig auf einen großen Bestand längst komponierter Musik zurückgreifen können."
Inzwischen ist Kurt Edelhagens Musik über so viele Rundfunkstationen gesendet worden, wie kaum die eines anderen europäischen Tanz- und gewiß keines anderen europäischen Jazzorchesters. Außer allen deutschen und österreichischen Sendern gehören dazu: der französische Rundfunk, die BBC, Radio Stockholm, der holländische Rundfunk und mindestens 100 amerikanische Sender.
Beim Südwestfunk hat Edelhagen seit Jahresbeginn über 200 Titel eingespielt. Seine Verpflichtung ist auf 85 Aufnahmeminuten im Monat festgesetzt, das entspricht etwa 20 bis 25 Titeln.
Beim Bayerischen Rundfunk hatte er bis zu 80 Titeln im Monat eingespielt. Trotzdem lagen die Rundfunkeinnahmen. der Edelhagen-Musiker weit unter denen, die bei anderen Sendern üblich sind. Edelhagen: "Wir mußten einfach kündigen."
Die Nürnberg-Erinnerungen der Edelhagen-Musiker sind auch sonst wenig angenehm. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte bereits bei der Ankunft der Band in Nürnberg protestiert, weil nur ein einziger Nürnberger in der Band war - "und selbst der nur zugewandert".
Damals, 1949, hatte der Kern der Edelhagen-Band bereits mehr als drei Jahre lang täglich durchschnittlich sechs Stunden miteinander geprobt, um diese Musik machen zu können. Bei der alljährlichen Rundfrage der englischen Musikzeitschrift "Melody Maker", des führenden europäischen Blattes dieser Art, nach den besten Musikern und Orchestern des Jahres, kam Edelhagen hinter dem englischen Großorchester Ted Heath auf den zweiten Platz.
Dieses für die Edelhagen-Band sensationelle Ergebnis hatte sich schnell auch unter den deutschen Jazzfreunden herumgesprochen. Um so begieriger waren sie, das Ted-Heath-Orchester zu hören, als es im Herbst des vergangenen Jahres nach Deutschland kam. Damals fanden neutrale ausländische Fachleute, daß Edelhagen das Duell glänzend bestanden habe. Es ist keine Reklamephrase, wenn die Philips-Schallplatte, bei der das Orchester Edelhagen zur Zeit verpflichtet ist, behauptet: "Europas führende Bigband".
Einige seiner besten Kräfte hat Edelhagen während seiner Nürnberger Zeit engagiert, so den Pianisten Heinz Kiesling, der bis dahin Konzertpianist gewesen war und beim Internationalen Solistenwettbewerb der europäischen Jeunesse Musicale
1949 in Genf unter 140 Bewerbern auf den siebten Platz kam.
Auch zwei der besten Improvisatoren stießen damals zum Orchester: der Tenorsaxophonist Paul Martin aus Frankfurt und der Altsaxophonist Franz von Klenck, Baron aus niedersächsischem Adel. Die Duos der beiden auf Tenor- und Altsaxophon gehören zum jazzmusikalisch Besten, was es heute in Europa gibt.
Seine beiden größten Stars holte er sich erst in diesem Jahr von der Konkurrenz, dem Münchner Jazzorchester Max Greger: den Trompeter und Vibraphonisten Rolf Schneebiegl, den wohl besten Mann seines Instrumentalfachs in Deutschland, und den Alt- und Baritonsaxophonisten Helmut Reinhardt, dessen Ton dem der Amerikaner als gleichwertig gilt.
Immer wieder hat man zum Vergleich mit Edelhagen größte Namen des amerikanischen Jazz genannt. Edelhagen galt lange als "der deutsche Stan Kenton" (SPIEGEL 39/50), der mit seinem "progressive jazz" die Entwicklung dieser Musik entscheidend vorangetrieben hat. Kenton selbst hat seinem "Dear Kurt" im Juni 1951 brieflich seine aufrichtige Bewunderung ausgedrückt.
Edelhagen glaubt, heute seine Stan-Kenton-Zeit überwunden zu haben. Sein Standpunkt: "Die Jazzmusik ist nicht Angelegenheit der Amerikaner allein." Er arbeitet auf einen "europäischen Jazz-Stil" hin und glaubt: "Der Anfang ist schon gemacht."
Seit das Orchester durch seine Verpflichtung an den SWF zum erstenmal eine gesicherte wirtschaftliche Grundlage erhalten hat, kann sich Edelhagen entschiedener
mit dieser Aufgabe, einen eigenen Stil zu entwickeln, befassen. Er tut das auf gut deutsch, mit der Gründlichkeit des musikalischen Akademikers, der auch den heißesten Hot noch ins durchdachte System zwingt.
Schon 1949 schrieb er: "Meine Tendenz ist: Intensive, weitbogige und konzentrierte Interpretation, fern von jeder kitschigen Sentimentalität." Seine Meinung, daß der Jazz durchaus nicht Alleinbesitz der Amerikaner sei, begründet er so.
"Jazz ist einfach gesund empfundene Musik. Das einzige, was uns die Amerikaner voraus haben, ist, daß sie in der Entwicklung weiter sind. Es handelt sich einfach um verschiedene Stadien"
Auch Edelhagen hat mit seiner Band nach dem Krieg einen Nachholkurs in Jazzmusik absolvieren müssen, und es ist bezeichnend, daß er sich heute bereits jenseits vom Standpunkt Stan Kentons, des Meisters des progressiven Jazz, glaubt.
In einem aber ist sich Edelhagen immer gleichgeblieben, und das gibt seiner Musik den kennzeichnenden Akzent: das nahezu pedantische Streben nach Präzision, nach rhythmischer und klanglicher Akkuratesse. Geheimnis solcher Perfektion: die Probenarbeit.
Edelhagen fühlt sich bewußt als "Orchester-Erzieher". Er führt seinen Erfolg ausdrücklich auf seinen Probenstil zurück. "Die ganz soliden Grundbegriffe von der Orchesterbehandlung, die ich auf der Musikhochschule gelernt habe, haben mir mehr geholfen als alles Gerede von Inspiration und Gefühl."
Sein Grundsatz: "Wir müssen von unseren Proben bis zur Geschäftsführung absolut seriös sein." Für das letztere sorgt Manager Voigt, der nach Edelhagen "hauptschuldig" an der Existenz des Orchesters ist. Für die Seriosität der Probenarbeit sorgt Edelhagen selbst.
Den geplanten Edelhagen-Film wird das Orchester mit einer recht "heißen" Komposition ihres Hausarrangeurs Heinz Gietz einleiten: "Big Smoke Jump." Das Stück ist extrem hoch geschrieben, was zwar das Klangbild strahlend hell einfärbt und darum viel Effekt macht, aber an die Blaskunst vor allem der Trompeter buchstäblich höchste Anforderungen stellt.
Es gibt da mittendrin eine Stelle, an der "Hanne" Wilpert, einer der beiden Star-Trompeter des Orchesters, relativ weit über das berühmte hohe C hinauszuklettern hat, sich flatternd in der dünnen Luft der E-Region bewegt und diesen Wolkenkratzer von Virtuosität endlich mit einem vom Ohr kaum mehr abzuschätzenden Zuhöchstton bekrönt.
Danach müßte von Rechts wegen auch der an strapazierende Klettereien in die Klang-Stratosphäre gewöhnte Edelhagen-Trompeter nach Luft ringend verhalten dürfen. Aber Edelhagen gab sich gerade mit dieser Stelle nicht so rasch zufrieden. Mit einem für die Saxophone bestimmten "Das läuft nicht!" klopfte er immer wieder ab und schickte seine Trompeter ungerührt von neuem in die Höhe.
In dieser Art läßt Edelhagen oft ein Stück wegen einer einzigen Kleinigkeit an die zwanzig Mal wiederholen. Das kommt den im Notenbild festgehaltenen Teilen des
Stückes natürlich nur zugute, weniger dem, was nicht in der Partitur steht. Auf diese Weise wird aus der freien Improvisation fast so etwas wie eine aufgeschriebene Komposition, eine "gefrorene" Improvisation, aus der "heißen Musik" aber gleichsam "eisgekühlter Hot". An dieser Stelle wird der ständige Zwiespalt der Jazzmusik zwischen Improvisation und Komposition deutlich, der wohl nie ganz zu überbrücken sein wird.
Oft braucht Edelhagen zu Beginn irgend etwas, über dem er sich abreagieren kann, meist ist einer der Musiker das Opfer. Das gibt dann einen kurzen aber heftigen Ausbruch, dessen Spontaneität man freilich lieber in Musik als in Zorn verwandelt sähe. Es scheint so, als ob alle Spontaneität zuvor fast bewußt verpulvert würde, damit nachher die Probenarbeit in absoluter Ruhe und Ausgeglichenheit vonstatten gehen könne.
Dabei fallen dann nur wenige Worte, sehr oft gar keine. Wenn Edelhagen mit seinem Taktstock abschlägt, wissen die Musiker meist schon von allein, weswegen. Er kann ein Dutzend Mal hintereinander abklopfen, ohne ein Wort zu sagen. auch ohne das geringste Zeichen von Ungeduld.
Gerade die Ruhe, in der sich alles abspielt, schafft eine Atmosphäre äußerster Konzentration. Musiker, die sowohl die Arbeit in einem Sinfonieorchester als auch bei Edelhagen kennen, lassen keinen Zweifel daran, daß Edelhagens Arbeit weit höhere Ansprüche stellt.
Aber Edelhagens Leute fühlen sich bei solcher Proben - Plackerei offensichtlich sehr wohl. Der dunkelhaarige, untersetzte Mann mit der dickumrandeten Hornbrille genießt absolute Autorität bei seinen Leuten.
Äußerlich sieht man Edelhagen den Hot-Musiker wahrhaftig nicht an. Er würde auch hinter dem Dirigentenpult eines Sinfonie-Orchesters eine gute Figur machen. Betont sorgfältig gekleidet, verbindlich, wenn auch selbstsicher im Umgang, repräsentiert er eine Jazz-Musikergattung, die es in dieser Ausprägung wohl nur in Deutschland gibt.
Auf der Folkwangschule in Essen, wo er seine musikalische Ausbildung erhielt, hatte er sich auf sinfonische Musik konzentriert, sein Diplom bekam er "mit Auszeichnung". Lieblingskomponisten während der Studienzeit: Bach und Debussy. Das
sind die Meister, denen der moderne Jazz mit seiner Mehrstimmigkeit und seiner impressionistischen Harmonik das meiste verdankt.
Auch die meisten der späteren Edelhagen-Musiker haben eine akademische Musikausbildung hinter sich, wenn auch nicht alle, wie Edelhagen, Orchestermitglied (Klarinettist) und Kapellmeister am Opernhaus waren. Edelhagen: "Es ist heute nicht mehr möglich, ohne ein solides Fundament gute Jazzmusik in einem großen Orchester zu machen." Fachleute haben darauf hingewiesen, daß der moderne Jazz an den Instrumentalisten größere Anforderungen stellt als die sogenannte klassische Musik.
Nicht nur technisch und musikalisch: Was Edelhagens Leute beispielsweise auf einer Tournee leisten müssen, würde man keinem Musikbeamten zumuten. Auf der letzten Österreich-Reise gab es meist zwei oder drei Konzerte pro Tag. Nachts wurde gefahren, am Vormittag geprobt und am Nachmittag und Abend gespielt.
Als die Edelhagen-Band in Frankfurt spielte, waren alle Musiker in einem Haus untergebracht. Es gab einen streng geregelten Dienstplan. Oft war schon vor dem Frühstück Satzprobe, nachher ging es bis mittags weiter. Nachmittags war wieder Probe. Abends wurde - oft bis in den Morgen hinein - in einem amerikanischen Klub gespielt. Nur einmal in der Woche war frei.
Um zu ermessen, was das bedeutet, muß man bedenken, daß ein Trompeter bei den Höhen, die im modernen Jazz üblich sind, durchschnittlich einem Druck von etwa zwölf Pfund mit den bloßen Lippen standzuhalten hat. "Wir haben Nächte hindurch mit blutenden Lippen gespielt", erinnern sich Edelhagens Leute jener Nachkriegszeit, da die Band sich durch die Offiziersklubs der US-Zone spielte.*) (In diesem Job hat Edelhagen übrigens ganz klein angefangen: als Akkordeon-Virtuose seines gemischten Harmonika-Quartetts im britischen "Battle Axe Club" seiner Heimatstadt Herne kurz nach Kriegsende.)
Um die Belastung, denen die Lippen der Jazz-Trompeter ausgesetzt sind, zu mildern, hat der ehemalige Edelhagen-Trompeter Hans Etzel ein elastisches
Trompetenmundstück erfunden, das unter der Nummer 836 591 Deutsches Reichspatent ist.
Alle vier Edelhagen-Trompeter benutzen dieses raffiniert durchkonstruierte Mundstück. Sie sind in der Lage, seinen gefederten Kessel jederzeit mit den Lippen einzudrücken. Die Feder ist so stark, daß es einem ausgewachsenen Mann meist nur mit Hilfe eines festen Widerstandes gelingt, die entsprechende Druckbewegung mit den Händen vorzunehmen. Durch die Etzel-Mundstücke sind die Edelhagen-Trompeter zumindest theoretisch auch den amerikanischen Jazz-Trompetern überlegen.
Was das Orchester Kurt Edelhagen trotzdem von den Amerikanern unterscheidet, ist eigentlich nur mit dem Ohr auszumachen. Viele der heutigen Edelhagen-Musiker waren, als sie zu Edelhagen kamen, reine Improvisatoren, die nur aus der Intuition heraus spielen konnten. Edelhagen hat es verstanden, in Kürze aus ihnen präzis arbeitende Orchestermusiker zu machen.
Diese Art der Umschulung aber hat sich natürlich auf die Ursprünglichkeit des Musizierens ausgewirkt. Da gerade Spontaneität ein entscheidendes Merkmal der Jazzmusik ist, hat der Jazz-Referent des Südwestfunks, Joachim-Ernst Berendt, eine "Combo", eine kleine Besetzung also, die "Edelhagen All Stars", gebildet, deren Improvisationen ziemlich unbestritten das Beste darstellen, was an modernem Jazz heute in Deutschland produziert wird.
Aber dieses Mittel gegen das von Edelhagen gepflegte schulmäßige "exercise", die auf äußerste Präzision abzielende Probenarbeit, vermag der Band Edelhagens nicht alles an typisch jazzmäßiger Vitalität wiederzugeben. Kürzlich hat Edelhagen eine Aufnahme von Billy May (SPIEGEL 22/52) nachgespielt und beim Übertragen sogar einige leichte Fehler, die May unterlaufen waren, ausgemerzt. Trotzdem unterscheidet sich das derart chemisch gereinigte, perfektionierte Klangbild entscheidend von dem, was Billy Mays Aufnahme auszeichnet: jenem "gewissen Etwas", das nur zu spüren, nicht zu belegen ist.
Edelhagen ist gut, weil er absolut präzise ist, weil er auf die Jazzmusik konsequent die Prinzipien der deutschen Musiktradition anwendet. Der Akzent liegt dabei auf dem Wort "deutsch", denn es ist sehr viel Schwere in den besten Stücken Kurt Edelhagens im Unterschied zu der mitreißenden Leichtigkeit der amerikanischen Aufnahmen oder der repräsentativen Eleganz von Kurt Edelhagens größtem Konkurrenten, dem Engländer Ted Heath.
Die so betont herausgestellte Herkunft von der sinfonischen Musik hat in Edelhagen einen vielleicht unbewußten Komplex erzeugt, der sich positiv in dem Streben nach Perfektion, negativ in dem Mangel an Vitalität auswirkt und den sein Träger schließlich auch durch einen kräftig entwickelten Ehrgeiz kompensiert.
Damit aber erscheinen Edelhagen und sein Musik-Stil als repräsentativ dafür, was Jazz auf dem Kontinent sein kann. Es ist eine Musik, die nicht nur aus dem ärgerlichen Spannungszustand zwischen Jazz- und Tanzmusik lebt, sondern mehr noch aus dem leidigen Zwiespalt zwischen angeblich "schwerer" und sogenannter "leichter" Musik, zwischen Improvisation und Reglement, zwischen ursprünglichem Spieltrieb und akademischer Ernsthaftigkeit, wobei freilich das Pendel immer etwas mehr nach dem Allzu - Perfekten, Preußisch-Präzisen hin ausschwingt.
Solche Musik ist gemeint, wenn Edelhagen prophezeit: "Es ist kein Zweifel, daß der Jazz noch zu unseren Zeiten auch in Deutschland den Platz erhalten wird, der ihm gebührt. Man muß vorsichtig sein, um Erfolg zu haben."
*) Besetzung: 4 Trompeten, 4 Posaunen, 5 Saxophone, dazu die Rhythmusgruppe aus Klavier, Baß und Schlagzeug.
*) Amerikanische Wissenschaftler haben ausgerechnet. daß die körperliche Leistung eines Jazz-Trompeters die eines Schwerarbeiters um 30 bis 40 Prozent übersteigt.

DER SPIEGEL 43/1952
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