24.12.1952

OST-WEST-VERTRAGEine schlimme Schlappe

Nun, wie haben wir das gemacht?" lobte sich Rudi Reichert, 30, Leiter des ostzonalen Deutschen Sportausschusses (DS), als er vor dem exklusiven Luxus-Restaurant Haus Gehrhus im West-Berliner Grunewald seinen BMW bestieg. Ängstlich trug er das "wertvollste Dokument, das ich je in meiner Aktentasche hatte": Den Waffenstillstandsvertrag zwischen dem Deutschen Sportbund der Bundesrepublik und dem Deutschen Sportausschuß der DDR. Der brachte das Ende der innerdeutschen Sportblockade durch völlige Liquidierung der bundesrepublikanischen Bannbulle von Oberwesel.
In Oberwesel hatte der Deutsche Sportbund vor drei Monaten beschlossen, "mit sofortiger Wirkung den gesamten Verkehr mit den Sportorganisationen der sowjetisch besetzten Zone und des Berliner Ostsektors abzubrechen".
Zur Begründung diente ein Fragebogen, den angeblich alle in die Ostzone reisenden West-Berliner Sportler mit Details darüber ausfüllen mußten, "ob Adressen geflüchteter Sportler aus dem Osten bekannt seien. Darüber hinaus wurden Angaben über Lohnverhältnisse und Arbeitgeber der Westsportler verlangt". Das hatte zunächst den West-Berliner Sportverband zur west-östlichen Sport-Blockade bewogen, bis sich der Deutsche Sportbund in Oberwesel dieser Maßnahme anschloß.
Jener Fragebogen erwies sich als blamable Fiktion. Ein Mitglied des West-Berliner Fußballclubs Südwest war beim Abholen seines Passierscheins in Treptow (Ost-Berlin) durch einen Volkspolizei-Offizier nach politischen Flüchtlingen ausgefragt worden und hatte diesen Vorfall eidesstattlich dem West-Berliner Fußballpräsidenten Paus Rusch unterbreitet.
Rusch wiederum leitete die rasch anwachsende Akte dem West-Berliner Sportverband zu. Von dort aus schließlich landete die Information beim DSB-Meeting von Oberwesel. Dabei war unterdessen irgendwo auf dem langen Instanzenweg aus der politischen Befragung eines West-Sportlers der politische Fragebogen für alle West-Sportler geworden.
Nichts konnte dem sowjetzonalen Deutschen Sportausschuß gelegener kommen. Mit aller Entschiedenheit dementierte er die "freche Lüge von dem angeblichen Spitzelfragebogen", während das gerade zur Sporthalle an der Stalinallee umgezogene DS-Büro mühelos den Grenzübertritt aller West-Sportler regelte, die dem Oberweseler Beschluß zum Trotz in der Ostzone starten wollten.
Die Besucher aus dem Westen taten das ohne Risiko. Die Ost-Presse war angewiesen, in ihren Berichten jeden Gästenamen zu verschweigen, "um unsere westdeutschen Freunde vor Vergeltungsmaßnahmen zu schützen". Bemerkt Rudi Reichert mit verständlichem Händereiben: "Während der Blockadezeit von Oberwesel haben nicht weniger als 30 DDR-Vereine aller Sektionen in den Westzonen gekämpft. Der sportliche Gegenverkehr in die DDR war sogar noch stärker."
Solchermaßen propagandistisch in die Defensive gedrängt, blieb dem (West-) Deutschen Sportbund (DSB) nur ein taktischer Rückzug offen. Der wurde politisch gründlich fundiert. DSB-Präsident Willi Daume fragte Bundespräsident Theodor Heuss und Dr. Werner Ruhemann,
den Vorsitzenden des Sportverbandes West-Berlin, um ihre Meinung und sondierte beim Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter. Heuss und Reuter hatten nichts gegen den DSB-Plan. So akzeptierte der DSB das östliche Angebot einer Aussprache und setzte sich zusammen mit dem Deutschen Sportausschuß am 12. Dezember 1952 an die feudalen Tische des Hauses Gehrhus zur zwölfstündigen Marathon-Debatte.
Mit unaufdringlicher, glänzend geschulter Funktionärsdialektik slawischen Tonfalls unterstrich der ostzonale Sprecher Rudi Reichert seine Argumente für eine zweite Zusammenkunft, die am folgenden Tag im Ost-Berliner Prominenten-Hotel "Johannishof" stattfinden sollte.
Wiederholt standen beide Parteien mit gepackten Aktentaschen zum Verlassen des Saales bereit. Bis die DSB-Vertreter unter diskretem Hinweis auf die vor den geschlossenen Türen Dauerskat spielende Sportpresse ultimativ verlangte: "Entweder werden wir uns heute einig oder wir vertagen unser Gespräch auf unbestimmte Zeit!"
Einige Punkte waren bald formuliert: Die Beschlüsse von Oberwesel werden aufgehoben, Presseartikel beider Verbände monatlich ausgetauscht, gesamtdeutsche Meisterschaften angestrebt.
Aber schon um die Präambel, wo es hieß, (Fragebogen-) Mißverständnisse hätten den Deutschen Sportbund zum Abbruch des Sportverkehrs bewogen, kam es zum ersten Wortgefecht. Die DSB-Fassung plädierte dafür, daß "Meinungsverschiedenheiten künftig durch Verhandlungen geklärt werden können", und widersprach der festen Kette des DS-Textes "... geklärt werden müssen". Durch den nach ausgiebigem, dreistündigem Tauziehen um dieses eine Wort angenommenen unklaren Ausdruck "geklärt werden sollen" blieb Rudi Reichert knapper Punktsieger.
Westliche Ansichten wurden zwei hal in das Kommuniqué hineinlandert: "Der gesamtdeutsche Sport wird im Sinne der olympischen Idee (gestrichen die zur Parteiparole herabgewürdigte Ost-Fassung: ''Für Frieden und Völkerversöhnung'') betrieben." Gleich darauf erlitt Rudi Reichert seine einzige schlimme Schlappe: "Um jeden Mißbrauch der olympischen Idee und des Sports zu politischen Zwecken zu vermeiden, wird bei gesamtdeutschen sportlichen Veranstaltungen u.a. abgesehen von ... parteipolitischen Reden ... Ausschmückungen mit parteipolitischen Tendenzen ... Flaggenhissung außer Schwarz-Rot-Gold und Sportverbandswimpeln."
Überparteiliche Spruchbänder für die Einheit Deutschlands hatte sich Reichert damit vorbehalten. Trotzdem nestelte er nervös an den mehrfach geflickten Schnürsenkeln seiner alten Schuhe. Die machtvoll aufblühende Stalinbild-Industrie der DDR mochte allenfalls noch als Grenzfall gelten, doch parteipolitische Pieck- und Grotewohl-Porträtisten sind nun zusammen mit SED-Parolemalern bei gesamtdeutschen Sportveranstaltungen arbeitslos.
Für die im Osten ketzerische Floskel "Mißbrauch des Sport zu politischen Zwecken" fand Rudi Reichert nur eine dialektische Form*), doch im letzten Kommuniqué-Satz glückte dem aus Rügen stammenden Metallarbeiter das entscheidende Finish zurück zur Parteilinie autoritärer Sportpolitik: "Der Deutsche Sportbund empfiehlt seinen Fachverbänden die Anerkennung des Anspruchs der Sektionen der DDR auf Aufnahme in die internationalen Fachverbände."
Geistig abgekämpft unterzeichneten die West-Vertreter. Erst als draußen vor der Tür Rudi Reichert seinen krawattenlosen Begleitern das befriedigte "Na, wie haben wir das gemacht?" zuschmunzelte, erkannten die westdeutschen Hinterbliebenen den Widersinn des Schlußsatzes.
Die ost- und westdeutschen Sportverbände streben nach gemeinsamer Arbeit und gesamtdeutschen Meisterschaften. Das SED-Parteiblatt "Neues Deutschland" fordert sogar "eine gesamtdeutsche Vertretung in internationalem Rahmen". Der Schlußsatz des Berliner Abkommens dagegen erstrebt, nicht minder offiziell als die Präambel:
* Deutschlands getrennte Vertretung im Rahmen der internationalen Fachverbände durch je einen west- und ostdeutschen Verband, wobei die bereits aufgenommenen West-Verbände den meist noch nicht angeschlossenen Ost-Sektionen bei der Aufnahme Hilfestellung leisten sollen.
Auch Berlins Fußball-Präside Paul Rusch, einer der unfreiwilligen Väter der Fragebogen-Ente, entdeckte das Kuckucksei des unlogischen Abschlußparagraphen. Weshalb er Frau Gehrhus um eine Gießkanne bat und diese, nicht ohne sie vorher mit zwei Kruken Steinhäger gefüllt zu haben, zum allgemeinen Gebrauch zwecks tiefsinniger Betrachtung der also geschaffenen Sachlage auf den Tisch des Hauses Gehrhus stellte.
*) Reichert: "Herr Daume bestätigte uns, daß er dagegen auftreten wird, wenn in Westdeutschland Kräfte versuchen sollten, den Sport für die Interessen des Generalvertrages einzuspannen. Zugegeben, unser DDR-Sport trägt wehrsportlichen Charakter, aber wir haben im Gegensatz zur amerikanischen Söldnertruppe der Westzonen eine Nationalarmee..." Rhetorisch mied Reichert auch die Fußangel "Siegerehrungen erfolgen im Rahmen der internationalen Amateurbestimmungen". Das erklärt er so: "Siegespreise sind bei uns von vorschriftsmäßig bescheidenem Wert. Doch wer verbietet uns, West-Sportlern teuere Rundfunk- oder Photoapparate als Gastgeschenk zu überreichen?"

DER SPIEGEL 52/1952
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