Von Stark, Holger
Wenn Guido Westerwelle über Thomas Borer-Fielding redet, dann nur in den höchsten Tönen. Ein toller Diplomat sei der Schweizer Botschafter in Berlin; ein Eidgenosse, den seine Landsleute "lustiger finden, als es ihre Verfassung erlaubt", schwärmte der FDP-Chef erst jüngst beim Jahrestreffen des Aachener Karnevalsvereins Ende Januar. Der Diplomat, soeben mit dem "Orden wider den tierischen Ernst" ausgezeichnet, kalauerte sogleich zurück:
Seine Frau Shawne Borer-Fielding? Deren Dekolleté ähnele zuweilen "einem optischen Selbstbedienungsladen", frohlockte der sinnenfrohe Botschafter. Rudolf Scharping? Der sei doch nur deshalb Verteidigungsminister geworden, weil er so oft am Ballermann gesessen habe. Das Publikum im Aachener Festsaal tobte, die anwesenden Politiker von Angela Merkel bis Ulla Schmidt waren begeistert.
Der Diplomat als Entertainer und Charmeur - so liebte Thomas Borer-Fielding, 44, Spitzname "Botschafter lustig", seinen Beruf. So glaubte er, in der Mediengesellschaft erfolgreich zu sein. Und so hoffte er - angetreten, den "Mythos Matterhorn" nördlich der Alpen zu modernisieren -, am besten für die Schweiz werben zu können.
Bis vergangene Woche.
Da machte der Paradiesvogel des Berliner Diplomatenzirkus persönlich Bekanntschaft mit einer Form des Journalismus, die sich derzeit ausbreitet im mittleren Europa: dem "Luder-Journalismus". Und mit einem Mal sind die Schlagzeilen, die der sonst so spaßige Botschafter liefert, gar nicht mehr in seinem Sinn ("Herr Borer, Sie lügen!") - sie könnten ihn sogar den Posten kosten.
Seit vorletztem Wochenende beschuldigt ihn die Boulevardzeitung "SonntagsBlick" (Eigenwerbung: "hautnah dabei"), eine heiße Affäre mit einer Berliner Visagistin zu haben. Als Beweis veröffentlichte das Blatt eine Serie verschwommener Fotos. Die sollen belegen, dass in der Nacht des 21. März, 0.47 Uhr Ortszeit, eine spärlich bekleidete Frau ("Minirock", "halterlose Strümpfe ", "kniehohe Stiefel") mit Borer-Fielding in dessen Dienstwagen in der Botschafts-Tiefgarage verschwand. Der Diplomat selbst ist auf den Bildern jedoch nicht zu sehen.
Die Aufnahmen stammten, so legte es das Blatt - fälschlicherweise - zuerst nahe, von einer Überwachungskamera des gegenüberliegenden Kanzleramtes - was die Bundesregierung prompt dementierte.
Das angebliche nächtliche Vergnügungsprogramm des Botschafters, eigentlich dessen Privatsache, ist jedenfalls inzwischen zur Staatsaffäre geworden. Was auch immer in jener Märznacht geschah - längst geht es nicht mehr um die Frage, wer bei wem eingestiegen ist. Auf dem Spiel steht die Zukunft eines Diplomaten, der sich des öffentlichen Vorwurfs der Lüge erwehren muss, weil er jeden privaten Kontakt mit der Frau bestreitet.
Für Anfang dieser Woche hat der Schweizer Außenminister Joseph Deiss seinen vorigen Freitag noch im Osterurlaub auf Mauritius weilenden Mitarbeiter zum Rapport einbestellt. Es liege "jetzt an Thomas Borer, noch einmal zu bekräftigen, was tatsächlich geschehen ist", ließ der Minister seinen Sprecher aber schon mal frostig verkünden.
Da wird Aussage gegen Aussagen stehen. Denn es redet nicht nur die vermeintliche Geliebte. Auf der Lauer lag in jener Nacht auch ein Paparazzo vom "SonntagsBlick", von dem die veröffentlichten Fotos in Wirklichkeit stammten. Er will gesehen haben, wie die Visagistin Djamile R., 34, Oberweite 87 Zentimeter, in einem roten Ford Fiesta vorgefahren sei, gefolgt von einem Diplomaten-Daimler, den Borer-Fielding persönlich gesteuert habe.
Die Frau habe ihren Wagen geparkt, sei zu Borer-Fielding gestiegen und mit ihm in der Tiefgarage verschwunden. Um Punkt 2.34 Uhr, so der Paparazzo, sei die Besucherin schließlich wieder aufgetaucht, habe ihre hochhackigen Schuhe gegen Straßenschuhe getauscht und sei davongebraust.
Ein Hauch von Bill Clinton also - der einst seine Monica für kurze Momente des Glücks ins Oval Office eindringen ließ.
In Bedrängnis könnten den Botschafter nun kleine, anzügliche Details bringen. Mit dem Inneren der diplomatischen Privatgemächer will des Gesandten "attraktive Brünette" ("Bild"), die zunächst angegeben hatte, mit diesem nur "gekuschelt" zu haben, nämlich ziemlich gut vertraut sein: "Schwarz-rot-goldene Bettwäsche" liege dort häufig auf - dem Gastland angemessen; zwei Bilder mit den Sternzeichen Löwe (Thomas Borer-Fielding) und Krebs (Ehefrau Shawne) hingen an der Wand. Links des Bettes stehe eine "süße kleine Hundehütte" mit einer Miniaturausgabe der Schweizer Fahne auf dem Dach.
Borer-Fieldings erste Reaktion, dass "die Dame nie zu Gast war in meinen Privaträumen", klingt da wenig glaubwürdig.
Einmal habe sie der Botschafter zu einem Schäferstündchen zu Hause besucht ("Er blieb etwa eine oder eineinhalb Stunden. Dann hat er sich angezogen und ist gegangen"), weiß das frühere Gelegenheits-Nacktmodell auch noch zu berichten, das weder von Borer-Fielding noch vom "SonntagsBlick" Geld bekommen haben will. Ein andermal hätten sie so heftig im Auto geflirtet, "dass die Scheiben des Fiesta beschlagen" gewesen seien. Borer und sie, das sei "reiner, purer Sex" gewesen.
Dass es ausgerechnet die Boulevardpresse aus dem Hause Ringier ist, die ihm nun so zusetzt ("Ein trauriger Narr"), sollte den Botschafter eigentlich nicht wundern. Vorgewarnt war Borer-Fielding spätestens, seit er vor etwa anderthalb Jahren den Musiker Klaus Meine verdächtigt hatte, homosexuell zu sein. Schon damals wurde er zu seinem Minister zitiert, auch "Blick" und "SonntagsBlick" warteten seitdem auf weitere Fehltritte.
Staunend erinnert sich bei alldem so mancher an eine "SonntagsBlick"-Kolumne des Ringier-Chefpublizisten Frank A. Meyer. Der hatte, mit Blick auf die Clinton-Lewinsky-Affäre, vor Jahren die publizistische "Jagd auf den Schürzenjäger im Präsidentenrock" kritisiert und dafür plädiert, "die öffentliche Debatte wieder der öffentlichen Sache" statt dem Intimleben der Regierenden zu widmen.
Recht auf seine Privatsphäre reklamiert nun auch Borer-Fielding, der sich wie "Freiwild" fühlt. Zu den amourösen Angaben seiner angeblichen Geliebten wollte er sich vergangenen Freitag nicht mehr konkret äußern, nachdem er sie Anfang der Woche noch abgestritten hatte.
Nun haben die Juristen das Wort. Der Botschafter hat seine Rechtsanwälte eingeschaltet, um Klage gegen die Boulevardblätter einzureichen. Das begrüßt auch das Außenministerium. Nur so, heißt es dort, könne der Botschafter beweisen, dass er die Wahrheit sage. HOLGER STARK
DER SPIEGEL 15/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.