15.04.2002

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEAlle lieben Kurt

Übereifrige Polizisten fahren einem Tänzer ein Bein ab.
Die Nacht ist lau und riecht nach Frühling. An der Seite seines Freundes, Typ Latino, schön und zärtlich, sitzt Kurt von Allmen im Club "T & M", wo er oft verkehrt, Marktgasse 14, Zürcher Altstadt. Der Mann nippt an einem Bacardi, er trägt weiße Kleider und weiße Schuhe, Ringe in beiden Ohren, Ringe an den Fingern.
Alle kennen Kurt, alle lieben ihn. Es ist halb zwei am Morgen des 14. März 2002, und von Allmen denkt an den nächsten Abend.
Dann wird er, unter Perücke und Nadelstreifen, Katja Ebstein geben. Im nahen "Pigalle", wo er vor drei Jahren seinen Traummann fand. Von Allmen wird auf die Bühne steigen, wird sich bewegen wie die Sängerin, die ihm als Kind schon gefiel, Katja mit dem breiten Mund, wird ihre Lieder singen, "Es war einmal ein Jäger", "Ich bin keine Nummer in deiner Kartei", "Theater".
Von Allmen verkleidet sich gern, schminkt sich gern, zeigt gern Bein. Tagsüber kaufmännischer Sachbearbeiter bei der Versicherung "Zürich", Kundendienst Einzel-Leben, ist Kurt nachts Beverly Stardust, Travestiekünstler. Sein Ruf ist gut. Seit sieben Jahren entrückt er das Publikum, begeistert in Bars, bei Geburtstagsfesten, Betriebsfeiern, Vereinssausen. Vor Wochen erst, bei einer Abteilungsfete der Zürich, vor 120 Leuten, hat das Klatschen kaum aufgehört, Kurt tanzte sich die Seele aus dem Leib, schlüpfte in viele Kostüme, lange Röcke und kurze, Kurt, was hast du für schöne Beine, Herr von Allmen, toll, was Sie da machen, lobten die Chefs.
Von Allmen gefällt, dass seine Beine gefallen, selbst den Frauen. Und manchmal sagt er im Scherz: Meine Beine sind meine Wertanlage, ich sollte sie längst versichern lassen.
Der Mann bestellt eine Cola light. Er denkt an den Abend, denkt an Katja Ebstein, an die Texte ihrer Lieder, die er auswendig kennt: "Und der Clown, der muss lachen, auch wenn ihm zum Weinen ist / Und das Publikum sieht nicht, dass eine Träne fließt / Und der Held, der muss stark sein und kämpfen für das Recht / Doch oft ist ihm vor Lampenfieber schlecht."
1.45 Uhr. Alarm bei der Funk- und Notrufzentrale der Stadtpolizei Zürich. Einbruch ins Elektronikfachgeschäft "Münsterton", Marktgasse 18-20, ein Mann rennt weg. Die Polizei rast los.
Kurt von Allmen leert das Glas. Er ist müde, will nach Hause. Vor dem Club küsst er seinen Freund, mit dem er eine Wohnung teilt. Der Freund ist mit dem Fahrrad in die Altstadt gekommen, von Allmen hat sein Auto vor dem Gasthaus "Zum grünen Glas" geparkt, in der Straße Untere Zäune.
Und plötzlich hat er einen Gedanken: Was, wenn ich vor meinem Freund zu Hause wäre? Um ihn zu überraschen?
Einfach so.
Ohne Grund.
Von Allmen liebt ihn sehr, seinen Traummann, den er vor drei Jahren mit roten Blumen eroberte und einer Hand voll Knabberstäbchen für die 50 Wellensittiche, die der Beworbene besaß. Seither sind sie ein Paar, teilen alles, was teilbar ist, die Liebe, das Leben, vier Kaninchen, die das Geflügel ersetzten.
Kurt von Allmen beginnt zu laufen. Es ist 13 Minuten vor zwei. Er biegt in die Unteren Zäune, rennt in der Mitte der Straße. Auf einmal rollt ein Polizeiwagen heran, ohne Blaulicht und Lärm, kommt näher.
Auf Grund des auffälligen Verhaltens des Mannes, wird die Stadtpolizei Zürich Stunden später verlauten lassen, hatten die Beamten den Verdacht, es könnte sich um den gesuchten Einbrecher handeln.
Von Allmen weicht nach links aus, merkt, dass er dem Auto so nicht entkommt. Er rennt nach rechts auf den Gehsteig, sieht, dass der Wagen nicht bremst, er drückt sich an die Hauswand, Untere Zäune 19, von Allmen stemmt die Hände gegen das Blech, er schreit: Was soll der Scheiß?
Kurt von Allmen spürt nichts.
Als das Polizeiauto zurücksetzt, sieht Kurt von Allmen sein linkes Bein in einem seltsamen Winkel abstehen, Blut schießt aus der weißen Hose, er sinkt zusammen, stürzt aufs Pflaster und denkt: Kurt, dieses Bein hast du nicht mehr lange. Dann denkt er: Wenn mein Schatz mich deswegen nur nicht verlässt!
Drei Beamte hetzen aus dem Auto, durchsuchen von Allmens Taschen nach Diebesgut, einer bindet ihm das Bein ab, der Polizist schwitzt und stottert, er sei vom Gas gerutscht, und von Allmen legt ihm die Hand auf den Schenkel: Hey easy, ich leb ja noch. Dann greift er zum Handy, ruft seinen Freund an, redet, um ihn nicht zu beunruhigen, von einem blöden Zusammenstoß mit der Polizei, ich muss ins Spital, reg dich nicht auf.
Das linke Bein des Kurt von Allmen ist nicht zu retten. Ärzte schneiden es zu einem Stumpf, Freunde bringen Blumen und Stofftierchen, und die Polizei braucht Tage, um zu merken, dass Kurt von Allmen kein Einbrecher ist. Sondern nur ein Mann, 32 Jahre alt, der gern Bein zeigte. Und seinen Liebsten überraschen wollte, ohne Grund.
Doch vielleicht, denkt Beverly Stardust, sieht eine Prothese, wenn sie Strumpf auf Strumpf trägt, nicht mehr aus wie eine Prothese. ERWIN KOCH
Von Erwin Koch

DER SPIEGEL 16/2002
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