Von Festenberg, Nikolaus von
Seit gut eineinhalb Jahren hat das Rätsel Harald Schmidt einen neuen Namen: Manuel Andrack. Wie immer war das Fernsehen schneller als seine Deuter vom Feuilleton, doch jetzt kommt die Nebelproduktion über den Assistenten des Meisters so richtig ins Wabern. "Da gibt es nichts zu enthüllen", titelte die "Frankfurter Allgemeine" jüngst. "Edle Einfalt, stille Größe: Manuel Andrack widerlegt mit passivem Widerstand die Fama der Medien." Du liebe Zeit.
Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb zuvor: "Mit Andrack hat Schmidt in dem Moment, als seine Sendung eine Nummernrevue für die New-Economy-Clique hätte werden können, einen festen Boden eingezogen: Andrack ist der Prototyp des in den 80ern gewachsenen Nachdenkers, der auf dem Fundament von Bündnis 90/Die Grünen, Steven Spielberg und dem 1. FC Köln seine gelassenen Gedankenrunden dreht." Formulierungen, die sich mutig der Gefahr stellen, aus der Schmockkurve zu fliegen.
Erst mal so viel: Andrack ist ein zum Belachen der Pointen des Meisters Harry entschlossener freundlicher Mann, 1.-FC-Köln-Fan trotz allem, computerkundig, glamourabhold, brav und bieder. Einer wie du nicht und du auch nicht, aber uns aller Zuschauer Vertreter, wie er da an seinem kleinen Arbeitstisch am Rand der roten Bühne sitzt.
Früher war Andrack Aufpasser, von Sat.1 zur Kontrolle der Schmidt-Pointen entsandt, dann wurde er Redaktionsleiter, und nun, da er vor der Kamera sitzt, darf gerätselt werden: Für was steht der Mann? Welche Widersprüche der Mediendialektik erklären ihn? Wohin treibt die Spaßkultur seit Andrack?
Ein Blick in die Deutung seines Chefs lehrt: Andrack sehen fällt leichter, als seine Funktion zu beschreiben. Die Schmidt-Exegese hat mittlerweile eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Am Anfang, als der lange Schwabe noch bei Sendern wie Radio Bremen zusammen mit den gnomig-pummeligen Jacob-Sisters herumtingelte ("Sag ja zum Ja"), entdeckten ihn Beobachter als Symbol für die "Selbstreferentialität des Mediums Fernsehen": alles bloß Glotze, nichts dahinter, nichts davor.
Der Theoriebegeisterung der Kritiker folgte die Sorge. Denn Schmidt, seit 1995 wochentäglicher Late-Night-Talker bei Sat.1, schweinigelte und rüpelte sich zunächst nach Kräften durch die nächtliche Stunde, beleidigte Polen, legte Anstandslücken gegenüber Frauen an den Tag ("Was haben Klobrillen und Bettina Böttinger gemeinsam? Die würde kein Mann freiwillig anfassen."), entzog sich den Wächter-Pflichten des guten, uralten deutschen Kabaretts, kotzte in Sketchfilmen (Ex-"Explosiv"-Moderatorin Barbara Eligmann: "Geschmacklos"). Dirty Harry - die Kritik sah ihn schon in den Abgründen der Klamauk- und Spaßkultur verschwinden.
Doch dann ging ein Aufatmen durch das Feuilleton. Schmidt verkündete: "Nach der Ironie kommt das Pathos. Ich bin pathosfähig. Weil jeder ironisch ist, muss es zu einer Rückkehr der Emotionen kommen."
Erst mal kam es zu gehobenem Schulfunk: Wer war eigentlich Bach? Was passiert im Hamlet? Wie heißen die biblischen Propheten? Dann holte Schmidt seinen Knecht Andrack, und es gibt wieder was zu deuten.
Das Fernsehen mache durch ihn seine Produktionsmittel zum Produkt, heißt es. Wenn es einen von hinter den Kulissen auf die Bühne stelle, dann spiele es mit sich selbst, genauso wenn es auch Kabelträger, Bandleader Helmut Zerlett und sehr blonde Assistentinnen in den Ablauf einbeziehe.
Wehe dem nun, der einen Soloauftritt von Schmidt lustiger findet als Zerletts Erzählungen über kopulierende Kröten in seinem Garten oder Andracks Imitation des Rauschens eines Eisenbahnklosetts. Auch wenn Schmidt zu Andrack sagt: "Du guckst mich an, als hättest du dich in der Show geirrt", hat das nur stark beschränkte Komik: Der Mann guckt immer so.
Der neue Betriebshumor dämpft den genialischen Wahnsinn des Bühnentyrannen Schmidt. Ihm selbst bringt die Andrackisierung der Show dagegen erfreuliche Spareffekte. Das dauernde Beiseite-Gelaber mit den Mitarbeitern, kopiert beim US-Vorbild David Letterman, spart Denkarbeit, teure Animationsfilme und die Nervenkraft, als Gagfeuerwerker gegen die Müdigkeit des Publikums anzuballern.
Mitunter gerät das im Verein mit Andrack inszenierte Geplänkel zur bloßen Sendezeitschinderei am Rand der Arbeitsverweigerung: Da werden mal Ikea-Möbel zusammengeschraubt, mal in lähmender Betulichkeit Ostereier gefärbt, mal - wie vorige Woche - auf einem eigens angekarrten Kinderspielplatz die Rituale elterlichen Konkurrenz- und Aufsichtsgebarens nachgestellt.
Klar, seit jeher ist Schmidts innere Kraftquelle neben der Lust an Hypochondrie (Susan "Stänkie" Stahnkes Schmerzens-Ach während der Darmspiegelung) die Regression, der genussvolle Rückfall in die Qualen und Wonnen der Jugendzeit.
Als Dirty Harry war Schmidt pubertierender Tertianer, dann wurde er, am Ende der Mittelstufe, Streber, der sich mit dem Vermitteln von Bildungsgütern Fleißkärtchen erwarb.
Die Andrack-Phase entspricht der reformierten Oberstufe: Wir rücken die Tische zusammen, irgendeinem wird zum Projekt noch was einfallen, und Andrack darf in der Sendung eine Flasche Bier trinken. Allerdings: Wo die Genialität Pausen einlegt, muss wenigstens Ordnung sein. Kein Wunder, dass Schmidt in jeder Sendung Eintragungen ("Wer fehlt unentschuldigt?") ins Klassenbuch macht. Und wenn der Moderator seine Mitarbeiter Geräteturnen lässt, dann grüßt der knorzige Pennäler-Charme der "Feuerzangenbowle".
Irgendwann aber geht auch die gemütlichste Gymnasialzeit zu Ende. Dann, liebe Schööler, muss sich das Bemühen um bessere Fleißnoten entschieden steigern. NIKOLAUS VON FESTENBERG
DER SPIEGEL 15/2002
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