24.12.1952

DA STERBEN SIE SCHON

Aus Jürgen Thorwald: "Wen sie verderben wollen"
Mit Genehmigung des Steingrüben Verlages, Stuttgart
Der Ia der 1. Wlassow-Division, Oberstleutnant Nikolajew, fuhr mit dem deutschen Major i. G. Schwenninger an den Kolonnen entlang nach vorn. Als sie bis zur Spitze der Division vorgedrungen waren, fanden sie den Kommandeur der Aufklärungsabteilung mit einem amerikanischen Captain. Der Captain begrüßte Nikolajew merkwürdigerweise herzlich, wenn auch verlegen. Durch seinen tschechischen Dolmetscher ließ er Nikolajew mit einer gewissen Ungläubigkeit bitten, ihm nochmals zu bestätigen, daß die Division sich auf dem Marsch in einen Unterkunftsraum westlich der Demarkationslinie befinde.
"Verzeihung", fragte der Captain, "wissen Sie denn nicht, daß Marschall Stalin schon gestern das Ende des Krieges und der Kampfhandlungen verkündet hat?"
Nikolajew nickte.
Das Erstaunen des Captains wurde daraufhin noch größer. Aber er suchte offenbar um jeden Preis Entgegenkommen zu zeigen. Er werde mit seinem Kommandierenden General sprechen, erklärte er.
Nach längerem Ferngespräch wandte er sich wieder an Nikolajew. Er erklärte, der Kommandierende General sei damit einverstanden, daß die Division weitermarschiere. Er bat, dem russischen Divisionskommandeur eine Einladung des Kommandierenden Generals zu einem Frühstück am Morgen des 11. Mai zu übermitteln.
Schwenninger begann plötzlich zu ahnen, daß hier ein schreckliches Mißverständnis im Spiel war. Schwenninger bemerkte, daß der tschechische Dolmetscher ihn als deutschen Offizier erkannt hatte und sich bemühte, seinen Captain darauf aufmerksam zu machen. Der hörte ungläubig zu. Schwenninger trat selbst vor und bestätigte, daß er deutscher Offizier sei. Aber auch das schien nicht ausreichend, den Amerikaner über die tatsächliche Lage aufzuklären. Er stellte vielmehr Schwenninger einem eintretenden Amerikaner mit den Worten vor: "One of the officers of our great Russian Ally." In diesem Augenblick verstand Schwenninger alles. Der Captain hatte noch nie etwas über Wlassow, gehört. Er hielt die 1. Wlassow-Division für eine vorgeprellte Division der Roten Armee.
Der Irrtum klärte sich noch in der Nacht auf. Der Irrtum hatte aber der Division den ungehinderten Marsch über die Demarkationslinie möglich gemacht. Am späten Abend und in der Nacht versammelte sie sich im Raum von Birkendorf ...
An dem gleichen Abend, an dem die 1. Division die amerikanische Demarkationslinie erreichte, traf auch Wlassow an dieser Linie ein.
Als sein Wagen sich dem amerikanischen Straßenposten näherte, legte er seine Hand auf Antonows (seines Adjutanten) Arm. "Nun haben wir noch einhundert Schritte bis zum Ende", sagte er.
Unterdessen waren sie schon bei dem amerikanischen Posten angekommen. Auch ihnen half ein Mißverständnis weiter. Als Wlassow durch seine Dolmetscherin darum bitten ließ, dem nächsten amerikanischen General vorgeführt zu werden, hielten ihn die Amerikaner für einen sowjetischen General und wiesen ihm und seiner Begleitung den Weg zum amerikanischen Regimentskommandeur.
Dieser fiel dem gleichen Irrtum zum Opfer. Er wies Wlassow den Weg zur Division.
Dort wurde der Irrtum erkannt. Es bedurfte aber erst einiger Auseinandersetzungen, bis sich der Divisions-Kommandeur ungefähr klar darüber war, welche Kräfte Wlassow vertrat. Als Wlassow darum bat, einem höheren amerikanischen Kommandeur vorgestellt zu werden, um dort über das Schicksal seiner Verbände zu verhandeln, wurde ihm gesagt, man werde höhere Anweisungen einholen ...
Am Mittag des 10. Mai wurde Wlassow aufgefordert, sich nach Schlüsselburg, zum Kommandierenden General des amerikanischen Korps, das in diesem Raum lag, zu begeben. Als er in Schlüsselburg eintraf, hatte die sowjetische Armee den Ort schon erreicht. Die Demarkationslinie führte mitten hindurch.
Wlassow wurde in das amerikanische Korpskommando gebracht. Eine halbe Stunde später stand er dem amerikanischen General gegenüber ...
Vielleicht verstand sein amerikanisches Gegenüber seine Worte nur halb. Der Amerikaner versuchte, den Sinn von Wlassows Worten zu verstehen, den Kampf und das Ziel seiner Leute zu begreifen und letztlich zu erkennen, weshalb Wlassow ihn darum bat, seine Soldaten in amerikanische Gefangenschaft zu übernehmen und sie nicht dem sicheren Tod in der Sowjetunion auszuliefern ... Aber er empfand eine Anwandlung von Achtung, als Wlassow ihm sagte, er als Oberbefehlshaber seiner Verbände stelle sich zur Auslieferung zur Verfügung, wenn man dafür seinen Soldaten den Weg zur Rettung öffne ...
Wlassow fuhr in sein Quartier zurück. Am folgenden Morgen wurde er nochmals nach Schlüsselburg gebeten. Es war am Morgen des 11. Mai. Es fiel kein Wort über sein Angebot, sich selbst für das Leben seiner Soldaten zu opfern. Der amerikanische General stand ihm nicht mehr allein gegenüber. Neben ihm wartete ein sowjetischer Offizier.
Der Amerikaner erklärte, daß das amerikanische Oberkommando wohl bereit sei, die Wlassow-Verbände in amerikanische Gefangenschaft zu nehmen, da sie offenbar nicht gegen die Heeresgruppe des Marschalls Konjew gekämpft hätten. Auf Grund
der bestehenden Vereinbarungen unter den Alliierten habe in diesem Falle aber das Einverständnis des sowjetischen Oberkommandos eingeholt werden müssen.
Das sowjetische Oberkommando bestehe jedoch auf einer Auslieferung aller Soldaten russischen Ursprungs, die während des Krieges gemeinsame Sache mit Deutschland gemacht hätten. Er bitte Wlassow, sich mit seiner Begleitung in ein Quartier zu begeben, das für ihn vorbereitet sei, und dort die Entscheidung über sein persönliches Schicksal abzuwarten ...
Am 12. Mai gegen Mittag erschien der Amerikaner und teilte Wlassow mit, was um die gleiche Zeit der 1. Division mitgeteilt wurde: daß die amerikanischen Truppen sich in westlicher Richtung zurückzögen. Er bot Wlassow an, ihn und seine engste Umgebung nach dem Westen zu bringen. Er verriet nicht, ob er aus eigenem Entschluß, aus Mitleid und Verständnis handelte, oder ob es irgendeinen geheimen Befehl gab, der ihn dazu anwies. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es keinen solchen Befehl gab ...
Aber schon nach einer Fahrt von vier Kilometern, innerhalb der Zone, die amerikanischerseits erst in Räumung begriffen war, erschien eine motorisierte sowjetische Kolonne. Sie hielt den deutschen Wagen an ...
Schon wollte Wlassows Fahrer seinen Motor wieder anlassen, als einer der sowjetischen Soldaten ausrief: "Seht, da sitzt doch Wlassow!"
Jetzt erst wurde der sowjetische Offizier aufmerksam. Er forderte Wlassow auf, auszusteigen. Die amerikanischen Soldaten des Begleit-Jeeps liefen herbei. Sie forderten die Russen auf, sich nicht um ihre Gefangenen zu kümmern ...
Die Auseinandersetzung war noch im Gange, als ein anderer amerikanischer Jeep auf der Straße heranfuhr. In ihm befand sich ein amerikanischer Offizier. Als er die Gruppe sah, hielt er an und fragte aus dem Wagen heraus die amerikanischen Soldaten, weshalb sie sich mit den Russen stritten ...
Er winkte mit der Hand ab: "Jungens", sagte er, "mischt euch nicht in innerrussische Angelegenheiten. Sie sollen selbst mit ihren Leuten fertig werden. Steigt ein und fahrt dahin, woher ihr gekommen seid."
Er wußte in diesem Augenblick wirklich nicht, über welches Schicksal er entschied und unter welche Tragödie er den Schlußpunkt setzte ...
Drei Tage lang, zweiundsiebzig Stunden lang, hatten unterdessen 15 000 Soldaten der 1. Division auf eine Entscheidung über ihr Schicksal gewartet.
Am 10. Mai waren sie entwaffnet worden. Aber amerikanische Panzer sicherten sie zunächst gegen die roten Partisanen, die sich ringsum in den Wäldern versammelten und jeden ermordeten, der in ihre Hinterhalte geriet.
Am 11. Mai erschienen an der Demarkationslinie die ersten sowjetischen Panzer. In den Nächten sickerten sowjetische Agenten in den Divisionsbereich ein. Sie forderten die Soldaten auf, zu ihren "sowjetischen Brüdern" hinüberzukommen. Eine Anzahl folgte den Lockungen. Sie wurden drüben empfangen und erschossen. Seither wußte die Division endgültig, was sie erwartete ... Die ersten legten Hand an sich ...
Am 12. Mai gegen Mittag fiel die Entscheidung. Zwei amerikanische Offiziere erschienen bei (dem Divisionskommandeur) Bunitschenko. Dieser empfing sie mit flackernden Augen. Noch einmal war so etwas wie Hoffnung in ihnen. Aber diese wurde sofort enttäuscht. Die Offiziere teilten Bunitschenko mit, daß die amerikanische Demarkationslinie am Nachmittag, um 15 Uhr beginnend, nach Westen zurückverlegt werde. Sowjetische Truppen würden den freiwerdenden Raum besetzen.
Das war das Urteil. Bunitschenko ... entband seine Soldaten von ihrem Eid und schloß mit den Worten: "Ihr müßt nun wählen, wohin ihr gehen wollt, wohin ihr wenigstens versuchen wollt, zu gehen. Dort kommen die Sowjets. Dort gehen die Amerikaner. Mein Weg geht nach dem Westen, solange ich noch einen Atemzug habe und bis sie mich erschlagen." ...
Bunitschenko reichte Schwenninger schweigend die Hand. Nikolajew dagegen begleitete Schwenninger bis zur Tür. Als sie auf die Straße traten, fielen hier und da Schüsse. Nikolajew horchte in den Mittag hinaus.
"Gelmut Fritzowitsch", sagte er mit seinem unbewegten Gesicht, "da sterben sie schon." ...
Schwenninger traf den Kommandeur des Artillerie-Regiments, einen großen, gut gewachsenen, immer tapferen Menschen. Er saß an eine Hauswand gelehnt und wartete auf das Ende.
"Was soll ich tun?" klagte er mit starrem Blick. "Und wenn sie mich erschlagen, dort ist die Heimat, ich kann nicht länger in der Fremde leben."
Wahrscheinlich ging es Tausenden anderen wie ihm. Sie lagerten auf den Feldern und vor ihren Unterkünften, so, als habe sich lähmende Apathie und Ergebenheit in ein Schicksal, das offenbar unvermeidlich war, über sie gesenkt...

DER SPIEGEL 52/1952
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