DER SPIEGEL



KINO

Amerika - allein zu Haus

Von Beier, Lars-Olav

Mit seinem neuen Thriller "Panic Room" triumphiert der Regisseur David Fincher gerade in den US-Kinos. Jodie Foster spielt darin eine Frau, die auf engstem Raum ums Überleben kämpft.

Langsam fährt die Kamera auf eine Wand zu. Von Ferne sind dumpfe Schläge zu hören, und das Mauerwerk vibriert. Die Kamera geht noch näher heran, bis sie die ersten feinen Risse erkennen kann. Kein Staubkorn entgeht ihrem Blick. Mit mikroskopischer Präzision führt der Regisseur David Fincher in seinem neuen Thriller "Panic Room" vor: Die Welt ist aus den Fugen.

Das klaustrophobische Kammerspiel, das in den Vereinigten Staaten in nur zwei Wochen über 60 Millionen Dollar einspielte, erzählt die Geschichte der gerade geschiedenen Meg Altman (Jodie Foster), die mit ihrer Tochter Sarah (Kristen Stewart) ein Haus in New York bezieht. Das Gebäude verfügt über einen so genannten Safe Room, in den die Bewohner fliehen können, wenn sie von Einbrechern bedroht werden. Ein Tresor für das Wertvollste, was man besitzt: das eigene Leben.

My home is my castle - dieses Gefühl, zu Hause sicher und geborgen zu sein, wird im Lauf der Handlung von Grund auf erschüttert. Im Schlussbild von Finchers letztem Film "Fight Club" (1999) sieht der Zuschauer, wie Hochhäuser, die von Terroristen gesprengt wurden, in sich zusammenfallen. Sein neues Werk, obgleich fast vollständig vor dem 11. September gedreht, wirkt wie ein Trümmerfilm über das zerstörte Bewusstsein der Amerikaner, auf eigenem Terrain unverwundbar zu sein.

"Über Safe Rooms wird in den Vereinigten Staaten zurzeit reichlich viel Aufhebens gemacht", sagt David Fincher in den Sony Studios von Los Angeles, lehnt sich lässig im Sessel zurück und spielt die Debatte herunter. Er sitzt allein an einem gut 20 Meter langen Tisch in einem Sitzungssaal, der so groß ist, dass man Angst vor der Weite bekommen könnte. "Viele Menschen glauben nun, sie seien in ihren eigenen vier Wänden besonders gefährdet."

Sieben Jahre ist es her, dass Fincher, 40, mit dem Horror-Thriller "Sieben" den Nerv des Publikums traf: Ein Serienkiller mordet sich durch eine morbide Metropole und hält der Zivilisation ihre Todsünden vor. Danach blieb der als Perfektionist geltende Fincher, in den achtziger Jahren als Videoclip- und Werbefilmregisseur schon ein Star, mit dem Michael-Douglas-Vehikel "The Game" (1997) und mit "Fight Club" an der Kinokasse hinter den Erwartungen zurück.

Nun kann er die Hände in den Schoß und die Füße auf den Tisch legen. Die Baseballkappe tief in die Stirn gezogen, betrachtet er seine Stricksocken, stochert zwischen den Zähnen herum und lässt das Projekt, das ihm ein so fulminantes kommerzielles Comeback verschaffte, noch einmal Revue passieren.

"Als mein Agent erstmals von 'Panic Room' sprach, sagte er: 'Die Geschichte spielt in einer einzigen Nacht in einem einzigen Haus - das Projekt ist für dich viel zu klein.' Ich war sofort neugierig."

Bei der inszenatorischen Tour de Force "Fight Club" musste Fincher noch Dutzende von Schauplätzen abklappern und fühlte sich oft wie ein Marathonläufer, der nach Überquerung der Ziellinie wieder zur nächsten Runde durchstarten muss. Der Regisseur, der auf der Kurzstrecke reüssiert hatte und in dem Madonna-Video "Oh Father" (1989) das Leben einer Frau auf knapp fünf Minuten verdichtete, wollte es diesmal ruhiger angehen lassen.

"Ich mag Filme wie Hitchcocks 'Das Fenster zum Hof', die aus der Beschränkung Spannung entwickeln. Der von James Stewart gespielte Held sitzt in seiner Wohnung mit gebrochenem Bein im Rollstuhl. Sein Bewegungsspielraum ist so minimal, dass er nur einen kleinen Teil der Welt jenseits des Fensters einsehen kann. Den Rest muss er sich ausmalen. Dies ist vielleicht die filmischste Situation überhaupt. Denn sie entspricht der des Kinozuschauers."

Fincher wäre nicht Fincher, würde er die Gelegenheit, in der Beschränkung seine Meisterschaft zu beweisen, nicht nutzen. Zwar spielt "Panic Room" fast ausschließlich im Haus der Heldin, das von drei Einbrechern in Besitz genommen wird, doch davon ließ sich der Regisseur nicht einengen. Er weiß, was er seinem Ruf schuldig ist, ein visueller Virtuose zu sein. Wäre er ein Fußballspieler, könnte man sagen: Er tanzt auf dem Bierdeckel drei Gegner aus.

In der spektakulärsten Einstellung entfernt sich die Kamera langsam vom Bett der schlafenden Heldin, als wolle sie sie bloß nicht aufwecken. Dann beschleunigt sie das Tempo, eilt über den Flur, beugt sich im Treppenhaus über das Geländer, stürzt in die Tiefe, saust durch das Erdgeschoss, rast auf die Eingangstür zu - und steckt plötzlich mitten im Schloss. So gibt Fincher dem Begriff "Schlüsselloch-Perspektive" einen ganz neuen Dreh.

Er ist der Erfinder der penetranten Kamera, die ins Auge fällt wie die Tür ins Schloss, dafür aber in Bereiche vordringt, die dem menschlichen Auge gemeinhin verborgen sind. Fincher: "Die Kamera ist wie der allwissende Erzähler. Sie muss vor keiner Tür stehen bleiben und vor keiner Wand verharren. Sie begleitet die Figuren überall hin und zeigt sie von allen Seiten. Und sie kann sogar in sie eindringen: Wir sehen, was in ihren Köpfen vorgeht."

Durch ein Gehirn, vorbei an den Synapsen, wo die Nerven blank liegen, rast die Kamera durch eine Pore in der Kopfhaut, aus der sehr viel Schweiß strömt, saust durch die Haare, die zu Berge stehen, rast halb um den Schädel herum, stößt auf den Lauf einer Waffe und kommt zur Ruhe - vor dem Gesicht des Mannes, der die Waffe im Mund hat. So beginnt "Fight Club".

Spielend durchdringt Finchers Kamera Häuserwände und Schädeldecken. "Schon als Kind", sagt er, "wollte ich herausfinden, was unter der Oberfläche und hinter den Fassaden liegt - der Menschen wie ihrer Häuser. Eines Tages fuhren meine Eltern mit mir zu Verwandten, die ein paar Autostunden von uns entfernt lebten. Auf dem Weg dorthin sah ich eine Reihe Apartmenthäuser von der Rückseite. Das regte meine Phantasie enorm an. Ich fragte mich: Was sind das für Menschen, die dort wohnen? Was verbergen die vor uns? Wie viele Leichen haben die im Keller?"

Ein paar Kilometer weiter nördlich der Sony Studios, wo Fincher nun Interviews gibt, auf den Straßen von Beverly Hills, fühlt man sich so sicher wie in Gottes Schoß. In dieser urbanen Idylle ist jeder Vorgarten ein eigenes Kunstwerk. Bloß die Schilder, die wie unförmige Pilze aus dem Boden schießen, stören den Gesamteindruck. Auf ihnen steht: Armed Response.

Das bedeutet: Wer dieses Grundstück betritt, muss damit rechnen, erschossen zu werden. Der Bereitschaft, den eigenen Grund und Boden mit der Waffe zu verteidigen, verdanken die Vereinigten Staaten ihre Existenz. Auch heute noch wird man auf Schritt und Tritt mit ihr konfrontiert. "Safe Rooms", meint Fincher, "sind etwas für Leute, die Angst haben, in ihrem Haus zu Geiseln zu werden, die sich aber nicht mit der Waffe verteidigen wollen."

In den sechziger Jahren, als der Bau privater Atombunker in den USA staatlich gefördert wurde, nahmen auch einige Filmstars und Produzenten die Subventionen in Anspruch. Sie ließen sich, so das Gerücht, Bunker in ihre Vorgärten bauen - und nutzten sie, um darin ihren Wein zu lagern. Wenn man heute durch Beverly Hills geht, fragt man sich, wie viele dieser Bunker unter den hübschen Vorgärten, aus denen die hässlichen Schilder wachsen, wohl noch verborgen sind.

Fincher: "Den Raum in 'Panic Room' haben wir bewusst zu einem Bunker stilisiert. Jemand, der sich einen solchen Raum einbauen lässt, muss paranoid sein. Manches wirkt fast absurd. Aus der Wolldecke, die im Drehbuch stand, haben wir eine feuerfeste Decke gemacht. Braucht man die wirklich? Wer befürchtet, längere Zeit in einem Safe Room zubringen zu müssen, sollte sich eher mit einer Flasche Armagnac und einer guten Zigarre versorgen."

Gelegentlich hat man das Gefühl, Fincher blicke auf den ersten geradlinigen Genrefilm, den er nun mit "Panic Room" vorgelegt hat, absichtsvoll etwas herab, damit die Kritiker auch weiterhin zu ihm aufschauen. Etwas zu cool betont er, vor Hollywood nicht in die Knie gegangen zu sein. "Die Leute vom Studio wussten, was auf sie zukam. Wer mit mir arbeitet, bekommt die schlechten Neuigkeiten schon vorab. Ich sage genau, was mir vorschwebt. Und so wird's dann auch gemacht."

Ganz so allerdings nicht. Bei der Lichtgebung musste Fincher, der die Nachtseiten Amerikas sucht und die Sonne meidet, Zugeständnisse machen. Er wollte dem Zuschauer in einigen Szenen das Gefühl geben, die Hand vor den Augen nicht zu sehen. Das war dem Studio dann doch ein bisschen wenig.

"Wenn man mitten in der Nacht aufwacht, sieht man erst mal kaum etwas. Diesen Eindruck wollen wir in 'Panic Room' erzielen. Oft soll der Zuschauer mehr erahnen als erkennen, was auf der Leinwand passiert. Der Film ist zwar etwas heller geworden, als ich es mir gewünscht hatte, aber ich finde, man sieht immer noch wenig genug."

Im Halbdunkel findet Fincher die Bilder, die im Zuschauer Urängste wecken. "Panic Room" zeigt Jodie Foster im Bett, auf der Seite liegend. Da taucht hinter ihr, in der Tür, eine Silhouette auf - der schwarze Mann?

In "Sieben" hält der Killer dem von Brad Pitt gespielten Polizisten eine Pistole an den Kopf. Die Kamera blickt am Lauf der Waffe entlang - doch die Gestalt, die sie in der Hand hält, versinkt in der Unschärfe. "Wichtig ist nicht, was die Zuschauer sehen", sagt Fincher, "sondern was sie zu sehen glauben."

In "Panic Room" verschwimmt die Wirklichkeit jenseits des Hauses im Dauerregen. So vergisst der Zuschauer, dass es sich in New York befindet. Die Bedrohung ist an keinen Ort mehr gebunden. Der Film vereint seine Zuschauer unter einem Dach, das keinen Schutz bietet, und auf einem Untergrund, der stark ins Wanken gerät.

So ist am Ende des Films nur eines sicher: Sicher ist man nirgendwo.

LARS-OLAV BEIER


DER SPIEGEL 16/2002
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