15.04.2002

Bestie auf dem Drachenthron

Von Schulz, Matthias

Sie kannten keine Götter und schufen den mächtigsten Staat der Antike: Im alten China entstand eine mysteriöse Hochkultur, in der alles anders war als im Abendland. Um das Geheimnis des Großreichs zu lösen, öffnen Archäologen jetzt die Grabpyramide des ersten Kaisers Qin Shi.

Eine Wolke aus Lössstaub wirbelt über der Stadt Lintong. Vor einer Granitfassade spucken Busse chinesische Touristen aus. "60 Yuan", lispelt der Kassierer, gut acht Euro. Der Eintritt ins neue Nationalheiligtum ist teuer.

Unter einem Kuppeldach, groß wie ein Flugzeughangar, stehen 1087 Ton-Statuen aufgereiht in elf Erdschächten. Es sind mannshohe Krieger mit Brustpanzern, Hutschleifen und viereckigen Schuhen. Die Generäle tragen Bärte, die leichte Infanterie Dutts.

Am Ende der 200 Meter langen Halle haben Restauratoren einen Holztisch aufgebaut, auf dem abgebrochene Nasen, Köpfe und Oberarme liegen. Im schwachen Licht der Arbeitslampe wirken die umstehenden Statuen wie Untote. In ihren Leibern klaffen große Löcher.

Die Keramik-Armee gehört zum Jenseitsgeleit von Qin Shihuangdi, Chinas "Erstem Kaiser": Im Jahr 221 vor Christus schuf er am Huanghe das größte Imperium des Altertums. Mit Waffengewalt zwang er rund 40 Millionen Chinesen unter seine Herrschaft. Im Westen bekam davon keiner was mit.

Bereits 1974 waren Bauern beim Brunnenbohren auf die Anlage unweit der alten Kaiserstadt Xian gestoßen. Aber erst jetzt erschließt sich das wahre Ausmaß dieses "achten Weltwunders" (Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac).

Gesteuert vom Provinzmuseum Lintong und dem Archäologischen Institut Xian wird das Areal derzeit systematisch untersucht. Techniker mit Drillbohrern laufen durchs Gelände, kleine Bagger tuckern umher. Über 400 Erdschächte sind mittlerweile nachgewiesen, einer reicht 19 Meter tief - ein Labyrinth der Finsternis, in dem längst nicht nur Ton-Krieger stehen.

Statuen von Faustkämpfern, Viehzüchtern und Beamten wurden aus dem Erdreich evakuiert. In Grube K 9901 standen elf Akrobaten. Qin Shihuangdi (kurz: Qin Shi), so der neueste Forschungsstand, ließ zu seiner Beerdigung 500 Pferde ausbluten. Er nahm Tiger und Pandabären mit ins Grab.

Der Archäologe Duan Qingbo steht vor der Grube 0007. Auf dem Boden liegen 13 Bronzekraniche. Helfer sprühen Antikorrosionsschutz auf die platt gedrückten Metallfiguren. "Die Vögel standen auf Podesten; durch einen unterirdischen Kanal floss Wasser in die Grube", erklärt der Forscher, "es sieht aus wie eine nachgestellte Uferlandschaft."

In Gruft 0006 geht es grausiger zu; sie ist mit Knochen übersät. "Hier starben neun Pferde", erzählt Guido Heinz, ein Vermessungsingenieur aus Mainz. Mit einer Spezialkamera hält er die Lage der Skelette dreidimensional fest. Auch das Schlachtwerkzeug liegt noch auf dem staubigen Boden. Es sind vier Bronzebeile mit schweren Klingen.

Keine Frage: Zwischen den Granatapfel-Plantagen bei Lintong nimmt ein grandioser Baukomplex Gestalt an. Immer mehr Historiker nennen Kaiser Qin Shi in einem Atemzug mit dem Pharao Cheops.

Auf 56 Quadratkilometer Fläche ist das Totengeviert mittlerweile angewachsen (siehe Grafik Seite 184). 700 000 Arbeiter waren an seiner Fertigstellung beteiligt, darunter "Staatssklaven", die mit wenig Getreide als Essensration unter der Knute livrierter Aufseher schwitzten.

130 hölzerne Kampfwagen standen einst in den Kavernen. Sie sind alle verrottet. Die Ton-Armee strahlte in bunten Farben. Ein Soldatentyp trug grüne Röcke mit lavendelblauen Kragen und dunklen Hosen. Die Rüstungen, schwarz gefärbt, hatten weiße Nieten und goldene Knöpfe, an denen purpurne Kordeln baumelten - alles abgeblättert.

Auch der Erdkegel, unter dem der Kaiser bestattet liegt, hat schwer gelitten. Bestürmt von Wind und Wetter, ist er zu einem 47 Meter hohen unförmigen Haufen abgeschmolzen. Vor gut 2000 Jahren stach der Grabberg noch streng geometrisch wie ein Kristall in den Himmel. Analysen zeigen, dass die aus Lösserde aufgetürmte Pyramide etwa 115 Meter hoch ragte.

Um die Erdmassen zu stützen, flochten die Arbeiter zuerst ein Gitternetz aus Zweigen und Ästen. In diese Matrix stampften sie sodann leicht befeuchtetes Erdreich und verdichteten es mit Holzrammen. Am Ende wuchteten sie auf die abgeplattete Spitze zwei Monsterstatuen. Allein die Köpfe dieser Fabeltiere waren drei Meter groß.

Noch wagen sich die Chinesen nicht in die Zentralgruft, sie haben zu wenig geschultes Personal, um die dort vermuteten Schätze zu bergen.

Antiken Berichten zufolge wurde der Sarg von "automatischen Armbrüsten" gesichert. Bäche aus Quecksilber, durch eine Mechanik am Fließen gehalten, bildeten Gewässer und das "Große Meer" nach. Mit Walöl gefüllte Lampen spendeten dem toten Kaiser ewiges Licht.

Nur, wozu das alles? Ratlos stehen die Fachleute vor dem Unterwelt-Labyrinth. Niemand vermag die Gesamtkomposition der Anlage zu überblicken. Wo standen die Töpferöfen? Wo kam das Brennholz her? Und wer - großes Schaudern - liegt in den drei großen Massengräbern im Westen? Sind es Sträflinge, Sklaven oder Menschenopfer?

Solche Fragen blenden die Kulturfunktionäre in Peking bewusst aus. Die Partei strickt an einem neuen Image für den Stammvater der Nation - schon aus touristischen Gründen. Qin Shis "positive Kraft", heißt es offiziell, habe "den Geschichtsprozess beflügelt".

Tatsache ist, dass der Monarch mit 22 Jahren den Liebhaber seiner Mutter tötete und seine politischen Gegner lebendig begrub. Eine - erst nach seinem Tod entstandene - Federzeichnung weist ihn als Mann mit Furcht erregendem Bauchumfang aus.

"Trauma und Vorbild" nennt der Göttinger Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer den Tyrannen. Der Qin-Kaiser (gesprochen Tschin) gab der Nation ihren Namen; er begann mit dem Bau der Großen Mauer. Und er war es, der jenen "bürokratischen Staatszentralismus" anschob, unter dem seine Bewohner bis heute leiden.

Über 200 Himmelssöhne folgten dem Erstling auf den Drachenthron - Diktatoren auch sie und dem Volke unnahbar entrückt. Pekings "Verbotene Stadt" ist von Wasser umflossen. Der Hofstaat, etwa 20 000 Menschen, lebte abgeschottet hinter hohen Mauerzinnen. Wer den "Palast der himmlischen Reinheit" im Zentrum erreichen wollte, musste Marmorbrücken und Holztore passieren.

Eunuchen und Zwerge lebten in den gelben Festungen und Kaiserinnen mit Fingernägeln, lang wie Dolche. Erst 1945 brach die dynastische Kette ab: Puyi, letzter Spross der Mandschu-Herrscher, wurde von den Kommunisten ins Umerziehungslager geschickt, später arbeitete er als Gärtner.

Und doch vollbrachte dieser despotische, auf Drill und Gehorsam geeichte Superstaat Ungeheures. Ob Kompass oder Trittwebstuhl - zahlreiche Pioniertaten gehen aufs Konto von Ingenieuren aus dem Reich der Mitte. Aus dem Jahr 217 v. Chr. stammt der erste Kripobericht (er lag im Grab eines Exekutivbeamten). Minutiös beschreibt der Kommissar, wie er einem Dieb nachspürte.

Fassungslos stehen die Archäologen vor einem in der Provinz Hunan entdeckten Seidenkleid. Es wiegt nur 48 Gramm. Der Löwe von Cangzhou (Gewicht: 50 Tonnen) gilt als größtes Gusseisenstück der Welt. Hergestellt wurde es im 9. Jahrhundert - der "Leuchtturm Europas", Karl der Große, zog zur selben Zeit mit einem dünnen Blechhelm in den Krieg.

"Die Chinesen besaßen schon Tausende von vorzüglichsten Romanen, als unsere Vorfahren noch in den Wäldern saßen", schwärmte Goethe. Preußens König Friedrich II. baute in Sanssouci einen Teepavillon. Nur Hegel hielt dagegen: Im Reich der Bambuswälder, meinte der Philosoph, werde man nicht müde, "das saure Brot der Knechtschaft zu essen".

In Wahrheit aber wusste keiner, was los ist. Abgeschirmt durch die Wüste Taklamakan entwickelte sich China wie ein Paralleluniversum. Alexander der Große durchschlug zwar der Sage nach den Gordischen Knoten, was ihn zum "Herrscher über Asien" machte. Tatsächlich blieb sein Heer 325 vor Christus in Indien stecken.

Erst Marco Polo gelang der Durchbruch. Auf dem Pferd ritt er entlang der Seidenstraße, bis er 1275 die Zinnen von Xanadu sah (späterer Name: Peking).

Zurück in Europa schrieb der Venezianer einen langen Bericht. Doch die Geschichte stieß auf breiten Unglauben. "Polo wurde als Aufschneider abgetan", erklärt der Hamburger Sinologe Hans Stumpfeldt.

Daran war der Globetrotter nicht ganz unschuldig. Seide werde aus gestampften Muscheln hergestellt, hatte er behauptet. Die Trippelschritte junger Damen erklärte er so: Die Mädchen hätten Angst, dass ihnen das Jungfernhäutchen reißt. In Wahrheit steckten ihre Füße, nach Landessitte brutal deformiert, in winzigen Schuhkorsetts.

Maßlos fremd muss diese Welt der Drachen, Rikschas und Papierlampions einem mittelalterlichen Europäer erschienen sein. Die Menschen in Fernost piksten Kranke ("Akupunktur") und verneigten sich vor den Gegnern ("Kung Fu"). Und sie liebten Hunde - zumindest, wenn sie im Kochtopf schmorten oder so aussahen wie die von ihnen züchterisch verunstalteten Pekinesen.

Die Kommunistische Partei des Landes konnte mit diesem feudalen Erbe lange nichts anfangen, zumal es auch ideologische Vorbehalte gab. Karl Marx selbst hatte das frühe China als "Sklavenhaltergesellschaft" eingestuft. Wer mochte da widersprechen?

Noch in den sechziger Jahren, während der Kulturrevolution, entlud sich eine Welle der Gewalt gegen die alte Welt der Mandarine. Fortschrittstrunken zogen Maos Rote Garden durchs Land und schlugen 1300 Jahre alte Buddha-Statuen kaputt.

Nun wendet sich das Blatt. An den Universitäten reift eine Generation junger Archäologen heran (die ihre Fachberichte allerdings nur auf Chinesisch schreiben). Von den Reissümpfen im Süden bis zur Mandschurei gräbt geschultes Personal die Erde um.

Vor allem rund um Xian, in der Provinz Shaanxi, herrscht Grabungsfieber (siehe Karte Seite 190). Bereits um Christi Geburt lebten in der Metropole unweit des Wei-Flusses etwa zwei Millionen Einwohner - doppelt so viel wie im antiken Rom. Prachtalleen durchschnitten die größte Stadt des Erdenrunds. In den Slums standen leichte Flechthütten, vor denen bezopfte Bauern Karpfen in kleinen Tonnen mästeten - die Urform des Aquafarming.

Von hier zweigten auch die Karawanenwege nach Westen ab. Und 40 Kilometer nordöstlich der Stadtgrenze liegt Qin Shis monumentales Grabmal.

Doch die Region hat noch weit mehr zu bieten. Wer die mit Löss bedeckte Gegend um Xian abfährt, gleitet gleichsam in ein "Tal der Könige", made in China. Zerfallene buddhistische Tempel ragen in die Landschaft, Palastruinen und über 500 Grabberge. Regenten aus acht Jahrhunderten sind hier beerdigt. Die archäologischen Karten verzeichnen

* 11 Kaisergräber der frühen Han-Zeit (206 vor Christus bis 8 nach Christus). Es sind ummauerte Rechtecke mit einer Pyramide im Zentrum; sowie

* 18 Herrscher-Grüfte der Tang-Dynastie (618 bis 907 nach Christus). Diese Kaiser ruhen unter natürlichen Bergen.

Verwittert, unberührt und verfallen - wie verwunschene Zauberschlösser liegen die Mausoleen inmitten der Hochebene. Neben tonnenschweren Löwenstatuen ziehen Bauern Gemüse. Auf geflügelten Pferden wuchern Steinflechten.

Als erster westlicher Experte durfte der Archäologe Alexander Koch im Rahmen eines deutsch-chinesischen Kulturabkommens die Ruinen vermessen. Wegen der "immensen Dimensionen", so Koch, habe er Luftbilder zu Rate gezogen: "Das größte Grab besitzt eine Außenmauer von 60 Kilometer Länge."

Wer die verwitterten Areale betritt, ahnt etwas von der Produktivkraft, die das alte China besaß. In der Tang-Dynastie, im 7. und 8. Jahrhundert, erlebte das Reich eine Hochblüte: Bis zum Baikalsee und nach Korea reichte damals der lange Arm der Himmelssöhne. Auf dem Jangtse patrouillierten Schiffe mit Schaufelrädern.

Von Kastraten mit Gongs zum Essen gerufen, verspeisten die Staatschefs lecker gegrillte Nashornschwänze, Leopardenembryos und Orang-Utan-Lippen. Nachts betrieben sie die "Kunst des Schlafzimmers" ("Fang Zhong shu"): Mit Dildos versuchten sie, die höchste Lust ihrer Konkubinen zu wecken. Beim Orgasmus, hieß es, verströme die Frau eine lebensverlängernde Essenz.

Auch das Grab von Kaiser Gaozong, gestorben 683 nach Christus, stammt aus diesem goldenen Zeitalter. Vier Meter hohe Wächterfiguren flankieren den "Seelenweg", der von Süden her auf den Totenhügel zuführt.

Tief im Bauch des Berges, umkränzt von Bildern süßen Lebens, müsste der zu Staub zerfallene Leichnam von Gaozong noch heute liegen. "Es gibt einen interessanten Grabräuber-Bericht aus dem 10. Jahrhundert", erklärt Experte Koch, "die Diebe scheiterten damals, weil die Sperrmauer zum Sargraum mit flüssigem Eisen vergossen war."

Doch jetzt wird reichlich Beute gemacht. Mit Karacho dringen Pekings Schaufeltrupps bereits in die Nebengräber der Anlagen ein, in denen Prinzen, Mätressen und hohe Beamte liegen.

"Kommen Sie", sagt Yin Shenping, Direktor des Archäologischen Instituts von Xian. Dann verschwindet er in einem Tunnel. Im Dämmerlicht geht es einen Schacht hinab, an dem Bilder von Greifen und Drachen prangen. Plötzlich taucht ein schwarzer Sarkophag auf. Er ist 28 Tonnen schwer. Ein Gerippe liegt darin. Es ist der Leichnam der Prinzessin Yongtai, die 701 nach Christus starb.

In der stickigen Luft der Krypta ist schwer vorstellbar, welch Luxusleben diese Dame einst führte. Im Seidenbikini planschte Yongtai in warmen Thermen. Sie spielte Polo, blies auf Jadeflöten oder schmökerte in der Palastbücherei. Chinas frühestes Fachbuch für Frauenheilkunde stammt aus dem 5. Jahrhundert.

Dieses höfische Paradies der Tang-Zeit kommt nun schemenhaft wieder zu Tage. Rhinozerosse aus Metall, aber auch Bronze-Penisse und glasierte Kamele, auf denen "Hu-Burschen" sitzen (gemeint sind Ausländer), haben die Archäologen aus den Kammern geborgen.

Erst vor kurzem wurde ein - beheizbares - Steinbett emporgewuchtet. Es ist mit Bildern aus dem Zarathustra-Kult verziert. Die Schlafstatt gehörte einem persischen Händler, der im 8. Jahrhundert in Xian lebte.

Alle frisch gehobenen Schätze gelangen ins Archäologische Institut von Xian. "Unser Depot quillt über", freut sich Direktor Yin. Im Kellertresor stapeln sich Gold, feinstes Porzellan und Wandgemälde.

Oben, im 4. Stock des Hauses, sitzt Susanne Greiff. Die Geologin vom Römisch- Germanischen Museum in Mainz leitet die "Außenstelle China". Sandstrahlgebläse stehen in ihrem Labor. Im Entsalzungsbecken liegt gerade ein 2000 Jahre altes Eisengefäß (Zhong), in dem noch eine klebrige Paste haftet.

Seit elf Jahren schon sind die Deutschen mit vier bis sechs Fachleuten vor Ort und helfen den Chinesen beim Restaurieren. "Wir spielen hier die Feuerwehr", meint die Mitarbeiterin Eva Ritz, während sie an einem schimmeligen Ton-Männchen schabt.

Derzeit herrscht Hektik in den Laborräumen. Aus Frankfurt sind sechs Tonnen Luftfracht eingetroffen. Ein Unterdruck-Labortisch, sogar Fliesen mussten vom Flughafen herbefördert werden. In den Gängen riecht es nach Kleber von Obi. Die Mainzer richten ein "Textillabor" ein.

Grund für die Aktion: Westlich von Xian, im buddhistischen Tempel von Famen, ist ein weiterer Sensationsfund aufgetaucht. Bauarbeiter stießen auf eine Geheimgrotte, die Mönche vor 1100 Jahren anlegten. Über 400 "Schätze mit singulärem Charakter" (Koch) fanden sich in dem Depot, darunter goldene Samoware, Weihrauchbrenner und das älteste Teeservice der Welt.

Nur die Textilien haben ihren alten Glanz verloren. Über 50 Mönchsgewänder, Goldbrokat, Gaze und Betkissen aus Seide lagen in der Schatzkammer. Die meisten sind mürbe und rissig. Die Deutschen wollen die Kleider nun mit Spezialverfahren retten.

1000 Jahre alte Nobeljanker, Ton-Armeen, unberührte Kaisergräber - in Xian herrscht eine Schatzgräberstimmung wie vor 100 Jahren in Ägypten. Endlich tauchen Relikte und materielle Spuren des mysteriösen Großreichs auf.

Vor allem die Sinologen verfolgen gespannt die Grabungen. Bislang konnten sie sich fast nur auf schriftliche Quellen stützen. Die allerdings gibt es reichlich.

Bereits aus der Shang-Dynastie (um 1700 bis 1100 vor Christus) liegen beschriftete Orakelknochen vor. Chinas Bürokraten schrieben auf Bambus, Seide oder Papier.

Auf die drängendsten Fragen haben die Experten gleichwohl noch keine Antwort gefunden. Abgenabelt wie ein Raumschiff, das zu fremden Sternen fliegt, steuerte das fernöstliche Imperium einen völlig anderen kulturellen Kurs als das Abendland. Nahezu in allen Bereichen - ob Religion, Sitte oder Technik - bildete es andere Formen aus:

* Alle Völker der Antike beteten Götzen an. Aus China dagegen liegt nicht eine einzige Götterstatue vor.

* Eitel ließen sich die Herrscher im Westen in Stein abbilden. Es gibt Büsten und Statuen zuhauf. Chinas alte Kaiser dagegen haben unbekannte Gesichter. Erst 600 nach Christus kamen Hofporträts in Mode.

* Kein Weltreich, ob Rom, Babylon oder das Britische Empire, hielt den Zeiten stand. In China dagegen gelang der Kraftakt. Fast ein Viertel der Weltbevölkerung wurde dauerhaft in einem Staat geeint.

* Technische Fertigkeiten ohne Zahl hat das Land zu bieten - doch zugleich schwelgte es in Hexenglauben und Schwarzer Magie.

Am stärksten ist der Kontrast auf dem Gebiet der Militärtechnik. Im 9. Jahrhundert mischte ein fernöstlicher Alchemist Salpeter mit Schwefel und erfand das Schießpulver. Damit besaß der Drachenthron plötzlich eine Superwaffe - nur vergleichbar mit der Entwicklung der Atombombe in den USA.

Aber erst in der Hand der Christen (die um 1300 über arabische Quellen in den Besitz der Rezeptur gelangten) löste der Sprengstoff eine soziale, politische und wirtschaftliche Revolution aus. Mit Rauch und Feuer schossen sich Briten und Spanier ihre Kolonialreiche zusammen.

"Bis 1500 war China dem Westen technisch überlegen", sagt der Sinologe Stumpfeldt, "dann trat der Westen in die Phase des Frühkapitalismus ein." Fabriken entstanden. Gelehrte wie Thomas Hobbes und Galilei trieben die "Vernunftkultur" voran.

Keine Spur davon in Asien. Zwar war 1024 in der Provinz Sichuan das erste Papiergeld aufgetaucht. Und bereits seit dem 11. Jahrhundert ratterten am Jangtse Manufakturen mit 3000 Arbeitern.

Doch aus den Urfabriken bildete sich weder Handel, Kapital noch Unternehmertum. Keine Dynamik, keine Spannkraft, kein Fortschrittsgedanke erfasste das Land. Europa erinnert an einen fiebrig nervösen Kranken - China an einen in sich ruhenden Greis.

Waren die Leute vom Gelben Fluss die besseren Menschen? Ist ihnen weniger Gier und Brutalität eigen? Oder waren sie, wie der Soziologe Max Weber glaubte, bloß zu unfrei und geknechtet, um wahre Innerlichkeit und damit Würde, Dynamik und einen scharfen Verstand auszubilden?

Christliche Grundbegriffe wie Schuld und Sühne, die den Menschen groß und tief machen, spielten in China nie eine Rolle. Das Land gebar weder einen monotheistischen Gott noch einen Hiob, der an ihm verzweifelte. Persönlichkeit, Individualität, Ethik - all die Großformeln aufgeplusterter Westlichkeit hatten am Gelben Fluss kaum Bedeutung.

Ein Immanuel Kant wäre in dem Bambusland unvorstellbar, aber auch ein Nietzsche, der an der eigenen Einsamkeit irre wird. In Fernost lief alles pragmatischer ab. Bis ins Mittelalter war es in Notzeiten erlaubt, Kinder zu essen, damit wenigstens der Rest der Sippe durchkam. "Der Einzelne war stets nur ein Ton im Klang der großen Harmonie", so Stumpfeldt.

Der grausame erste Kaiser von China macht da keine Ausnahme. Egotrips, Eitelkeiten und die "Wonnen der Selbstverehrung" (Thomas Mann), die sich westliche Potentaten erlaubten, waren Qin Shi unbekannt. Kein Maler hielt den Fettwanst mit Tusche und Pinsel fest. Kein Poet lobpreiste ihn.

Und auch die Grabarmee, die er schuf, wirkt wie ein Angriffstrupp gegen das Einzelne, das Ich. Rund 8000 Grabsoldaten standen in düsteren Schächten, allen Blicken entzogen. Für den Kunsthistoriker Helmut Brinker sind sie der Inbegriff eines "perfekt gedrillten Kollektivs".

All diese Unterschiede und Fremdheiten zwischen den beiden Enden Eurasiens lassen sich nun mit einer Fülle neuer Indizien betrachten. Rund 2000 Jahre nach der Reichseinigung Chinas und zwölf Jahre nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz heftet sich das Land an die Fersen seiner Urgeschichte.

Und auch eine weitere Rätselfrage ist endlich geklärt: Die Forscher haben das Alter der chinesischen Zivilisation ermittelt.

Die offizielle Lehrmeinung stützte sich bislang auf eine Herrscherliste aus dem 1. Jahrhundert. Dort wird als erster Regent der berühmte "Gelbe Kaiser" Huangdi aufgeführt, der angeblich 2575 vor Christus starb - also noch vor dem Bau der Pyramiden.

Doch die Schriften lügen. Der Huanghe ist zwar die neben Nil, Euphrat und Indus vierte Flussoase, in der der Homo sapiens Abschied von der Steinzeit nahm. Doch die östlichste Hochkultur ist zugleich auch die jüngste. Die aus Lehm gestampften Ur-Paläste von Erlitou entstanden, Radiokarbon-Daten zufolge, frühestens um 2070 vor Christus.

Dann allerdings ging es flott weiter. Die Chinesen erlernten den Bronzeguss. Sie bauten umwallte Städte und nutzten Pferd und Wagen. Auf ihren Häusern lasteten schwere, geschwungene Dächer mit verschnörkelten Giebeln.

Schon auf den dreifüßigen Kultkesseln der Zhou-Dynastie um 1000 vor Christus prangen jene typischen fernöstlichen Krakel-Dekors, die dem am klassisch-griechischen Formenkanon Geschulten schnell auf die Nerven gehen. Einhörner, Phönixe und der "Fresser", ein bis zur Unkenntlichkeit stilisiertes Monster, zieren die Gefäße.

Und über allem schnaubte der Drache. Bis in die Steinzeit lässt sich die Fährte dieses Wappentiers zurückverfolgen. Meist wurde es mit Schlangenleib, Reptilienfüßen und Glupschaugen dargestellt.

Jeder Berg, jeder Baum galt im alten China als beseelt. Zentrale Bedeutung hatte der Ahnenkult. Trauernde besuchten die Tempel der Wu-Zauberer. Diese Schamanen nahmen Kontakt zur herumirrenden "Hun-Seele" des Verstorbenen auf. Hernach wurden in den dreifüßigen Kultbottichen "gengxian" gekocht: Es handelt sich dabei um fett gepäppelte Hunde.

Gleichwohl war das Land technisch auf der Höhe. Bereits 1300 vor Christus hielten seine Astronomen die erste Supernova fest. Sie schürften nach Jade in bewetterten Bergwerken. Die Idee, aus den Fäden fetter Seidenraupen Kleider zu weben, stand bereits zu Homers Zeiten in hoher Blüte.

In kleinen Holzschuppen wurden den Raupen leckere Maulbeerbaumblätter gereicht. Nach 30 bis 35 Tagen verkrochen sich die Tiere in einem Gespinst. Alle Arbeitsschritte der Seidenzucht, vom Päppeln der Raupe bis zum Aufrippeln der Kokons, lagen in Frauenhand.

Am fortschrittlichsten gab sich die Landwirtschaft. Die Gegend zwischen Jangtse und Huanghe ist zwar trocken, es regnet selten. Wer aber den fruchtbaren Lössboden künstlich bewässert, erntet reichlich.

Also bauten die Bauern Stauseen, Kanäle und Brunnen. Je acht Familien waren für die Bewässerung zuständig. Eine Grabfigur zeigt einen bezopften Landwirt mit Spaten. Er trägt ein knielanges Gewand mit Gürtel. Eine Bambuskappe schützt seinen Kopf vor der sengenden Sonne.

Schon um 500 v. Christus ragten im Land turmartige Kornspeicher empor. Metallpflüge, gezogen von Ochsen, rissen die Böden auf. Hacken, Spaten und Schaufeln bestanden aus Eisenguss - eine Technik, die in Europa erst im Mittelalter beherrscht wurde.

Ergebnis war die erste Bevölkerungsexplosion der Weltgeschichte. Ägypten unter seinem stärksten Herrscher Ramses II. besaß etwa sieben Millionen Einwohner. Chinas Kaiser hingegen, die regelmäßig die Bevölkerung zählen ließen, kamen im Jahr 2 vor Christus auf 57 671 400 Untertanen.

Es ist die schiere Größe, die nach Ansicht vieler Historiker das Schicksal des Landes bestimmte. Anstatt soziale Spannungen zu lösen, seien sie durch die Kolonisation des weitläufigen Subkontinents gleichsam weggedrückt worden.

Der Soziologe Karl August Wittfogel legte eine weitere Erklärung für Chinas Hang zu Ordnung und straffer Staatlichkeit vor. Als "hydraulische Kultur" sei das Volk von Anbeginn auf künstliche Bewässerung angewiesen gewesen. Der Bau von Dämmen und Stauwehren aber erforderte Gemeinschaftsarbeit und eine zentrale Leitung.

Oder trat das Reich wegen der Bodenpolitik auf der Stelle? Dschungelgebiete und Brachland erschloss der Kaiser stets selbst. Das stärkte den Staat, dessen ins Monströse durchdeklinierter Beamtenapparat bald alles in den Würgegriff nahm.

Doch auch der Philosoph Konfuzius hat an der Katzbuckelei seinen Anteil: Wie kein anderer lehrte er seine Landsleute die Wonnen der Unterwerfung. Erziehung zu Demut und Güte, meinte der 551 vor Christus geborene Denker, sei die Hauptaufgabe der Regierung. Die Kontrolle der Affekte galt ihm als Vorbedingung für ein gerechtes soziales Leben.

Was für ein Abgrund tut sich auf! Athens Tugendphilosoph Sokrates, der Ähnliches predigte, musste den Schierlingsbecher trinken. Jesus hing alsbald am Kreuz. Konfuzius aber stieg zum Staatsminister auf und wurde für 2000 Jahre zum Vorbild der kaiserlichen Beamtenschaft.

Auch die Habsucht konnte der Gelehrte nicht leiden. "Nur der Geringe denkt an seinen eigenen Vorteil", urteilte er. Anders als im Westen schlugen solche Ansichten auch auf Regierungsebene durch.

Kaiser Wang Mang zum Beispiel schränkte 9 nach Christus das Geld ein und verstaatlichte den Boden. Er gilt als "erster Sozialist". 1525 kam es noch dicker. Während der Westen die Welt entdeckte, erging aus den gargantuesken Palastbauten von Peking ein Erlass, alle hochseetauglichen Schiffe zu zerstören. In Nanking verfaulten daraufhin 100 Meter lange Groß-Dschunken.

Doch auch der zweite Großgeist, Laotse (übersetzt: "alter Meister"), hielt wenig vom Schachern. Historiker haben den angeblich um 600 vor Christus geborenen Grübler zwar als Phantom entlarvt. Gleichwohl erzielte das ihm zugeschriebene Buch "Dao de jing" ("Buch vom Weg und von der Tugend") eine Wirkung wie hier zu Lande nur die Bibel.

Willenlosigkeit und Einklang mit der Natur strebten die Jünger des Taoismus an, alle Begierde wollten sie abstreifen. Unsterblichkeit, heißt es in einem Urtext der Bewegung, erlange nur jener, "der wie ein See von Feuer ist, ohne zu brennen".

Bei genauer Prüfung hielt sich die erzieherische Wirkung der Denker allerdings in Grenzen. Chinas Kultur bildete zwar hoch verfeinerte Riten aus, leicht und geschmeidig wie Jade. Die Teerunden der Tang-Zeit kamen vor lauter Kopfnicken und Servietten-Genestel kaum noch zum Trinken.

An der Basis aber, in den Bambushütten, wurde zwischen Wok und stinkenden Abwässern gerülpst und geschlürft. Und auch die moralischen Standards blieben niedrig. Die Annalen des Superstaates sind voll von unvorstellbaren Grausamkeiten.

Besonders wenn es um die Macht ging, war den gelben Autokraten jedes Mittel recht. 189 nach Christus ereignete sich im Palast von Xian ein Blutsturz. 2000 Hof-Eunuchen verloren auf einen Schlag ihr Leben. Abgrundtief böse ging auch die Kaiserin Wu zu Werke. Sie ließ im Jahr 683 nach Christus einer Konkubine Beine und Arme abhacken und den blutenden Torso in ein Weinfass stecken.

Beim Jenseitskult floss ebenfalls Blut. "Ich halte mich von den Göttern fern", hatte Konfuzius zwar lauthals verkündet. Verstorbenen Holzpuppen ins Grab zu legen, fand er albern. Bereits im 4. und 3. vorchristlichen Jahrhundert habe sich ein "früher Rationalismus" ausgebreitet, meint deshalb der Sinologe Schmidt-Glintzer.

Doch in Wahrheit verhallten Konfuzius'' Worte ungehört. Im Licht der neuen Grabungen wird immer deutlicher, wie tief China im Bann der Hexerei stand. Das frühe Hightech-Land schwelgte in Mystik und Menschenopfern.

Vor allem im Norden des Landes haben die Archäologen gruselige Funde gemacht. Fürst Mu von Qin nahm im Jahr 621 vor Christus insgesamt 177 Personen mit ins Grab. 433 vor Christus mussten einem reichen Herzog 21 junge Mädchen in den Tod folgen. Zu der Zeit schrieben die Griechen bereits glanzvolle Tragödien.

Meist waren es Leute vom Hofstaat - Kastraten, Friseure, Diener oder geliebte Konkubinen -, die der Monarch sich als Geleit fürs Jenseits erbat. Gehorsam erdrosselten sie sich mit einer "Seidenschnur", wie es in alten Texten heißt. Wahrscheinlich wurde das Band mit einer Schlinge ruckartig zugeschnürt, so dass es den Kehlkopf abdrückte.

Schon merkwürdig: Jener Beamtenstaat, der die Schubkarre erfand, 135 vor Christus die kristalline Struktur der Schneeflocke beschrieb und mit allen Mitteln Steuern eintrieb, versank zugleich im Aberglauben.

Bereits in der Steinzeit, vor 5000 Jahren, quälten sich die Ur-Chinesen mit der Vorstellung, Dämonen könnten in die Verstorbenen eindringen und sie in Rachegeister verwandeln. Um das zu verhindern, goss man ihnen Bienenwachs in Mund und Hintern.

Allerhöchste Kreise verfielen der schwarzen Magie. Der von der Forschung als "Okkultist" eingestufte Kaiser Wudi (141 bis 87 vor Christus) überlebte zwei "Gu-Anschläge": Die Attentäter hatten ihm einen Giftsaft gemischt, der ihn zum Satansjünger umpolen sollte.

Liu Sheng, (gestorben 113 vor Christus) ein Provinzkönig, lag wie ein Astronaut in seinem Sarg. Über 2000 Plättchen aus Jade, von Handwerkern zu einem Schuppenpanzer verknüpft, umschlossen sein Skelett. Alle neun Körperlöcher des Mannes waren - als Schutz gegen Vampire - mit Jade verschlossen. Auf den Augen lagen Plättchen, in Ohr- und Nasenlöchern steckten Stopfen. Über den Penis war eine Kappe gestülpt, in den After ein Pfropf gedengelt.

Einigungs-Kaiser Qin Shi, Chinas neuer Nationalheld, trieb den Dämonenkult auf

die Spitze: Neben seiner Pyramide befinden sich 61 Begleitgräber. In einigen davon werden getötete Konkubinen vermutet. Andere Kammern enthielten die Skelette "junger Männer". "Kopf, Rumpf und Glieder waren abgetrennt", heißt es in einem Grabungsbericht aus Xian, "die Tötung erfolgte durch Zerstückelung."

Was für ein Fürst der Finsternis! Fast scheint es, als sei der Regent auf die Welt gekommen, damit sich Laotse im Grabe umdreht. Bereits 550 vor Christus, lange vor Platon, hatten die Taoisten eine höchst vergeistigte transzendente Jenseitsidee entwickelt. Der Qin-Kaiser dagegen warf die Töpferöfen an.

Antike Berichte, die das lasterhafte Tun des Monarchen beschreiben, liegen in Fülle vor. Der große - und wegen eines Delikts kastrierte - Historiker Sima Qian schildert um 100 vor Christus minutiös das Leben des Regenten.

Unbestritten ist, dass der Prinzensohn 259 vor Christus im Staate Qin zur Welt kam. China durchlief gerade die Epoche der "Streitenden Reiche". Es war in sieben Teilstaaten zersplittert, die sich gegenseitig bekriegten und ausspionierten. "Jedes dieser Länder konnte 100 000 und mehr Soldaten ins Feld werfen", erklärt der US-Historiker John Wills.

Bei dem Gerangel gingen die Qin-Leute am skrupellosesten vor. Das Land, das, ganz im Nordwesten gelegen, an die raue Welt der Steppe grenzte, wurde von Rinderzüchtern bewohnt. Roh und unverbraucht betrieben seine Könige Außenpolitik. In alten Texten taucht das Land Qin immer wieder als ein "Staat von Tigern und Wölfen" auf.

Auch dem jungen Thronfolger floss Eisen im Blut. Kaum an der Macht, schlug er los. Im Jahr 230 vor Christus zertrümmerten seine Soldaten den Staat Han. 225 vor Christus überfielen sie das Land Wei. Hernach rückte die Armee, gefräßigen Seidenraupen gleich, in Chu und Qi ein.

Die Terrakotta-Armee gibt detailliert Aufschluss über die damalige Kriegsführung. Vorneweg lief, mit Bogen und Armbrüsten bewaffnet, die leichte Infanterie. Die Frontkämpfer trugen weder Helme noch Brustpanzer. Flink und leichtfüßig, nur in leichte Wickelgamaschen gekleidet, sollten sie mit ungestümen Attacken die feindlichen Reihen aufbrechen.

Dann rückten die Pferdelenker nach. Jedem Streitwagen waren zehn koordiniert kämpfende Soldaten zugeordnet, die mit Ge (Hiebaxt), Mao (Speer), Ji (Dreizack) oder Pi (Langspeer) dem Feind zusetzten.

"Unmengen von Waffen", so der chinesische Militärhistoriker Yuan Zhongyi, seien aus den drei Grabschächten bei Xian geborgen worden. Besonders fies wirken die "Goldhaken": messerscharfe Riesensicheln, die auf einem langen Holzstiel saßen.

Nur gut, dass Alexander der Große diesem Heer nie begegnete. Nach einhelliger Meinung der Experten hätte der Feldherr mächtig Prügel bezogen, nicht nur zahlenmäßig war er weit unterlegen. Die Generäle aus Fernost verfügten bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert über Rauchbomben und nebelten das Schlachtfeld mit Gift- und Tränengasen zu.

So aber fand das ferne Gemetzel in Europas Annalen keinen Widerhall. Niemand bekam mit, dass sich der langbärtige Tyrann 221 vor Christus zum Häuptling aller Zentralasiaten erkor. Urvater eines Kaisergeschlechts von "10 000 Generationen" wollte Qin Shi werden .

Von Tibet bis zum Pazifik reichte die neue Nation, von der mongolischen Steppe bis hinunter nach Hongkong, wo die Menschen das Gewand links knöpften und (polynesisch-malaiisch geprägt) sich tätowierten und die Zähne schwarz färbten.

Um diesen Koloss auch zur inneren Einheit zu schmieden, setzte Qin Shi härteste Mittel ein. Maße und Gewichte wurden standardisiert. Im Reich des Qin galt nur noch ein Schrifttyp. Die kaiserliche Kanzlei schrieb die Spurbreite der von Bäumen gesäumten Überlandstraßen vor - und sogar den Radabstand der Pferdewagen.

Immer wieder erwähnen die Forscher das "grausame und despotische Justizwesen" des Reichseinigers. Nörgler wurden gevierteilt. Diebe verloren die Arme oder die Hoden. Die Gefängnisse quollen über. 213 vor Christus kam es zu einer Bücherverbrennung. Jegliche Kritik an der Gegenwart war fortan verboten.

Ideologische Unterstützung erhielt der Staatschef von den Legalisten. Diese philosophische Schule verfocht die Idee eines starken, durch kodifizierte Gesetze gestützten Kaisertums.

Das passte dem "Bösewicht" (ein Chronist) gut in den Kram. Mit harten Erlassen schuf er sich ein Heer von gefügigen Untertanen. Jeder Bauer musste pro Jahr 30 Tage Fronarbeit leisten. Die Dienstpflicht beim Militär lag bei zwei Jahren. "Staatssklaven", etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, hatten überhaupt nichts zu melden.

Mit diesen Arbeitsbienen konnte der Kaiser seine aberwitzigen architektonischen Projekte durchziehen. 500 000 Männer wurden zur Grenzsicherung nach Norden abkommandiert. Dort ließ Qin Shi die Große Mauer errichten. Anfangs war es nur eine mächtige Lehmwand, gespickt mit hölzernen Wachtürmen.

Auf fünf großen Inspektionsreisen nahm Qin Shi das Land dann auch rituell in Besitz. Hohe Berge wurden bestiegen und Inschriftentafeln aufgestellt. Animistische Götter, die diese Berge bislang beseelt hatten, mussten dem Geiste der legalistischen Gesetze weichen.

Dann eilte seine Hoheit weiter. Die große Ehrengarde, mit der er durchs Land sauste, bestand aus 81 Wagen. Vorweg fuhr ein Vierspänner mit Baldachin. Der Kaiser saß im "Warm-kühl-Wagen". Eine 1000 Kilogramm schwere Bronzereplik aus seinem Grab zeigt das Prunkgefährt im Detail. Das Wagendach, gewölbt wie der Panzer einer Schildkröte, schützte vor der Sonne; durch aufklappbare Fenster zog kühlende Luft.

Gesteuert wurde das Reich von Xian aus. Westlich der Metropole lag das von hohen Mauern umzäunte Kaiserviertel. Zwölf Minister rapportierten dort täglich. Die Stirn auf den Boden nickend, robbten sie an den fülligen Imperator heran. Die Kriechergeste, Kotau genannt, war für alle obligat, die sich auf Sichtweite dem Himmelssohn näherten.

Erst vor kurzem hat die Kreisarchäologin Zhang Yun eine sensationelle Statue aufgespürt. Sie zeigt einen Staatsminister beim Kotau. Sein Gewand zerfließt auf dem Boden.

Auch die Privatgemächer des Kaisers im Ofang-Palast konnten von den Archäologen in Rudimenten nachgewiesen werden. Am besten erhalten sind die Keramik-Bäder, in denen sich der Monarch von den Staatsgeschäften erholte. Diener seiften ihn ein und reichten kleine Happen, etwa geröstete Schlangen.

Unantastbar und ins Glänzende entrückt, das Jadezepter in der Faust, so muss der alternde Monarch auf dem Thronhocker gesessen haben. Niemand außer ihm durfte gelbe Gewänder tragen, er allein nutzte den Drachen als Symbol der Stärke. Und doch fand der Tyrann keine Ruhe. Magier und Alchemisten umgaben ihn. Sie verarbeiteten Zinnober und Jade. Qin Shi dürstete es nach einer Unsterblichkeitspille. Was er erhielt, war eine Destillieranlage für Branntwein, die als Spin-off bei dem Gebrodel entstand.

Im fortgeschrittenen Alter wies der Regent Zeichen einer gefährlichen Zwangsneurose auf. Mehrfach sandte er Expeditionen zur sagenhaften "Insel der Seligen" aus, um "die Wunderkräuter der Unsterblichkeit" zu finden. Magier umgaben ihn. Wer in seiner Anwesenheit vom Tod redete, musste sterben.

Die konfuzianisch gesinnten Beamten muss dieser Mensch mächtig gestört haben. Der Kaiser, heißt es bei Konfuzius, solle leuchten wie der "Polarstern". Qin Shi aber glich einem Schwarzen Loch.

Was tun? Schon Menzius (372 bis 289 vor Christus), ein Anhänger des Konfuzius, hatte in seiner Staatsethik ein Naturrecht auf Revolution propagiert. Sein Schlagwort vom "Entzug des Himmlischen Mandats" hieß konkret: Wenn der Staatschef nicht fürsorglich zum Volk ist, darf er gestürzt werden.

Von dieser Idee machten die Chinesen später weidlich Gebrauch. Die Han-Dynastie wurde 184 nach Christus von einer Sekte, den "Gelben Turbanen", bestürmt. Der Begründer der Ming-Dynastie begann als Kleinbauer, ehe er als Mönch ein Rebellenheer um sich scharte.

Und auch gegen Qin Shi regte sich Widerstand. 218 vor Christus schlug ein "riesenstarker Mensch", wie es in den Annalen heißt, einen Streitkolben durchs Dach seines Klimamobils. Leider traf er nicht. Zwei weitere Attentate folgten. Im Gegenzug ließ die gekrönte Bestie 480 Beamte lebendig begraben.

So blieb dem Monarchen Zeit für sein größtes Unternehmen. Jede Scherbe, die jetzt bei Lintong ans Licht kommt, zeugt von Hybris. Ähnlich wie im Pharao Cheops wühlte in Qin Shi der Eifer des Verzweifelten: Mit schierer Muskelkraft wollte er dem allmächtigen, alles vernichtenden Tod trotzen.

Hunderte von Töpfermeistern wurden in den Plan integriert. Flugs warfen sie im Auftrag des Imperators ihre kugeligen Drachenöfen an. Um die Grabsoldaten bei 950 bis 1050 Grad Hitze brennen zu können, mussten ganze Landstriche gerodet werden.

Untersuchungen zeigen, dass die Töpfer klug vorgingen. Erst mixten sie nassen Löss mit Quarzkies und ließen den Formling im Schatten trocknen. Die Köpfe wurde gesondert hergestellt. Dann überzogen sie die Statuen mit farbigem Dekor.

Beim Restaurieren der Grabpuppen wurden an verborgenen Stellen die Namen von Herstellern entdeckt. 87 verschiedene Graffitis konnten entziffert werden. Teils sind es höfische Werkstätten wie "Gongqiang" oder "Gongde". Aber auch private Töpfer halfen bei der Erfüllung des "gigantischen imperialen Auftrags" (Brinker).

"Am Rand der Nekropole erstreckte sich ein Werkplatz", erläutert der Archäologe Duan Qingbo. Hammer, Meißel, Eisenschaufeln, aber auch Folterinstrumente und Kanalrohre wurden dort gefunden. Nach dem Tagwerk schliefen die Zwangsarbeiter in großen Zeltstädten.

Warum das alles? Wollte Qin Shi den Kosmos in Ton nachschöpfen und eine "komplette Kopie" seines Reiches erschaffen, wie einige Forscher vermuten? Wollte er so den Tod überlisten?

Im Innenbezirk der Anlage, so die Theorie, lebten Priester, die in einer Großküche Opferspeisen für den Toten brieten. Außerhalb erstreckte sich ein Gewirr von Schächten, die alle Aspekte des Lebens in Terrakotta nachbildeten. Die Pferdeställe, Akrobatenfiguren und das neu entdeckte Kranich-Uferbiotop verstärken diesen Eindruck. Qin Shi strebte ein Disneyland der Superlative an, eine auf Totalität gerichtete Trauer-Welt aus Knete und Ton.

Unstrittig ist, dass die Nekropole im September des Jahres 210 vor Christus belegt wurde. Noch kurz zuvor hatte sich der Kaiser am Pazifik aufgehalten. Unruhig, so erzählen die Annalen, blickte er aufs tosende Meer. Qin Shi war erst 49 Jahre alt. Nachts träumte den Kaiser, er habe einen großen Fisch gefangen, so die Historie.

Es kam anders. Am nächsten Morgen fühlte sich seine Majestät malad. Jäh ergriff ihn der ewige Schlaf. Der Chef-Eunuch Zhao Gao verheimlichte den Vorfall und raste mit den Prunkgespannen heimwärts. Er wollte zu Hause die Thronfolge auskungeln. Weil der Leichnam zu stinken anfing, hängte er ein Bündel mit Fischen vor die Kutsche des Kaisers.

Zwar gelang es noch, den Sohn zu krönen (den alsbald der eigene Bruder tötete), doch dann brach der Terrorstaat erst einmal auseinander. Liu Bang, ein Dorfpolizist aus der Provinz, bündelte den Volkszorn und brachte eine Rebellenarmee hinter sich. 206 vor Christus tauchten Aufrührer vor Xian auf und setzten das Grabmal in Brand.

Die Feuerspuren sind noch heute deutlich zu sehen. Die Balken, auf denen die grasbewachsenen Erddächer der Gruben lasteten, sind verkohlt. Sie brachen ein und erdrückten die Skulpturen. Neben den Ton-Soldaten entdeckten die Ausgräber jüngst eine vierte Kaverne. Dieser "Phantomschacht" sollte wahrscheinlich die Leibgarde aufnehmen. Doch die Umstürzler vereitelten den Plan.

Unvollendet, verkokelt und in Scherben zersprungen - so endet die Geschichte vom großen Unifikator. Für alle Zeit wollte die Qin-Dynastie das Land regieren. Es reichte gerade mal für 15 Jahre.

Und doch wirkte das Erbe des Despoten auf vielerlei Weise fort. Qin Shi legte den Grundstein für ein einzigartiges Imperium. Wie ein Geist schwebt diese von Mao Tse- tung verehrte Urgestalt über den gelben Wassern. Brutalität, Härte, Zwang - das waren die Rezepte, die der feiste Barbar dem Reich in die Wiege legte.

Schon sein Nachfolger, der Dorfpolizist Liu Bang (206 bis 195 vor Christus), hielt eisern an der Reichsidee fest. Um den Widerstand des besiegten Adels in den unterworfenen Feindstaaten zu brechen, ließ er 100 000 Familien in die Gegend von Xian deportieren - eine Umsiedlungspolitik wie bei Stalin.

Wehrdörfer und Militärkolonien ("Tuntian") entstanden im Norden. Soldaten mit Lederpanzern beäugten von hölzernen Wachttürmen die jenseits der Mauer lebenden Reiternomaden, die Urahnen Dschingis Khans.

Kaiser Jingdi (157 bis 141 vor Christus) festigte das Land dann auch nach innen. Brücken und schiffbare Kanäle verbanden nun die Provinzen. Boten eilten über neu gebaute Straßen. Die Post entwickelte ein auf Brieftauben gestütztes Nachrichtensystem. An der Großen Mauer kam 166 vor Christus als Alarmmelder der erste "Rauchtelegraf" zum Einsatz.

Ob Amtsschrift oder Präfektursystem - einige von Qin Shis Dekreten sind bis heute gültig. Und selbst beim Grabkult wurde der verhasste Monarch kopiert: Kaiser Jingdi (gestorben 141 vor Christus) nahm über 10 000 Terrakotta-Krieger mit in den Tod. Seine Jenseitsarmee wirkt allerdings recht zierlich. Die Figuren sind nur 60 Zentimenter groß und orange bemalt.

Diese versunkene Welt aus Terror und Teezeremonien, süß duftenden Weihrauchbrennern und stinkenden Kloaken könnte nun zu neuem Leben erwachen. Insgesamt 29 Kaisergräber erheben sich in der Provinz Shaanxi. Jahrzehnte wird es dauern, bis die Chinesen die Särge geöffnet und alle Gänge dieses schummrigen Kosmos durchkämmt haben.

Und auch auf die Restauratoren wartet Schwerstarbeit. Mehr als 50 Seidenstoffe liegen auf dem Tisch von Susanne Greiff: mürber Brokat, rissige Kasayas. Wird es gelingen, die 1100 Jahre alten Mönchskleider zu restaurieren? "Uns erwarten schwierige Probleme", gibt die Forscherin zu.

Gleichwohl herrscht Hochstimmung in Xian. Frisch und ungestüm tastet sich das ferne Großreich zu seinen Wurzeln vor. Die Experten aus Mainz gucken ihnen dabei über die Schulter.

Fürs Abendland fällt bei dieser Nabelschau allemal etwas ab. "China gleicht einem geheimnisvollen Spiegel", erklärt der Sinologe Stumpfeldt, "wer in ihn hineinblickt, dem erscheinen die Werte des Westens in einem anderen Licht."

MATTHIAS SCHULZ

* Bei der Analyse von dreidimensionalen Aufnahmen von Pferdeskeletten aus der Gruft 0006. * Schatzfunde aus dem Kloster Famen.

DER SPIEGEL 16/2002
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