24.12.1952

SCHWEDENDer kleine Prinz

Am Abend des Freitag vor vierzehn Tagen durfte Schwedens sechsjähriger Kronprinz Carl Gustav ausnahmsweise mal etwas länger aufbleiben. Um sieben Uhr hielt da die blonde Studentin Kerstin Ornö als "Lucia-Braut" des Jahres von der Katarina-Volksschule in der Södermannagata her ihren Einzug in die schwedische Hauptstadt.
Längs des Ringvägen, auf den Brücken des Mälarsundes, in den Straßen der Innenstadt, am Valhallavägen bis hinaus zur St. Eriksmesse standen Zehntausende von Kindern der Fast-Millionenstadt Spalier. Zu mitternächtlicher Stunde zierte der französische Literatur-Nobelpreisträger dieses Jahres, François Mauriac, auf dem Balkon der Blauen Halle von Stockholms "Stadshus" (Rathaus) die strahlend-schöne Kerstin mit dem Lucia-Schmuck. Schwedens Weihnachtszeit hatte begonnen. Am Tag der Heiligen Drei Könige - am 6. Januar - wird sie zu Ende gehen.
Solange wird auch die Debatte ruhen, die seit einiger Zeit in der schwedischen Öffentlichkeit um die schwedische Thronfolge im Gange ist. Veranlaßt wurde sie
durch die Tatsache, daß Schwedens Dynastie zur Zeit praktisch nur auf zwei Augen steht: denen des Kronprinzen Carl Gustav. Deshalb brachten kürzlich konservative Abgeordnete des schwedischen Oberhauses den Wunsch vor, das Thronfolge-Gesetz abzuändern; Carl Gustavs vier ältere Schwestern sollten auch thronberechtigt werden. Dabei zeigte sich die überraschende Tatsache, daß die schwedische Monarchie im Lande mächtige und prinzipien-harte Gegner hat. Die Regierungspartei der Sozialdemokraten protestierte gegen den konservativen Vorschlag.
Auf dem Programm der Partei steht noch immer der Republikanismus. Zwar haben sich Schwedens Arbeiterführer sehr daran gewöhnt, jeden Freitag im "Staatskonseil" von einem König geduzt zu werden, aber die Zustimmung zu einer Änderung des Thronfolgerechts würde eine ausdrückliche Anerkennung der Monarchie überhaupt bedeuten. Die wollen die Dogmatiker der Partei vermeiden.
Immerhin zeigte der Protest der Sozialdemokraten, wie vorsichtig die Dynastie der Bernadottes taktieren muß, um den latenten Republikanismus von Schwedens Arbeiterführern nicht wachzurufen. Deshalb verzichtet Carl Gustavs Mutter Sibylla, die schwedisch-blonde Prinzessin aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha, auf jede eventuell provozierende "publicity". So wird die Geschichte wahrscheinlich auch nie erfahren, welcher Art die Gespräche waren, die der "prinzliche Prinz Europas" zwischen Lucia-Fest und Heiligabend mit seinem Freund "Pelle" führte (Pelle ist der gleichaltrige Sohn eines Offizierskameraden von Carl Gustavs totem Vater). Es ist aber zu wetten, daß darunter eine sehr sachverständige Erörterung der Vorzüge eines richtigen Autos vor dem eines bloßen Tretomobils gewesen ist.
Der blondgelockte "Lillprins" (übersetzt: kleine Prinz) mit den blank geputzten blauen Augen repräsentiert seine sieben Millionen zukünftigen Untertanen nicht nur durch sein Aussehen. Er teilt auch ihre Neigung für alles Neue, insbesondere für alles technisch Neue. Fliegen und Auto-Fahren gehört zu seinen großen Sehnsüchten. Begrüßte ihn kürzlich auf der Straße eine Stockholmerin mit dem überraschten Ausruf: "Da ist ja unser kleiner Prinz!" - antwortete er mit finster zusammengezogenen Augenbrauen: "Ich bin Traktor-Führer!"
Die Schweden gehören zu den wenigen Völkern der Erde, die mit der modernen Zivilisation einschließlich ihrem technischen Zubehör im großen und ganzen nur gute Erfahrungen gemacht haben. Aus der Weltgeschichte haben sie sich noch eben rechtzeitig abgesetzt, um die intime Bekanntschaft der zerstörerischen Seite der Technik vermeiden zu können. Seit 1814 haben sie keinen Krieg mehr geführt. Das ließ ihnen um so mehr Gelegenheit, sich der segensreichen Gaben des Erfinder-Zeitalters zu bemächtigen.
So wurde Carl Gustav Folke Hubertus am 30. April 1946 als Prinz in ein Wunderland der Wohlfahrt hineingeboren.
Als an jenem Tage die 84 Schuß des Thronfolger-Saluts über den Mälarsund hallten, wurde die Mutter - die damalige Erbprinzessin Sibylla - vor Glück ohnmächtig. Vier Prinzessinnen waren dem allein erbberechtigten Carl Gustav vorausgegangen: Margaretha, 18, Brigitta, 15, Dîsirée, 14, und Christin, 9. Nun war die normale Thronfolge der Dynastie der Bernadottes endlich gesichert. Dem damals 88 Jahre alten König Gustav V., dem Urgroßvater Carl Gustavs, zitterten die Hände, als er das quicklebendige Bündel
über das Taufbecken hielt. Er ernannte den Neugeborenen zum Herzog von Jämtland und verlieh ihm den Seraphinen-Orden.
Als Carl Gustav geboren wurde, lag er in der Reihenfolge der Thronbesteigung noch so weit zurück, daß es für ihn nicht einmal eine Erbfolge-Bezeichnung gab. Man hätte ihn Erb-Erbprinz nennen müssen.
Bereits vier Jahre später war er zum Kronprinzen aufgerückt. Neun Monate nach seiner Geburt war sein Vater, der damals 40 Jahre alte Erbprinz Gustav Adolf, mit einer Verkehrsmaschine über dem Kopenhagener Flugplatz Kastrup tödlich abgestürzt. Drei Jahre später - am 29. Oktober 1950 - schloß Urgroßvater König Gustav V. nach 45jähriger Regierungszeit im Alter von 92 Jahren auf seinem Lieblingsschloß im Mälar-See mit den Worten "Macht''s gut" die Augen. "König von Schweden, der Goten und Wenden" wurde sein professoraler Sohn, der Archäologe (mit Spezialfach "Chinesisches Altertum") Gustav VI. Adolf.
Eine Alters-Differenz von 64 Jahren klafft nun zwischen dem gegenwärtigen König und seinem vermutlichen Nachfolger. Wenn der pedantische Gustav VI. ebenso alt wird wie der lebenslustige Grandseigneur Gustav V., wird es in der Thronfolge keine Unterbrechung geben. Andernfalls wird der Onkel und Vormund des Kronprinzen, Prinz Bertil, 40, als Reichsverweser einspringen müssen, bis Carl Gustav 21 Jahre alt geworden ist.
Bertil ist der einzige der lebenden männlichen Abkommen des Hauses Bernadotte,
der außer Kronprinz Carl Gustav noch für die Thronfolge in Frage kommt:
* Nominell thron-berechtigt ist noch der Bruder des verstorbenen Gustav V., Prinz Oskar Carl Wilhelm, 91,
* Oskar Carl Wilhelms Sohn, Prinz Carl Gustav, hat auf seine Thronfolge-Rechte verzichtet,
* nur noch nominelle Bedeutung hat desgleichen das Erbfolge-Recht des Bruders des gegenwärtigen Königs, des reiseschriftstellernden Prinzen Carl Wilhelm, 68,
* dessen Sohn Lennart - Besitzer der Palmen-Insel Mainau im Bodensee - heiratete eine Bürgerliche und ging dadurch seiner Thronfolge-Rechte verlustig (er ist heute Chefredakteur von Skandinaviens bedeutendster Bild-Zeitschrift "Foto"),
* die gleiche "Degradierung" nahmen zwei Söhne Gustav VI. durch bürgerliche Heiraten in Kauf, nämlich Sigvard und Carl Johan; der erstere ist zur Zeit der gefragteste Silberschmied von Kopenhagen, der zweite unterhält auf der 5. Avenue New Yorks ein Luxus-Geschäft*);
Carl Gustavs Vormund und Onkel, Prinz Bertil, ist unverheiratet. Somit stellt der "Lillprins" tatsächlich die einzige Hoffnung des Hauses Bernadotte auf Fortsetzung der regierenden Dynastie dar, die einst von einem Korporal der französischen Revolutions-Armee gegründet wurde.
Jean Baptiste Jules Bernadotte, Advokatensohn aus Pau am Fuße der Pyrenäen, diente sich unter Napoleon I. bis zum Marschall hoch. Der Revolutions-Kaiser machte ihn zum Fürsten von Pontecorvo, ein schwedischer Thronrat im Jahre 1810 zum Adoptivsohn des regierenden Königs Karls XIII. und damit zum schwedischen Kronprinzen.
Acht Jahre später bestieg er als erster Bernadotte und als Carl XIV. Johan den schwedischen - und den norwegischen**) - Thron. Im Jahre 1858 stand Carl Johans Gattin Désirée bei der Taufe des späteren Gustav V. Pate - desselben Gustav, der im Jahre 1946 den jetzigen Thronfolger Carl Gustav aus der Taufe hob.
Äußerlich ist dem "Lillprins" nicht mehr viel von dem südfranzösischen Erbgut seines Stammvaters anzumerken. Er ähnelt ganz und gar seiner Mutter. Dagegen behaupten die alten Tanten des aussterbenden schwedischen Adels (Adelsprädikate werden seit fast 40 Jahren nicht mehr verliehen), daß sein munterer Witz und sein fröhlicher Tatsachensinn vom alten Jean Baptiste Jules Bernadotte herkommen. Dessen Heimat, die Gascogne, beherbergt Frankreichs witzigsten Volksstamm.
Nach den Regeln des Ahnherrn der Erbbiologie des Paters Mendel, ist Carl Gustav freilich eher ein deutscher Fürstensproß als ein gascognardischer Bürgersohn. In seinen Adern fließt das Blut der Sachsen-Coburger, der Wittelsbacher, der Hohenzollern - aber auch (worauf die Schweden besonders Wert legen) des alten schwedischen Königshauses der Wasa, aus dem der berühmteste Träger des Namens "Gustav Adolf" hervorgegangen ist.
Trotz seiner ursprünglich "bürgerlichen" Herkunft kann Carl Gustav fast alle Prinzen Europas zu seinen "Vettern" zählen. Ohne genealogische Überanstrengung lassen sich zahllose Bluts-Verbindungen zu Englands "heir apparent" (offensichtlichen Erben), dem Prinzen Charles, 4, zu Griechenlands Kronprinzen Konstantin, 12, zu Norwegens Erbprinzen Harald, 15 (dessen Vater Olav, 49, noch Kronprinz ist), zu Spaniens voraussichtlichem König Juan Carlos, 14, zu Luxemburgs Erbgroßherzog Johann, 31, und zu der niederländischen Kronprinzessin Beatrix, 14, herstellen. Dänemarks voraussichtliche Königin, Prinzessin Margarete, 12 (ihre Thronfolge hängt allerdings noch von der Genehmigung der weiblichen Erbfolge ab), ist wie Carl Gustav eine Enkelin des jetzigen schwedischen Königs Gustav VI. Adolf. Belgiens junger König Baudouin I., 22, ist durch seine Mutter Astrid mit dem schwedischen Königshaus eng verwandt.
Nur zu dem fast gleichaltrigen Erbprinzen von Liechtenstein, Johannes Adam, 7, und dem derzeitigen noch unverheirateten Fürsten von Monaco, Rainier III., 29, fehlen Verbindungen.
[Grafiktext]
EUROPAS PRINZEN

König Georg II. von Großbrit.
SIND VETTERN

ist ihr gemeinsamer Ahnherr
GEORG II.

Kurfürst v. Hannover
König v. Großbritannien
1683-1760
BEATRIX

Kronprinzessin d. Niederlande
1938
WILHELM I.

König der Niederlande
1772-1843
ANNA

Prinzessin von Großbrit.
1709-1759
JOHANN

Erbgroßherzog v. Luxemburg
1921
ADOLF

Großherzog
von Luxemburg
1817-1905
MARGARETE

Kronprinzessin v. Dänemark
1940
CHRISTIAN IX.

König von Dänemark
1818-1906
VIKTORIA I.

Königin von Großbritannien
1819-1901
KONSTANTIN

Kronprinz v. Griechenland
1940
FRIEDERIKE

Prinzessin von Hannover
1917
WILHELM II.

Deutscher Kaiser
1859-1941
CHARLES

Kronprinz v. Großbritannien
1948
MAUD

Prinzessin von Großbrit
1869-1938
HARALD

Erbprinz v. Norwegen
1937
MARGARETE

Prinzessin von Großbrit.
1882-1920
EDUARD VII.

König von Großbrit
1841-1910
CARL GUSTAV

Kronprinz v. Schweden
1946
VIKTORIA EUGENIA

Prinzessin von Battenberg
1887
JUAN CARLOS

Thronfolger v. Spanien
1938
[GrafiktextEnde]
*) Die drei durch Heirat zu Bürgerlichen gewordenen Bernadottes sind inzwischen übrigens durch die Großherzogin von Luxemburg "re-nobilisiert" worden: sie wurden alle drei durch eine großherzogliche Verleihung Grafen von Wisborg.
**) Das dänische Königshaus mußte 1814 Norwegen aufgeben. An seine Stelle trat das schwedische. Die schwedisch-norwegische Personalunion wurde 1905 gelöst. Die Norweger holten sich aus dem dänischen Königshaus den Prinzen Carl, der bis heute unter dem Namen Haakon VII. König von Norwegen ist.

DER SPIEGEL 52/1952
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