DER SPIEGEL



GRÜNE

Strellson und Sonnenblume

Von Geyer, Matthias

Links? Rechts? Mitte? Ein erbitterter Positionskampf zwischen baden-württembergischen Bundes-Grünen, darunter die Parteipromis Cem Özdemir und Oswald Metzger, wirft ein Schlaglicht auf die Wirrungen in Joschka Fischers Partei. Von Matthias Geyer

Afghanistan. Irgendwann würde diese Frage kommen, auf die er wartet. Irgendeiner würde ihn bestimmt nach Afghanistan fragen.

Winfried Hermann steht ganz vorn in einem Konferenzraum des Deutschen Reichstags, auf den Stühlen sitzt eine Besuchergruppe von 50 Menschen, sie stellen ihm Fragen nach dem Leben eines Bundestagsabgeordneten. Sie kommen aus Tübingen in Schwaben. Es sind seine Leute. Tübingen ist Winfried Hermanns Wahlkreis.

Die Frage würde kommen.

Dann fragt einer: "Du, Winne, kannsch noch mal gschwind was sage, wie das gewesen isch mit Afghanischtan?"

Hermann nickt. Er geht jetzt vor seinem Publikum auf und ab. Er erzählt von diesen Tagen mit Afghanistan, es waren seine Tage, sie haben ihn für ein paar Tage berühmt gemacht. Nun kann er berichten: wie sie ihn unter Druck gesetzt haben, der Kanzler und die eigenen Leute von den Grünen, weil er gesagt hatte, er sei gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan; wie sie sein Gewissen in den Schraubstock nehmen wollten; wie er standhaft geblieben ist. Manchmal zuckt sein Kopf über dem roten Cordhemd hin und her.

"Du hasch wenigschtens Zivilcourage", ruft einer aus dem Publikum.

Dann sagt die Gruppenleiterin, dass man zum Ende kommen muss. Der Bus wartet.

Und sie wollen noch die Kuppel besichtigen. "Leider, Winne."

So viele Menschen haben dem Winne zum letzten Mal im vergangenen November zugehört. Jede Kamera bremste damals vor diesem kleinen Abgeordneten der Grünen, er war nicht mehr der unbekannte Mann mit der Halbglatze und dem Knopf im Ohr, er war der Mann der "Tagesthemen" und der "FAZ", weil er am lautesten "Frieden" schrie, als Gerhard Schröder die Vertrauensfrage stellte.

Dann gewann der Kanzler, die Bundeswehr durfte marschieren, und Winfried Hermann wurde ein vergessener Held. Das Merkwürdige am Abgeordneten Hermann blieb, dass er als Pazifist bekannt wurde, obwohl ihn vorher keiner als Pazifisten kannte. Als über den Einsatz im Kosovo abgestimmt wurde, war Hermann noch dafür gewesen. Es blieb die Frage, worum es ihm bei Afghanistan eigentlich ging. Um den Frieden? Oder um ihn? Seine Zukunft? Sein Mandat im Deutschen Bundestag?

An diesem Wochenende beim Parteitag der baden-württembergischen Grünen in Freiburg geht es um die Wahl der Listenplätze für den neuen Bundestag. Es geht dann auch um Winfried Hermanns Zukunft, und die Fragen von damals werden wieder interessant. Ist er ein Friedensengel? Oder hat er den Friedensengel gespielt?

Hermann, 49, hat in Berlin gerade ein neues Büro im Jakob-Kaiser-Haus bezogen, Zimmer 2601. Auf derselben Etage sitzt der Abgeordnete Oswald Metzger, Zimmer 2647. Ein Stockwerk tiefer, Zimmer 1649, arbeitet der Kollege Cem Özdemir.

Eins der Zimmer wird demnächst frei werden. Vielleicht sogar zwei. Denn der neue Bundestag wird im Herbst verkleinert, auf ein paar Baden-Württemberger muss die Berliner Republik dann verzichten.

Auch Oswald Metzger und Cem Özdemir fahren am Wochenende nach Freiburg, auch für sie geht es um die Zukunft. Mindestens eine von drei Karrieren wird nach dieser Wahl geknickt sein. Metzger und Özdemir haben sich darauf verständigt, dass es Hermanns Karriere sein soll.

Metzger und Özdemir behaupten, Hermann sei ein fulminanter Schauspieler. Metzger sagt: "Er hat den Pazifismus für sich entdeckt als Thema für die Listenaufstellung." Özdemir sagt: "Ich bin enttäuscht von der Friedenspolitik, die er gemacht hat."

Winfried Hermann spaziert vorneweg durch die Gänge des Reichstags, er hat seine Gruppe aus Tübingen im Schlepp. Jede Minute mit diesen Tübingern ist kostbar, und kein böser Joschka Fischer in Sicht, der ihm übers Maul fahren könnte. Hermann sagt: "Mensch, was waren die Grünen mal? Eine Alternative zum Bestehenden. Die waren schon äußerlich erkennbar." Die sahen so aus wie er. Die trugen Jeans und Cordhemden.

Cem Özdemir trägt Anzüge von schnieken Herrenausstattern. Oswald Metzger bindet sich immerhin bunte Krawatten um. Hermann hält beide für Polit-Yuppies, für die Ausverkäufer der grünen Bewegung. Es liegt nicht an ihm, dass diese Partei jetzt so ist, wie sie ist. Diese Partei, die mit Petra Kelly und Sonnenblumen anfing, um die Erde heil zu machen. Sie war gegen Krieg und für eine bessere Umwelt. Und heute? Heute ist sogar die CDU für eine bessere Umwelt, und dass man Krieg als letztes Mittel nicht ausschließen kann, haben die Grünen gerade auf ihrem letzten Parteitag beschlossen.

Die Grünen sind keine Gegenpartei mehr, sondern eine Partei, die weiter regieren will. Und wer bei den Grünen was werden will, muss sich Nischen suchen, um sein Profil zu finden. Oswald Metzger fand sein Profil als Haushaltsexperte, er ist für Marktliberalismus und niedrigere Steuersätze. Er könnte auch für die FDP arbeiten, sagen die, die ihn nicht mögen. Cem Özdemir ist für eine Politik des Fortschritts, fürs Moderne eben, auch wenn keiner so genau weiß, was das bedeuten soll. Und Winfried Hermann ist eben für den Frieden, den ohne Waffen. Vielleicht müsste er zur PDS gehen. Die gibt sich, seit ihre Funktionäre keinen Staat mehr unter Kuratel halten, auch so pazifistisch.

Hermann steht vor dem Aufzug, der die Tübinger zur Reichstagskuppel hochtragen wird. Einer fragt ihn, wie es mit seinen Chancen für Freiburg aussieht. Er zieht seine schwarze Baskenmütze vom Kopf und rechnet vor: Die Plätze mit den ungeraden Nummern sind schon mal, wie es alter grüner Brauch ist, für die Frauen reserviert. Platz zwei? Auf Platz zwei kandidiert Fritz Kuhn, der Parteichef. Gegen Kuhn hat er keine Chance. Also tritt er auf Platz vier an. Gegen Rezzo Schlauch. Schlauch ist Fraktionschef. Eigentlich hat Hermann auch gegen Schlauch keine Chance. Aber Schlauch könnte ein Problem kriegen. Schlauch ist so etwas wie der Fußabtreter des Kanzlers. Und wenn Schlauch trotzdem gewinnt? Versucht es der Winne noch mal auf Platz sechs. Gegen Özdemir und Metzger.

Kuhn, Schlauch, Metzger, Özdemir, alles Superrealos, und alle vor ihm? Das kann nicht sein, sagt Winfried Hermann, "das wäre eine schlimme Botschaft nach draußen". Sicher, Baden-Württemberg war schon immer die Heimat der realpolitischen Grünen - wer regelmäßig zur Kehrwoche antritt, versteht auch, dass man die Umwelt sauber halten muss. Letztes Jahr liefen den Grünen im Südwesten fast sieben Prozent der Mitglieder davon - größtenteils Linke. Hermann will den Delegierten trotzdem sagen: "Ich stehe für grüne Identität."

Die Frage ist nur: Was ist eigentlich grüne Identität?

Vielleicht ist Cem Özdemir grüne Identität. In seinem Vorzimmer im Jakob-Kaiser-Haus stehen zwei Regale mit Ordnern, in denen er die Artikel über sich sammeln lässt. Es liegen vier Stapel mit Fotos von ihm aus und ein paar CDs, die er auf schwäbisch besprochen hat. Sein Büro sieht aus wie ein Souvenirshop.

Özdemir, 36, greift in seine schwarze Anzugtasche und zieht drei Autogrammkarten hervor. "Für jede Generation eine", sagt er, "für die Jungen, für die Älteren und für die Internet-Freaks." Drei verschiedene Autogrammkarten hatte nicht mal Lothar Matthäus zu seinen besten Nationalelf-Zeiten.

Dann fällt der Abgeordnete Özdemir in einen schwarzen Sessel hinter einem schwarzen Schreibtisch und sagt: "Also für die Wahl, da hab ich ein gutes Gefühl."

Die Wahl findet ja streng genommen zum zweiten Mal in diesem Jahr statt. Schon im Februar waren Baden-Württembergs Grüne zum Listenparteitag beieinander, und dann musste die Veranstaltung mittendrin abgebrochen werden, weil man festgestellt hatte, dass nach einem Computerfehler zwei Delegierte zu viel im Saal waren. Özdemir hat damals allerdings schon gemerkt, dass es für ihn laufen könnte, wie es immer läuft. Er kriegt immer die meisten Stimmen.

Es gibt andere Abgeordnete, sagt er, die diese Verlängerung nutzen mussten, um noch mal aufzufallen. Er nicht. Es lief von selbst. Vor kurzem kam diese Anzeigenkampagne in die Zeitungen, in der er für den Herrenausstatter Strellson wirbt. Er guckt darauf, als wäre er gern James Dean. Die Kampagne hat der Bewerbung jedenfalls nicht geschadet. Die Macht eines Abgeordneten hängt ja auch davon ab, wie oft sein Gesicht gedruckt wird.

Wozu brauchen die Grünen ihn eigentlich?

Cem Özdemir ruft seine Sekretärin an. Sie soll mal sein Bewerbungsschreiben für den Parteitag bringen. Da steht alles drin, sagt er.

Die Sekretärin bringt ein DIN-A4-Blatt, das nicht voll geschrieben ist. "Was, so wenig ist das nur geworden?", fragt Özdemir.

Mehr ist nicht, mehr muss auch nicht sein. Özdemirs politische Botschaft ist, dass es Özdemir gibt. Einen Sohn türkischer Einwanderer, der es in den Bundestag geschafft hat. Mit Anfang dreißig schrieb er seine Memoiren ("Ich bin Inländer. Ein anatolischer Schwabe im Bundestag"). Er ist für mehr Toleranz zwischen Ausländern und Deutschen und trägt Strellson-Anzüge. Mehr ist nicht.

Aber er kann besser schwätzen als Fritz Kuhn und Rezzo Schlauch zusammen. Er saß nicht in der Kommission, die das Zuwanderungsgesetz aushandelte, aber er hatte immer etwas zu sagen.

Und an dem Tag, an dem der Bundesrat sein billiges Theater aufführte, machte Özdemir großes Kino. Er hatte jede Menge Kameras und 42 Türken in die Parteizentrale einbestellt. Die Türken sollten an diesem Tag Mitglieder bei den Grünen werden. Er gab ihnen Küsse auf ihre Wangen, verteilte Sonnenblumen und Antragsformulare und sprach deutsch, schwäbisch und türkisch. Er ist der Günther Jauch der grünen Partei.

"Ich will erreichen, dass es Leute gibt, die sagen: Euch Grüne kann man nicht wählen. Aber der Özdemir - bella figura", sagt er. Wahrscheinlich ist Özdemir ein bisschen größenwahnsinnig.

Oswald Metzger, 47, sieht nicht so aus, als könnte er jemals für das Haus Strellson Modell stehen. Er hat auch kein schwarz möbliertes Arbeitszimmer. Aber: Einmal stand er sogar ganz vorn in der "Bild"-Zeitung. Das war ihm nicht ganz unrecht. Natürlich hatte es auch was mit dem Parteitag in Freiburg zu tun.

Den Anlass lieferte Rudolf Scharpings Airbus-Flotte. Metzger, der Haushälter, hatte in seinem Ausschuss den Widerstand gegen das geplante Finanzierungsmodell organisiert. Er sagt, er habe für die Rechte des Parlaments gekämpft. Natürlich hätte er das intern regeln können. Aber er ging zu einer Zeitung und lieferte ein schönes Zitat ab: "Der Kaufvertrag wurde grottenschlecht verhandelt."

Er betrieb das, was im Sinne von Saarlands Ministerpräsident Peter Müller legitimes Theater ist: gespielte Empörung, die einen inhaltlichen Hintergrund hat. In der "Bild" stand, Gerhard Schröder habe den Grünen mit Rausschmiss gedroht, sollten sie ihren Metzger nicht in den Griff kriegen.

Richtig ist, dass dieser ewig Empörte dem Kanzler manchmal auf die Nerven geht. Auch das ist schon eine unglaubliche Ehre für einen kleinen Abgeordneten.

Ob er die Nummer auch gedreht hätte, wenn es diesen zweiten Parteitag in Freiburg jetzt nicht gäbe? Oswald Metzger spielt einen Moment mit seiner Krawatte. Dann sagt er: "Die Zeit arbeitet jedenfalls nicht gegen mich. Diese Airbus-Sache war für mich profilbildend."

Metzger und Özdemir haben eine Vereinbarung getroffen. Derjenige, der im ersten Wahlgang um Listenplatz sechs weniger Stimmen bekommt, steigt freiwillig aus. Damit am Ende nicht Hermann gewinnt.

Metzger weiß, was passieren müsste, damit dieser Fall eintritt. "Wenn sich die Weltlage bis zum Parteitag militärisch zuspitzt, dann profitiert der Hermann davon." Der Pazifist würde zum Kriegsgewinnler. Vielleicht hört sich das komisch an, sagt Metzger. Aber so liegen die Dinge.

Winfried Hermann ist mit seiner Gruppe aus Tübingen in der Kuppel angekommen. Er zieht seine schwarze Baskenmütze wieder auf, weil es hier oben zieht.

Wie also war das damals mit Afghanistan und seinem Pazifismus? Warum war er im Kosovo dafür und in Afghanistan dagegen?

"Das mit dem Kosovo war ein Fehler, das würd ich heute nicht mehr machen."

Hermann war 14 Jahre im Schuldienst, bevor er 1998 in den Bundestag kam, und dann kam auch gleich der Kosovo-Krieg. "Ich habe sanfte Kritik am Kosovo geäußert, aber mit sanfter Kritik hast du keine Chance in den Medien. Ich war ein No Name. Ich hatte keine Ahnung, wie es läuft." So muss man das sehen, sagt er.

Wie läuft es denn?

"Du musst schneller sein als die anderen. Du musst wissen: Wie sag ich was?"

Also gibt es das doch, den inszenierten Pazifismus?

"Du darfst nicht herumeiern. Das ist in den Medien nicht gefragt."

Und einer, der herumeiert, kann auch auf so einem Parteitag nichts werden?

"Sicher ist: Ohne Afghanistan wäre es schwerer geworden zu begründen, warum man mich braucht."

Die Gruppe aus Tübingen hat sich in der Kuppel zu einem Foto zusammengestellt. Winfried Hermann steht in der Mitte. Der Fotograf drückt ab. Es sieht aus wie ein Abschiedsfoto.

* Mit Freundin Pia Castro. * Auf der Landesdelegiertenkonferenz am 25. Februar in Ehingen.

DER SPIEGEL 15/2002
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