24.12.1952

TITOUnser Unehrengast

Josip Brilej, Jugoslawiens jockeyhafter Botschafter, ist die längste Zeit in London gewesen. Sein Meister Tito hat ihn abberufen.
Brilejs Berichterstattung hatte den jugoslawischen Staatschef dazu veranlaßt, Edens Einladung zu einem Gegenbesuch in London anzunehmen. Er soll Ende März stattfinden. Titos Zusage wäre durchaus zweifelhaft gewesen, hätte Brilej ihn gewarnt, wieviel Empörung sein Besuch in England auslösen würde.
Das einzige, was Josip Brilej prophezeit hatte, waren lahme Protest-Aktionen des kominformtreuen Häufleins englischer Kommunisten. Mit einer titofeindlichen Kampagne von seiten des britischen Katholizismus, dem etwa 10 Prozent aller Engländer angehören, hatte er nicht gerechnet.
Der katholische Bischof von Leeds war der erste, der sich massiv erregte. Er kündigte dem "Christenverfolger Tito" einen heißen Empfang an. Die katholische Journalistik des Landes trug nicht dazu bei, den Ton zu dämpfen.
Dann griffen auch subalterne anglikanische Geistliche das Thema auf und demonstrierten helle Empörung. Nur die Bischöfe der Staatskirche hielten sich zurück.
Die Kampagne erreichte ihren Höhepunkt mit einem Artikel des katholischen Schriftstellers Evelyn Waugh im nichtkatholischen Sonntagsblatt "Sunday Express" (4-Millionen-Auflage) unter dem Titel: "Unser Unehrengast". Darin lasen die Engländer: Tito habe nicht nur den Katholizismus in der Person des Erzbischofs Stepinac verfolgt. Er wolle überhaupt das Christentum in Jugoslawien ausrotten, die griechische Orthodoxie gleichermaßen wie den römischen Glauben.
Achtundvierzig Stunden nach diesem katholischen Fanfarenstoß war Josip Brilej abberufen. Aber nicht nur er allein war von der Reaktion der Öffentlichkeit überrascht. Auch Außenminister Eden war peinlich berührt. Deshalb beeilte er sich, im "Daily Telegraph" verbreiten zu lassen: "Ein westlicher Boykott wird Marschall Tito wieder in die Arme des Kreml oder in eine ohnmächtige Isolierung treiben. Das würde die religiöse Freiheit in Jugoslawien alles andere als verbessern."
Dieser Standpunkt schien dem obersten Seelenhirten von Großbritanniens Katholiken, Kardinal Griffin, einzuleuchten. "Denn", so sagte er, "wenn Eden dem jugoslawischen Staatschef in London klar zu verstehen gibt, was man in England von der Religionsverfolgung in Jugoslawien hält, dann könnte aus dem Besuch doch Gutes erwachsen."
Tito wollte, daß sein bisheriger Botschafter in Rom, General Vladimir Velebit,
in London die Wellen der Erregung im katholischen Lager wieder glätte. Denn Velebit kennt sich von seiner römischen Wirkungsstätte her in der katholischen Mentalität einigermaßen aus.
Indes treibt der katholisch-inspirierte Anti-Titoismus auf der gesamten Insel munter Blüten. So stark, daß der in dieser Frage mittlerweile überempfindlich gewordene jugoslawische Staatschef sich am Dienstag der vergangenen Woche in einer Rede vor Eisenbahn-Arbeitern ärgerlich ausließ: "Wenn ich sicher wäre, daß 50 Prozent des englischen Volkes meinen Besuch nicht wollen, dann bliebe ich gern zu Hause. Es war nicht mein Wunsch, nach London zu fahren. Die Regierung Churchill wollte, daß ich komme."
Jetzt brach Tito wegen "grober Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes" seine diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan ab und tat damit das, was England bereits vor 400 Jahren getan hatte. Bis heute hat die britische Pegierung die Beziehungen zum Heiligen Stuhl noch nicht wieder aufgenommen. Schrieb die "Times": "Marschall Titos Besuch hat jetzt an Bedeutung gewonnen, nicht verloren."
Botschafter Velibit mit seinen Kenntnissen der katholischen Mentalität ist jetzt ziemlich ratlos. Sein einziger Trumpf ist die Tatsache, daß er in der Fahndungs-Kartei des russischen Geheimdienstes (MWD) als "britischer Spion" rangiert.
*) Zweite Kammer der französischen Nationalversammlung.

DER SPIEGEL 52/1952
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