03.12.1952

SLANSKY-PROZESSDas Gesetz tötet

"... die endlosen Säuberungsaktionen, Festnahmen, Folterungen, Einkerkerungen und Vaporisierungen werden nicht als Strafe für wirklich begangene Verbrechen verhängt, sondern dienen lediglich der Austilgung von Menschen, die vielleicht einmal in der Zukunft ein Verbrechen begehen könnten." (Aus "Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus von Emmanuel Goldstein" in George Orwells Zukunftsvision "1948".)
Hinter dicken Backsteinmauern des Prager Pankrác-Gefängnisses zelebrierten die Hohepriester der moskowitischen Konfession letzte Woche das gruseligste Ritual
des kommunistischen Kultes: einen Schauprozeß. Sie vollzogen eine jener ideologischen Notschlachtungen, bei denen einst vergötterte Parteihelden sich plötzlich für nichtswürdig erklären und sich anbieten, den Hals in die Schlinge zu legen.
Auf der Arme-Sünder-Bank gegenüber dem wildkeifenden Volkstribun (ohne Volks-Lizenz) saßen Parteihengste von ältestem Schrot und Korn.
Rudolf Slansky (alias Salzmann) war schon als 16jähriger in den Sog der Weltrevolution geraten. Er hatte sich auf der Moskauer Partei-Akademie die ersten Sporen verdient, wurde 1927 zum Zentralbüro der KPC eingezogen und kämpfte im Weltkrieg II als Mitglied des ukrainischen Partisanen-Oberkommandos Kiew für die Heimat der Revolution.
Nach Kriegsende trug er die Weltrevolution einige hundert Kilometer nach dem Westen und organisierte den kommunistischen Coup in der Tschechei gegen den Widerstand des trägen Clement Gottwald, der lieber noch mit den bürgerlichen Parteien zusammen gekungelt hätte. Er pfiff Gottwald energisch zurück, als der 47 die Koffer zur Pariser Marshall-Plan-Konferenz packte, und war neben Gottwald der gefürchtetste und angesehenste Mann im Staate.
Das kommunistische Abenteuer lockte auch den verschmitzt dreinblickenden André Simon (alias Katz) mehr als das gutbürgerliche Leben seiner Eltern. Er trennte sich von seiner Frau, der Berliner Schauspielerin Sonja Bogs, die das Nomaden-Leben eines Profi-Revoluzzers nicht mit ihm teilen wollte, und bereiste als Agent alle Kriegsschauplätze der Weltrevolution.
Im Weltkrieg II verpaßte er von Frankreich aus den Anschlußzug nach Moskau und emigrierte mit dem "Rasenden Reporter" Egon Erwin Kisch und einigen Kanonen der heutigen Ostzonen-Prominenz (Propaganda-Chef Eisler) nach Mexiko. Dort gab er zusammen mit den Nationalpreisträgern der Sowjetzone Anna Seghers, Bodo Uhse und Alexander Abusch ein "Schwarzbuch" über den Faschismus heraus.
Als Kisch, der von den geheimnisvollen Aufträgen Simons (bei denen seltsamerweise immer alte Funktionäre ums Leben kamen) zu viel wußte, 1948 in Prag auf mysteriöse Weise ums Leben kam, war Simon bereits Chefredakteur des Prager Partei-Organs "Rude Pravo". Seine Artikel wurden im offiziellen sowjetischen Partei-Organ für Außenpolitik "Neue Zeit" regelmäßig abgedruckt.
Slansky, Simon, der stets piekfein gekleidete Clementis, Geminder (der persönliche Beobachter Stalins bei dem roten Putsch in der Tschechei) und ihre 10 Mitangeklagten hatten alle mehr als den Parteigroschen für die Weltrevolution gezahlt. Aber als der Ankläger Dr. Urvelik die Anklageschrift (14 000 Worte) verlesen hatte, las Slansky leise und hastig von
einem Blatt ab: "Ich war nie ein Kommunist ... ich war vielmehr ein Feind der kommunistischen Partei und habe mit anglo-amerikanischen Spionageringen eine Verschwörung gegen den Staat und die Partei organisiert."
Je länger Slansky redete, desto stärker drängten sich dem westlichen Beobachter die Zukunftsvisionen des 1984er Orwell auf. Erst hatte er die Verschwörung gegen das volksdemokratische Regime gestanden. Jetzt mußte er für Verbrechen, die er als "Verschwörer" in der Zukunft hätte begehen müssen, geradestehen. Fragte der Staatsanwalt: "Glauben Sie, daß Sie das volksdemokratische Regime hätten stürzen können, solange Gottwald an der Macht ist?" Slansky: "Nein." "Also wollten Sie ihn umbringen?" "Ja."
Dann folgte die Fließband-Produktion gleichlautender Selbstgeißelungen. Die Geständnisse klangen so unsinnig (Slansky hatte seine "Mitverschwörer" Sling, Clementis, Loebel und Reicin selbst als Staatsfeinde eingekerkert), daß man sie wohl der Massen-Dummheit einer Parteiversammlung, kaum aber einem einzelnen Fabrikarbeiter mit Durchschnitts-Intelligenz zumuten konnte. Wegen dieser "Verbrechen" saßen Slansky und Genossen auch nicht vor Gericht.
Der Prozeß ist die Rache des Dümmlings Gottwald an den intellektuellen Eierköpfen der Partei, die sich über den sturen Apparatschik laut lustig machten. Slansky verachtete Gottwald, der seine Moskauer Zeit "mit Schlafen und Saufen verbrachte", während er, Slansky, an der Partisanenfront stand. Und Slansky ließ ihn seine Verachtung merken, als er ihn vor 48 vom bürgerlichen Biertisch zurück zur Parteilinie holte.
Gottwald witterte die Chance für seine Rache, als die Partei und Moskau einige kapitale Opfer für das murrende Volk verlangten. Die Partei, weil sie das Land in ein wirtschaftliches Chaos gestürzt hatte. Moskau, weil es der tschecho-slowakischen Wirtschaft ein solch hohes Liefersoll auferlegt hatte, daß das Chaos unvermeidlich war. Slanskys Freund und Wirtschaftsberater Gottwalds Frejka gestand jetzt: "Wir sind daran schuld, daß Lebensmittel und Elektrizität noch heute rationiert sind."
Warum haute sich Frejka für Sünden an die Brust, für die sein Richter Gottwald als Staatschef mindestens ebenso verantwortlich zeichnete? Warum widerriefen Slansky und Genossen nicht die in der Voruntersuchung abgelegten "Geständnisse", an die weder sie noch die Mitglieder der Partei-Hierarchie glaubten? Die Angeklagten leierten ihre Verschen herunter, weil sie wußten, daß ein unerbittliches Gesetz Gottwalds Haß zu Hilfe gekommen war. Sie wußten, daß Gottwald seinen Sabotage-Prozeß erst inszenieren konnte, nachdem sie bereits von Moskau gerichtet waren. Sie scheiterten an dem Gesetz, das der Partei das ewige Leben bescheren soll, und das für viele Anhänger den Tod bedeutet.
Dieses Lebensgesetz der "Diktatur des Proletariats" verkündete Lenin in seiner Theorie über den Opportunismus. Zwei Todesfallen stellte Lenin den Funktionären der Revolution: sie müssen vertilgt werden, wenn sie den Verlockungen der bürgerlich-kapitalistischen Welt zum Opfer fallen (Rechts-Opportunismus). Ein Funktionär ist aber auch dann verloren, wenn er mit der Weltrevolution eine Dauerehe eingeht und den Bestand des "Vaterlandes aller Werktätigen" durch internationalistische Abenteuer gefährdet (Links-Opportunismus). Auf dem schmalen Grat zwischen beiden Opportunismen soll der Kommunist nach Lenin vorannavigieren.
Die übereifrigen Links-Opportunisten - das Salz der Revolution - begannen dem
jungen Sowjetstaat bald mehr zu schaden als die bürgerlichen "Versöhnler". Während sie noch links-opportun "Weltrevolution" schrien, marschierten die europäischen Interventionsgruppen ins Baltikum ein.
Stalin zog die Summe aus den Erfahrungen der Interventionskriege: die intellektuellen Eierköpfe können wohl eine Revolution organisieren, aber sie können keinen Staat erhalten und verwalten. Im Gegenteil, ihr revolutionärer Trieb muß sie eines Tages zum Aufstand gegen den Staat bringen, den sie selbst geschaffen haben.
Stalin, nun selbst Staatsvater, fügte der Leninschen Theorie deshalb eine entscheidende Korrektur bei. Er verlegte die Marschrichtung der Partei vom Leninschen Weg auf dem schmalen Grat auf die Route des Rechts-Opportunismus. Die behäbigen, tumben Pöstchenjäger, die den Stuhl, auf den man sie setzt, zu behaupten wissen, wurden die Creme des Kommunismus.
Jetzt gab es nur noch eine Todsünde: das Gemurre der links-opportunistischen Trotzkisten von der permanenten Revolution. Ehe sie auf Grund von Stalins Theorie dem Staat gefährlich werden konnten, wurden sie in den dreißiger Jahren über die Bühne
der Moskauer Schauprozesse gezogen und liquidiert.
Stalin gab der Weltrevolution noch einmal das grüne Licht, als nach Weltkrieg II die Balkanstaaten und die Tschechoslowakei den kommunistischen Eroberern hilflos preisgegeben waren und der Kommunismus auch in Italien und Frankreich eine Hausse zu verzeichnen hatte. Die Slanskys der Balkanländer organisierten die Revolution. Aber da sie unter dem Auge Moskaus vor sich ging, brauchte sie nicht lange, bis sie sich konsolidierte. Ebenso schnell hatten die Slanskys ihre Schuldigkeit getan und konnten gehen.
Die von weltrevolutionären Plänen geplagten Intellektuellen wurden von dem Gesetz gerichtet, das Gottwald, dem behäbigen Apparatschik, die absolute Macht im Staate gab. Sie hätten dem Gesetz nicht entgehen können, wenn sie ihre Geständnisse widerrufen hätten.
Nur einmal in der Geschichte der kommunistischen Schauprozesse widerrief ein Angeklagter die in der Untersuchungshaft erzwungenen Geständnisse. Das war der ehemalige Volkskommissar Krestinskij (1938). Krestinskij wurde daraufhin abgeführt. Am anderen Morgen wurde er mit den deutlich sichtbaren Zeichen mehrgradiger Brutalitäten erneut vor den Ankläger Wyschinskij gebracht. Er gestand und wurde zum Tode durch den Strang verurteilt.

DER SPIEGEL 49/1952
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