03.12.1952

VERLAGSRECHTEHitlers Erben

Mit erhobener Stimme zitierte Rechtsanwalt Dr. Ernst Borsbach vorm Düsseldorfer Landgericht einen Satz, den der Oxforder Geschichtsprofessor H. R. Trevor Roper als Sachverständiger in Nürnberg über Adolf Hitlers Privattestament geschrieben hatte:
"Es ist nicht das Testament des revolutionären Genies, sondern das Testament des österreichischen Kleinbürgers, des Kinobesuchers und Hausherrn vom Obersalzberg, des Gatten der Eva Braun."
Die Frage, ob Adolf Hitlers letzter Wille auch im Sinne des Gesetzes als bürgerliches Testament aufzufassen ist oder aber als die letzte formlose Wahnidee eines politischen Hasardeurs, entscheidet nämlich jetzt in einem juristisch delikaten Prozeß darüber, wem die Verlagsrechte an "Hitlers Tischgesprächen" zukommen.
Kurz nachdem der schweizerische "Agent Littéraire" François Genoud im Juni 1951 die ins Französische übersetzten Tischgespräche Adolf Hitlers im Pariser Verlag Flammarion herausgegeben hatte, mußte er verbittert feststellen, daß ihm der deutsche Athenäum-Verlag in Bad Godesberg genau um einen Monat zuvorgekommen war.
Während der reiselustige Genoud die Tafelprotokolle aus dem Führerhauptquartier zwei Jahre nach Kriegsende in Bayern im Nachlaß Martin Bormanns aufgestöbert hatte, war Athenäum-Verleger Dr. Junker auf anderen Wegen zum gleichen Ziel gelangt. Die Tischgespräche Hitlers, die Athenäum-Verleger Junker als Buch in einer Auflage von 12 000 Exemplaren zum
Ladenpreis von 19,80 DM herausbrachte, stützten sich auf die Stenogramme von Dr. Henry Picker und Heinrich Heim. Die beiden Stenographen waren von Martin Bormann in den ersten Kriegsjahren als Chronisten an die Tafelrunde gesetzt worden.
Von der Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche überzeugt, zogen beide Verleger gegeneinander vor Gericht.
In der ersten Verhandlung vor dem Landgericht Düsseldorf am 23. September 1952
konnte Genoud's Anwalt, Dr. Kurt Runge aus Köln, einen wichtigen Trumpf ausspielen: Sein Mandant hatte sich nämlich damals mit juristischem Weitblick von Martin Bormanns Nachlaßpfleger eine Vollmacht beschafft, nach der er frei über die Protokolle verfügen konnte. Als Dienstvorgesetzter, argumentiert Rechtsanwalt Runge, habe Bormann vor seinen Untergebenen Picker und Heim das Recht an den Aufzeichnungen gehabt.
Als Rechtsanwalt Runge diesen Standpunkt auf Anraten des Gerichtes jedoch zurückzog, bestand er darauf, daß Picker und Heim zumindest durch ihre Schweigepflicht als Beamte die Protokolle der Öffentlichkeit nicht hätten preisgeben dürfen.
"Ich vermag nicht einzusehen", meinte Gegenanwalt Dr. Borsbach aus Bonn ironisch, "wo bei Hitlers Äußerungen überhaupt eine Schweigepflicht zu verletzen war. Etwa wenn er kundtat, daß die Honigproduktion gesteigert werden müsse, weil man daraus Met machen könne, oder daß seine Hündin ohne Schaden Grasbüschel fresse oder daß Vollkornbrot wohlschmekkend und bekömmlich sei?"
Aber der erfahrene Literatur-Agent Genoud hatte sich noch ein anderes Dokument besorgt, mit dem Rechtsanwalt Runge in der zweiten Verhandlung am Dienstag vergangener Woche aufwartete: Laut Vollmacht hatte auch die bei München lebende Paula Hitler, eine Stiefschwester des "Führers", Genoud das Verlagsrecht an den Tischgesprächen ihres Stiefbruders Adolf zugestanden. Als geistiger Schöpfer seiner Äußerungen bei Tisch habe Hitler Persönlichkeits-Urheberrecht und Werknutzungsrecht nach seinem Tode an Paula Hitler vererbt.
Aber selbst wenn man Adolf Hitler ein Urheberrecht zugestehe, meinte Rechtsanwalt Borsbach, hätte Paula Hitler dieses niemals von ihm erben können. In der vom US-Kriegsministerium in Washington herbeigeschafften Photokopie von Hitlers Testament, das zwei Stunden lang den Verhandlungstisch im Düsseldorfer Landgericht zierte, war in der Tat von Paula Hitler nichts zu lesen.
"Was ich besitze, gehört - soweit es überhaupt von Wert ist - der Partei", hatte Adolf Hitler am Tage vor seinem Selbstmord in die Maschine diktiert.
Als Zeugen setzten Martin Bormann, Dr. Joseph Goebbels und Generalmajor der Luftwaffe Nikolaus von Below ihre Namen unter das "Gegeben zu Berlin, den 29. April 1945, 4 Uhr. Gez. Adolf Hitler".
Diesem persönlichen Testament ging ein politisches voran, in dem Hitler seine Abdankung als Oberbefehlshaber der Wehrmacht erklärte.
Zwei Gründe legte Genoud's Anwalt, Dr. Runge, nun in einstündigem Plädoyer wortreich dar, um zu beweisen, daß dieses Testament Hitlers im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches null und nichtig sei und folglich Paula Hitler als gesetzmäßige Erbin in Frage komme.
"Das Testament des Führers - Verzeihung, Hitlers - war nichts als ein Bluff, ein Versuch, seine letzten Weisheiten nochmal von sich zu geben." Die Erben nämlich, Partei und NS-Staat, hätten zur Zeit der Niederschrift de facto nicht mehr existiert. "Hitler hätte eine Leiche als Erben einsetzen können."
Aber de jure habe die NSDAP doch noch bis zum Oktober 1945 bestanden, protestierte Athenäum-Anwalt Borsbach, und Hitlers NS-Staat sei bis zur Kapitulation noch drei Wochen lang durch Oberbefehlshaber Großadmiral Dönitz repräsentiert worden; abgelöst habe ihn dann der Kontrollrat, auf den wiederum die Bundesrepublik gefolgt sei.
Als Erbe der Rechte an Hitlers Tischgesprächen, schloß Rechtsanwalt Borsbach, komme also nicht Francois Genoud in Frage, sondern höchstens die Bundesrepublik.
Dr. Runge, der Anwalt des Literatur-Agenten Genoud, hatte jedoch noch einen anderen Trumpf im Spiel, mit dem er eine juristische Atomspaltung versuchte:
Während sich Adolf Hitler im Reichskanzleibunker unter dem Geschützdonner der heranrückenden Russen mit Eva Braun auf den Tod vorbereitete, sei ihm beim Aufsetzen des Testaments ein Formfehler unterlaufen: statt seinen letzten Willen mit der Hand zu schreiben, diktierte er ihn in die Maschine. Dieser Verstoß genügt, um laut BGB ein Testament ungültig zu machen.
Aber auch darauf hatte der Athenäum-Verlag eine Entgegnung parat: "Hitler hat sich eines sogenannten Wehrmachts-Testaments bedient, und Wehrmachts-Testamente sind, wie Sie wissen, sehr freizügig in bezug auf Formfehler."
Dr. Runge wußte es und leitete deshalb eine Kettenreaktion des Spaltungsversuchs ein: Auch ein Wehrmachts - Testament sei bei Hitler ungültig, "War Hitler denn überhaupt noch Wehrmachtsangehöriger?" Als er sein Privattestament unterzeichnete, habe er sich selbst bereits in seinem vorhergehenden politischen Testament als Oberbebefehlshaber der Wehrmacht abgesetzt und Großadmiral Dönitz das Kommando übergeben.
"Aber zwischen den beiden Unterschriften Hitlers liegt doch nur eine Zeitspanne von 30 Sekunden", erregte sich die Gegenseite.
Rechtsanwalt Runge blieb ungerührt: "Sein persönliches Testament schrieb Hitler als Privatmann, er hatte abgedankt."
Der Athenäum-Anwalt Borsbach sagte: "Gut, er hatte abgedankt, aber war er deshalb kein Wehrmachtsangehöriger mehr? Diese Eigenschaft hat man noch keineswegs mit dem Verlust einer militärischen Charge verloren. Man muß entweder aus der Wehrmacht ausgestoßen oder als av. entlassen worden sein."
Vor so viel wehrmachtstechnischer Spitzfindigkeit kapitulierte das Gericht, das bereits nach dem Plädoyer des Rechtsanwalts Runge geäußert hatte, es habe einen schweren Tag hinter sich und sei ziemlich verbraucht. Es vertagte die Verhandlung auf Donnerstag dieser Woche.
Falls Hitlers letzter Wille als Privat- und auch als Wehrmachts-Testament vom Gericht für ungültig befunden werden sollte, will Athenäum-Anwalt Borsbach noch auf eine dritte mögliche Testamentsform hinweisen: das sogenannte Not-Testament, dessen man sich an einem Orte bedienen kann, der infolge außerordentlicher Umstände so abgesperrt ist, daß die Errichtung eines Testaments vor einem Notar nicht möglich ist.
Dann sind weitere Beweisaufnahmen dafür nötig, ob Adolf Hitlers Testament gültig ist oder nicht. Sollte es für ungültig erklärt werden, so wird diese gerichtliche Entscheidung auch den österreichischen und bayrischen Staat treffen. Denn in diesem Fall wird Stiefschwester Paula Hitler außer den Rechten an Hitlers Tischgesprächen auch noch Hitlers private Gemäldegalerie in Linz an der Donau, Hitlers Grundstücke in München und einen Koffer mit Dokumenten und Erinnerungsstücken erben, die zur Zeit im Besitz des Staates sind.

DER SPIEGEL 49/1952
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